Von Philipp Oehmke
Schon als er sich auf den Weg zum Kommunismus-Kongress macht, an einem Freitag morgens um fünf, von Ljubljana über Zürich nach Berlin, ärgert sich Slavoj Žižek zum ersten Mal. Wieso hält eigentlich Alain Badiou, der französische Maoist, die Einführung?
Žižek aber hat keine Zeit, sich zu ärgern. Er hat ein paar Stapel vollgeschriebener Zettel dabei, aus denen er jetzt auf den kurzen Flügen einen einstündigen Vortrag zusammenschrauben muss. Ein bisschen über Marx, viel über Hegel, über Badious "kommunistische Hypothese", die könnte er ein bisschen angreifen, über Negris Begriff der "Multitude", den könnte er sogar stark angreifen, mal sehen.
Er findet die verdammten Zettel nicht, egal, die Gedanken in ihm warten eh nur darauf herauszusprudeln. Ein Ersatz-T-Shirt für morgen oder übermorgen hat er auch dabei, es ist heiß, obwohl die Sonne in Ljubljana gerade erst aufgegangen ist, Žižek schwitzt jetzt schon, in ein paar Stunden beginnt der Kommunismus-Kongress.
Ein Wochenende Ende Juni in der Berliner Volksbühne, und die Big Three, die großen Denker der neuen Linken, sind angekündigt: Antonio Negri, Italiener, Ende siebzig, ein ehemaliger politischer Häftling, Autor von "Empire", dem bekanntesten neomarxistischen Bestseller der vergangenen zehn Jahre; Alain Badiou, Philosophieprofessor in Paris, Anfang siebzig, sehr abstrakt, Maoist und Universalist, sucht eine neue "kommunistische Hypothese"; Slavoj Žižek, Slowene, Psychoanalytiker, Philosophieprofessor in Ljubljana, Gastprofessor in Saas Fe und London, Anfang sechzig, der "Elvis der Kulturtheorie" (so der Untertitel eines Films über ihn). Oder: "Der gefährlichste Philosoph des Westens". Einer seiner erbittertsten Gegner hat ihn so genannt. Es war nicht als Kompliment gemeint, gerade deswegen gefällt es Žižek.
Der gefährlichste Philosoph des Westens?
Die drei sind Intellektuelle, aber sie sind auch Stars, wie früher Sartre und Camus, die Existentialisten, oder zuletzt Foucault, Deleuze oder Derrida, die Poststrukturalisten, alles Franzosen. Aber seit deren Hochphase, also seit bald 20 Jahren, war diese Planstelle des Pop-Philosophen unbesetzt, sieht man einmal von Bernard Hénri-Levy ab, den Žižek vor allem deswegen verabscheut, weil er immer so viel Brusthaar zeigt.
Es war der Italiener Negri, der vor zehn Jahren die linksradikale Theorie wiederbelebte. Der Sozialismus des Ostblocks war gescheitert, der US-Politologe Francis Fukuyama hatte den ewigen Sieg des Kapitalismus ausgerufen und damit "das Ende der Geschichte". Dann kam Negri. Er war theoriebeschlagen, aber auch glaubwürdig als Klassenkämpfer. Er hatte im Gefängnis gesessen, weil die Behörden ihn für das Gehirn der Roten Brigaden hielten. Der amerikanische Literaturprofessor Michael Hardt half ihm, seine Gedanken in drei Büchern zusammenzufassen. Es wurden Weltbestseller, das berühmteste ist das erste, "Empire" von 2000, eine Art neue Mao-Bibel für eine junge, hippe Anti-G-8-Linke.
Žižek, Badiou und Negri kennen sich seit Jahren, sie arbeiten mitunter zusammen, aber noch viel genauer beobachten sie, was der andere gerade macht, was er sagt oder worüber er schreibt, auch wenn sie wahrscheinlich die Bücher des anderen gar nicht lesen. Zu wenig abgehoben und zu real klassenkämpferisch ist Negri den beiden anderen; viel zu sehr im luftleeren Raum ist Badiou für Negri, und Žižek veröffentlicht so viele Bücher, dass wahrscheinlich noch nicht einmal er selbst dazu kommt, sie alle zu lesen.
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© DER SPIEGEL 27/2010
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