AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2010

Geschichte Blutorgien vor Publikum

Historiker führen eine heftige Kontroverse: Trieben die großen Ärzte des Altertums famose Wissenschaft - oder waren sie blutige Schlächter?

Sezierung eines Leichnams (im 18. Jahrhundert): Horrorgeschichte von antiken Menschenversuchen
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Sezierung eines Leichnams (im 18. Jahrhundert): Horrorgeschichte von antiken Menschenversuchen

Von Frank Thadeusz


Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ist ein Ort kultivierter Geistespflege. Der zum Vortrag aus den Vereinigten Staaten angereiste Historiker Heinrich von Staden, 71, warnt daher mit sanfter Stimme: "Einiges von dem, was wir gleich hören werden, wird unsere moralische, ästhetische und emotionale Empfindsamkeit verletzen."

Der Experte für antike Wissenschaftsgeschichte von der US-Universität Princeton weiß um die Schockwirkung seines Forschungsgegenstands. Seit Jahrzehnten beschäftigt ihn die Frage, mit welch kühnen Methoden sich die Ärzte des Altertums anatomische Kenntnisse verschafften.

Aristoteles etwa entdeckte, dass "Schildkröten noch lange weiterleben, nachdem ihnen das Herz entfernt worden ist". Der römische Arzt Galen (129 bis 199) schnitt lebenden Schweinen das Herz heraus und ließ seine Studenten den pochenden Muskel befühlen.

Stadens jüngst in Berlin vorgetragene Lektion berührt denn auch genau jene delikate Frage, über die Historiker derzeit wieder beherzt streiten: Waren die großen Mediziner der Antike Revolutionäre ihres Fachs oder vor allem Tierquäler?

Galen zersägte bevorzugt Schweine und Ziegen. Unter sein Messer gerieten allerdings auch Wölfe, Flusspferde, Löwen und sogar ein Wal. Auf diese Weise gelangte er zu bahnbrechenden Kenntnissen über Blutkreislauf und Nervenbahnen. Doch der Medikus beließ es nicht bei diskreter Forschung hinter verschlossener Tür.

Einen einmal geglückten Versuch wiederholte Galen immer wieder und veranstaltete dabei regelrechte Blutorgien vor Publikum. "Die Heftigkeit, das Töten und die Verstümmelung waren Teil der Darbietung", befindet die Altertumswissenschaftlerin Maud Gleason von der Stanford University. Wiederholt schnallte der Meister lebende Schweine auf ein Sezierbrett, um den zwischen Faszination und Ekel hin- und hergerissenen Zuschauern zu demonstrieren, an welcher Stelle im Gehirn er das Sehvermögen lokalisierte.

Mit zylindrischen Sägen und Bohrern entfernte der antike Arzt einen Teil der Schädeldecke. Anschließend schälte er vorsichtig die äußere Hirnhaut vom Gehirn. "Nachdem du den Ventrikel eines lebenden Schweins freigelegt hast, und sogar wenn du den hinteren Ventrikel aufgedeckt hast, wirst du sehen, dass das Tier weiterhin mit den Augen blinzelt", dozierte der Doktor ungerührt.

"Aber wenn du auf den vorderen Ventrikel drückst, wo die optischen Nerven liegen, hört das Tier auf zu blinzeln, auch wenn du einen Gegenstand in die Nähe seiner Pupillen rückst."

"Sind unsere Empfindlichkeiten etwas ganz Modernes?"

Für eine andere Anordnung legte Galen den Stimmnerv von Schweinen mit einem Spezialhaken lahm, den er unter deren Rippenfell schob. Regelmäßig verblüffte er sein Publikum damit, dass die Tiere nicht mehr quiekten, obwohl er sie mit Schlägen traktierte. "Sind unsere Empfindlichkeiten etwas ganz Modernes?", fragt der Altphilologe Walter Burkert angesichts heutiger Empörung über solche Praktiken.

