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Ausgabe 24/2010

Umwelt "Bottom Kill" unter dem Meer

Mit zwei Entlastungsbohrungen will BP das Ölleck im Golf von Mexiko endlich stoppen. Doch die Methode birgt Risiken. Das Öl könnte noch bis zum Spätherbst weitersprudeln.

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DPA

Die Ingenieure hatten Glück im Unglück. Bis auf 3500 Meter unter dem Meeresgrund hatten sie ihre Bohrung getrieben, als plötzlich Gas und Öl nach oben schossen. Doch eine Explosion blieb aus. 69 Arbeiter wurden evakuiert. Alle kamen mit dem Leben davon.

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Am Morgen des 21. August vergangenen Jahres geriet die Bohrung der "West Atlas"-Bohrplattform in der Timorsee vor Australiens Nordküste außer Kontrolle.

Zehn Wochen dauerte es, bis der Ölfluss gestoppt war. Rund 4300 Tonnen waren ins Meer gelaufen. Erst durch eine sogenannte Entlastungsbohrung gelang es der thailändischen Betreiberfirma, so viel Bohrschlamm in das Bohrloch zu pumpen, dass der Ölfluss versiegte.

Die Methode gilt auch den BP-Ingenieuren am Golf von Mexiko als letzter Ausweg, um das immer noch sprudelnde Bohrloch der Ende April havarierten Ölplattform "Deepwater Horizon" zu stopfen. Bereits seit vorigem Monat werden zwei Entlastungsbohrungen vorangetrieben. BP-Chef Tony Hayward gibt sich überzeugt, dass die Methode "letztendlich erfolgreich" sein werde. Anfang August rechnet er damit, das Leck im Macondo-Ölfeld endgültig stopfen zu können.

Doppeltes Problem

Doch unabhängige Fachleute warnen: Auch Entlastungsbohrungen sind riskant. "Es könnte mehr Öl austreten als zuvor, weil das Feld erneut angebohrt wird", sagt etwa Fred Aminzadeh, Geophysiker an der University of Southern California. Ähnlich äußert sich der Geochemiker Ira Leifer von der University of California in Santa Barbara: "Im schlimmsten Fall hätten wir es plötzlich mit zwei Lecks zu tun; das Problem würde sich verdoppeln."

Leifer ist Mitglied eines von US-Präsident Barack Obama eingesetzten Expertenteams, das die Menge des derzeit in den Golf von Mexiko strömenden Öls abschätzen soll. Fast täglich korrigieren die Geoforscher ihre Schätzung nach oben.

Die letzten Bemühungen von BP, den Ölfluss zu stoppen, hätten die Situation sogar noch verschlimmert, sagt Leifer. So hatten die Ingenieure versucht, das Leck von oben abzudichten ("Top Kill"). Dies sei jedoch gescheitert und habe das Bohrloch noch vergrößert, so Leifer. Nun ströme das Öl fast ungebremst nach oben.

Die meisten Experten gehen deshalb inzwischen davon aus, dass die Entlastungsbohrungen trotz ihrer Risiken die letzte Chance sind. Das Prinzip des Verfahrens klingt simpel: Die Ingenieure bohren senkrecht in die Tiefe, dann schräg auf das außer Kontrolle geratene Bohrloch zu. Haben sie es erreicht, bohren sie es von der Seite an und pumpen große Mengen schweren Bohrschlamms hinein. Die Masse füllt die Bohrung von unten auf und wirkt schließlich wie ein Stöpsel. Am Ende wird das Bohrloch wie ein kariöser Zahn mit Zement verschlossen. "Bottom Kill" heißt das Verfahren (siehe Grafik in der Fotostrecke).

Schlechte Erfahrungen mit Entlastungsbohrungen

Doch was einfach klingt, war in der Vergangenheit nicht immer leicht zu bewerkstelligen. Die Katastrophe in der Timorsee etwa endete mit einem Debakel. Fünf Versuche waren nötig, um das Bohrloch im Untergrund überhaupt zu finden. Kurz vor Schluss ging die "West Atlas"-Bohrplattform doch noch in Flammen auf.

