AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2010

Bundeswehr Die große Leere

Jedes Jahr zwingt der Staat Zehntausende junge Männer zum Wehrdienst. Die Bundeswehr hat keine Verwendung für sie, in den Kasernen gammeln sie herum. Während die Regierung über die Abschaffung der Wehrpflicht streitet, kämpfen die Rekruten gegen ihren Hauptfeind: die Langeweile.

Quelle: YouTube

Von Michael Fröhlingsdorf, und


Er hatte sich auf die Bundeswehr gefreut, gut möglich, dass er sich nach dem Wehrdienst als Zeitsoldat verpflichtet hätte. Es war ein Tag im März, als David einsehen musste, dass seine Freude einseitig war.

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Heft 25/2010
SPIEGEL-Gespräch mit Margot Käßmann

Er stand mit anderen Wehrpflichtigen im Kasernenhof eines Logistikbataillons in Bayern. Drei Dutzend Jungs zum Dienstantritt, die meisten 18 Jahre alt, eine halbwegs motivierte Truppe. Die Ausbilder aber blickten David und die anderen Rekruten auf dem Hof resigniert an. "Schon wieder so viele", zischte einer der Vorgesetzten. Was sollten sie bloß machen mit den jungen Männern?

Ja, was soll man mit ihnen nur machen? In Berlin wird darüber in diesen Tagen heftig gestritten. Geht es nach Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, wird der Wehrdienst bald kippen. Er will keine Zwangsrekruten mehr, obwohl der CSU-Mann bis vor kurzem noch als entschiedener Anhänger der Wehrpflicht auftrat. Jetzt sagt der Unteroffizier der Reserve: "Faktisch wird sie in zehn Jahren wohl abgeschafft sein."

Mit dieser Aussage hat er die eigenen Parteifreunde gegen sich aufgebracht, allen voran Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Kauder sagt, die Wehrpflicht reiche in den Kernbereich seiner Partei, sie sei ein "Instrument, Gesellschaft und Bundeswehr miteinander zu verbinden". Auch CSU-Chef Horst Seehofer meint, die CSU sei "eine Partei der Bundeswehr, wir sagen ja zur Wehrpflicht". Bundeskanzlerin Angela Merkel hält die Wehrpflicht für eine "Erfolgsgeschichte". Sie bremste den Verteidigungsminister, weil sie glaubt, dass ein großer Teil ihrer Wähler den Wehrdienst gut findet.

Es sind die alten Rituale. Die Wehrpflicht war eines der großen Tabus der Politik. Bis in die achtziger Jahre brauchte man Hunderttausende Männer noch, um im Ernstfall rasch ein Massenheer gegen die Armeen des Warschauer Pakts zu rekrutieren. Doch mit der Implosion des Ostblocks und dem Ende des Kalten Kriegs hat sich der Zwangsdienst überlebt.

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Wehrpflicht: Hauptfeind Langeweile
Deutschland ist eingekesselt von Freunden, die Landesverteidigung spielt kaum eine Rolle mehr. Soldaten der Bundeswehr kämpfen inzwischen in Afghanistan oder überwachen das Waffenembargo vor der Küste des Libanon. Niemandem nutzen die jungen Männer, die schlecht ausgebildet und vom Staat vernachlässigt die Zeit totschlagen.

Doch nun gibt es Hoffnung, denn nun muss gespart werden. Ohne Geld gibt es wohl bald auch keine Wehrpflicht mehr. Beamte des Verteidigungsministeriums haben ausgerechnet, wie viel die Bundeswehr ohne Wehrdienstleistende weniger kosten würde: fast eine halbe Milliarde Euro jedes Jahr.

Neun Monate dauert der Wehrdienst bislang noch, drei Monate Grundausbildung, sechs Monate in einer Kaserne irgendwo in der Republik. Sechs Monate in der Kaserne müssen nicht lang sein. Sechs Monate können aber lang werden, wenn man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Niemand weiß es. David nicht, seine Kameraden beim Logistikbataillon nicht, kaum einer der rund 60.000 deutschen Wehrdienstleistenden weiß es, die Bundeswehr auch nicht.