Dabei war auch Galen nicht frei von Skrupeln. Lebende Menschenaffen blieben von den Sezierkünsten des Meisters verschont. "Ihr Gesicht kann Schmerz und Leid auf so aufwühlende Weise ausdrücken", konstatierte er tief betroffen.

Weit weniger zimperlich waren rund 500 Jahre vor ihm die griechischen Praktiker Herophilos und Erasistratos. Sie gingen als Pioniere in die Medizingeschichte ein, Herophilos etwa lieferte erste detaillierte Erkenntnisse über den Fortpflanzungsapparat von Mann und Frau. Doch zu welchem Preis? Staden vermutet, dass die im ägyptischen Alexandria wirkenden Ärzte Menschen bei lebendigem Leib ausweideten.

Staden beruft sich auf den römischen Chronisten Celsus, der in seiner medizinischen Enzyklopädie berichtet: "Herophilos und Erasistratos sezierten Verbrecher, die ihnen die Könige aus dem Gefängnis hatten bringen lassen, und besahen jene vom Atem erhaltenen Dinge, welche die Natur verborgen hat."

Doch die These von Herophilos und Erasistratos als blutrünstigen Schlächtern ist nicht unwidersprochen. "Das ist einfach Rufmord", behauptet jetzt der US-Historiker Richard Carrier.

Tatsächlich war das Sezieren selbst des menschlichen Leichnams in der Antike verpönt und den Ärzten durch den hippokratischen Eid untersagt. "Warum hätten sie sonst Tiere viviseziert, um Hinweise auf die menschliche Physiologie zu bekommen?", argumentiert Carrier.

Womöglich habe in alter Zeit ein Konkurrent eine Intrige gegen die Beschuldigten inszeniert. Plausibel sei auch eine andere Variante, glaubt Carrier: Mediziner wie Galen übertrugen ihre aus den Tierexperimenten geschöpften Erkenntnisse unterschiedslos auf den Menschen. "Das kann sich schnell so anhören, als zerlege er einen Menschen, aber tatsächlich vivisezierte er ein Tier."

Beruht die Horrorgeschichte von den antiken Menschenversuchen demnach auf einem banalen Irrtum?

