Von Rafaela von Bredow
"Wie Bäche von einem Berghang ergoss sich nun die rote Flut von allen Seiten des Ungeheuers herab. Sein gequälter Leib rollte nicht mehr durch den Gischt, sondern durch Blut, das weit hinter ihm im Kielwasser brodelte und kochte. Die sinkende Sonne sandte ihre Strahlen auf diese rote Lache in der See und spiegelte sich wider in jedem Gesicht, so dass sie einander wie Rothäute anglühten." Herman Melville, "Moby Dick"
Blut ist zu sehen, viel Blut, schäumende See, ein tobender grauer Leib, die Fluke klatscht aufs Wasser, ein letztes Mal. Dann: Stille. Eine Winde zieht das tote Tier die Rampe hoch, in die Endgültigkeit des Fabrikschiffs.
Aber den anderen, den sanften Umgang des Menschen mit dem Wal gibt es auch, zu beobachten auf Whale-Watching-Touren. Touristen flippen aus beim Anblick der schrundigen, seepockigen Riesen, etwa vor Baja California in Mexiko, wo sich die bis zu 14 Meter langen Grauwale außerordentlich menschenlieb zeigen und herrlich nah um die Schiffe planschen. Die Leute kreischen, lehnen sich gefährlich weit über die Bordwand, um eine Berührung zu erhaschen; manche fangen plötzlich an, hemmungslos zu singen, einige weinen.
Der Wal treibt den Menschen in Extreme
Der Mensch hasst den Wal oder verehrt ihn, er schlachtet oder streichelt ihn - das ist die offenbar unauflösliche Dialektik im Umgang des Homo sapiens mit dem Meeresgiganten. Kein anderes Geschöpf der Erde vermag den Menschen in solche Extreme zu treiben.
Jetzt steht die Entscheidung an, wie der Mensch es in Zukunft mit den großen Meeressäugern halten will. In dieser Woche wird das womöglich endgültige Urteil gesprochen.
Vom Montag an tagt die Internationale Walfangkommission (IWC) im marokkanischen Agadir. Delegierte aus 88 Ländern werden über das Schicksal der Wale beraten; sie streiten, tricksen und schachern. Das Procedere kennt man von internationalen Konferenzen, scheinbar alles Routine. Auch Cristián Maquieira denkt, alles könnte noch gut werden. "Ich bin optimistisch", sagt der chilenische IWC-Vorsitzende, "weil ich den Eindruck habe, dass die Leute im Grunde zu einer Einigung kommen wollen."
Genau das ist die Frage. Walfangstaaten und Gegnerländer stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie bei kaum einem anderen umweltpolitischen Streitthema. Was in dieser Woche geschehen wird, ist die politisch-diplomatische Entsprechung der Scharmützel auf See, die Sea Shepherds Kämpfer seit Jahren gegen die japanische Walfangflotte ausfechten: mit Wasserkanonen, Stinkbomben, Lärmpistolen, Pfefferspray und Tauen als Schiffsschrauben-Killer, da wird gerammt und geentert und manchmal auch ein Leben aufs Spiel gesetzt. Ein Sea-Shepherd-Aktivist sitzt in japanischer Haft, für zwei Greenpeace-Mitarbeiter hat die dortige Staatsanwaltschaft jetzt anderthalb Jahre Gefängnis gefordert, offiziell wegen Diebstahls von Walfleisch - in Wahrheit hatten sie einen Bestechungsskandal in der japanischen Walfangflotte aufgedeckt.
Krieg der Worte
In Agadir wird ein Krieg der Worte ausgefochten. Und dieser Krieg im Kongresshotel wird jetzt schon überschattet von seinem Ende. Denn sogar der bestmögliche Ausgang bedeutet, dass weiter Tausende Wale sterben werden.
Auf dem Tisch der Emissäre liegt ein Kompromisspapier mit der nüchternen Kennung "IWC/62/7". In dem Antrag schlagen Cristián Maquieira und sein Vize Anthony Liverpool vor, den Walfang, der eigentlich seit 1986 weltweit verboten ist, wieder offiziell zu gestatten.
Ende April kam das Dokument heraus, seitdem laufen Schockwellen durch die Internationale der Walschützer. Weltweit zürnen Politiker, es wüten die Vertreter der Artenschutzorganisationen. Ein "Desaster" sei die Rückkehr zum erlaubten Walfang, schimpft John Frizell, der bei Greenpeace International die Walkampagnen koordiniert.
In Chile hat sich inzwischen der Außenminister öffentlich von seinem Landsmann Maquieira distanziert. Der Deutsche Bundestag lehnte am Donnerstag vorvergangener Woche den IWC-Kompromiss mit großer Mehrheit ab - ebenso wie die meisten EU-Umweltminister.
Es klingt paradox, aber in Wahrheit will Maquieira mit seiner Lizenz zum Töten die Wale retten. Wenn die Kommission den - ohnehin praktizierten - Walfang offiziell freigibt, so das Kalkül, würde sie ihn unter Kontrolle bekommen. Dann könnte die IWC über die Zeit immer mehr Tiere vor dem Harpunentod bewahren - und nach zehn Jahren schließlich wäre absolut Schluss mit dem Gemetzel.
"Wir versuchen, die Leute dazu zu bewegen, nicht mehr pro oder contra Walfang zu sein", erklärt Cristián Maquieira, "sondern pro Wale."
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© DER SPIEGEL 25/2010
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