Lernen, wie man Stunden, Tage und Monate verbummelt

Nach der Grundausbildung lernen deshalb viele Wehrpflichtige vor allem, was man machen kann, wenn man nichts macht. Sie lernen, wie man Stunden, Tage, Wochen und Monate verbummelt, wie man Zeit bei Botengängen und auf Bürostühlen verplempert, sie lernen, vor sich hin zu träumen in ihren Einheiten und Dienststellen, auf den Fluren, Stuben und Kasernenhöfen. Das große Rumlungern. Sie werden dabei entweder träge, albern oder kreativ, manchmal alles zusammen, dann veranstalten sie Schlafsackwettkriechen und zeichnen es mit ihren Handykameras auf, das Internet ist voll von solchen Filmchen.

Eine gigantische, neun Monate währende Jungsparty, positiv gesehen. Aber wozu der Unsinn? Wofür hat der Staat letztes Jahr 63.413 Männer zum Wehrdienst einberufen? Warum greift er in das Leben junger Menschen ein, obwohl er nicht erklären kann, was sie in den Kasernen sollen, wenn sie angetreten sind?

Der Staat wird schon wissen, warum er uns einzieht, denken viele, er wird wissen, warum er uns neun Monate lang die Freiheit nimmt. Die Wirklichkeit ist banaler: Er weiß es nicht. Sonst würde er die jungen Männer anders behandeln. Fünf Jahrzehnte nach ihrer Einführung ist die Wehrpflicht zu einer riesigen Maschine geworden, die mit jungen Männern gefüttert wird und in den Kasernen staatlich organisierte Massenarbeitslosigkeit produziert.

Die Soldaten haben ein Wort für Tätigkeiten erfunden, deren ausschließlicher Zweck darin besteht, Betriebsamkeit zu simulieren. Sie nennen es "Dummfick". David, der in Wahrheit anders heißt, erhielt in seinem Logistikbataillon kurz nach Dienstantritt den Befehl, Gewehre zu reinigen - saubere Gewehre, aus denen noch nie ein Schuss abgefeuert wurde. Man könnte denken, es sollte eine Übung sein, aber David hatte das schon in der Grundausbildung gelernt. Er setzte sich trotzdem auf einen Stuhl vor der Waffenkammer, ein sauberes MG 3 vor sich, zerlegte es in seine Einzelteile, polierte sie und setzte sie zusammen. Zerlegen, putzen, zusammensetzen, stundenlang, tagelang. Dummfick.

Zu allem Ärger sei die Kaserne völlig überfüllt gewesen, erzählt er, vier Doppelstockbetten in einer Stube. Einige Kameraden mussten ihre Ausrüstung auf dem Dachboden lagern, weil kein Schrank mehr in die Zimmer passte. David stammt aus einem kleinen Ort in Hessen, nach dem Abitur fand er das Angebot verlockend, bei der Bundeswehr zu studieren und in der Luftwaffe die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Seine Euphorie hielt nicht lange. Nach zwei Wochen wurde er von der Waffenkammer in das Geschäftszimmer der Kompanie versetzt, wo ähnlich viel zu tun war.

