AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2010

SPIEGEL-Gespräch "Die Moderne ist eine Haltung"

Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven über seinen heftig umstrittenen Masterplan für den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, die deutsche Historismus-Seligkeit und die Schönheit des Notwendigen.

DPA

SPIEGEL: Herr Ingenhoven, vor 13 Jahren haben Sie den Wettbewerb für den neuen Hauptbahnhof in Stuttgart gewonnen. Zu sehen ist davon wenig. Stattdessen treffen sich die Gegner Ihres Entwurfs zu Montagsdemonstrationen und skandieren Ihren Namen, als gelte es, Ihren Skalp zu fordern. Haben Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 25/2010
SPIEGEL-Gespräch mit Margot Käßmann

Ingenhoven: Nein, natürlich nicht. Aufgeben ist keine Option für mich. Das wäre anders, wenn ich von dem, was ich da tue, weniger überzeugt wäre. Ich habe mich auch viele Jahre nicht zum Projekt "Stuttgart 21" geäußert, ich hatte das Gefühl, meine Energien für die eigentliche Arbeit aufsparen zu müssen.

SPIEGEL: Gefällt Ihnen noch, was Sie vor über einem Jahrzehnt entworfen haben?

Ingenhoven: Ja. Sehr.

SPIEGEL: Ihren Gegnern missfällt fast alles. Da Sie den Bahnhof, der bisher ein Sackbahnhof ist, unter die Erde legen, entsteht überirdisch ein Platz. Die Lichtaugen, die Sie für diesen Platz entworfen haben, werden als "futuristische Pickel" verlacht. Außerdem provoziert Ihr Plan, die Seitenflügel des jetzigen Bahnhofsgebäudes abzureißen, heftigen Widerspruch. Das muss Sie doch frustrieren.

Ingenhoven: Nein, es frustriert mich nicht, ich verstehe manches nur nicht. Ich habe 1997 einen offenen, fairen Wettbewerb gewonnen, die Begeisterung war groß. Dann gab es noch ein Planfeststellungsverfahren. Das wurde 2005 mit einer Genehmigung abgeschlossen. Es konnten Eingaben gemacht werden. Es war also ein durch und durch demokratischer Prozess. Man wird doch dann irgendwann mit dem Bauen beginnen dürfen. Und das tun wir jetzt ja auch.

SPIEGEL: Dennoch empfinden viele Stuttgarter das Projekt als von oben verordnet. Die Gegnerschaft positioniert sich mit Begriffen wie Runder Tisch oder Montagsdemo als Bürgerbewegung von unten.

Ingenhoven: Die Leute haben ja das gute Recht, das Montagsdemonstration zu nennen, aber um es mal sehr ernst auszudrücken: Ich empfinde diesen Verweis auf die Demonstrationen in Leipzig vor der Wende als Missbrauch einer der vielleicht überzeugendsten Bewegungen, die es auf deutschem Boden überhaupt gegeben hat. Insofern würde ich anstelle meiner Gegner bescheidener sein. Ich würde schlicht sagen: Ich bin gegen den Abriss des Nordflügels. Das ist völlig in Ordnung, das kann man ja sein. Man darf aber bei allem Ärger, den wir jetzt haben, nicht vergessen, dass wir 1997, als wir den Wettbewerb für uns entschieden haben, jede Volksabstimmung gewonnen hätten.

SPIEGEL: Warum ist die Stimmung gekippt?

Ingenhoven: Wenn ein Projekt neu ist, wenn es überzeugend ist, sind die Leute angetan. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Bedenken kommen hoch. Dann die politische Dimension: Es standen einige Landtags- und Kommunalwahlen an. Wenn man sich als Politiker von anderen unterscheiden muss, dann nutzt man ein solches Projekt für seine Zwecke.

SPIEGEL: Die Grünen sprechen sich schon lange gegen "Stuttgart 21" aus. Aber wenn nicht einmal eine ökologisch geprägte Partei für ein Bahnhofsprojekt zu gewinnen ist, das mehr Menschen dazu bringen soll, mit der Bahn zu fahren, wen wollen Sie dann noch überzeugen?

