AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2010

Religion Geheime Parallelwelt

DPA

Von Anna Catherin Loll und

3. Teil: Wie Bistümer Millionen an der Börse verzocken


Die Bischöfliche Finanzkammer Regensburg, die das Vermögen des Bischöflichen Stuhls verwaltet, hält in einer Richtlinie vom 15. März sogar ausdrücklich fest, unter welchen Bedingungen sie sich am Bau oder der Sanierung von kirchlichen Kindergärten und Horten beteiligt. Nämlich nur, wenn die jeweilige Kommune zwei Drittel der Gesamtherstellungskosten "vertraglich zugesichert hat" und außerdem für "wenigstens 25 Jahre" mindestens 80 Prozent eines eventuellen Betriebskostendefizits garantiert.

Im Bistum will man kirchliche Kindergärten offenbar nur, wenn der Staat größtenteils die Kosten übernimmt. Ist es mit der barmherzigen Fürsorge für die Kinder Gottes schnell vorbei, falls die öffentlichen Gelder versiegen? Anderswo werden katholische Krankenhäuser, Schulen und Altersheime häufig sogar bis zu 100 Prozent staatlich finanziert.

Im Gegenzug muss die Kirche nicht einmal Steuern zahlen: keine Grundsteuer, keine Körperschaftsteuer, keine Kapitalertragsteuer. Alles, was sie als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland macht, gilt als gemeinnützig, mildtätig und steuerfrei. Anders als andere Körperschaften öffentlichen Rechts wie Universitäten unterliegen sie zudem keinerlei staatlicher Kontrolle.

"Die katholische Kirche hat das angeborene Recht, unabhängig von der weltlichen Gewalt, Vermögen zur Verwirklichung der ihr eigenen Zwecke zu erwerben, zu besitzen, zu verwalten und zu veräußern", so steht es im Kirchenrecht. Dieses "angeborene Recht" und die dahinterliegenden Milliarden zu verteidigen ist eine der zentralen Aufgaben der Bischöfe.

Komplizierte Finanzstrukturen und Geheimschatullen werden normalerweise nur öffentlich etwas sichtbarer, wenn treulose Verwalter sie missbrauchen.

Besonders groß ist der Ärger zurzeit im Bistum Limburg. Dort wurde der Leiter einer kirchlichen Finanzverwaltung, der knapp fünf Millionen Euro veruntreute, vor wenigen Wochen zu über sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Der Mann, der auch Geschäftsführer der katholischen Gemeinde in Limburg war, hatte ungehinderten Zugriff auf Kirchengelder.

"Die Veruntreuung war frappierend einfach", meinte der Richter. Die Sache kam erst heraus, als das Bistum vor kurzem begann, ein neues kaufmännisches Rechnungswesen einzuführen. Bis dahin verfügten die Limburger Bischöfe und ihre Vertrauten offenkundig nach Gutdünken über ihre Kassen. Der heutige Ortsbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst musste Fehler bei der Finanzkontrolle eingestehen.

Solch sorglosen Umgang konnte man sich problemlos leisten, Geld scheint im Bischöflichen Stuhl reichlich vorhanden. Zum Beispiel für eine neue Bischofsresidenz, die gerade für viele Millionen Euro auch aus Geldern des Bischöflichen Stuhls geplant wird. Der Hügel über Limburg, auf dem er hinter den hohen Bruchsteinmauern eines ehemaligen Adelshofs wohnen will, wird im Städtchen "Akropolis" genannt. "Unser Bischof will wohl wieder ein Fürst sein", spotten Einheimische. Der Vorgänger, Bischof Franz Kamphaus, lebte dagegen bescheiden in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Priesterseminar statt im alten Bischofshaus. Dort ließ er lieber für mehrere Jahre eine äthiopische Flüchtlingsfamilie einziehen.

Für Tebartz-van Elst haben Architekten auf der Akropolis nicht nur eine großzügige Wohnung mit Hauskapelle entworfen. Auch anliegende Gebäude müssen umfassend renoviert und umgebaut werden. Ein Schwesternorden zieht ein, um die Versorgung seiner Exzellenz zu sichern, das Dommuseum braucht ein neues Sicherheitssystem, für angeblich allein 1,5 Millionen soll deshalb ein Notausgang des Museums verlegt werden. Nebeneffekt: Der Bischof wird in seinem zukünftigen Refugium nicht mehr so leicht belästigt werden.