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Meckermann 12.06.2010
1. weg damit
Die Wehrpflicht besteht eh nur noch als Rechtsgrundlage für den Zivildienst, der mit der letzten Verkürzung auch grenzwertig sinnlos geworden ist, also einfach weg damit. Verteidigungstechnisch dürfte sie etwa so wichtig sein wie die Kavallerie - die war früher auch mal toll, hat sich aber inzwischen überlebt...
gloriaD 12.06.2010
2. Ach ja, die Geschichte mit der geschichte .... I
Zitat von fatalismoDer erste Bundespräsident unserer Republik, Theodor Heuss, hat bei seinem ersten Besuch der ersten Bundeswehrtruppe bemerkt: 'Dann siegt mal schön!' Ironie oder Sarkasmus? Wenige Jahre zuvor - anderthalb, exakt - hatte der Kanzler Adenauer noch erklärt, dem 'Deutschen solle die Hand abfaulen, der auch nur noch einmal ein Gewehr anfasst.' Ziemlich schamlos die Lüge, denn die präzisesten Daten belegen, dass zum Zeitpunkt des Zitats schon längst ausländische Abnehmer auf 'made in germany' abgefahren waren. Müssen wir uns darüber streiten - weit jenseits aller Verjährungsfristen und jenseits von acht Zehnteln meines Lebens? Nehmen Sie es, wie dargestellt. Oder lassen Sie das.
Nein, es war nicht der Alte aus Rhöndorf, der diesen legendären Satz gelogen hat, es war sein ebenso wahrheitsverliebter Helfer Franz Josef Strauß, der schon damals den Posten des noch nicht existierenden Verteidigungsministers im Auge hatte. Adenauer allerdings hatte am 4.12.1949 erklärt: „In der Öffentlichkeit muss ein für allemal klargestellt werden, dass ich prinzipiell gegen eine Wiederaufrüstung der Bundesrepublik Deutschland und damit auch gegen die Errichtung einer neuen deutschen Wehrmacht bin.“während er zur gleichen Zeit bereits mit den USA in Verfolgung von Trumans „containment“-Doktrin“ gegen die Sowjetunion über einen "deutschen Wehrbeitrag" von 500.000 Soldaten verhandelte. In einer Vortragsnotiz der „Dienststelle Blank“, die zur organisatorischen, propagandistischen und ideologischen Vorbereitung militärischer Maßnahmen eingesetzt worden war, heißt es dazu, „der Begriff Remilitarisierung (sei) wegen seiner Nähe zum Begriff ‚Renazifizierung’ zu vermeiden.“ Als Alternative wurde vorgeschlagen: „Besser: ‚Eingliederung in die europäische Abwehrfront aus Notwehr“. Im Oktober 1950 trat Gustav Heinemann, der spätere Justizminister und dann Bundespräsident, aus Protest gegen die von ihm ausdrücklich so bezeichnete „*Remilitarisierungspolitik*“ der Regierung Adenauer als Innenminister zurück. Alles das scheint heute vergessen zu sein und das Ob und das Wie einer militärischen Einrichtung wird nicht mehr in einen Zusammenhang gestellt, weil das Ob selbstverständlich erscheint und das Wie nur noch nach dem Prinzip betrachtet wird: "Was betrifft mich am wenigsten?" Dabei würde doch gerade die Vorstellung, dass eine Armee nur im aller äußersten Notfall als ultima ratio eingesetzt werden sollte, wie das den meisten Bundesbürgern ganz selbstverständlich erscheint, nahelegen, diese Bremse nicht nur in die Verfassung zu schreiben, sondern auch mit aktiven Wächtern in der Praxis zu versehen wie das bisher der Fall war und jetzt in Frage gestellt wird. das könnte sich als verhängnisvoller Fehler erweisen! Die Bundeswehr wäre nicht die Bürgerarmee und die Bundesrepublik läge vielleicht längst in Schutt und Asche, wenn von Anbeginn die Wehrpflicht nicht eine wirksame Bremse gegen militärische Abenteuer dargestellt hätte.
gloriaD 12.06.2010
3. Ach ja, die Geschichte mit der Geschichte .... II