Ingenhoven: Ich glaube nicht, dass die Grünen ursprünglich gegen das Projekt waren. Aber sie sind ja eine populäre Partei in Stuttgart und ambitioniert, einmal den Bürgermeister zu stellen. Sie meinen wohl, es wäre besser, zum Lager der Gegner zu gehören. Als ich den Wettbewerb gewann, war ich 37 Jahre alt und habe scherzhaft gesagt, schön, dass ihr einen jungen Architekten ausgesucht habt, ich werde wohl noch erleben, dass der Bahnhof fertig wird. Das war als Scherz gemeint. Jetzt werde ich darüber wohl eher 60 werden. Schon herb.

SPIEGEL: Zehn Jahre Baustelle mitten in der Stadt - können Sie nicht verstehen, dass das den Leuten nicht passt?

Ingenhoven: Das verstehe ich gut, einerseits. Andererseits haben wir doch eine schöne Perspektive vor Augen. Wenn der Bahnhof unter der Erde liegt, erweitert sich die Fläche der Innenstadt um 20 bis 30 Prozent. Wir haben jede Chance, einen nachhaltigen neuen Stadtteil zu entwickeln. Ich finde es schade, dass ich mich - nicht nur in Stuttgart - konfrontiert sehe mit einer Situation, in der es schwierig geworden ist, städtebauliche Veränderungen durchzusetzen. Also alles, was mit Mühen einhergeht, mit Baulärm, mit Sperren von Teilen einer Stadt. Je älter unsere Gesellschaft wird, desto weniger kann sie Einschränkungen akzeptieren.

SPIEGEL: Aber ist das nicht eine verständliche Überforderung? Die Menschen haben das Gefühl, dass zu viel Liebgewonnenes abgerissen wird und wenig Überzeugendes an dessen Stelle tritt.

Ingenhoven: Ja, ich verstehe das auch. In der Nachkriegszeit ist eine Menge abgerissen worden, was man nicht hätte abreißen müssen. Doch dass es jetzt bis dahin geht, die Dinge, die lange weg sind, wiederhaben zu wollen, das finde ich problematisch. Die Frauenkirche in Dresden sollte ein Ausnahmefall bleiben. Ich habe verstanden, dass man die wiederhaben wollte, das hatte einen großen emotionalen Mehrwert. Aber nun ist sie zum Tor geworden, durch das die Retro-Kohorte reitet. Überall wird rekonstruiert.

SPIEGEL: Wieso sollte das eine Projekt einen emotionalen Mehrwert haben und andere nicht?

Ingenhoven: Es ist ein Ausdruck des Scheiterns, dass die Generationen, die heute als verantwortlich gelten, es wagen, die Vergangenheit wie eine Trickkiste zu behandeln, aus der sie mal dieses, mal jenes herausziehen.



