AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2010

Deutsches Team Neue Mitte

Bastian Schweinsteiger galt lange als Hallodri. Nach der Verletzung von Michael Ballack ist er der Chef der Nationalelf. Er trägt die Verantwortung gern, aber ist er bereits ein Stratege?

Von Jörg Kramer

DPA

Schon wenn die Hymne gespielt wird, strahlt er jetzt eine Selbstsicherheit aus wie früher Michael Ballack. Mesut Özil links und sogar Lukas Podolski rechts von ihm sahen wie Hänflinge aus beim Deutschlandlied vor dem letzten WM-Test gegen Bosnien-Herzegowina am vergangenen Donnerstag in Frankfurt am Main. Mit breiter Brust stand Bastian Schweinsteiger da, Entschlossenheit im Blick.

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Täuscht der Eindruck, oder schauen die Leute heute zu ihm auf? "Staatsmännisch" nannten Kommentatoren im Fernsehen neulich sein Spiel. Menschen, die ihm das erste Mal begegnet sind, fanden ihn "gentlemanlike". Zumindest halten ihn alle für gereift, sie loben seine Gelassenheit und Präsenz, sein Verantwortungsgefühl, plötzlich ist das so.

Sie reden über denselben Bastian Schweinsteiger, der neulich noch für alle der "Schweini" war, das putzige Mas-kottchen des Sommermärchens, eine Art ewiger Kinderstar des deutschen Fußballs. Ein Metzger benannte eine Wurst nach ihm; für seinen Werbepartner, eine Minisalami, tanzte er den "ChickenTanz".

Schweinsteiger, das ewige Mittelfeldtalent des FC Bayern, wurde scheinbar nie erwachsen. Er kam mit silbernen Haaren zur Arbeit, einmal mit schwarzlackierten Fingernägeln, er entstieg allzu üppigen Sportwagen mit Leuchtdioden, wechselte im Schnitt einmal pro Jahr den Agenten und ließ Bayern-Manager Uli Hoeneß mit den jeweils geschassten Beratern um die Abfindung streiten.

"Ein richtiger Mann" geworden

Ein Klassiker ist die Geschichte jener Nacht, in der er auf dem Clubgelände mit einer jungen Dame im Whirlpool erwischt wurde, seiner Cousine, wie er erklärte. Die Sache hing ihm lange nach. Typisch Schweini, sagte man.

Ein Positionswechsel auf dem Spielfeld, vom Flügel ins Zentrum des defensiven Mittelfelds, hat sein Bild schlagartig verändert. Bayern-Präsident Uli Hoeneß findet, er sei "ein richtiger Mann" geworden. Für Bundestrainer Joachim Löw ist er nach Michael Ballacks Verletzung der Schlüsselspieler für die Weltmeisterschaft. Schweinsteiger stehe "jetzt noch mehr in der Verantwortung".

Für Bifi tanzt er nicht mehr, im neuesten Spot tritt er als eine Art Gladiator auf. Bei N-tv und N24 wirbt er für die Börse Stuttgart. Manchmal redet Bastian Schweinsteiger, 25, der nicht mehr der Schweini sein will, jetzt wie ein Pfarrer.

Am Konferenztisch der Münchner Agentur, die ihn berät - sie heißt Avantgarde, und ihr Sitz ist dazu passend ein Loft -, spielte er kurz vor dem Ende der Bundesligasaison mit seinem Ring und philosophierte über das Glück. Es ging um die Frage, ob man sich Glück durch Fleiß, Disziplin, Redlichkeit erarbeiten könne, Glück im Fußball und im Leben - dem "Leben neben dem Leben", wie er manchmal sagt, denn sein Leben ist ja eigentlich der Fußball.

Schweinsteiger, der von seinen Freunden "Basti" genannt wird, trug ein schlich-tes graues T-Shirt, ein ledernes Armband war noch die einzige Spur von Extravaganz. Er sagte, man solle Gutes nicht tun, um belohnt zu werden. Disziplin, Tugendhaftigkeit, all das müsse "von einem selbst kommen, aus dem Herzen".

