AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2010

Integration "Ey, Bruder, da ist Bierhoff dran"

Der Berliner Rapper Bushido über seine Liebe zu Deutschland, die neue Migrantengeneration und darüber, warum die Nationalmannschaft sich ausgerechnet mit seinem WM-Song aufgeputscht hat

ersguterjunge

Es ist der Tag der widerstandslosen Niederlage gegen Spanien, aber um sechs Uhr am frühen Abend strahlt Anis Mohamed Ferchichi, besser bekannt als Bushido, noch Siegesgewissheit aus. Schon jetzt, zweieinhalb Stunden vor Anpfiff, trägt er sein Deutschland-Trikot. Sami Khedira hat es ihm geschenkt.

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Bushido hat ihm dafür ein Lied geschrieben, "Fackeln im Wind" heißt es und handelt davon, dass ganz Deutschland hinter seiner Fußballmannschaft steht und diese nie aufgeben soll. Bushido, Halbtunesier, wuchs in Berlin-Tempelhof auf, später, als Rapper, stilisierte er sich zur bösen Stimme von der Straße. Inzwischen ist er 31, ehemaliger Drogendealer und hat seine Autobiografie veröffentlicht, sie wurde zum Bestseller und von Bernd Eichinger verfilmt.

Bushido wohnt in einer gelbgetünchten Villa im Berliner Süden, dahinten, sagt er, habe früher Gerhard Schröder gewohnt. Die Laube im Garten, dort, wo der Flachbildfernseher auf einem Kühlschrank steht, hat Bushidos Mutter mit Deutschland-Wimpeln geschmückt. Nach und nach fahren auf dem Hof vor dem Haus sehr breit bereifte AMG-getunte Mercedes vor. Ihnen entsteigen größtenteils arabische Männer, die meisten sind Brüder. Fast alle tragen die weißen Deutschland-Trikots, ein paar haben ihre Söhne dabei, Frauen sind nicht zu sehen.

Je näher der Anpfiff rückt, desto häufiger sagt Bushido: "Spanien, Alter, Scheiße, Mann." Die Zeit nach dem 0:1 verbringt er dann im hinteren Teil des Gartens, weit weg vom Geschehen, rastlos auf und ab laufend, die Arme grimmig vor der Brust verschränkt. Er ist Teil dieses Fußballprojekts, er will nicht verlieren. Nach dem Spiel räumt die Mutter klappernd die Cola-Flaschen von den Bierbänken. Ihr Sohn sitzt noch in seiner Laube, sein Gesicht in den Händen, es gibt keine Lampe, nur der stumm geschaltete Günter Netzer im Fernsehen sorgt für einen Lichtschein.

SPIEGEL: Vielleicht hätten Sie doch nach Südafrika fliegen sollen.

Bushido: Ging nicht, Mann.

SPIEGEL: Wer, wenn nicht Sie, hätte der Mannschaft die gegen Spanien so vermisste Aggressivität einflößen können?

Bushido: Die wollten auch, dass ich komme. Nach dem 4:0 gegen Argentinien, das Spiel war gerade erst zu Ende, alle freuen sich, Maradona hat seinen Zusammenbruch, rief Sami bei mir an.

SPIEGEL: Khedira.

Bushido: Er sagte: "Bushido, du musst jetzt kommen." Er habe das alles schon mit Bierhoff abgecheckt. Und dann rief Bierhoff tatsächlich an. Mein Partner bei dem Song, Kay One, war ganz aufgeregt und sagte zu mir: "Ey, Bruder, da ist Bierhoff dran." Bierhoff hatte mitgekriegt, wie die Jungs in der Mannschaft unseren Song gefeiert haben. Sogar der Bundestrainer hat gesagt: Es sei zwar nicht seine Musik, aber er findet gut, dass die Mannschaft sich damit hochpusht.

SPIEGEL: Wie muss man sich das vorstellen, dieses Hochpushen?

Bushido: Sami meinte, die Mannschaft hört das Lied im Bus und in der Kabine. Und als sie nach dem Argentinien-Spiel gegen ein Uhr nachts im Hotel ankamen, hing dort ein riesiges Poster von mir. Auf dem Bild haben sie mir schwarzrotgoldene Streifen auf die Wange gemalt. Dazu lief mein Song krass laut.

SPIEGEL: Khedira und Sie haben beide einen tunesischen Vater und eine deutsche Mutter. Kommt daher Ihre Verbindung?

Bushido: Nein. Das kommt nur obendrauf. Er war als Fan bei einem Konzert und brachte mir ein Stuttgart-Trikot mit, hintendrauf mein Name und die 7, weil ein Album von mir so heißt. Inzwischen sagen wir "Bruder".

SPIEGEL: Wie kam es zu dem Song?

Bushido: Ich habe Sami angeboten, einen Song für Südafrika zu schreiben, nur für ihn persönlich. Und er sagte: Was, das würdest du machen? Klar, kein Ding.

