AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2010

Archäologie Wiedergänger aus der Gruft

Ausgräber sind dem Rätsel der deutschen Adelsmumien auf der Spur. Seit der frühen Neuzeit wurden Leichname in Gewölben unter Schlössern und Kirchen konserviert. Was trieb die Reichen und Mächtigen zu dem bizarren Bestattungsritus? Löste Reformator Luther den Mumienkult aus?

Wilfried Rosendahl / Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Zu Lebzeiten war dem Freiherrn von Holz ein hartes Los beschieden. Im Dreißigjährigen Krieg kämpfte er als Söldner für das schwedische Heer. Der Heldentod auf dem Schlachtfeld war ihm allerdings nicht vergönnt. Bereits mit 35 Jahren starb der Kämpfer - wenig heroisch - an der Grippe oder einer Blutvergiftung.

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Heft 24/2010

Erst mit dem Tod besserte sich seine entbehrungsvolle Lage.

Die Angehörigen streiften dem Verblichenen kostbarste Stiefel aus Kalbsleder mit genagelten Sohlen über. Aufgebahrt wurde der Recke in einer Art Luxusgruft des fränkischen Schlosses Sommersdorf nahe Ansbach. In dem Gewölbe teilte Holz' Leichnam das Privileg ägyptischer Pharaonen: Sein Körper verweste nicht.

Gut 370 Jahre nach seinem Tod liegt der Edelmann noch immer gut erhalten in seinem Sarg. Holz war ein Hüne von 1,80 Meter Körpergröße; und das zu einer Zeit, als die Menschen von eher kleinem Wuchs waren. Seine Beine stecken auch heute noch in jenen edlen Lederstiefeln, die sein Clan ihm vor fast vier Jahrhunderten schustern ließ.

Unlängst verließ der Corpus erstmals seit seiner Bestattung den Schlosskeller. Archäologen der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim haben die Mumie gründlich untersucht. Seitdem steht fest, dass der gestiefelte Freiherr keinerlei äußere Verletzungen erlitten hat.

Als er an einer akuten Infektion verschied, war er grundsätzlich bei bester Gesundheit. Ungeklärt bleibt jedoch, warum der adelige Soldat überhaupt mumifizierte.

Nur wenige Wissenschaftler beschäftigen sich mit den ledrigen Toten, die hierzulande aus Hochmooren oder Kellergrüften geborgen werden. Alle paar Monate meldet sich etwa ein Baron oder Pfarrer bei dem Archäologen Wilfried Rosendahl, um einen Leichenfund unter seiner Burg oder Ortskirche zu melden.

Angesichts immer neuer Entdeckungen räumt Rosendahl ein: "Wir kennen die Geschichte der ägyptischen Mumien besser als das, was in unseren Grüften schlummert." Gerade erst vor wenigen Wochen hat der Forscher im schwäbischen Illereichen ein Gewölbe mit zwölf ausgezeichnet erhaltenen Körpern einer Adelsfamilie aufgespürt.

"Wir hatten lange keine Ahnung, warum diese Adelsgrüfte existieren"

Rosendahls Kollege Andreas Ströbl untersucht derzeit die Überreste jener hochwohlgeborenen Herrschaften, die im 18. Jahrhundert in einem Kellergrab unter der Johannes-der-Täufer-Kirche in Hannover-Wettbergen bestattet wurden. "Wir wissen, dass es diese Adelsgrüfte gibt, aber wir hatten lange überhaupt keine Ahnung, warum", bekennt Ströbl.

Verbrieft sind bislang etwa tausend Funde mumifizierter Leichen, die in deutschen Edelgräbern aufgebahrt sind. In den Kammern liegen Erwachsene und Kinder, deren Kleidung teils noch gut erhalten ist. Häufig enthalten die Särge sogar Grabbeigaben: Kämme, Gewürze, Münzen - und in einem Fall einen Rasierpinsel.

Die erstaunliche Fülle an Mumiengräbern bringt die Forscher zu dem Schluss, dass es sich um einen Ritus mit System handelt. "Lange habe ich die Meinung vertreten, dass die Mumifizierung eher eine zufällige Begleiterscheinung der damaligen Bestattungsform war", sagt Ströbl. Neuere Indizien legen einen anderen Schluss nahe: Ließen sich in der frühen Neuzeit viele Reiche und Mächtige ganz bewusst so bestatten, dass ihr Körper konserviert wurde?

Die Quellenlage ist dünn. Eine "heiße Spur" hat Ströbl immerhin ausgemacht. In einem Brief an den Vorstand der Berliner Parochialkirche aus dem Jahr 1710 erbittet eine Großmutter namens Catharina Steinkoppen für ihre verstorbene Enkelin, "erwehnte Leiche daselbst in dem Gewölbe unter der Kirche die Verwesung überstehen zu lassen". Der Vater des Kindes, "Hofrath von Schütz", stellt dafür die Zahlung der stattlichen Summe von zehn Reichstalern in Aussicht - zur damaligen Zeit immerhin das Jahresgehalt eines Kutschers.

Grabanlage mit hocheffektivem Belüftungssystem

Insgesamt 140 mumifizierte Körper liegen in der Gruft unter dem Gotteshaus nahe dem Berliner Alexanderplatz. Dass hier nur die Toten betuchter und hochangesehener Familien Einlass fanden, war schon länger bekannt. Dass die Kirchenoberen in Berlin mit Vorsatz das größte Mausoleum in Deutschland aufbauten, ist eine neuere Erkenntnis.

Nach Auftauchen des Bittbriefs haben die Forscher die Reichengruft in der historischen Mitte Berlins genauer untersucht. Sie entdeckten in der Grabanlage ein hocheffektives Belüftungssystem. Sämtliche Kammern sind durch kleine Schächte miteinander verbunden. Der unterirdische Friedhof war keine Modergruft, sondern stets gut durchlüftet.

Selbst in den kleinsten Kellergräbern fanden Rosendahl und Ströbl wohldurchdachte Lüftungsanlagen. Doch das war nicht der einzige Trick, um die Mumifizierung herbeizuführen. Die Bestatter polsterten die Särge mit Sägespänen aus, wodurch die aus dem Leichnam entweichende Körperflüssigkeit aufgesaugt wurde wie von einem Wattebausch.

Allerdings sind im Laufe der Zeit etliche der aufwendig gestalteten Grabstätten durch leichtfertige Baumaßnahmen zerstört worden. Nicht selten mauerten Handwerkstrupps aus Unkenntnis wichtige Luken zu.

Viele Kirchen verriegelten die Fenster zu ihren Grüften zudem, um Plünderer und Grabschänder abzuwehren. Damit war das Schicksal der historischen Grabstätten häufig besiegelt. Bricht die erforderliche Querlüftung ab, fangen die Mumien binnen Wochen an zu vermodern.



insgesamt 2 Beiträge
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senf-mit-sauce 18.06.2010
1. Ja!
"Löste Reformator Luther den Mumienkult aus?" Habe ihn vorhin angerufen und es ihm auf den Kopf zugesagt. Er hat's zugegeben.
Born to Boogie, 20.06.2010
2. Im Namen des Volkes
Ich will auch mal in so eine schöne Gruft - stattdessen - Asche zu Asche. Eigtl. schade um Mich. P.S: oder hat jemand ein Plätzchen frei ?
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