AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2010

Finanzkrise Schlimmer Verdacht

Obwohl das staatliche Rettungspaket für Griechenland steht, kauft die Europäische Zentralbank massiv Anleihen aus Athen. Das nützt vor allem den französischen Banken.

Sarkozy forderte, Trichet gab nach
Getty Images

Sarkozy forderte, Trichet gab nach

Von Wolfgang Reuter


Erwartungsvoll waren die Blicke der führenden Bundesbanker auf den Chef des Hauses gerichtet. Was würde Axel Weber zu dem Missstand sagen, der sie alle umtreibt, fragten sich die Mitglieder des Finanzkrisenstabs. Und was gedenkt der Präsident dagegen zu unternehmen?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 22/2010
Wie die Republik sich gesund sparen kann

Weber schwieg, auch aus seinen Gesichtszügen, so berichten Teilnehmer, ließ sich nichts ablesen. Mit versteinerter Mine nahm der Präsident die neuesten Zahlen zur Kenntnis: Knapp 40 Milliarden Euro hat die Europäische Zentralbank (EZB) bis Ende vergangener Woche ausgegeben, um Staatsanleihen zu kaufen: aus Spanien, Portugal, Irland - vor allem aber aus Griechenland.

Rund 25 Milliarden Euro des griechischen Schuldenbergs lagern bereits in den Bilanzen der EZB - und täglich kommen weitere zwei Milliarden Euro dazu, mal mehr, mal weniger. Auf die Bundesbank, die mit 27 Prozent an der EZB beteiligt ist, entfallen davon sieben Milliarden Euro.

Viele Bundesbanker fragen sich, warum die EZB überhaupt griechische Anleihen kauft, zumal in dieser Größenordnung. Das Rettungspaket der Euro-Länder in Höhe von 110 Milliarden Euro für Griechenland ist nämlich längst verabschiedet, die ersten Gelder sind bereits geflossen.

Einige Notenbanker wittern ein französisches Komplott

Der allgemeine, 750 Milliarden Euro schwere Rettungsfonds für die übrigen hochverschuldeten Länder ist beschlossen worden, aber immer noch nicht gegründet. Die Stabilisierung der Preise spanischer, portugiesischer oder irischer Anleihen macht deshalb durchaus Sinn. Einige der Notenbanker hegen jedoch einen schlimmen Verdacht: Sie wittern ein französisches Komplott.

Denn die EZB hält mit ihrem Ankaufprogramm die Preise für die Griechenland-Bonds künstlich hoch. Und davon profitieren vor allem französische Banken, die ihre griechischen Anleihen an die EZB verkaufen und auf diese Weise billig ihre Bilanzen säubern. Insgesamt haben die Finanzinstitute, also Banken und Versicherungen, der Grande Nation Bonds für rund 80 Milliarden Euro aus Athen in ihren Büchern.

Die deutschen Banken dagegen treten nicht als Verkäufer auf. Sie haben Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in einer freiwilligen Selbstverpflichtung zugesagt, ihre griechischen Anleihen bis Mai 2013 zu halten.

Mit ihren sieben Milliarden Euro, die bereits in den Kauf griechischer Papiere flossen, leistet die Bundesbank also einen erheblichen Beitrag zur Bankenrettung in dem westlichen Nachbarstaat.

Das Dilemna von Bundesbank-Präsident Trichet

Es war EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, ein Franzose, der in einer alarmierenden Brandrede den Anstoß zu dem umfangreichen Euro-Rettungspaket gab, das am Wochenende des 8. und 9. Mai beschlossen wurde. Und es war Trichet, der dem massiven Druck des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy nachgab und kurz darauf mit einem Tabu der Zentralbank brach: Niemals sollte die Hüterin des Euro Schuldtitel der Mitgliedstaaten kaufen. Genau das aber hatte Sarkozy gefordert - auch von Kanzlerin Merkel.

Weber stimmte im EZB-Rat gegen diese Maßnahme und kritisierte sie tags darauf auch in einem Interview mit der "Börsen-Zeitung". Für einen Notenbanker ist das ein sehr deutliches Signal der Unzufriedenheit. Doch der Bundesbank-Präsident steckt in einem Dilemma: Er möchte gern an die Spitze der EZB wechseln, wenn Trichets Amtszeit im kommenden Jahr ausläuft. Wenn er weiter gegen den Aufkauf der Bonds kämpft, dann, so die einhellige Meinung auch in der Bundesregierung, würden seine Chancen auf den Chefsessel schwinden.

Doch viele Bundesbanker erwarten von Weber, dass er in der Sache hart bleibt und nicht abtaucht. Für sie ist der Ankauf der Staatsanleihen ein Verrat an den Prinzipien der einst so stolzen Institution. Mit dem Beschluss, so die hausinterne Kritik, hat die EZB ihren Status als unabhängige Notenbank verloren. Und mit ihr die Bundesbank. Dazu kommt die Angst vor den Folgen dieses Ankaufs, der die EZB in den Augen vieler Notenbanker in ihrer Existenz gefährden kann.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ulf84 01.06.2010
1. Banken
Damit ist die Selbstverpflichtung unserer Banken doch nicht so eine Luftnummer. Wo aber bleibt die Kanzlerin? Ist es nicht ihrer Aufgaben hier jeglichen Verdacht auszuräumen oder entsprechendes handeln zu verhindern? Immerhin ist es auch Geld des deutschen Bürgers.
gsm900, 01.06.2010
2. Und wir dürfen dafür bulten
Zitat von sysopObwohl das staatliche Rettungspaket für Griechenland steht, kauft die Europäische Zentralbank massiv Anleihen aus Athen. Das nützt vor allem den französischen Banken. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,697511,00.html
Business as usual.
PeterPen 01.06.2010
3. Französische Hegemonie in Europa
Na und, was ist schon neu daran, dass Frankreich die EU und vor allem Deutschland vor seinen Karren spannt? Soll das schon mal anders gewesen sein? Der einzige Unterschied ist, dass die Franzosen nun nicht einmal mehr zu kaschieren versuchen was ihre wahren Intentionen sind. Ich kann nun jedenfalls nachvollziehen, warum unsere Vorfahren mit diesen Leuten nicht auskamen.
lupenrein 01.06.2010
4. Europa
Wenn man weiss, wie Europa konstruiert ist, überrascht dieser Vorgnang keineswegs. Es gab mal eine Sendung im Ferensehen mit 'Kuli', die hiess: EWG - Einer wird gewinnen....... aber nur, wenn ein anderer zahlt
unterländer 01.06.2010
5. Große Freude
Zitat von sysopObwohl das staatliche Rettungspaket für Griechenland steht, kauft die Europäische Zentralbank massiv Anleihen aus Athen. Das nützt vor allem den französischen Banken. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,697511,00.html
Da bleibt nur eine Möglichkeit: Herr Schäuble verzichtet auf die Selbstverpflichtung der deutschen Banken und lässt zu, dass die ihre Schuldtitel auch an die EZB verkaufen. Und zwar schnell.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 22/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.