Gewiss ist: Die Geschichte der antiken Medizin kennt etliche falsche Deutungen - und Galen trug selbst durchaus fleißig seinen Teil dazu bei. Etwa mit der Annahme, in der linken Herzkammer werde das Blut durch ein Feuer gereinigt. Die Lunge, so folgerte Galen, kühle das Herz wie ein Blasebalg und führe den Rauch ab. Diese Sichtweise gilt inzwischen als überholt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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normen.kruschat 30.06.2010
1. nicht wirklich neu...
Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu: Bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts hat bereits Norbert Elias in seinem "Prozess der Zivilisation" auf diesen Umstand hingewiesen. Zum Beispiel widmet er ein Kapitel genau diesem Umstand. Im wesentlichen Begründet er damit die Veränderungen im Triebshaushalt der Menschen an den Höfen Europas, die er untersucht. Die Frage, die er untersucht sind Dinge, die peinlich sind und Schamgrenzen überschreiten. Auch die Kritik Duerrs ändert daran nichts (er hat den Elias eigentlich falsch verstanden wollen). Akteullere Forschungen, wie "Wie macht man Soldaten" (Treibel), Jean-Claude Kaufmanns Untersuchungen (Er arbeitet die Kapitel von Elias ab) sowie auch die Untersuchungen nach Foucault und neuere Subjekt-/Individualisierungstheorien haben genau diesen Umstand bereits untersucht. Was als "schockierende Erkenntnis" präsentiert wird, ist eigentlich schon ein alter Hut. Zum hundersten Mal durchgewalkt etc. Die Soziologen haben sich damit schon genüsslich auseinander gesetzt. Muss man vielleicht nur mal berücksichten. Was als Konsequenz vielleicht daraus genommen werden sollte, wäre mehr Interdisziplinarität. Universitäten müssten sich als Anstaltenj Jenseits der Disziplingrenzen verstehen lernen. Da kommt man dann aber in die völlig unzivilisierten Nierderungen von BAFÖG, Prüfungsordnungen und der Frage, wie Studiert man heute. Vielleicht sollte man auch dort nachdenken, ob man jedem Denker Möglichkeiten verschafft oder ob man nur "das immergleiche" hören möchte. Die Frage also, wie aus Unis eben keine "Verwahranstalt für IDeen und Wissen" werden, sondern dieses nach der üblichen Tradition der Forschung seit dem Einschlag arabischer Quellen im Mittelalter zu einer kritischen Praxis, daher zu einem zweifelndem Hinterfragen üblicher Selbstverständlichkeiten führt - genau daran sollte man sich abarbeiten. Wie soll das Gelingen in der Hegemonie des Wettbewerbs? Gute Forschung braucht Freiräume und Zeit. Die Realität sieht nur Wettbewerbsfähigkeit und Dauerkontrolle vor - wer hat da noch richtig gute Ideen?
einblick1984 30.06.2010
2. grausige Vorstellung, aber wertvolle Erkenntnis
Der Artikel wirkt sehr stark wie eine Gruselgeschichte, aber wenn man ehrlich ist, so bemerkt man, wie wichtig genau solche Praktiken für die medizinische Erkenntnis waren. Zum Glück gibt es heute CT's und MRT's, etc. so dass die inneren Mechanismen ohne Blutvergießen und Gewalteinwirkung zu Tage rücken können, aber bis dahin war es ein langer Weg und die medizinischen Experimente der Nazis in jüngerer Geschichte bergen ähnliche Greueltaten. Vielleicht liegt es nur an der bildhaften Erzählung, dass wir einen erhöhten Ekel empfinden, denn schließlich ekeln wir uns i.a. auch nicht in ein Wurstbrot zu beißen, welches ebenso Leben forderte.
Zero Thrust 30.06.2010
3. re
Ist schon interessant, oder? Ein paar Fäden weiter oben befindet sich gerade der Thread zum Pazifische Nordkaper, bzw. dessen (absehbares) Aussterben. Und hier soll nun darüber diskutiert - oder sich gar darüber erboßt werden - was Gelehrte vor Jahrtausenden mit einzelnen Schweinen und Ziegen anstellten - oder eben auch nicht. Es hat fast den Anschein, oder, eigentlich scheint es wahrscheinlich, dass es handfeste Gründe gibt, weshalb derartigen Fragen nachgegangen wird. Natürlich sind das einerseits vollkommen legitime Fragestellungen, wir wollen wissen, wie (auch) damals geforscht und gelehrt wurde und wie Teile unseres heute selbstverständlichen Wissenskorpus dereinst zustandekamen. Aber ich glaube, das ist nicht die ganze Geschichte. Indem wir meinen, (schon) in fernster Vergangenheit "Schlächter" auszumachen, relativieren wir, womöglich auch nur unbewusst, manches, was wir heute (selbst) verbrechen. Das Ausrotten ganzer Spezies mag ein Beispiel sein, jedoch offenbar kein sehr gutes. Ich