AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2010

Artenschutz: Schlachten oder Streicheln

Von Rafaela von Bredow

In dieser Woche entscheidet eine internationale Konferenz über die Freigabe des kommerziellen Walfangs. Unversöhnlich stehen sich Fischereinationen wie Japan und Walschützer gegenüber. Nur ein kluger Kompromiss könnte die Meeresgiganten retten.

Umstrittener Walfang: Jagd auf die Meeresriesen Fotos
AFP

"Wie Bäche von einem Berghang ergoss sich nun die rote Flut von allen Seiten des Ungeheuers herab. Sein gequälter Leib rollte nicht mehr durch den Gischt, sondern durch Blut, das weit hinter ihm im Kielwasser brodelte und kochte. Die sinkende Sonne sandte ihre Strahlen auf diese rote Lache in der See und spiegelte sich wider in jedem Gesicht, so dass sie einander wie Rothäute anglühten." Herman Melville, "Moby Dick"

Blut ist zu sehen, viel Blut, schäumende See, ein tobender grauer Leib, die Fluke klatscht aufs Wasser, ein letztes Mal. Dann: Stille. Eine Winde zieht das tote Tier die Rampe hoch, in die Endgültigkeit des Fabrikschiffs.

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Die Rampe und das Fabrikschiff sind Errungenschaften der Moderne. Ansonsten sieht das Sterben der Wale heute noch genauso aus wie vor fast 160 Jahren, als Herman Melvilles Roman "Moby Dick" erschien. Umweltaktivisten wie die von der Sea Shepherd Conservation Society verbreiten jedes Jahr aufs Neue die Bilder der Gemetzel. Meist sind japanische Harpuniere darauf zu sehen, wie Wiedergänger des teuflischen Kapitäns Ahab und seiner Männer. Aber auch isländische und norwegische Fischer machen noch immer Jagd auf die Riesen der Meere - trotz einer weltweiten Übereinkunft, keine Wale mehr zu töten.

Aber den anderen, den sanften Umgang des Menschen mit dem Wal gibt es auch, zu beobachten auf Whale-Watching-Touren. Touristen flippen aus beim Anblick der schrundigen, seepockigen Riesen, etwa vor Baja California in Mexiko, wo sich die bis zu 14 Meter langen Grauwale außerordentlich menschenlieb zeigen und herrlich nah um die Schiffe planschen. Die Leute kreischen, lehnen sich gefährlich weit über die Bordwand, um eine Berührung zu erhaschen; manche fangen plötzlich an, hemmungslos zu singen, einige weinen.

Der Wal treibt den Menschen in Extreme

Der Mensch hasst den Wal oder verehrt ihn, er schlachtet oder streichelt ihn - das ist die offenbar unauflösliche Dialektik im Umgang des Homo sapiens mit dem Meeresgiganten. Kein anderes Geschöpf der Erde vermag den Menschen in solche Extreme zu treiben.

Jetzt steht die Entscheidung an, wie der Mensch es in Zukunft mit den großen Meeressäugern halten will. In dieser Woche wird das womöglich endgültige Urteil gesprochen.

Vom Montag an tagt die Internationale Walfangkommission (IWC) im marokkanischen Agadir. Delegierte aus 88 Ländern werden über das Schicksal der Wale beraten; sie streiten, tricksen und schachern. Das Procedere kennt man von internationalen Konferenzen, scheinbar alles Routine. Auch Cristián Maquieira denkt, alles könnte noch gut werden. "Ich bin optimistisch", sagt der chilenische IWC-Vorsitzende, "weil ich den Eindruck habe, dass die Leute im Grunde zu einer Einigung kommen wollen."

Genau das ist die Frage. Walfangstaaten und Gegnerländer stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie bei kaum einem anderen umweltpolitischen Streitthema. Was in dieser Woche geschehen wird, ist die politisch-diplomatische Entsprechung der Scharmützel auf See, die Sea Shepherds Kämpfer seit Jahren gegen die japanische Walfangflotte ausfechten: mit Wasserkanonen, Stinkbomben, Lärmpistolen, Pfefferspray und Tauen als Schiffsschrauben-Killer, da wird gerammt und geentert und manchmal auch ein Leben aufs Spiel gesetzt. Ein Sea-Shepherd-Aktivist sitzt in japanischer Haft, für zwei Greenpeace-Mitarbeiter hat die dortige Staatsanwaltschaft jetzt anderthalb Jahre Gefängnis gefordert, offiziell wegen Diebstahls von Walfleisch - in Wahrheit hatten sie einen Bestechungsskandal in der japanischen Walfangflotte aufgedeckt.

Krieg der Worte

In Agadir wird ein Krieg der Worte ausgefochten. Und dieser Krieg im Kongresshotel wird jetzt schon überschattet von seinem Ende. Denn sogar der bestmögliche Ausgang bedeutet, dass weiter Tausende Wale sterben werden.

