AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2010

Schule "Schlichte Utopie"

Der Bildungsforscher Jürgen Baumert über fehlende Förderung für Schüler, unnütze Forderungen von Eltern und die Zwei-Klassen-Gesellschaft der Lehrer.

DPA

SPIEGEL: Professor Baumert, unsere Gesellschaft gründet auf einem großen Versprechen: Jeder kann alles erreichen. Stimmt das eigentlich?

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Baumert: Nein. Dies ist eine jener Überzeugungen, die uns das Leben schwer machen. Diesem Ziel läuft man immer hinterher, ohne es erreichen zu können. Die Schule begrenzt Ungleichheit, indem sie Kinder aus unterschiedlichen Familien und Nachbarschaften in einer Institution zusammenführt. Gleichzeitig erzeugt sie aber neue Ungleichheit, weil sie den Auftrag hat, jedes Kind optimal zu fördern.

SPIEGEL: Wie bitte - die Schule fördert die Ungleichheit?

Baumert: Kinder beginnen die Schule mit sehr, sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Von der Schule zu erwarten, diese Differenzen ab dem Alter von sechs Jahren auf null zu führen, ist eine schlichte Utopie, die nur dann Wirklichkeit werden könnte, wenn man schnellere Lerner am Lernen hinderte.

SPIEGEL: Was soll Schule dann leisten?

Baumert: Gerade wenn man neue Dinge zu lernen beginnt, scheint es einen Matthäus-Effekt zu geben: "Wer hat, dem soll gegeben werden." Also: Wer mit einem Startvorteil beginnt, kann leichter mehr dazulernen, so dass aus kleinen Unterschieden große Disparitäten werden können. Wenn die Schule diesen Spreizungseffekt durch Förderung dämpft, hat sie Erfolg. Und dies scheint zumindest der Grundschule zu gelingen.

SPIEGEL: Aber gelingt es in ausreichendem Maß? Ihre Forschungen zeigen doch: Ein Arbeiterkind hat bei gleichen Leistungen eine deutlich geringere Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als ein Kind aus dem Bildungsbürgertum.

Baumert: Die zentrale Herausforderung im Schulsystem ist heute nicht mehr der immer noch kontinuierlich ansteigende Übergang zum Gymnasium. 1950 gingen 11 Prozent einer Alterskohorte zum Gymnasium, und nur 50 Prozent von ihnen haben das Abitur geschafft. Jetzt sind wir bei 45 Prozent, und 80 Prozent erreichen das Abitur. Das Gymnasium ist immer noch eine anspruchsvolle Schule, aber nicht mehr die Selektionsanstalt, die sie in den fünfziger Jahren war.

SPIEGEL: Das ändert aber doch nichts an der Tatsache, dass nicht jedes Kind die gleichen Chancen hat, dorthin zu kommen.

Baumert: Das Gymnasium ist eine prestigeträchtige Einrichtung. Deshalb wird soziale Ungleichheit im Zugang besonders kritisch beobachtet. Aber: Die soziale Auslese ist in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen, und zusätzlich hat sich die Chance, mit einem mittleren Abschluss ohne großen Zeitverlust eine Hochschulreife zu erreichen, verbessert. Der Übergang zum Gymnasium ist noch eine kritische Stelle in einer Bildungskarriere, aber die Dramatik der sozialen Selektivität hat sich verringert.

SPIEGEL: Dann ist ja alles gut.

Baumert: Nein, natürlich nicht. Unser großes Problem besteht darin, dass etwa 20 Prozent eines Jahrgangs das Mindestziel verfehlen: Sie verlassen die Schule ohne eine Basisausstattung für einen zukunftsfähigen Beruf. Dies war die wirklich aufregende Botschaft von Pisa-2000. Die Folgeprobleme sind prognostizierbar: fehlende oder abgebrochene Berufsausbildung, instabile Beschäftigungsverhältnisse, instabile soziale Beziehungen, mangelnde Fürsorge auch für sich selbst, das heißt - höheres Krankheitsrisiko.

SPIEGEL: Wie können Sie da so sicher sein?

Baumert: In der Wissensgesellschaft bestimmt Bildung den Lebenslauf stärker, als dies je zuvor der Fall war. Allein aufgrund des Bildungsabschlusses lassen sich Einkommenserwartungen, Scheidungsrisiken oder das Risiko, krank zu werden und früher zu sterben oder nach der Rente unzufrieden zu sein, substantiell vorhersagen. Das war in der Generation, die um 1900 geboren wurde, noch viel schwieriger. Aber wir glauben dennoch gern an die soziologische Erfindung der Patchwork-Biografie und das Versprechen, eine unendliche Vielzahl von Chancen zu haben, die sich über das gesamte Leben erstrecken.

SPIEGEL: Unser Bildungssystem führt also dazu, dass jeder fünfte Schüler fast chancenlos bleibt?

Baumert: Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass die Schule eine große Risikogruppe entlässt, die dann später dem Sozialsystem zur Last fällt. Meiner Meinung nach darf man unsere Bildungsinstitutionen nicht aus der Verpflichtung entlassen, jedem jungen Menschen die Grundausrüstung mitzugeben, die überhaupt erst die Chance gesellschaftlicher Teilhabe eröffnet. Dies ist die Bringschuld der Schule.