Auch ein anderer Fall ist ein Menetekel für BP. Im Juni 1979 verloren Ingenieure der mexikanischen Ölgesellschaft Pemex ebenfalls im Golf von Mexiko die Kontrolle über die Explorationsbohrung Ixtoc I. Wie jetzt im Fall der "Deepwater Horizon"-Katastrophe setzten Experten auch damals zwei Entlastungsbohrungen.

Die erste war bereits Ende November fertig. Dennoch konnte das Öl erst im März 1980 abgewürgt werden, mehr als neun Monate nach dem Unglück. 480.000 Tonnen waren ins Meer geflossen - die bislang zweitgrößte Ölkatastrophe.

Wiederholt sich die Geschichte? Auch das Macondo-Ölfeld könnte noch weit über den von BP angepeilten August-Termin hinaus unkontrolliert sprudeln. Mit weiteren "vier bis fünf Monaten" rechnet der Pemex-Direktor Carlos Morales, der BP derzeit technisch berät. Auch Leifer glaubt, dass sich die Katastrophe am Meeresgrund "bis zum Spätherbst" hinziehen könnte.

Zwar haben die BP-Techniker eine der Entlastungsbohrungen bereits zwei Drittel des Weges in die Tiefe getrieben. Besonders schwierig sei es jedoch, mitten im Gestein "das außer Kontrolle geratene Bohrloch zu finden", sagt David Rensink, designierter Präsident der American Association of Petroleum Geologists.

"Es geht darum, 4000 Meter unter dem Meeresgrund ein Bohrloch von etwa 18 Zentimeter Durchmesser zu treffen", sagt Rensink. Dieses beim ersten Versuch zu schaffen, gleiche einem "Lotteriegewinn".

Stattdessen müssten die Ingenieure den Bohrkopf vermutlich mehrfach ein Stück zurückfahren, um die Richtung zu korrigieren, prophezeit Rensink: "Wenn sie es in drei oder vier Versuchen schaffen, können sie sich sehr glücklich schätzen."

"Man will ja nicht dasselbe Desaster noch einmal erleben"

Vor allem aber bereitet ihm Sorge, dass BP mit den Entlastungsbohrungen in genau jene Gesteinsformation vordringt, deren extreme Druck- und Temperaturverhältnisse den Unfall vom April begünstigten. Mit Gasblasen und strömendem Öl müssen die Profis in der Tiefe rechnen. "Jede Entlastungsbohrung muss vorsichtiger durchgeführt werden als die ursprüngliche Bohrung", warnt Donald Van Nieuwenhuise von der University of Houston, "man will ja nicht dasselbe Desaster noch einmal erleben."

Trotz der Hindernisse sind sich die meisten Bohrgeologen allerdings einig: Am Ende wird BP mit der Methode Erfolg haben. "Ich habe noch nie erlebt, dass das überhaupt nicht geklappt hat", sagt Van Nieuwenhuise. Den BP-Ingenieuren stehe sehr gute Technik zur Verfügung. So ist ein moderner Bohrstrang mit Sensoren gespickt, die ständig das umliegende Gestein scannen. Es lässt sich problemlos um die Ecke bohren. Die Spezialbohrschlämme sind so schwer, dass sie selbst unter höchstem Druck stehendem Öl standhalten können. "Letztendlich wird die Methode den Ölfluss stoppen", glaubt daher auch Rensink, "die Frage ist nur, wann genau das sein wird."

Denn neben technischen Widernissen könnten auch drohende Unwetter einen schnellen Erfolg verhindern. Anfang Juni hat im Golf von Mexiko die Hurrikan-Saison begonnen. Sie soll in diesem Sommer besonders schwer ausfallen. Und bei starken Stürmen müssen die Bohrungen unterbrochen werden.

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