Seinen Schäflein hat er derweil das Motto "Sparen und Erneuern" verordnet. Auch in Limburg wird nun die Zahl von Gemeinden, Messen und Seelsorgern zusammengestrichen. In den Dörfern sammeln die Gläubigen mühsam Spenden für die nötigsten Instandhaltungsarbeiten ihrer Kirchen. "Gespart wird an der Basis, erneuert wird woanders", sagt Henny Toepfer von der Reformbewegung "Wir sind Kirche" im Bistum. Warum Millionen Euro für eine neue Residenz da sind, aber nicht für Busse, um alte Katholiken aus den Dörfern zum Gottesdienst zu bringen, versteht sie nicht.

Zu den altmodischen Lastern der Prunksucht und Verschwendung gesellt sich seit einiger Zeit auch eine sehr moderne Versuchung für die Geldverwalter der Bischöflichen Stühle: die Renditeversprechen der globalen Kapitalmärkte.

Beispiel Magdeburg: In seiner Not hatte das verarmte, mitgliederschwache Bistum eigens eine Aktiengesellschaft namens Gero AG gegründet. Um Zins und Zinseszins zu mehren, setzten die Vertrauensleute von Bischof Leo Nowak unter anderem auf Immobiliengeschäfte, Schiffsbeteiligungen, Biogasanlagen und selbst auf die fragwürdige Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Ein Priester der Bistumsleitung segnete gar ein für Gentechnik gedachtes Gewächshaus, auf das die fromme Investition gedeihe.

Heute steht der Bischof vor einem Scherbenhaufen. Seine Diözese spricht von mehr als 40 Millionen Euro Verlust, die Presse sogar von knapp 100 Millionen. Jetzt will der neue Vorstand der Gero das marode Firmen- und Beteiligungsgeflecht neu strukturieren. Den einstigen Geschäftsführer hat das Unternehmen auf Schadensersatz verklagt.

Warum geben die Kirchenfürsten keine Rechenschaft gegenüber ihren Gläubigen ab? Wieso halten sie den Staat, der sie so großzügig unterstützt, so sorgsam aus ihren Finanzangelegenheiten heraus?