würde zunächst ein mal an so etwas denken, wie Versuchstiere und ihr Schicksal und aber natürlich auch daran, dass wir heute Tag für Tag Myriaden von Schweinen abschlachten, ohne, dass wir daraus irgendeine neue Erkenntnis gewännen, oder auch nur besonders viel von so einem Schwein zu nützen wüssten, sondern nur, um mit bestimmten Teilen seines Körpers die (quantitativ) perversen Menschenmassen auf unserem Planeten satt zu bekommen - wobei, was übrig bleibt, bekanntlich simpel entsorgt, oder aber gleich dem Nachwuchs verfüttert wird, dem dann schließlich ein selbiges Schicksal wiederfährt. :-) Wäre ich in solch ferner Vergangenheit ein "Schlächter" gewesen, mich hätte es am ehesten wohl noch auf eines der *Schlacht*felder "gereizt" - weniger wohl in Universitäten, Schulen und sonstige Lehranstalten. Ohne Zweifel, damals mag (und wird wohl) auch an diesen Orten nicht immer alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Wer wollte das erwarten? Das waren auch nur Menschen! Doch das Bild von "Blutorgien" - auf die Breite bezogen - das kauf' ich euch nicht ab. Behaltet es und werdet glücklich damit. Vielleicht hilft das ja, zu vergessen, oder auch nur zu verdrängen, was wir heute alles so anstellen. Der Leser, oder die Leserin, möchte sich fragen, ob, wäre man damals auch nur näherungsweise mit seiner Umwelt verfahren, wie wir das heute tun, es uns, heute, dann überhaupt geben würde.
ichhabeangst 30.06.2010
4. Das ist wirklich eine krasse Aussage...
Zitat von einblick1984Der Artikel wirkt sehr stark wie eine Gruselgeschichte, aber wenn man ehrlich ist, so bemerkt man, wie wichtig genau solche Praktiken für die medizinische Erkenntnis waren. Zum Glück gibt es heute CT's und MRT's, etc. so dass die inneren Mechanismen ohne Blutvergießen und Gewalteinwirkung zu Tage rücken können, aber bis dahin war es ein langer Weg und die medizinischen Experimente der Nazis in jüngerer Geschichte bergen ähnliche Greueltaten. Vielleicht liegt es nur an der bildhaften Erzählung, dass wir einen erhöhten Ekel empfinden, denn schließlich ekeln wir uns i.a. auch nicht in ein Wurstbrot zu beißen, welches ebenso Leben forderte.
ich hoffe nur, sie haben nicht genau nachgedacht in dem, was sie hier sagen. Wenn es für sie keinen Unterschied macht, ob ein Tier schnell geschlachtet oder über einen beachtlichen Zeitraum scheußliche Schmerzen ertragen muss, dann bin ich dankbar, dass ich solchen Menschen bisher nicht wissentlich begegnet bin. Zu ihren Gunsten nehme ich einmal an, sie wissen nicht, welche Schmerzen die Reizung der Hirnhäute oder der Pleura (das war wohl inherent in einigen der beschriebenen Versuche) sowohl bei Mensch und Tier verursacht und das über einen langen Zeitraum hinweg, weil es dauert bis man schließlich stirbt..... Inwieweit diese Versuche nötig waren und die Wisschenschaft voranbrachten kann man diskutieren. Genauso kann man entschuldigend einbringen, dass zu dieser Zeit mit Mensch und Tier nicht zimperlich umgegangen wurde, wohl auch wegen der zur heutigen Zeit (hoffentlich bei den meisten anderen Mitmenschen) differierender moralischer Vorstellungen. Weiterhin kann man auch anführen, dass auch heute noch eine stattliche Zahl an Tierversuchen durchgeführt wird. Aber bei einem solch unpassenden Vergleich wie den obig zitierten fehlen mir eigentlich die Worte.
frank_lloyd_right 30.06.2010
5. Irgendjemand muß es ja
Zitat von einblick1984Der Artikel wirkt sehr stark wie eine Gruselgeschichte, aber wenn man ehrlich ist, so bemerkt man, wie wichtig genau solche Praktiken für die medizinische Erkenntnis waren. Zum Glück gibt es heute CT's und MRT's, etc. so dass die inneren Mechanismen ohne Blutvergießen und Gewalteinwirkung zu Tage rücken können, aber bis dahin war es ein langer Weg und die medizinischen Experimente der Nazis in jüngerer Geschichte bergen ähnliche Greueltaten. Vielleicht liegt es nur an der bildhaften Erzählung, dass wir einen erhöhten Ekel empfinden, denn schließlich ekeln wir uns i.a. auch nicht in ein Wurstbrot zu beißen, welches ebenso Leben forderte.
mal rausfinden, manchmal retten sogar die entsetzliche fürchterbaren Schlächtereiergebnis noch Jahrhunderte später Leben, oder jedenfalls die daraus gewonnenen Erkenntnisse. Die Ethik hingegen bleibt nun mal für immer dumm, sie ist im Zweifelsfall der grausamere böse Feind.
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