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Ausgabe 25/2010

Finanzpolitik: Die fünf Gebote

Von Dietmar Hawranek, Alexander Jung, Christoph Pauly, Christian Reiermann und Thomas Schulz

Einen TÜV für Finanzprodukte!

Anti-Banker-Demo in den USA: Der Finanzmarkt wächst, als hätte es keine Krise gegeben Zur Großansicht
Getty Images

Anti-Banker-Demo in den USA: Der Finanzmarkt wächst, als hätte es keine Krise gegeben

Jedes Dreirad muss zugelassen werden, bevor es verkauft wird, komplexe Finanzprodukte oftmals nicht. Sie werden mitunter noch nicht einmal an Börsen gehandelt, an denen die Preisentwicklung transparent ist, sondern direkt zwischen den Banken. Beides muss geändert werden.

Die Zulassung der Finanzprodukte kann sich nur daran orientieren, ob diese als Absicherung für reale Geschäfte dienen. Dann sind sie sinnvoll.

Eine Bank kann die gehaltenen Griechenland-Anleihen beispielsweise dagegen absichern, dass der Gläubiger nicht zurückzahlen kann. Aber der reine Handel mit Kreditausfallversicherungen, sogenannten CDS, durch Banken, die gar keine Anleihen des Landes halten, sollte verboten werden. Er dient nur der Spekulation und kann die Finanzierung eines Landes dramatisch erschweren.

Hugh Hendry, 41, hat mit solchen Geschäften viel Geld gemacht. Der Londoner Hedgefondsmanager sah Europas Krise früh voraus. Schon im Dezember 2008 warnte Hendry vor den PIIGS-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Er wettete gegen Portugal, weil er es unmöglich findet, "dass solch ein dummes Land ohne unabhängige Geldpolitik ein höheres Kredit-Rating als Großbritannien bekommt".

Hendry kaufte portugiesische CDS, eine Art Kreditversicherung gegen den Ausfall portugiesischer Schuldner. Sie steigt im Wert, je schlechter es den Portugiesen geht. Denn dann steigt die Gefahr, dass sie ihre Schulden nicht zurückzahlen können - und die Versicherungen gegen einen solchen Zahlungsausfall sind sehr viel mehr wert.

Allerdings führen steigende CDS-Preise auch dazu, dass der portugiesische Staat Anlegern eine höhere Verzinsung bieten muss, wenn er sich frisches Geld besorgen will. Das verschärft Portugals Schwierigkeiten, was wiederum die CDS-Preise steigen lässt. So vergrößern die Spekulanten das Problem, auf das sie wetten.

CDS haben schon in der Finanzkrise I, die zum Zusammenbruch von Lehman führte, eine unrühmliche Rolle gespielt. Doch die Politik blieb untätig - und so konnten sie auch jetzt, in der Finanzkrise II, ihre destruktive Kraft entfalten.

Ein Verbot sollte es nach Ansicht vieler Ökonomen auch für die sogenannten Leerverkäufe geben. Banken verkaufen dabei Aktien oder Währungen, die sie noch gar nicht besitzen oder allenfalls geliehen haben. Liefern müssen sie in ein paar Wochen oder Monaten zum festgelegten Preis. Sinkt der Preis bis dahin, ist ihre Wette aufgegangen. Sie können sich die Aktien zum billigeren Tageskurs einkaufen und zum vereinbarten höheren Preis weiterreichen.

Problem dabei: Durch den massiven Verkauf von Aktien können Banken mitunter die Kurssenkung selbst herbeiführen, von der sie später profitieren. Leerverkäufe, sagt Ökonom Sinn, "haben geholfen, Lehman Brothers kaputtzumachen".

Gebot 1: Bändigt die Banken!

Gebot 2: Mehr Eigenkapital!

Gebot 3: Einen TÜV für Finanzprodukte!

Gebot 4: Bewacht die Hedgefonds!

Gebot 5: Kontrolliert die Rating-Agenturen!