Ein ehemaliger Bistumssprecher hat lange über diese Fragen nachgedacht. Er hält die vormoderne, höfisch geprägte Welt der bischöflichen Ordinariate und Residenzen dafür verantwortlich. "Die mit Titeln bunt geschmückten Bischöfe und Prälate sehen sich der weltlichen Gesellschaft überlegen und schirmen sich gegen sie ab", sagt er. "Der Beichtstuhl steht in der Kirche - nicht im Finanzamt."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 403 Beiträge
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Seite 1
Transmitter, 16.06.2010
1. Nichts neues!
Zitat von sysopPrunksucht, Diebstahl, undurchsichtige Kassen: Die katholische Kirche wird von Finanzaffären erschüttert. Während an der Basis gespart werden muss, bleibt manchen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,700545,00.html
Sogar der Vatikan bedankt sich stets über die grossartige, ausserordentliche finanzielle Unterstützung der "reichsten Bistümer der Welt", nämlich der deutschen Bistümer. Das Erzbistum Köln gilt gar als die mit Abstand reichste Diözese der Welt. Neu ist sowohl das Geheimhalten von Zahlen und Daten als auch die Tatsache, dass die Katholen in Geld schwimmen, also wirklich nicht gerade. Aber Vorsicht! Jetzt wieder mit falschen Argumenten gegen die römisch-katholische Kirche und ihre Strukturen zu wettern, führt zu gar nichts. Im Gegenteil, es weckt nur die Solidarität unter den gebeutelten Gläubigen. Die einzige Möglichkeit, die Katholen zum Einlenken zu zwingen, ist der Massenaustritt bzw. -übertritt von Gläubigen in die evangelisch-lutherischen Kirchen. Denn DIE sind ja nichts anderes, als reformierte katholische Kirchen, d. h., sie erfüllen die Anforderungen zahlloser katholischer Christen an Transparenz und demokratische Strukturen. Dies müsste nur immer wieder penetriert werden. Auch von dem Medien. "Zu Kreuze kriechen" werden die Bischöfe und Kirchenfunkionäre jedenfalls erst, wenn ihnen das Geld aussgeht. So war es, so ist es und so wird es bleiben. Denn auch die Kirche ist letztlich nur eine Organisation, wie alle anderen auch.
matt1981bav 16.06.2010
2. Hetze
Ein weiterer Artikel um uns Katholiken gegen unsere Kirche aufzuhetzen. Die Katholische Kirche steht wohl der Linkspartei ideologisch nicht nahe genug und wird damit sofort zum Feind der Spiegel Redaktion. Wo Geld ist gibts offene Hände. Die Kirche muss die Vorfälle bekämpfen, Einzelfälle bedeuten aber nicht das eine geheime Parallelwelt eines im Luxus schwelgenden Klerus existiert.
öl für die welt 16.06.2010
3. Neue Neiddebatte
Da die Formel Reich = Böse hier wohl auch für die Katholische Kirche gilt vergisst man auch gerne wer zahlreiche soziale Einrichtungen betreut und finanziert die Leistungen erbringen von denen zwar die wenigsten Foristen hier profitieren aber die kaum einer missen möchte. Mir ist eine "Reiche" Kirche lieber als durch das Land ziehende Bettelmönche.
mardas 16.06.2010
4. Die sind auch nicht gerade besser...
Zitat von TransmitterSogar der Vatikan bedankt sich stets über die grossartige, ausserordentliche finanzielle Unterstützung der "reichsten Bistümer der Welt", nämlich der deutschen Bistümer. Das Erzbistum Köln gilt gar als die mit Abstand reichste Diözese der Welt. Neu ist sowohl das Geheimhalten von Zahlen und Daten als auch die Tatsache, dass die Katholen in Geld schwimmen, also wirklich nicht gerade. Aber Vorsicht! Jetzt wieder mit falschen Argumenten gegen die römisch-katholische Kirche und ihre Strukturen zu wettern, führt zu gar nichts. Im Gegenteil, es weckt nur die Solidarität unter den gebeutelten Gläubigen. Die einzige Möglichkeit, die Katholen zum Einlenken zu zwingen, ist der Massenaustritt bzw. -übertritt von Gläubigen in die evangelisch-lutherischen Kirchen. Denn DIE sind ja nichts anderes, als reformierte katholische Kirchen, d. h., sie erfüllen die Anforderungen zahlloser katholischer Christen an Transparenz und demokratische Strukturen. Dies müsste nur immer wieder penetriert werden. Auch von dem Medien. "Zu Kreuze kriechen" werden die Bischöfe und Kirchenfunkionäre jedenfalls erst, wenn ihnen das Geld aussgeht. So war es, so ist es und so wird es bleiben. Denn auch die Kirche ist letztlich nur eine Organisation, wie alle anderen auch.
Massenaustritt okay. Aber Übertritt nein. Sie wissen doch auch, dass die evangelischen Bistümer ebenfalls jede Menge Geld vom Staat bekommt, auch wenn diese nicht so viele alte Schätze und Zahlungsverpflichtungen erlangt haben. So viel besser sind die nicht, zudem sind die Zahlen der evangelischen Kirchen weitaus rückläufiger als die der Katholiken. Mir scheint, der Zusammenhalt der Schäfchen ist immer noch da, der Druck aber ebenso viel stärker als bei den relativ liberalen, aber teils evangelikalen Protestanten.
tweety81 16.06.2010
5. Titel
Zitat von sysopPrunksucht, Diebstahl, undurchsichtige Kassen: Die katholische Kirche wird von Finanzaffären erschüttert. Während an der Basis gespart werden muss, bleibt manchen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,700545,00.html
Wieso muss ich als nicht Kirchlicher die Kirche bezahlen...ich würde alles Streichen...und selbst das Geld für die Caritas würde ich nach unten kürzen... Die Kirche hat mehr als genug Geld..soll sie doch mit ihrer Kirchensteuer auskommen... Ich versteh nicht wieso 200Jahre alte Verträge noch bestand haben
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