AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2010

SPIEGEL-GESPRÄCH "Wir wissen nichts"

Der Genomforscher Craig Venter über ein Jahrzehnt Forschung am menschlichen Erbgut, den Irrglauben an die Allmacht der Gene und die Massenproduktion künstlicher Lebensformen

Genomforscher Venter: "Sie können nicht einfach eine magische Pille nehmen"
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Genomforscher Venter: "Sie können nicht einfach eine magische Pille nehmen"


SPIEGEL: Herr Venter, als die Elite der Genforscher einst die Entschlüsselung des menschlichen Genoms betrieb, da waren Sie der große Feind. "Frankenstein", "Blutsauger", "Darth Venter" und schlicht "Arschloch" wurden Sie genannt. Warum so viel Feindseligkeit?

Venter: Na ja, wer mag es schon, besiegt zu werden? Besiegt durch bessere Planung, bessere Technik und mehr Intelligenz. Das regt die Leute natürlich auf.

SPIEGEL: Jede Wissenschaft ist Wettbewerb. Aber nicht überall führt das zu solcher Beschimpfung ...

Venter: ... nein, nein, das menschliche Genom war etwas total anderes. Es sollte das größte Ding in der Geschichte der Biologie werden. Milliarden Dollar staatlicher Förderung für ein einziges Projekt - so was hatte es nie zuvor gegeben. Und dann kommt ein Einzelner daher und besiegt die Wissenschaftler, die seit Jahren daran sitzen! Kein Wunder, dass denen das nicht schmeckte.

SPIEGEL: War es nicht eher so, dass Ihre Gegner Angst davor hatten, Sie als profitorientierter Unternehmer würden die menschlichen Gene zu Ihrem Privateigentum machen?

Venter: Ach, das ist doch völliger Unsinn. Anfangs haben Francis Collins und die anderen Leute vom Genomprojekt behauptet, meine Methode werde sowieso nie funktionieren. Und als sie dann gemerkt haben, dass sie damit falsch lagen, da haben sie eben auf persönliche Attacken gesetzt und auf den Unsinn vom Besitzrecht am Genom.

SPIEGEL: Also alles nur Propaganda?

Venter: Letztlich ist es ein Streit um nichts. Aber dieser Kampf zwischen Gemeinwohl und Kommerz - solche Storys verkaufen sich halt gut.

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SPIEGEL: Wurde die Bedeutung der Genpatente, um die der Streit damals ja tobte, denn überschätzt?

Venter: Zunächst einmal: Niemand hat das große Geld damit gemacht, außer den Patentanwälten. Und zum Zweiten: Ich halte keine Patente an menschlichen Genen. Starten Sie ruhig mal eine Patentanfrage. Dann können Sie sich davon überzeugen.

SPIEGEL: Am 26. Juni 2000 jedenfalls war es schließlich so weit: Sie und Francis Collins trafen sich im Weißen Haus ...

Venter: ... ja, ein großes historisches Ereignis. Es war schon überwältigend, im Weißen Haus vor der ganzen Welt so etwas bekanntzugeben. Für mich und mein Team war es natürlich ein großer Triumph, weil es bewies, dass wir gewonnen hatten.

SPIEGEL: Keiner von Ihnen hatte zu diesem Zeitpunkt gewonnen. Der Nobelpreisträger John Sulston, einer der Forscher vom staatlich finanzierten Genomprojekt, schreibt ...

Venter: ... ja, was schreibt er denn? Dass er und seine Leute nur ein Haufen Schwindler waren, dass sie eigentlich überhaupt nichts in der Hand hatten.

SPIEGEL: Er schreibt, dass Sie alle beide fast nichts in der Hand hatten.

Venter: Über unsere Ergebnisse wusste er doch gar nichts. Am glaubhaftesten ist er, wenn er über seine eigene Arbeit schreibt. Und darüber sagt er, dass sie geschwindelt haben. Punkt.

SPIEGEL: Es ist wohl das einzige Mal in der Geschichte, dass eine wissenschaftliche Neuheit wie ein Staatsakt verkündet wurde. Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Arrangement im Weißen Haus?

Venter: Es war ein Kompromiss. Die Leute vom öffentlichen Genomprojekt hatten Angst, dass wir ihnen den Rang ablaufen, und wir hatten Angst, dass das Weiße Haus es aussehen lassen würde, als hätte doch die andere Seite gewonnen.

SPIEGEL: Damals schien es, als habe man sich auf ein Unentschieden geeinigt. Sie aber betrachten sich selbst als Sieger?

Venter: Was spielt das für eine Rolle?

SPIEGEL: Die "New York Times" hat später das öffentliche Genomprojekt zum Sieger erklärt. Wollen Sie behaupten, das sei Ihnen egal?