Auf dem Tisch der Emissäre liegt ein Kompromisspapier mit der nüchternen Kennung "IWC/62/7". In dem Antrag schlagen Cristián Maquieira und sein Vize Anthony Liverpool vor, den Walfang, der eigentlich seit 1986 weltweit verboten ist, wieder offiziell zu gestatten.

Ende April kam das Dokument heraus, seitdem laufen Schockwellen durch die Internationale der Walschützer. Weltweit zürnen Politiker, es wüten die Vertreter der Artenschutzorganisationen. Ein "Desaster" sei die Rückkehr zum erlaubten Walfang, schimpft John Frizell, der bei Greenpeace International die Walkampagnen koordiniert.

In Chile hat sich inzwischen der Außenminister öffentlich von seinem Landsmann Maquieira distanziert. Der Deutsche Bundestag lehnte am Donnerstag vorvergangener Woche den IWC-Kompromiss mit großer Mehrheit ab - ebenso wie die meisten EU-Umweltminister.

Es klingt paradox, aber in Wahrheit will Maquieira mit seiner Lizenz zum Töten die Wale retten. Wenn die Kommission den - ohnehin praktizierten - Walfang offiziell freigibt, so das Kalkül, würde sie ihn unter Kontrolle bekommen. Dann könnte die IWC über die Zeit immer mehr Tiere vor dem Harpunentod bewahren - und nach zehn Jahren schließlich wäre absolut Schluss mit dem Gemetzel.

"Wir versuchen, die Leute dazu zu bewegen, nicht mehr pro oder contra Walfang zu sein", erklärt Cristián Maquieira, "sondern pro Wale."

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Forum - Umwelt - versagt die EU beim Schutz der Wale?
insgesamt 217 Beiträge
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1. EU bemüht um Walschutz
Querschreiber 19.06.2010
Das Versagen beim Walschutz ist nicht der EU in die Schuhe zu schieben sondern vielmehr den Walfangnationen, die sich trotz des bestehenden Moratoriums strickt weigern dieses konsequent einzuhalten. Es wird einfach aus pseudo Gründen wie dem Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken (insbesondere seitens Japans) weitergejagt. Die IWC kann noch so viele Vereinbarungen treffen um die Wale wirksam zu schützen. Alle werden nichts bringen, wenn auch nur eine Nation höhere Anforderungen als die Andere stellt oder sich mit irgendwelchen Ausnahmeregelungen doch am Moratorium vorbeimogelt. Ohne Einsicht der Walfangnationen wird es keinen echten Walschutz gegen.
2. IWC-Jahrestagung: Walfangkommission streitet über kontrollierte Jagd
sysop 21.06.2010
Die Tagung der Internationalen Walfangkommission hat mit einem Eklat begonnen: Wurde der Vorsitzende von der Walfangnation Japan bestochen? Ziel des Treffens ist die Abstimmung über ein Kompromisspapier, das den kommerziellen Walfang erlauben soll. Doch die Fronten sind verhärtet. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,701932,00.html
3. man kann uns doch nicht sagen, dass wir nicht Recht haben
spiegelak 22.06.2010
[finger-check beim voherigen Post] denn wenn man uns es sagen kann, dann kann man auch es den anderen sagen, nachdem alle so wie wir, nicht faehig sind, mit der Sachlichkeit zurande zukommen, sonder nur mit dem Relativen, und wenn ihr nicht mitmacht, dann sagen wir Papi und er wird boese. Nehh, Kindchen von Japan, Norwegen und Island, so geht's nicht. Es ist ja kein Problem, euch zu boykottieren. Und in der internationalen Politik zu Pariah-staaten zu verwandeln. Macht's nur so weiter, und seht, was es euch bringt.
4. Andere Länder ...
Toru_Okada 22.06.2010
Der Verzehr von Wahlfleisch ist Teil der japanischen Kultur, den es zu respektieren gilt (beschwert sich denn Indien, dass der Rest der Welt Rindfleisch ist, obwohl diese Tier dort gar als heilig gelten)!
5. Aktivisten unterstützen!
Seldon 22.06.2010
Zitat von QuerschreiberDas Versagen beim Walschutz ist nicht der EU in die Schuhe zu schieben sondern vielmehr den Walfangnationen, die sich trotz des bestehenden Moratoriums strickt weigern dieses konsequent einzuhalten. Es wird einfach aus pseudo Gründen wie dem Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken (insbesondere seitens Japans) weitergejagt.
Am 15. Februar begann der Prozess gegen die beiden japanischen Greenpeace-Aktivisten Junichi Sato und Toru Suzuki. Die beiden deckten 2008 einen Fall systematischer Korruption bei der japanischen Walfangflotte auf, wurden aber für ihre Recherchen von der Staatsanwaltschaft unter Anklage gestellt. Jetzt drohen ihnen bis zu zehn Jahre Haft. weiter (http://blog.greenpeace.de/menschenrechte-walfang/) Petition (https://service.greenpeace.de/themen/meere/mitmach_aktionen/aktion/petition/gerechtigkeit_fuer_die_japanischen_walschuetzer/)
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