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Ausgabe 26/2010

Emigration: Kültürschock in Istanbul

Von Daniel Steinvorth, Istanbul

Mehr Türken gehen inzwischen aus Deutschland in die Türkei als umgekehrt. Im Boomland am Bosporus bekommen sie dank ihrer deutschen Ausbildung oft bessere Gehälter und attraktivere Stellen, begegnen aber auch vielen Vorurteilen.

Als er das erste Mal Heimweh nach Deutschland verspürte, lag Ömer Küçükbay auf einer Pritsche in einer Kaserne nördlich von Antalya. Er war 20 Jahre alt, es war zwei Uhr nachts, und ein Offizier brüllte ihn an, er solle Wache halten. Aber das musste ihm erst einmal jemand übersetzen, denn Küçükbay sprach kein Türkisch, nur fließend Bayerisch.

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Der Gastarbeitersohn aus Eggenfelden in Niederbayern hatte sich aus einer Laune heraus für den Militärdienst in der Türkei verpflichtet. Aus Zuneigung zu einem Land, das er eigentlich nur aus dem Urlaub kannte. "Aber irgendwie war ich auch in Deutschland nur ein Ausländer", sagt er, "für meine Mitschüler war ich nun mal Türke. Also wollte ich mal ausprobieren, wie es ist, ein Türke zu sein."

Drei Monate währte das Experiment, dann verging Küçükbay die Lust, sich anschreien zu lassen und durch den Staub zu robben. Er fuhr wieder nach Eggenfelden und schwor sich, nie in die Türkei zurückzukehren. Das war 1991.

Der Trend der Zuwanderung hat sich eindeutig gewendet

Es kam anders. Das hatte mit seinem Vater zu tun, der in der alten Heimat einen Herzinfarkt erlitt, und mit einem Istanbuler Mädchen, in das er sich verliebte. Küçükbay eröffnete ein Teehaus, heiratete und lernte Türkisch.

Heute arbeitet der 38-Jährige in einem Callcenter in Istanbul. Hier hat er seinen Weg gemacht, in einem deutschen Unternehmen mit über 250 Mitarbeitern, bis auf wenige sind alle Deutsch-Türken. Fast alle haben sie eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Eine, die davon handelt, als Gastarbeiterkind in Deutschland aufgewachsen zu sein und dann eines Tages in die Heimat der Eltern auszuwandern, um dort sein Glück zu versuchen. Weil man sich in Deutschland nicht dazugehörig fühlte. Weil man abgeschoben wurde. Weil die Familie rief. Oder weil man in der Türkei Karriere machen wollte.

Oft sind es Geschichten gut ausgebildeter, gut integrierter Deutsch-Türken. Die große Mehrheit der Auswanderer sind junge Akademiker, die Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken kehren. Etwa 40.000 Türken und türkischstämmige Deutsche gingen im vergangenen Jahr zurück in das Land ihrer Väter, das sind 10.000 mehr als umgekehrt in die Bundesrepublik kamen. Der Trend der Zuwanderung hat sich damit eindeutig gewendet.

"Die Deutschen müssten eigentlich angeben mit uns"

Jeder dritte deutsch-türkische Student, so eine Erhebung des Dortmunder "futureorg Institut", plane seine Karriere mittlerweile in der Türkei und nicht in Deutschland. "Dort haben sie eindeutig bessere Aufstiegschancen als in Deutschland", sagt Marc Landau, Geschäftsführer der deutsch-türkischen Handelskammer. Allein bei Mercedes Benz in der Türkei sind 30 Prozent der Beschäftigten im mittleren und Top-Management Deutsch-Türken.

Die meisten Heimkehrer gehen nach Istanbul, wo der Arbeitsmarkt am vielversprechendsten und der Kulturschock am erträglichsten ist. So wie die Architektin Emine Sahin, 37, die "Muster-Integrierte", wie sie selbst sagt, die eigentlich alles hatte. Eine behütete Kindheit in einer hessischen Kleinstadt, deutsche Nachbarn, deutsche Freunde, gute Noten. Und die dann doch nicht blieb: Für einen Job als Bauleiterin zog sie von Frankfurt nach Izmir an die türkische Westküste, kurz darauf wechselte sie zu einer britischen Immobilienfirma in Istanbul, heute berät sie einen deutschen Drogeriekonzern, der in der Türkei neue Märkte erschließen will.

Sahin sagt, sie sei in Deutschland nie wegen ihres Namens oder ihrer Herkunft diskriminiert worden, aber vieles sei dort kleingeistiger und weniger dynamisch als im Boomland Türkei. "Noch haben nicht alle begriffen, welches Potential von den gut ausgebildeten Deutsch-Türken ausgeht. Wer zwischen zwei Welten wandert, kommt besser mit der Globalisierung zurecht. Die Deutschen müssten eigentlich angeben mit uns."