Zitat von mundiAls 1952/53 im Bundestag um die Änderung des Grundgesetzes zwecks Wehrpflicht gerungen wurde, gab es leidenschaftliche Debatten, quer durch alle Parteien. Die Lage war ernst, der Westen fühlte sich durch die zum Aufmarsch bereiten Warschauer Pakt-Staaten mächtig bedroht. Trotzdem ist die Entscheidung für die Wehrpflicht den Abgeordneten sehr schwer gefallen, denn Viele haben noch persönlich das Elend eines Soldaten im Krieg erlebt. Ich behaupte: Würde man heute versuchen, die Wehrpflicht neu einzuführen, gäbe es im Bundestag keine Mehrheit, geschweige eine 2/3 Mehrheit. Somit wäre das Aussetzen der Wehrpflicht der richtige Schritt.
Nein, die Diskussion ging 1952/53 nicht eigentlich um die Wehrpflicht, sondern um die "Remilitarisierung der Bundesrepublik", wie das so selbst von den Verfechtern dieser Politik ganz offen genannte wurde, also um das Ob der erneuten Aufstellung von Streitkräften. Das scheint heute gänzlich vergessen zu sein. Dass es - wenn schon - eine Wehrpflichtarmee sein würde, war nicht wirklich streitig. Die alten Nazi-Offiziere, die Ihre Bereitschaft zum Mitmachen davon abhängig machten, wurden inklusive SS!! durch Ehrenerklärung der USA in voller Kenntnis deren Kriegsverbrechen und Vökermordaktionen rehabilitiert (mit Verbrechern zusammenzuarbeiten, gehörte schon damals zur Politik der USA!). Nein, "der Westen" fühlte sich 1952/53 nicht "durch die zum Aufmarsch bereiten Warschauer Pakt-Staaten mächtig bedroht". Die Gründung des Warschauer Paktes 1955 war die Antwort auf den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur "Westeuropäische Union", die am 23.10.1954 als kollektiver militärischer Beistandspakt gegründet wurde. Die Einrichtung der Wehrpflicht war nicht die Antwort auf irgendeine - inzwischen weggefallene - Bedrohung von außen, sondern Antwort auf die vorausgegangene Entscheidung zur Remilitarisierung Deutschlands. Wenn schon wieder Armee, dann sollte es nicht eine sein, die als Staat im Staat existieren kann, sondern eine, die in vollem Umfang in der Hand der Bürger ist. Daher stammt die Idee vom "Bürger in Uniform" und so hat sich die Bundeswehr im Laufe der Jahrzehnte - bei aller angebrachten Kritik im Detail - zu einer beachtlich demokratischen Bürgerarmee entwickelt. Die Verhältnisse haben sich in 60 Jahren geändert. Die Gefahr der alten Nazi-Generale gibt es nicht mehr. An deren Stelle ist die Gefahr der neuen Weltstrategen getreten, die überall auf der Welt Märkte und Handelswege, Profite und Herrschaftsansprüche mit militärischer Gewalt sichern wollen. Da gilt es um so mehr, dafür zu sorgen, dass das militaristische Instrumentarium nicht lediglich in der immer weniger wirksamen parlamentarischen Kontrolle bleibt, sondern dass es unmittelbar die Bürger in ihrer ganzen Breite betrifft, wenn wieder zum Krieg geblasen wird. Wenn es überhaupt ein einigermaßen wirksames Mittel der Kontrolle gegen den Missbrauch militärischer Mittel gibt, dann ist es das der unmittelbaren Betroffenheit der Gesellschaft insgesamt. Die abenteuerliche Afghanistan-Strategie wäre kaum denkbar, wenn es Wehrpflichtige getroffen hätte. Wir wüssten viel mehr über das, was dort wirklich passiert, wenn Wehrpflichtige tagtäglich von dort berichten würden, denen nichts schlimmeres als das Beste passieren könnte: die Entlassung, und nicht Zeit- und Berufssoldaten, die um ihren Job fürchten müssen, wenn sie offen berichten.
Skade, 12.06.2010
4. besondere Verankerung in der Gesellschaft
Familienministerin Schröder meint also das die Bundeswehr für eine besondere Verankerung in der Gesellschaft sorgt. Aber doch nur im männlichen Teil der Gesellschaft. Ist das nich ein ziemliches "Ungleichgewicht" oder will sie ihre Geschlechtsgenossinnen jetzt auch zur Bundeswehr schicken?
sukowsky, 12.06.2010
5. Das gibt es auch selten
Das gibt es auch selten, dass ein Verteidigungsminister seine Soldaten im Regen stehen läßt, es sei denn es ist der ausdrückliche Wunsch der Generäle die für die heutigen militärischen Aufgaben Soldaten benötigen die auch für die Einsätze taugen.
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