Auf dem Schachbrett wäre er die Dame

Das Leben, auch das Leben neben dem Leben, ist demnach kein Handel auf Geben und Nehmen, man kann keinen Deal machen mit einem da oben, und als Rendite käme das Glück. So predigt es Bastian Schweinsteiger, der junge Mann aus Oberaudorf, das liegt kurz vor Österreich. Dort haben sie nach der WM 2006 Schweinsteigers Fußabdruck in Bronze gegossen und vor dem Rathaus in den Boden getrieben. Dort ging er früher sonntags zur Kirche, die Mama geht immer noch, die Oma auch.

Von der Mama, sagt Schweinsteiger, habe er neben der Bodenständigkeit die Eigenschaft geerbt, "ruhig zu bleiben und erst mal nachzudenken".

Schweinsteiger, ruhig, denkt nach, auch diese Verknüpfung hätte man noch vor zwei Jahren für unpassend gehalten. Vor zwei Jahren, im zweiten Spiel der Europameisterschaft, warf er in einem Moment der Unbeherrschtheit einen kroatischen Gegenspieler zu Boden, flog vom Platz und zeigte der kroatischen Trainerbank noch den Vogel.

Nun spielt er den Sheriff. Man erkennt ihn an den weißen Schweißbändern am Handgelenk und dem tänzelnden Schritt, der Wachsamkeit signalisiert wie bei einem Boxer.

Seit November sorgt der dienstälteste Spieler beim FC Bayern vor der Abwehr für Ordnung und Sicherheit, und er gibt die Kommandos für das Aufbau- und Angriffsspiel, mit Worten und besonders mit Pässen. Die haben eine solche Schärfe und Genauigkeit, dass sie ihm eine ungeahnte Autorität verleihen. Bei der Balleroberung zeigt er eine erstaunliche Raffinesse, mit über hundert Ballkontakten im Spiel ist Schweinsteiger die zentrale Figur. Auf dem Schachbrett wäre er die Dame.



Forum - Nationalelf - wie weit kommen Jogis Jungs?
insgesamt 10874 Beiträge
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Seite 1
JustinSullivan 02.06.2010
1. ich tippe auf...
Gruppensieg in der Vorrunde, Sieg gegen die USA im Achtelfinale, dann im Viertelfinale raus gegen Argentinien. Ich schätze Deutschland stärker als England ein, aber schwächer als Argentinien. Witzig wäre also, wenn Deutschland den Argentiniern ausweichen würde, indem sie Gruppenzweiter würden, dann im Achtelfinale die Engländer raushauen und im Viertelfinale auf nen schwaches Frankreich treffen würden. Hätte, wenn und aber... Hauptsache, es wird ein tolles Turnier.
Kourosh 02.06.2010
2.
Ich halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
deepocean 02.06.2010
3.
Zitat von sysopDer WM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw ist komplett. Welche Chancen hat die Mannschaft bei der WM?
einfache frage einfache antwort: Gruppensieg AF: USA VF: Argentinien (und dann wird es wirklich ernst) HF: Spanien (jetzt wird es noch ernster) und es darf gehofft werden;-) etwas weniger einfache antwort, solche fragen machen aus meiner sicht erst sinn nach dem ersten oder zweiten spieltag in der gruppe... jetzt ist es wirklich nur kaffeesatzleserei.... egal was geschieht... DAUMEN DRÜCKEN ist angesagt :-)
pablo morales 02.06.2010
4. Wm
Zitat von KouroshIch halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
^ Das hat man vor vier Jahren nach der WM 2006 auch schon gesagt, und heute sind sie um einiges schlechter als 2006.
JustinSullivan 02.06.2010
5.
" 'Uns ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Andreas hat in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. Er hat aber eine durchwachsene Saison gespielt und war einige Male verletzt.' Dann frag ich mich jetzt aufrichtig, aus welchem Grund Klose, Podolski und Gomez mit dabei sind..." Ganz klar deswegen: Klose, Podolski und Gomez haben eine durchwachsene Saison gespielt und waren einige Male verletzt. Aber sie haben in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. ;)
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