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insgesamt 201 Beiträge
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1. auch das noch
blowup 03.07.2010
Jetzt wandern auch schon die anpassungsfähigen, fleißigen und fähigen Türken aus. Dass deutsche Spitzenkräfte - Forscher oder Ärzte - diesem Land den Rücken kehren, daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Und die, die bleiben, verzichten meist auch auf Kinder. Exodus. Deutschland - ein Land, dass nicht viele Chancen mehr bietet und Initiative im Würgegriff von Politik und Bürokratie erstickt. Tja, iegendwann wird sich der Träge und aufgeblähte Apparat mal Gedanken machen müssen, wen er jetzt noch ausplündern kann.
2. Ausbilundgsniveau Auswanderer/Zuwanderer
xsreality 03.07.2010
Wäre gut zu wissen wie hoch das Ausbildungsniveau der Auswanderer und wie hoch das Ausbildungsniveau der Zuwanderer ist. Schätze mal die Türken, die hier ihren Uni-Abschluss gemacht haben gehen in die Türkei, und die Ungelernten Türken kommen nach DE.
3. Andere Punkte
schweineigel 03.07.2010
Erstens: Wie sieht es eigentlich mit den anderen Einwanderern aus? Ich habe das Gefühl, dass es irgendwie auch weniger Italiener oder Griechen gibt. Und was ist mit Amerikanern und Engländer (nach der Besatzungszeit)? Zweitens: Die Grafik Bild-4/5 scheint schon vor 2000 so eine Tendenz gehabt zu haben. Ansonsten wundere ich mich, dass hier nicht auf Grafiktricks zurückgegriffen wurde, wie logarithmische oder abgeschnittene Skalen. Die Kurven zeigen eine recht dramatische Entwicklung. Drittens: Es gibt auch sehr viele deutsche "Arbeitsmigranten", die es nach Österreich, Schweiz u.s.w zieht. Und jetzt zieht es viele "sogar" in die Türkei? Und dabei haben wir doch angeblich(!) Facharbeitermangel. Es scheint hier in Deutschland ein Problem zu geben, das nicht mit den üblichen Vorurteilen und dem Selbstbild Deutschlands zu erklären ist...
4. ...
John.Moredread 03.07.2010
Natürlich. Deutschland ist besonders interessant für fundamentalistisch-religiöse Menschen, da in der Türkei die Trennung von Staat und Religion wesentlich stärker gelebt wird. Das Kopftuchverbot in türkischen Universitäten ist nur eines von vielen Beispielen. Eben daher ja auch die Vorurteile gegen Deutschländer, die ja auch im Artikel erwähnt werden. Man vermutet entweder Proleten - kann man sich wohl ganz gut vorstellen, da dieser Typ Mensch auf der ganzen Welt anzutreffen ist - oder aber religiöse Fundamentalisten, auf die Türken in der Türkei nicht gut zu sprechen sind.
5. Da...
mr_supersonic 03.07.2010
Zitat von sysopMehr Türken gehen inzwischen aus Deutschland in die Türkei als umgekehrt. Im Boomland am Bosporus bekommen sie dank ihrer deutschen Ausbildung oft bessere Gehälter und attraktivere Stellen, begegnen aber auch vielen Vorurteilen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,704114,00.html
...ist das Problem: Zitat aus dem Beitrag: "Fünf Jahre wartete sie, dann kam der Entscheid. Ihr unregelmäßiges Einkommen sei das Problem, hieß es in der Ablehnung. Wenn sie einen deutschen Pass wolle, brauche sie eine Festanstellung. Gehen Sie doch irgendwo putzen, sagte ihr die Frau vom Einwohnermeldeamt. "Das habe ich dankend abgelehnt", sagt ¿ükriye Dönmez, "und bin stattdessen in die Türkei gefahren."" Deutsche Behörden werden es schon schaffen, dass Deutschland den Bach runtergeht.....
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Türken in Deutschland
Zahl der türkischstämmigen Zuwanderer
In Deutschland leben 2,8 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Damit sind die Türken die zweitgrößte Zuwanderergruppe nach den deutschstämmigen Aussiedlern aus den ehemaligen Ostblockstaaten. Rund ein Drittel der türkischstämmigen Bevölkerung besitzt einen deutschen Pass.
Grund der Zuwanderung
In den Zeiten des „Wirtschaftswunders“ schloss die Bundesrepublik 1961 mit der Türkei ein Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Rund ein Drittel der türkischstämmigen Migranten ist aufgrund der Arbeit gekommen. Einen großen Teil der Zuwanderer aus der Türkei machen Familienmitglieder oder Familiennachzügler aus.
Integration
Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kam 2009 zu dem Ergebnis, dass die türkischstämmigen Zuwanderer verglichen mit anderen Migranten in Deutschland besonders schlecht integriert sind. Von den Zuwanderern aus der Türkei und ihren Kindern haben 30 Prozent keinen Schulabschluss, nur 14 Prozent schaffen das Abitur; das sind nicht einmal halb so viele wie im Durchschnitt der deutschen Bevölkerung.