AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2010

Vereinigte Arabische Emirate Ein Prinz zu viel

Mit einer millionenschweren PR-Kampagne kämpft ein verstoßener Scheich um die Macht im Golf-Emirat Ras al-Chaima - und versucht, westliche Medien und Politiker zu manipulieren.

AFP

Von und


Der greise Herrscher liegt im Sterben, nacheinander treten die Söhne an sein Krankenbett, darunter auch der seit langem verstoßene Erstgeborene. Alle versuchen sie, ihren Anteil an seinem Reich zu bekommen. Der verstoßene Sohn will sogar das ganze Erbe für sich allein zurück. Doch der Alte erkennt seine Söhne schon nicht mehr. Verwechselt Mohammed mit Faisal und Chalid mit Saud.

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Heft 27/2010
Ein Plädoyer für ein einheitliches Schulsystem

Was sich derzeit hinter der streng bewachten Tür des Krankentrakts A im "Scheich Chalifa"-Krankenhaus von Abu Dhabi abspielt, ist der Stoff für Shakespeare-Dramen. Nur dass es um Weltpolitik geht, nicht bloß um eine Hofintrige.

Seit Ende April liegt Scheich Sakr Bin Mohammed Al Kassimi auf der Intensivstation, Herrscher seit 62 Jahren über das so unbekannte wie strategisch bedeutsame Emirat Ras al-Chaima. Über 90 Jahre soll der Scheich sein und damit der älteste Monarch der Welt. Nun aber todkrank, mit streitenden Söhnen am Sterbebett.

Ras al-Chaima ist das nördlichste der sieben vereinigten Emirate, 100 Kilometer von Dubai entfernt, in unmittelbarer Nähe der Straße von Hormus gelegen, der Meerenge, durch die täglich 17 Millionen Barrel Rohöl transportiert werden. Das ist auch der Grund, warum die Erbfolgekämpfe von Ras al-Chaima selbst in Washington verfolgt werden.

Das Emirat macht seit einiger Zeit sonderbare Schlagzeilen. Ras al-Chaima sei ein Knotenpunkt für den illegalen Handel mit Iran, berichten Zeitungen in den USA, in Israel und Kanada. Die Regierung fördere Teherans Atomprogramm, auch diene das kleine Reich als Operationsbasis für iranische Terrorzellen. Diese hätten etwa versucht, das höchste Gebäude der Welt zu sprengen, den Burdsch Chalifa in Dubai. Wegen der unklaren Sicherheitslage sei überdies die Segelregatta America's Cup vor Ras al-Chaima abgesagt worden.

Diese Schlagzeilen sind vermutlich aber kein Zufall, sondern Teil einer hochprofessionellen Lobby- und Medienkampagne, die der vor sieben Jahren als Kronprinz abgesetzte Scheich Chalid Bin Sakr gegen seinen Bruder Saud führt. Chalid will sich als Mann Washingtons aufbauen und durch Warnungen vor der iranischen Gefahr sein Emirat zurückgewinnen.

Warum Chalid 2003 abgesetzt wurde, drang nie an die Öffentlichkeit. Fest steht nur, dass ihm in seiner bis dahin mehr als 30-jährigen Zeit als faktischer Herrscher nicht gelang, was sein jüngerer Bruder und Nachfolger Saud in den fünf Boom-Jahren danach schaffte: aus dem Emirat ein kleines Dubai zu machen.

"100 Prozent steuerfrei - 100 Prozent Eigentum"

Gleich hinter der Landesgrenze wirbt eine Tafel mit den wesentlichen Vorzügen des Emirats für seine Freihandelszone: "100 Prozent steuerfrei - 100 Prozent Eigentum".

Am Strand reihen sich die Bettenburgen, eine Art Costa Brava am Persischen Golf. Entlang der Straßen funkeln Shopping-Malls, Autohäuser, Hotels und Filialen diverser Handelsfirmen. Bisweilen hängt an Häuserwänden das Bild eines bärtigen, ein wenig an den Beatle Ringo Starr erinnernden Mannes mit Ray-Ban-Sonnenbrille: Das ist der geliebte Herrscher, Scheich Sakr, in jüngeren Jahren.

Es hat viel Geld gekostet, gegen dieses blühende Emirat so viel Stimmung zu machen, dass manche es in Washington mittlerweile als eine Art Schurkenstaat sehen.