SPIEGEL: In der Öffentlichkeit wird vergleichsweise selten über die Risikoschüler debattiert, aber sehr häufig über Gymnasien oder Universitäten. Sorgen wir uns um die Falschen?

Baumert: Im internationalen Vergleich ist unser Bildungssystem insgesamt unterfinanziert. Aber auch im verfügbaren Rahmen muss man sich fragen, ob die Kosten und Lasten angemessen verteilt sind. Hier haben wir sicherlich eine Schieflage: Selbst das Studium in einem teuren Fach ist bei den niedrigen Studiengebühren fast kostenlos. Prestigereichere und sozial selektive Einrichtungen werden tendenziell besser bedient als die Institutionen, in denen die Entstehung von Risikogruppen verhindert werden könnte. Das ist eine Umverteilung von richtig viel Geld.

SPIEGEL: Eine Umverteilung von unten nach oben - die Arbeiter zahlen den Bildungsbürgern die Studienplätze?

Baumert: Da die Universitäten aus Steuergeldern finanziert werden, ist das so. Bei der Frühförderung und an der rechtzeitigen Hilfe - nämlich dann, wenn sich Problemlagen erstmals abzeichnen - wird gespart, und die Folgekosten werden sozialisiert. Die nachträglichen Fördermaßnahmen im Übergangssystem - etwa Berufsvorbereitungsjahr, einjährige Berufsfachschulen und Maßnahmen der Arbeitsagenturen - werden aus Steuergeldern bezahlt, die Krankenkassen werden zusätzlich aus Steuergeldern finanziert, und unsere Gefängnisse bezahlen wir ohnehin aus Steuergeldern.

SPIEGEL: Was wir da sparen, zahlen wir später doppelt und dreifach?

Baumert: So ist es.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
Holgilein, 18.06.2010
1. Gute Nacht
Wenn dieser Mann "der einflussreichste Bildungsforscher Deutschlands" ist, dann mache ich jetzt das Licht aus, und traeume von besseren Zeiten fuer das deutsche Schulsystem.
marit, 18.06.2010
2. blindheit
---Zitat--- Baumert: Statt einfach Klassen zu teilen oder die Durchschnittsgröße aller Klassen um einen oder zwei Schüler zu reduzieren, bietet sich die Nutzung von Unterrichtsstunden für gezielte Förderung an, etwa zusätzliche Unterrichtsstunden am Nachmittag für ausgewählte Schüler an Schulen mit schwierigem Einzugsbereich. Es macht auch Sinn, über zusätzliches Personal in Schulen mit erhöhtem Förderbedarf, zum Beispiel Sonder- und Sozialpädagogen oder Psychologen nachzudenken. Das ist eines der Rezepte der Finnen: am Standort sonderpädagogische und psychologische Beratung verfügbar zu haben. ---Zitatende--- Das in Finnland gerade mal 16 Schüler in der Klasse sitzen hat natürlich nichts mit dem Erfolg zu tun. Auch nicht die unwichtige Tatsache das in einer Klasse zwei Personen (Lehrer + Hilfe) unterrichten sobald eine Klasse mehr als 16 Schüler hat.
onzapintada 18.06.2010
3. Keine kleineren Klassen, dafür spaeter kleinere Brötchen
Zitat von HolgileinWenn dieser Mann "der einflussreichste Bildungsforscher Deutschlands" ist, dann mache ich jetzt das Licht aus, und traeume von besseren Zeiten fuer das deutsche Schulsystem.
Korrspondiert doch hervorragend mit Merkels Ancien Régime, dem Hartz-4-Land. Au weia.
Allegorius 18.06.2010
4. Er hat Recht...
Herr Baumert spricht sehr genau einen Großteil des Problems an: didaktisch nicht ausreichend geschulte Lehrer. Mein liebstes Beispiel stammt aus meiner Oberstufenzeit: im ersten Jahr des Leistungskurses Biologie Abschluss mit 2 Punkten, im Wiederholungsjahr 15 Punkte. An meinem Lernverhalten habe ich nichts verändert, wohl aber hat der nächste Lehrer es verstanden den Inhalt verständlich zu vermitteln und uns für dafür auch zu begeistern. Und dies bei einer wesentlich größeren Zahl an Schülern im Kurs. Meines Erachtens hat der Lehrer von heute einen denkbar schlechten Stand: er konkurriert mit multimedialen Inhalten, kann keine hektischen, schnellen Schnitte bieten und unterrichtet Kinder, die im Durchschnitt drei bis vier Stunden pro Tag fernsehen.
usti 18.06.2010
5. Utopie Schule
Könnte vielleicht mal jemand damit aufhören Kinder und Bildung unter reinen Input/Output und Effizienzvorstellungen zu betrachten? Schule ist schließlich auch ein Lebensraum in dem Lebenszeit verbracht wird. Und da ist es nicht egal, wie viele Personen miteinander kommunizieren (müssen)!
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