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Heinzer 26.06.2010
1. Die Bahn gehört über die Erde
In dem Artikel heisst es "... erweitert sich die Fläche der Innenstadt um 20 bis 30 Prozent". Das bedeutet, dass diese Fläche dann mit Autos zugestellt und mit neuen Straßen zugepflastert werden soll? (Nach dem Motto: die Bahn kommt unter die Erde damit Autos die Stadt noch mehr verpesten können?). Oder sollen dort Parks und öffentliche Flächen entstehen? Generell stehe ich dem Ansatz Bahnen (also auch U- und S-Bah) unter die Erde zu verlegen sehr kritisch gegenüber. Denn eine Bahn unter der Erde verhindert auch das Menschen damit fahren wollen oder können. Entweder ist es Angst (Nachts allein durch dunkle Tunnel und Rolltreppen tief in den Untergrund absteigen) oder es wird verhindert das Menschen mit schwerem Gepäck, Kinderwagen oder Fahrrädern mit Gepäck vernünftig die Gleise erreichen können. Fahrstühle an Bahnhöfen sind oftmals nach der Ankunft eines Zuges durch Reisenden mit Rollkoffer komplett ausgelastet, so dass man mit einem Kinderwagen oder Fahrrad schonmal zehn oder fünfzehn Minuten warten kann bis man an die Reihe kommt. Vordrängeleien und Pöbeleien an Gleis-Fahrstühlen habe ich schon des öfteren erlebt. Wenn man dann noch einen Gleiswechsel machen muss um einen Anschlusszug zu erreichen und nur ein paar Minuten Zeit dazu hat (weil die Bahn mal wieder Verspätung hat), dann ist das mehr als unangenehm. Die Bahn gehört über die Erde. In den Sichtbereich der Menschen. Ebenerdig erreichbar für alle Menschen mit schwerem Gepäck oder Behinderungen. Alle Gleise müssen ohne Barrieren von jedem Menschen schnell erreicht werden können. Das sollte für alle Bahnhöfe selbstverständlich sein! Das ist meine Meinung. Heinzer.
6fp 26.06.2010
2. Darum geht´s nicht!
Meiner Meinung nach geht´s bei Stuttgart21 doch gar nicht um Kritik an der Architektur, die ich persönlich toll finde, sondern um 10 Jahre massivste Behinderungen und Einschränkungen für das Versenken von - mit Sicherheit weit - mehr als 4Milliarden € für absolut lächerliche Fahrzeitreduktionen der Bahn. Es geht überhaupt nicht um alt gegen neu, sondern um den Nutzen u Mehrwert den diese Maßnahme erbringt. Natürlich muss man erneuern, aber doch bitte nicht um jeden Preis.
avp 26.06.2010
3. Wie lauten eigentlich die Gründe der Gegner?
Davon steht im Artikel nix und warum gerade dieser Entwurf überzeugte auch nicht. Note für Interviewer: 5+
AZ1 26.06.2010
4. Was für ein erfreuliches Interview!
Zitat von sysopDer Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven über seinen heftig umstrittenen Masterplan für den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, die deutsche Historismus-Seligkeit und die Schönheit des Notwendigen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,701908,00.html
Mit Meinungen und Einsichten jenseits von Binsenweisheiten, nachvollziehbar begründet. Meine eigene Haltung zur modernen Architektur ist mir dadurch viel klarer geworden. Spätestens jetzt bin ich auch für Stuttgart 21. Hoffentlich wird es nicht nur so schön wie auf den Bildern, sondern auch alltagstauglich für Bahnreisende. Den Hbf Berlin hat der Architekt Gerkan ja ziemlich versemmelt, mit zu schmalen Bahnsteigen und anderen Schikanen. Um so wichtiger ist es, mal zu zeigen, dass es auch besser geht.
rassmo 26.06.2010
5. Die Sehnsucht nach einer Baukunst
Die Ablehnung solcher Großprojekte sind Zeichen dafür, dass die Bürger auch in der zweiten und dritten Nachfolgegeneration nicht bereit sind, die Zerstörung ihrer Städte einfach hinzunehmen und sie sind Antwort darauf, dass moderne Architekten, Stadtplaner aber auch Denkmalpfleger es in einem halben Jahrhundert nicht geschafft haben, den Bürgern Städte zu geben, die von ihnen akzeptiert und gemocht werden. Als Grund für den ständig zunehmenden Rekonstruktionswunsch nennt Rainer Haubrich (Architekturkritiker und Ressortleiter Feuilleton der Tageszeitung Die Welt) zu recht »die Enttäuschung vieler Menschen über die Ergebnisse moderner Architektur und Stadtplanung. Wären unsere wiederaufgebauten Innenstädte Wunder an Ästhetik und Sensibilität, würde sich kaum jemand für die einstigen Bauten der Feudalgesellschaft interessieren. Damit korrespondiert die Sehnsucht nach einer Baukunst jenseits der kühlen Rationalität oder oberflächlichen Effekthascherei.«
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