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Titel
mkihr 21.06.2010
Zitat von sysopDer G-20-Gipfel in Kanada dürfte die letzte Chance bieten, die außer Kontrolle geratenen Finanzmärkte zu regulieren. Doch die führenden Industrienationen werden sich wohl wieder nicht einigen. Dabei ist klar, welche fünf Reformen dringend notwendig sind, um künftige Krisen zu verhindern. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,701876,00.html
Fünf Reformen soll künftige Krisen verhindern? Solange nicht der Kapitalismus als solches gebändigt wird, wird auch gar nichts verhindert. Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte von Krisen. Durch das absolute Primat der Gewinnmaximierung sind Krisen Systemimmanent. Solange man dieses Primat nicht bricht, wird es auch immer wieder Krisen geben.
2. ...
Strichnid 21.06.2010
Was sind das denn für lächerliche Vorschläge? Die könnten direkt aus der Lobbyabteilung der Großfinanz stammen. Ohne eine Schrumpfung des Bankwesens auf ein in Relation zur Realwirtschaft verträgliches Maß, Verbots gewisser ungedeckter Geschäfte, Trennung von Geschäftsbanken und Spekulanten sowie genereller Besteuerung von Mikrotransaktionen ist kein Blumentopf zu gewinnen. Obendrein gehört die Seignorage aus der Geldschöpfung wieder vollständig in Staatshand, allein um die Verschuldung derselben zu stoppen. Es ist nicht einzusehen, wieso sich die Banken an der Staatsverschuldung mästen, nur weil sie das Geldmonopol haben. Aber was ist von einem neoliberalen Kampfblatt wie dem Spiegel schon zu erwarten ...
3. .
Beutz 21.06.2010
Zitat von sysopDer G-20-Gipfel in Kanada dürfte die letzte Chance bieten, die außer Kontrolle geratenen Finanzmärkte zu regulieren. Doch die führenden Industrienationen werden sich wohl wieder nicht einigen. Dabei ist klar, welche fünf Reformen dringend notwendig sind, um künftige Krisen zu verhindern. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,701876,00.html
Zu diesem Problem gab es schon einmal einen netten Artikel im Spiegel: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,611329,00.html Wollen wir daraus lernen? Um Himmels Willen! Liebe Grüße.
4. .
Matschi29 21.06.2010
G20-Treffen...nette Politiker anderer Länder treffen, viel Aufmerksamkeit genießen, schöne Unterkünfte, künstliche Seen, feines Essen, sich wichtig fühlen. Und nebenher so tun, als ob man der Finanzindustrie den Kampf ansagt und jeweils nur der andere Schuld ist, dass es dann praktisch keine Beschlüsse gibt. Lenkt davon ab, das man mit denen, die man offiziell bekämpft ins Bett geht...der dumm gehaltene Bürger wirds schon glauben.
5. Ist doch eh egal.
andreasoberholz 21.06.2010
Die meisten Länder sind doch faktisch eh Pleite und Kredit erhalten Sie nur noch auf guten Glauben das alles gut gehen wird. Ich vermute mal das selbst Deutschland, wenn's hart auf hart kommt, nicht mehr viel Spielraum hat. Das ist aber nicht erst seit Vorgestern bekannt, das wir über die Verhältnisse leben. Politiker sind auch nur Menschen! Unangenehmes schiebt man gerne vor sich her. Wie der Privatschuldner seinen Briefkasten nur noch ungern öffnet und wenn dann lässt er die Mahnbescheide liegen bis der Gerichts-Vollzieher kommt und Vollstrecken will.... Der Vollstrecker ist nun halt eben in Form der Banken, die sich nicht mehr im sicheren Fahrwasser fühlen, bei der Politik angekommen. Man versucht die offene Wunde durch immer mehr Medikamente (schulden) zu schließen, beachtet aber dabei nicht das man eine Droge (Niedrige Zinsen)) gegeben hat, die sofort süchtig macht. Kein Kreditinstitut würde jemandem der Privatschulden hat noch mehr Kredit geben, die Politik macht aber genau das in der Hoffnung das es ein Heilwässerchen sein wird. Ich lehne mich weit aus dem Fenster und behaupte einfach mal, dass die meisten Politiker gar nicht wissen auf welches Spiel sie sich da einlassen. Sollte es eine Deflation geben, dann können wir uns jetzt schon mal innerlich drauf vorbereiten, das wir auf lange lange Sicht ein magres Wachstum haben werden und der Konsum im Land fast ganz weg bricht. Sollte es Inflation geben, was ein glücklicher Fall wäre, oder gar eine Hyperinflation, dann werden wir bald neues Geld in den Händen halten. Wer glaubt es sei dann gut Schulden zu haben der irrt. Schon damals wurden Schulden der Inflation angepasst, das heißt man bleibt auf seiner Schuld so oder so sitzen. Ja Inflation, obwohl sie gerade sehr niedrig ist kann trotzdem plötzlich eintreten. Es muss im Volk nur das Vertrauen in die Währung fehlen, dann geht der Kreislauf schon von alleine los. Wenn die Politiker ehrlich wären müssten sie zugeben das sie ziemlich ratlos sind, was zu tun ist. Eins ist aber gewiss die Abstände der Krisen werden immer kleiner, und irgendwann kann man eine Krise auch nicht mehr mit mehr Liquidität heilen... dann macht es einmal Karwumm und alle Banken wünschten sich nicht mit im Boot gewesen zu sein. Was derzeit passiert ist Augenwischerei, die Politiker wollen uns glauben machen "Seht da ist ein Aufschwung" dieser Aufschwung ist erkauft, die Kurzarbeit wird uns auf die Füße fallen. Politische Reformen hat es immer noch nicht gegeben; man klebt halt an der Macht wie die fliegen an der Sch.... auch wenn man keine Ahnung von dem hat was man da gerade tut. Das ganze endet im kreativen Zusammenbruch der Systeme oder nochmals in dem Ruf "Wir sind das Volk"
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Wie Rating-Agenturen arbeiten
Die Agenturen
Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen oder eine Beurteilung des Managements. Die weltweit einflussreichsten Rating-Agenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch .
Bedeutung des Ratings
Je schlechter sie die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, umso teurer und schwieriger wird es für diesen, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern zum Beispiel auch institutionelle Investoren.
Die Einstufung
Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Die Skala beginnt beispielsweise bei Standard & Poor's und Fitch mit der Bestnote AAA (Englisch: "Triple A"). Es folgen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab BB+ beginnt der spekulative Bereich, der auch "Ramsch" (englisch: "Junk") genannt wird. Die Skala reicht bis D - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist.
Kritik
Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen (Ratings) Mathematik und welcher Meinung ist. In der Finanzkrise wurden Rating-Agenturen an den Pranger gestellt: Weil sie Ramschpapiere als sichere Geldanlage anpriesen, wurde ihnen eine Mitschuld an der Krise gegeben.