AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2010

Global Village Winken, lächeln, schießen

Wie Miss England für den Einsatz in Afghanistan wirbt.

AP/ MoD

Von Dialika Krahe


Sie kommt durch die Glastür in die Lobby des Stadions, in einem Samtbeutel an ihrem Handgelenk baumelt die Krone. Sicherheitspersonal rauscht auf sie zu. "Kat?" Sie nickt kurz, biegt links ab in den Fahrstuhl, ihr Manager Mark dicht hinter ihr.

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Heft 23/2010
Der bessere Präsident

"Noch drei Minuten bis zur Halbzeit", sagt er, führt sie durch lange Flure, vorbei an Bildschirmen, die das Fußballspiel übertragen. Halb im Gehen noch presst sie sich in das enge Schwarze, die High Heels, schiebt die Krone in ihr Haar, und dann, endlich, geht sie auf das Spielfeld, verwandelt sich in jene Königin, die die Zuschauer erwarten.

Die junge Frau auf dem Fußballrasen ist Katrina Hodge, 23, Lance Corporal des AGC, des Adjutant General's Corps, Irak-Kriegsveteranin, seit sechs Jahren Soldatin der Armee des Vereinigten Königreichs, eine Frau, die im Alltag nicht die Krone trägt, sondern das Sturmgewehr des britischen Heeres.

In Wigan, einer kleinen Stadt in der nordwestenglischen Grafschaft Greater Manchester, 5800 Kilometer von Afghanistan entfernt, befindet sich die Obergefreite Hodge inmitten einer strategischen Operation, die nicht mit Panzern oder Gewehren geführt wird, sondern mit Lipgloss und falschen Wimpern. Es geht um Schönheit und Patriotismus, vor allem aber gehe es, sagt sie, um das Ansehen der britischen Armee. Gut achteinhalb Jahre nach Beginn des Krieges am Hindukusch sind mehr als die Hälfte der Briten gegen den Einsatz ihrer Streitkräfte dort. Fast jede Woche werden Gefallene heimgeflogen, wird der Union Jack über Särgen ausgerollt, bis jetzt 290- mal. In den Zeitungen stehen ständig neue Heldengeschichten, über tapfere Söhne, Ehemänner. Doch der Rückhalt des Volkes bröckelt.

"Die Nation steht nicht genug hinter uns", sagt Katrina Hodge, "dabei machen wir so einen großartigen Job." Außerdem ist die britische Armee auf Nachwuchs angewiesen, aber um Nachwuchs zu gewinnen, braucht man ein Image, das mehr verspricht als Krieg und Heldentod. Etwas Glamour wäre gut, jemand wie Katrina Hodge wäre gut.

Eine gute Miss wird bis zu sechsmal täglich interviewt

Soldatin Hodge hatte im Juli vorigen Jahres an der Wahl zur Miss England teilgenommen. Sie hatte sich in Bikinis gezeigt, gesungen und gewinkt. Sie wurde Zweite, und sie blieb es, bis sich die amtierende Miss England eine Schlägerei mit Miss Manchester lieferte und zurücktreten musste. Als der Anruf kam, ob Hodge an ihre Stelle rücken könne, war sie beim Training in der Kaserne.

Seither sind die Soldatin Hodge und die "Miss England Ltd." eine Symbiose eingegangen, wie es sie so in der Geschichte der Misswahlen und der Army noch nicht gegeben hat. Hodge begriff sofort: Solange sie den Titel der Miss England trägt, kann sie das britische Volk erreichen. Eine gute Miss wird bis zu sechsmal täglich interviewt, ein Jahr lang, Zeitungen, Fernsehen, Radio. Hodge war gut.

Sie hat sich zu einem PR-Wunder hochgewinkt, zur wohl besten Rekrutierungs-maschine der Army. Seit kurzem wirbt sie - mit dem Einverständnis ihrer Vorgesetzten - für die Website "Uniform Dating", eine Partnerschaftsseite für Soldaten. Sie posierte auch in tarnfarbener Unterwäsche von La Senza. Ihre Bedingung an das Label: Soldaten kriegen 15 Prozent Rabatt, gegen Vorlage des Truppenausweises.

