Von Daniel Steinvorth, Istanbul
Als er das erste Mal Heimweh nach Deutschland verspürte, lag Ömer Küçükbay auf einer Pritsche in einer Kaserne nördlich von Antalya. Er war 20 Jahre alt, es war zwei Uhr nachts, und ein Offizier brüllte ihn an, er solle Wache halten. Aber das musste ihm erst einmal jemand übersetzen, denn Küçükbay sprach kein Türkisch, nur fließend Bayerisch.
Drei Monate währte das Experiment, dann verging Küçükbay die Lust, sich anschreien zu lassen und durch den Staub zu robben. Er fuhr wieder nach Eggenfelden und schwor sich, nie in die Türkei zurückzukehren. Das war 1991.
Der Trend der Zuwanderung hat sich eindeutig gewendet
Es kam anders. Das hatte mit seinem Vater zu tun, der in der alten Heimat einen Herzinfarkt erlitt, und mit einem Istanbuler Mädchen, in das er sich verliebte. Küçükbay eröffnete ein Teehaus, heiratete und lernte Türkisch.
Heute arbeitet der 38-Jährige in einem Callcenter in Istanbul. Hier hat er seinen Weg gemacht, in einem deutschen Unternehmen mit über 250 Mitarbeitern, bis auf wenige sind alle Deutsch-Türken. Fast alle haben sie eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Eine, die davon handelt, als Gastarbeiterkind in Deutschland aufgewachsen zu sein und dann eines Tages in die Heimat der Eltern auszuwandern, um dort sein Glück zu versuchen. Weil man sich in Deutschland nicht dazugehörig fühlte. Weil man abgeschoben wurde. Weil die Familie rief. Oder weil man in der Türkei Karriere machen wollte.
Oft sind es Geschichten gut ausgebildeter, gut integrierter Deutsch-Türken. Die große Mehrheit der Auswanderer sind junge Akademiker, die Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken kehren. Etwa 40.000 Türken und türkischstämmige Deutsche gingen im vergangenen Jahr zurück in das Land ihrer Väter, das sind 10.000 mehr als umgekehrt in die Bundesrepublik kamen. Der Trend der Zuwanderung hat sich damit eindeutig gewendet.
"Die Deutschen müssten eigentlich angeben mit uns"
Jeder dritte deutsch-türkische Student, so eine Erhebung des Dortmunder "futureorg Institut", plane seine Karriere mittlerweile in der Türkei und nicht in Deutschland. "Dort haben sie eindeutig bessere Aufstiegschancen als in Deutschland", sagt Marc Landau, Geschäftsführer der deutsch-türkischen Handelskammer. Allein bei Mercedes Benz in der Türkei sind 30 Prozent der Beschäftigten im mittleren und Top-Management Deutsch-Türken.
Die meisten Heimkehrer gehen nach Istanbul, wo der Arbeitsmarkt am vielversprechendsten und der Kulturschock am erträglichsten ist. So wie die Architektin Emine Sahin, 37, die "Muster-Integrierte", wie sie selbst sagt, die eigentlich alles hatte. Eine behütete Kindheit in einer hessischen Kleinstadt, deutsche Nachbarn, deutsche Freunde, gute Noten. Und die dann doch nicht blieb: Für einen Job als Bauleiterin zog sie von Frankfurt nach Izmir an die türkische Westküste, kurz darauf wechselte sie zu einer britischen Immobilienfirma in Istanbul, heute berät sie einen deutschen Drogeriekonzern, der in der Türkei neue Märkte erschließen will.
Sahin sagt, sie sei in Deutschland nie wegen ihres Namens oder ihrer Herkunft diskriminiert worden, aber vieles sei dort kleingeistiger und weniger dynamisch als im Boomland Türkei. "Noch haben nicht alle begriffen, welches Potential von den gut ausgebildeten Deutsch-Türken ausgeht. Wer zwischen zwei Welten wandert, kommt besser mit der Globalisierung zurecht. Die Deutschen müssten eigentlich angeben mit uns."
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