SPIEGEL: Wie viel Arbeit ist so ein Lied?

Bushido: Ganz ehrlich: alles in allem unter 60 Minuten. Den Text habe ich in 20 Minuten geschrieben. Ich bin durch die Straßen gefahren, habe all die Fahnen gesehen, aus den Fenstern, in den Autos, da schreibt sich so ein Text von allein. Die Beats gehen auch schnell. Und außerdem sollte der Song ja nur für Sami persönlich sein. Er sollte gar nicht veröffentlicht werden.

SPIEGEL: Aber?

Bushido: Sami sagte zu mir: Bombe! Und erzählt Journalisten davon. Eine Woche später steht in der Zeitung: Bushido rappt unseren WM-Song. Die Mannschaft hatte das so entschieden. Sogar der DFB hat ihn abgesegnet.

SPIEGEL: Dass Philipp Lahm Bushido hört, kann man sich nicht vorstellen.

Bushido: Kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber "Fackeln im Wind" ist kein typischer Song. Ich schlüpfe in keine Rolle, ich versuche weder asozial noch politisch korrekt zu sein. Das ist ein Fan-Song.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
hase0704 13.07.2010
1. ...kommt einem irgendwie bekannt vor....
SPIEGEL: Wie viel Arbeit ist so ein Lied? Bushido: Ganz ehrlich: alles in allem unter 60 Minuten. Den Text habe ich in 20 Minuten geschrieben. Ich bin durch die Straßen gefahren, habe all die Fahnen gesehen, aus den Fenstern, in den Autos, da schreibt sich so ein Text von allein. ...oder vielleicht nur 60 Sekunden oder vielleicht wieder irgendwo gefunden....
qim 13.07.2010
2. Mist, da war einer schneller...
Zitat von hase0704SPIEGEL: Wie viel Arbeit ist so ein Lied? Bushido: Ganz ehrlich: alles in allem unter 60 Minuten. Den Text habe ich in 20 Minuten geschrieben. Ich bin durch die Straßen gefahren, habe all die Fahnen gesehen, aus den Fenstern, in den Autos, da schreibt sich so ein Text von allein. ...oder vielleicht nur 60 Sekunden oder vielleicht wieder irgendwo gefunden....
Ich wollte fragen, ob sich die restlichen 40 Minuten dann aus Youtube-Recherchen für die Melodie ergeben. :-D
mzwk 13.07.2010
3. !
---Zitat--- Bushido: Die Situation der Schwarzen in den USA ist eine völlig andere. Die sind traumatisiert durch die Sklaverei. Das Trauma haben wir Araber oder Türken oder Afrikaner in Deutschland nicht. Im Gegenteil: So sehr, wie wir Einwanderer euch auf der Nase rumtanzen in eurem eigenen Land, da können wir uns nicht beschweren. Ist doch klar, dass wir Deutschland lieben. Wir ziehen euch die Transferleistungen aus den Taschen und haben trotzdem keinen Respekt vor euch Deutschen. Wir halten euch für Kartoffeln, für Opfer. So denken manche. Aber diese Haltung finde ich respektlos. ---Zitatende--- Noch Fragen? Multikulti Hooray - Marodierende Banden ziehen durch die Strassen und ermorden und schikanieren Leute - Hauptsache An(i/u)s laesst seinen Muell ab. Zeit ernsthaft ans Auswandern zu denken. Vielleicht erarbeiten ja dann Qualitaetsmigranten das Geld das dann verteilt werden soll. Frage mich nur wo die ganzen Jobs herkommen sollen...
Humboldt 13.07.2010
4. Och nee....
Zitat von sysopDer Berliner Rapper Bushido über seine Liebe zu Deutschland, die neue Migrantengeneration und darüber, warum die Nationalmannschaft sich ausgerechnet mit seinem WM-Song aufgeputscht hat http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,705940,00.html
...Danke auch, bin an vorderster Front im friedlich-patriotischen Schlandfieber mit schwarz-rot-goldener Flagge und Trikot mit meinen Freunden dabei gewesen - aber von diesem schwulen- und frauenfeindliche Möchte-doch-so-gern Kriminellen Bushido möchte ich jetzt nichts hören. Auch wen seine PR-Agentur jetzt noch schnell einen Termin mit dem SPIEGEL gemacht hat (und der denen prompt diesen so durchschaubaren Gefallen tut), um noch anbiedernd Nutznießer der Euphorie zu werden. Die Macho-Aggro-Hassgesänge von Bushido haben so gar nichts mit der fröhlichen Stimmung auf den Fanmeilen zutun. Also, Bushido, einfach das Maul jetzt halten!
ofelas 13.07.2010
5. Immer noch Schwarz - Weiss denken
Migranten, denke die Vaeter von Bushido, Khadira und Boateng sind Migranten und sie selbst sind Deutsche. Zeit das die Deutsche Medienlandschaft mal die alten Bilder ablegt.
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