Die Halbzeit ist vorbei, es ist kurz vor neun Uhr, als Miss England in die VIP-Lounge des Fußballstadions geführt wird. Ein Moderator kündigt sie als "Lance Corporal Katrina Hodge" an, später nennt er sie "Combat Barbie".

"Es geht doch um Peacekeeping"

"Peacekeeping", sagt sie, "es geht doch um Peacekeeping, das müssen die Leute mal verstehen." Hodge lächelt viel. Am nächsten Tag erscheint ihr Bild in der Zeitung, so wie es schon in Dutzenden Blättern im ganzen Land erschienen ist. Eine schöne Heldin, ein Vorbild, so sollen sie die Leute sehen.

Es war an einem Sommertag vor sechs Jahren, als Katrina Hodge, damals 17 Jahre alt, zum ersten Mal Armeegelände betrat. Ihr Bruder hatte ihr von den harten Aufnahmetests erzählt, hatte behauptet, das würde sie niemals schaffen. "Ich wollte es ihm beweisen", sagt sie. Deshalb schrieb sie sich ein, deshalb machte sie Sit-ups, lernte schießen, die Fähigkeit, vielleicht zu töten.

An einem Tag im April, kurz nach ihrem 18. Geburtstag, zog Hodge in den Krieg, in den Irak. Es dauerte nicht lange, da hatte sie ihren ersten Feindkontakt. Ihre Patrouille nahm einen Verdächtigen fest. Sie wollten ihn ins Militärcamp bringen, so erzählt Hodge, auf dem Weg dorthin geriet der Wagen außer Kontrolle und überschlug sich. Als Hodge zu sich kam, sah sie den Gefangenen, der sich zwei Waffen gegriffen hatte. "Ich wusste, ich hatte nicht viel Zeit", sagt sie. Hodge schaffte es, ihm die Waffen zu entreißen, sie habe nicht viel gedacht in diesem Moment.

"Es war eine tolle Zeit im Irak", sagt Hodge jetzt, die Army ermögliche ihr, andere Länder kennenzulernen. Angeblich ist die Zahl der Mädchen in der Army gestiegen, seit sie die neue Miss England ist. Im Rekrutierungsbüro im nordwestenglischen Bury wird schnell klar, warum. Vier junge Mädchen sitzen dort auf Stühlen, 16- und 17-Jährige in Leggings und Kleidern. Hodge kommt in den Raum, rotes Kleid, roter Lippenstift, rote Handschuhe. "Unterschreibt", sagt sie zu den Mädchen, "es ist toll in der Army, der Lifestyle, das Abhängen mit den Jungs, großartige Partys."

Die Mädchen schauen sie mit großen Augen an. Dann sagen sie, man höre so viel Schlimmes über Afghanistan, über Krieg und Tod, sie fragen, ob es nicht zu hart für Frauen sei? "Quatsch", sagt Hodge, "wir Mädchen können das genauso wie die Jungs."



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garfield, 11.06.2010
1.
Zitat von sysopWie Miss England für den Einsatz in Afghanistan wirbt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,699084,00.html
"Hodge kommt in den Raum, rotes Kleid, roter Lippenstift, rote Handschuhe. "Unterschreibt", sagt sie zu den Mädchen, "es ist toll in der Army, der Lifestyle, das Abhängen mit den Jungs, großartige Partys." Ein Staat, der auf diese Art motivierte Soldat(inn)en hat, braucht keine Feindarmee mehr - oder besser, er betet, dass er nie angegriffen wird. Allerdings ist diese Art der Werbung auch nicht mehr daneben, als verspielte Jungs mit der "tollen Technik" zu locken.
kuntakinte 12.06.2010
2. God save the queen
Das der Krieg illegal, menschenverachtend und zudem gefährlich ist, erwähnt die K(r)ampftussi nicht. Spätestens wenn das schöne Gesicht und der Körper durch ne IED verstümmelt wird, sollten die Püppchen wissen das dies kein Spaß ist. Nur dumm wer darauf reinfällt und sich wirklich rekrutieren läßt. Achja noch was in Sachen Patriotismus, wenn das Land doch so stolz auf seine kämpfenden Kinderlein ist, wieso werden dann ungern Bilder von toten Soldaten gezeigt? Also ist der Rückhalt der Politiker doch nicht so groß. Deshalb in diesem Sinne, auf zu den Waffen und weg vom heimischen Herd.
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