Venter: Ach, die "New York Times"! Im Übrigen: Was heißt hier "Sieger"? Entscheidend ist doch am Ende, dass heute unsere Daten in den Datenbanken stehen, nicht die, die das Konsortium damals zusammengestellt hat.

SPIEGEL: Seinerzeit ist das Genomprojekt mit dem Manhattan-Projekt und mit der Mondlandung verglichen worden. Es hieß, das Wissen um die Gene werde die Zukunft der Menschheit verändern und eine der "stärksten Antriebskräfte der Weltwirtschaft" sein ...

Venter: Wer hat solches Zeug gesagt? Ich nicht. Das waren die Leute vom Konsortium.

SPIEGEL: Irrtum. All das haben Sie 1998 im SPIEGEL-Gespräch gesagt.

Venter: So? Wirklich? Eigentlich ist das Gefasel von der Mondlandung Francis Collins' Text. Ich hingegen habe immer erklärt: "Dies ist ein Wettrennen zur Start-, nicht zur Ziellinie."

SPIEGEL: Das Genomprojekt hat nicht nur viele Hoffnungen geweckt, sondern auch Ängste. Haben Sie dafür Verständnis?

Venter: Na ja, es gibt eben Menschen, die etwas über ihr Leben wissen wollen, und andere, die es vorziehen, den Kopf in den Sand zu stecken. Wobei die Angst ja nur auf dem Irrglauben beruht, dass, wer die DNA-Sequenz kenne, auch jeden Aspekt des Lebens kenne. Diesen Unfug haben dieselben Genetiker verbreitet, die auch die Angst vor der Kommerzialisierung schürten. Als man seinerzeit die ersten paar Gendefekte gefunden hatte, zum Beispiel bei der Huntington-Krankheit, da dachte man: Wer das Genom eines Menschen kennt, der weiß auch, wann und woran er stirbt. Aber das ist Blödsinn.

SPIEGEL: Die Aussagekraft des Genoms ist also gar nicht so groß?

Venter: Überhaupt nicht. Ich kann Ihnen das aus eigener Erfahrung sagen. Ich habe mein Genom ins Internet gestellt. Und viele fanden diese Vorstellung ganz schrecklich. Und was ist passiert? Gar nichts.

SPIEGEL: Immerhin zieht es Jim Watson, Mitentdecker der DNA-Doppelhelix, vor, nicht zu wissen, welche Variante des sogenannten APOE-Gens er hat - es sagt etwas aus über das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, und davor hat er Angst...

Venter: ...was für eine Torheit. In dem Alter! Watson ist über 80!

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 01.07.2010
1. Warum Massenproduktion künstlicher Arschlöcher?
Zitat von sysopDer Genomforscher Craig Venter über ein Jahrzehnt Forschung am menschlichen Erbgut, den Irrglauben an die Allmacht der Gene und die Massenproduktion künstlicher Lebensformen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,703085,00.html
Immer wenn der Mensch an der Natur herumpfuscht, was kommt dabei raus? Na klar doch,........Pfusch! Ich bin eigentlich beruhigt, dass die Menschheit alles tut, ihren Exitus zu beschleunigen.
Epistemiker 01.07.2010
2. "Entweder Glaube oder Wissenschaft, beides zusammen geht nicht."
Craig Venter ist ein kluger Mann. Seine offen geäußerte Ansicht zur Unvereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion und die selbstbewusste Haltung gegenüber dem real existierenden Wissenschaftsbetrieb an Universitäten imponieren mir.
Piri 01.07.2010
3. xxx
Zitat von EpistemikerCraig Venter ist ein kluger Mann. Seine offen geäußerte Ansicht zur Unvereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion und die selbstbewusste Haltung gegenüber dem real existierenden Wissenschaftsbetrieb an Universitäten imponieren mir.
Er ist intelligent und schlau. Klugheit und erst recht Weisheit sind etwas anderes. Vor allem Letztere ist frei von egomanischem Größenwahns.
pinogrigio 01.07.2010
4. Pfusch?
Ist Wissenschaft des Teufels? Der Mensch Krone der Schöpfung? Vielleicht sogar Ebenbild Gottes? Die allermeisten Einwände gegen Wissenschaft schlechthin resultieren aus Frömmelei. Die Wissenschaft habe sich dem Glauben unterzuordnen und der Schöpfung nicht ins Handwerk zu pfuschen. Sagt ein Wissenschaftler mal lakonisch dass wir nichts wissen, kommt bestimmt einer daher und meint, dann müsse man eben glauben!
mushukyo 01.07.2010
5. Danke.
Craig Venter hat einfach nur Recht. Danke an den Spiegel für dieses Interview!
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