AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2010

Religion Geheime Parallelwelt

Prunksucht, Diebstahl, undurchsichtige Kassen: Die katholische Kirche wird von Finanzaffären erschüttert. Während an der Basis gespart werden muss, bleibt manchen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt.

DPA

Von Anna Catherin Loll und


Kurz vor Pfingsten kam nicht der Heilige Geist, sondern die Polizei frühmorgens in die Wohnung von Pfarrer S.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 24/2010

Wer da suchet, der findet: Über 131.000 Euro waren in den Räumen des katholischen Seelsorgers versteckt, mal waren die Scheine zwischen der Wäsche, mal unter Schubladen befestigt. Auf der Stelle wurde Hochwürden verhaftet. Nach mehreren Wochen Untersuchungshaft wartet Hans S., 76, jetzt im Kloster auf seinen Prozess.

Und siehe da, die Geldvermehrung war womöglich sogar noch wundersamer als angenommen. Die Staatsanwaltschaft Würzburg spricht inzwischen von bis zu 1,5 Millionen Euro, die S. aus Kollekten und anderen Kirchengeldern unterschlagen haben könnte. Seine Schäflein in einem fränkischen Weinort sind fassungslos. Sie hatten ihrem Hirten, der demütig und bescheiden auftrat, blind vertraut.

Gleich mehrere Finanzaffären erschüttern zurzeit die katholische Kirche, nicht nur im Fränkischen oder in Augsburg, wo der Griff von Bischof Walter Mixa in die Kasse einer Kinderheimstiftung kürzlich Wirbel machte.

Allein im Bistum Magdeburg sollen über 40 Millionen Euro verlorengegangen sein, in Limburg verschwanden 5 Millionen, in der Diözese Münster flogen 30 Schwarzkonten eines leitenden Geistlichen auf. Und während Pfarreien in ganz Deutschland Stellen und Mittel für die Gemeindearbeit gestrichen werden, bleibt vielen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt. Eine nagelneue Residenz? Ein pompöser Alterssitz? Frischer Glanz für eine Mariensäule für 120.000 Euro? So etwas ist von Trier bis Passau kein Problem, die Kassen der Exzellenzen sind prall gefüllt.

Missmanagement, Veruntreuung und Prunksucht bringen darum vielerorts die Gläubigen gegen die Obrigkeit auf. Ihr Vorwurf: Wie beim Missbrauchsskandal setzen viele Bischöfe auf Verschleiern. Möglichst niemand soll Einblick bekommen in ihre Parallelwelt aus prallen Konten und geheimen Vermögenswerten, die teils seit Jahrhunderten ihre Macht stützen. Nur der aus Kirchensteuern finanzierte Bistumshaushalt ist öffentlich - das eigentliche Vermögen bleibt im Schatten.

Jetzt aber wird dieser Reichtum zum Politikum. Arbeitslose, Wohngeldempfänger, Familien, Kommunen, Unternehmen, Bundeswehr - ihnen allen will die Bundesregierung in den nächsten Jahren Milliardenbeträge wegnehmen. Aber ausgerechnet die Kirche bleibt verschont, ihre großzügige Alimentierung durch den Staat wird kaum in Frage gestellt.

Dabei sind Deutschlands Bistümer finanziell bestens ausgestattet. "Die katholische Kirche sagt, sie sei arm, tatsächlich aber versteckt sie ihren Reichtum", sagt der Berliner Politikwissenschaftler Carsten Frerk, der nach jahrelangen Recherchen im Herbst ein "Violettbuch Kirchenfinanzen" herausbringt. Auf rund 50 Milliarden Euro veranschlagt Frerk das Barvermögen der kirchlichen Rechtsträger. Eigene Zahlen legen die Katholiken dazu nicht vor. Frerk werfen sie vor, ein voreingenommener, atheistischer Kirchenkritiker zu sein.

Das über Jahrhunderte angehäufte Vermögen ist vielseitig angelegt, etwa in Immobilien, kirchlichen Banken, Akademien, Brauereien, Weingütern, Medienkonzernen oder Kliniken; hinzu kommen Erträge aus Aktienbesitz, Stiftungen, Erbschaften. All das fließt in der Regel im Topf des sogenannten Bischöflichen Stuhls zusammen. Nur der Bischof und seine engsten Vertrauten kennen diesen Schattenhaushalt, kein Finanzamt muss Einblick nehmen. Die öffentlichen Bistumshaushalte umfassen bei weitem nicht alle Finanzen der jeweiligen Diözesen (siehe Grafik).

Das komplizierte Geflecht wird so geheimnisvoll gehandhabt, dass nicht einmal die Finanzdezernenten aller Bistümer offen untereinander darüber informieren. Barock anmutende Strukturen erschweren den Überblick, mal sitzen die Verwalter des Geldes im Kirchensteuerrat, mal in einem Diözesansteuerausschuss, einer Finanzkammer oder einer Verwaltungskammer. Manchmal wird Vermögen auch noch in Stiftungen ausgegliedert.