Scheich Chalid, der gestürzte Kronprinz, hat das Geld. Mit professioneller PR gelang es ihm, amerikanische Abgeordnete, Senatoren und Diplomaten zu überzeugen, das kleine Ras al-Chaima sei in Wahrheit der willige Helfer des Mullah-Regimes in Teheran.

Die Kampagne erinnert an den Fall des Irakers Ahmed Tschalabi, Gründer des oppositionellen "Irakischen Nationalkongresses" im Exil. Nach dem 11. September 2001 redete er der US-Regierung ein, der irakische Diktator Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen und stecke mit al-Qaida unter einer Decke - frei erfundene Märchen, wie nach der US-Invasion in den Irak von Journalisten wie Bob Woodward aufgedeckt wurde. Tschalabi hatte sich der Hilfe einer prominenten Washingtoner PR-Firma bedient: Black, Kelly, Scruggs & Healey.

Auch Scheich Chalid ließ sich in der US-Hauptstadt zunächst als deren Kunde registrieren. Im Juli 2008 schloss er einen Vertrag mit der Agentur California Strategies. Er zahlte seither mehr als 3,7 Millionen Dollar an sie. Die PR-Firma verpflichtete sich, eine "diplomatische Kampagne" zu planen, die Scheich Chalid als "positive Führungspersönlichkeit" aufbaut.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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Frank.W, 06.07.2010
1. Darüber gibts doch schon einen Film...
http://de.wikipedia.org/wiki/Syriana Auszug: Der Energieexperte Bryan Woodman lernt den Emir eines ungenannten Staates kennen und wird zum Berater des Sohnes des Emirs, des Prinzen Nasir. Dieser plant, demokratisierende Reformen in seinem Land durchzuführen, doch sein Vater, der schwerkranke Emir, übergibt die Macht an seinen skrupellosen Bruder, der die Rückendeckung der USA hat. Nasir will den Einfluss der USA auf sein Land beenden und organisiert einen Staatsstreich. Da die Interessen der USA an den Ölvorkommen in diesem Staat bedroht sind, wird Nasir von der CIA als Terrorist eingestuft, um seine Ermordung zu rechtfertigen. Der Agent Bob Barnes widerspricht dieser Einschätzung und versucht, auf eigene Faust dessen Ermordung durch eine bewaffnete Drohne zu verhindern. Er trifft allerdings zu spät ein und stirbt, zusammen mit Nasir und dessen Familie, beim Einschlag der Rakete. Bryan Woodman, der von den Zukunftsvisionen Nasirs begeistert war, entkommt dem Mordanschlag knapp und kehrt geschockt zu seiner Familie in die USA zurück. Ein weiterer Handlungsstrang erzählt, wie zwei junge Pakistaner als billige Ölarbeitskräfte im reichen Saudi-Arabien entlassen und gedemütigt werden und, von den Annehmlichkeiten einer Koranschule verlockt, immer tiefer in extremistische Kreise geraten. Sie verüben schließlich mit Hilfe eines Fischerbootes das Selbstmordattentat auf den Tanker.
LEGEIPS, 06.07.2010
2. Am besten Raushalten
Der Westen tut gut daran sich aus der Geschichte rauszuhalten. Ich hoffe man lernt da aus der Vergangenheit. Im Intrigen spinnen sind die Leute in dieser Weltregion sehr gut. Ich hoffe nur es werden keine richtigen Attentante von Provokateuren verübt die man dann der anderen Seite in die Schuhe schiebt. Die VAE und ihre Nachbarn habe zum Glück ein grosses Interesse das die Region friedlich bleibt und hoffentlich gelingt dies auch.
VPolitologeV, 06.07.2010
3. *nörgel
Einige Informationen im Artikel sind mir zu "diskret", als daß sie einfach so auftauchen würden. Dazu wird gerade bei diesen Informationen keine Quelle genannt. Wie vertrauenswürdig ist die Geschichte, und von wem kommt sie?
snickerman 06.07.2010
4. Tünche
Außen 21. Jahrhundert, im Inneren tiefstes Mittelalter. Dass er sich nicht einmal schämt, sein eigenes Land zu schädigen und zu diskreditieren! Und den Film "Syriana" wollte ich noch sehen, danke Frank W, dass ich jetzt gerade , bevor ich wegschauen konnte, schon das Ende kenne! Der Link hätte gereicht!
shi 06.07.2010
5. Usa
Aber wird davon nicht die Politik der USA seit jeher bestimmt? Von Lügen, Geld und Interessen einzelner Mächtiger.
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