Auf eine SPIEGEL-Umfrage nach ihrem Vermögenshaushalt verweigerten 25 von 27 katholischen Bistümern die Auskunft, ("wird nicht veröffentlicht"), nur Magdeburg und die vor wenigen Jahren insolvenzreife Erzdiözese Berlin zeigten sich etwas offener. Anscheinend gibt es dort ohnehin kaum Vermögen, das zu verbergen wäre.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 403 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Transmitter, 16.06.2010
1. Nichts neues!
Zitat von sysopPrunksucht, Diebstahl, undurchsichtige Kassen: Die katholische Kirche wird von Finanzaffären erschüttert. Während an der Basis gespart werden muss, bleibt manchen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,700545,00.html
Sogar der Vatikan bedankt sich stets über die grossartige, ausserordentliche finanzielle Unterstützung der "reichsten Bistümer der Welt", nämlich der deutschen Bistümer. Das Erzbistum Köln gilt gar als die mit Abstand reichste Diözese der Welt. Neu ist sowohl das Geheimhalten von Zahlen und Daten als auch die Tatsache, dass die Katholen in Geld schwimmen, also wirklich nicht gerade. Aber Vorsicht! Jetzt wieder mit falschen Argumenten gegen die römisch-katholische Kirche und ihre Strukturen zu wettern, führt zu gar nichts. Im Gegenteil, es weckt nur die Solidarität unter den gebeutelten Gläubigen. Die einzige Möglichkeit, die Katholen zum Einlenken zu zwingen, ist der Massenaustritt bzw. -übertritt von Gläubigen in die evangelisch-lutherischen Kirchen. Denn DIE sind ja nichts anderes, als reformierte katholische Kirchen, d. h., sie erfüllen die Anforderungen zahlloser katholischer Christen an Transparenz und demokratische Strukturen. Dies müsste nur immer wieder penetriert werden. Auch von dem Medien. "Zu Kreuze kriechen" werden die Bischöfe und Kirchenfunkionäre jedenfalls erst, wenn ihnen das Geld aussgeht. So war es, so ist es und so wird es bleiben. Denn auch die Kirche ist letztlich nur eine Organisation, wie alle anderen auch.
matt1981bav 16.06.2010
2. Hetze
Ein weiterer Artikel um uns Katholiken gegen unsere Kirche aufzuhetzen. Die Katholische Kirche steht wohl der Linkspartei ideologisch nicht nahe genug und wird damit sofort zum Feind der Spiegel Redaktion. Wo Geld ist gibts offene Hände. Die Kirche muss die Vorfälle bekämpfen, Einzelfälle bedeuten aber nicht das eine geheime Parallelwelt eines im Luxus schwelgenden Klerus existiert.
öl für die welt 16.06.2010
3. Neue Neiddebatte
Da die Formel Reich = Böse hier wohl auch für die Katholische Kirche gilt vergisst man auch gerne wer zahlreiche soziale Einrichtungen betreut und finanziert die Leistungen erbringen von denen zwar die wenigsten Foristen hier profitieren aber die kaum einer missen möchte. Mir ist eine "Reiche" Kirche lieber als durch das Land ziehende Bettelmönche.
mardas 16.06.2010
4. Die sind auch nicht gerade besser...
Zitat von TransmitterSogar der Vatikan bedankt sich stets über die grossartige, ausserordentliche finanzielle Unterstützung der "reichsten Bistümer der Welt", nämlich der deutschen Bistümer. Das Erzbistum Köln gilt gar als die mit Abstand reichste Diözese der Welt. Neu ist sowohl das Geheimhalten von Zahlen und Daten als auch die Tatsache, dass die Katholen in Geld schwimmen, also wirklich nicht gerade. Aber Vorsicht! Jetzt wieder mit falschen Argumenten gegen die römisch-katholische Kirche und ihre Strukturen zu wettern, führt zu gar nichts. Im Gegenteil, es weckt nur die Solidarität unter den gebeutelten Gläubigen. Die einzige Möglichkeit, die Katholen zum Einlenken zu zwingen, ist der Massenaustritt bzw. -übertritt von Gläubigen in die evangelisch-lutherischen Kirchen. Denn DIE sind ja nichts anderes, als reformierte katholische Kirchen, d. h., sie erfüllen die Anforderungen zahlloser katholischer Christen an Transparenz und demokratische Strukturen. Dies müsste nur immer wieder penetriert werden. Auch von dem Medien. "Zu Kreuze kriechen" werden die Bischöfe und Kirchenfunkionäre jedenfalls erst, wenn ihnen das Geld aussgeht. So war es, so ist es und so wird es bleiben. Denn auch die Kirche ist letztlich nur eine Organisation, wie alle anderen auch.
Massenaustritt okay. Aber Übertritt nein. Sie wissen doch auch, dass die evangelischen Bistümer ebenfalls jede Menge Geld vom Staat bekommt, auch wenn diese nicht so viele alte Schätze und Zahlungsverpflichtungen erlangt haben. So viel besser sind die nicht, zudem sind die Zahlen der evangelischen Kirchen weitaus rückläufiger als die der Katholiken. Mir scheint, der Zusammenhalt der Schäfchen ist immer noch da, der Druck aber ebenso viel stärker als bei den relativ liberalen, aber teils evangelikalen Protestanten.
tweety81 16.06.2010
5. Titel
Zitat von sysopPrunksucht, Diebstahl, undurchsichtige Kassen: Die katholische Kirche wird von Finanzaffären erschüttert. Während an der Basis gespart werden muss, bleibt manchen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,700545,00.html
Wieso muss ich als nicht Kirchlicher die Kirche bezahlen...ich würde alles Streichen...und selbst das Geld für die Caritas würde ich nach unten kürzen... Die Kirche hat mehr als genug Geld..soll sie doch mit ihrer Kirchensteuer auskommen... Ich versteh nicht wieso 200Jahre alte Verträge noch bestand haben
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 24/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.