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Ausgabe 28/2010

Essay: Neue deutsche Männer

Von Alexander Osang

Die Nationalelf war bei der WM Botschafter eines anderen, jungen Landes.

Neue DFB-Elf: Locker, leichtfüßig, losgelöst Fotos
Getty Images

Vor zwei Wochen stieg ich kurz vor Mitternacht in Durban, wo Deutschland später gegen Spanien verlor, zu zwei weißen Männern und einer schwarzen Frau in einen Hotelfahrstuhl. Die beiden Männer trugen Englandtrikots, die Frau war nur spärlich bekleidet. Es war ein langer Fußballtag gewesen, und die Engländer hatten offenbar ziemlich zeitig mit Bier angefangen. Ich hatte im wunderschönen Stadion in Durban gesehen, wie Holland die Slowakei niederrang, später im Fanpark am Meer, wie Brasilien Chile besiegte, und wollte ins Bett. Die Gruppe im Fahrstuhl konnte sich nicht entscheiden, ob sie aussteigen oder bleiben sollte. Schließlich sprang einer der Männer aus der Kabine, zog die Frau hinter sich her, und ich fuhr mit dem anderen Mann nach oben. Er schwankte bedenklich und kippte zwischen der zweiten und dritten Etage auf seinen Rucksack.

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"Wo kommst du her?", fragte er von dort unten.

"Aus Deutschland", sagte ich. "Tut mir leid. Ich weiß, es war ein Tor."

"Ach, scheiß auf das Tor", sagte der Mann. "Ihr wart besser. Schneller. Wir haben all die langsamen, faulen Stars mitgenommen. Terry, Lampard. Die haben doch keine Lust mehr. Ihr wart wirklich gut. Ich weiß nicht, wie ihr das hinbekommen habt. Aber das war wirklich sehr gut."

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"Danke", sagte ich und stieg aus.

"Muller, Osssil, leck mich am Arsch, verdammt gute Jungs", sagte der Mann noch. Er saß auf seinem Rucksack und lächelte. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er wusste, wo er von hier aus hin sollte, aber er wirkte nicht unzufrieden. Ein orientierungsloser, betrunkener Engländer, der einen Moment Halt gefunden hatte am neuen, deutschen Fußball. Damit war nicht zu rechnen. Und Deutschland hatte noch nicht einmal Argentinien mit vier Toren besiegt. Ich weiß nicht, wie viele Hotelangestellte, Stadionnachbarn, Fernsehkommentatoren und Taxifahrer mich in den letzten Wochen in Südafrika zum deutschen Fußball beglückwünscht haben, sie kämpften sich durch die komplizierten Namen, Swinesteiger, Close, sie lächelten verzückt und bewundernd, manchmal hatte ich das Gefühl, selbst ein neuer, leichterer Mensch geworden zu sein.

Irgendetwas Leichtes, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles

Zwei Monate zuvor, in einer anderen Fußballzeit, erzählte mir Michael Becker, der Manager von Michael Ballack, welche deutschen Spieler angeblich schwul seien. Wir saßen in einem Restaurant über der Mercedes-Niederlassung in Luxemburg, wo Becker wohnt. Der Vorteil hier sei, dass man beim Essen sein Auto waschen lassen könne, sagte Becker. Er schien gute Laune zu haben und hatte allen Grund dazu. Das Essen war gut, die Sonne schien, wir waren mit seinem Mercedes-Cabrio, das Verdeck heruntergelassen, durch ruhige Straßen hierhergerollt. Sein wichtigster Klient Michael Ballack hatte soeben seinen Weg zurück in die Stammelf von Chelsea London gefunden, er war bei L'Oréal in die Rolle von Pierce Brosnan geschlüpft, die deutschen Bahnhöfe waren mit seinem Lächeln plakatiert, und in der Fußball-Weltmeisterschaftsausgabe der amerikanischen "Vanity Fair" war Ballack der Deutsche, der sich neben Cristiano Ronaldo, Kaká, Drogba und Eto'o in Unterhosen fotografieren lassen durfte. Seine Unterhose trug die schwarzrotgoldenen Farben. Ballack war unumstrittener Kapitän Deutschlands. Er war der einzige Star, den wir dort draußen in der Welt hatten. Und doch schien Michael Becker dem Frieden nicht zu trauen.

Er redete viel über Leute, die seinen Klienten beneideten, weil sie mittelmäßig seien, hässlich, untalentiert, bürokratisch, provinziell, unmännlich oder eben schwul. Er erzählte unglaubliche Geschichten, die ich in meinen Notizblock schrieb, und Becker schien nichts dagegen zu haben, vielleicht, weil er annahm, dass sie sowieso nie veröffentlicht würden oder auch, dass sie bekannt seien. Ein paar Tage später, am Rande des Abschiedsspiels von Bernd Schneider in Leverkusen, kündigte Becker inmitten einer Traube von Spielerberatern und Journalisten im Bayer-Clubhaus an, dass es einen ehemaligen Nationalspieler gebe, der "die Schwulencombo" demnächst hochgehen lassen würde. Ich erwartete, dass meine Kollegen nun mit roten Ohren nachfragen würden, was das bedeuten solle, aber sie nickten nur gelassen. Alle Sportjournalisten schienen die Geschichten von der vermeintlichen großen homosexuellen Verschwörung um die Mannschaft von Joachim Löw zu kennen. Die Gerüchte sind auch mit nach Südafrika gereist. Sie gehören offenbar dazu.

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Als wir aufgegessen hatten, zeigte mir Becker sein Büro, sein Haus und den Garten, in dem er seit einiger Zeit vergebens versucht, einen Froschteich anzulegen. Er erzählte mit leuchtenden Augen, wie Elton John auf Michael Ballacks Hochzeit die deutsche Nationalhymne gesungen hat. Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: "Der ist halbschwul", und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand. Irgendetwas Leichtes, Unideologisches, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles, in dem man sich verirren konnte, wenn man sich bislang an Hackordnungen und Hierarchien orientiert hatte.

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Forum - Deutschland bei der WM - Ihre Bilanz?
insgesamt 729 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...
MadMad 10.07.2010
Zitat von sysopPlatz 3 bei der WM in Südafrika - wie sehen Sie die Leistung des Teams und von Bundestrainer Joachim Löw?
Einen sehr guten Eindruck hinterlassen und Werbung für Deutschland gemacht. Gratulation an Jogi und seine Jungs ! Das machte Appetit auf mehr ! Mad von www.diemeinungen.de
2. Deutschland bei der WM - Ihre Bilanz?
++arthur 10.07.2010
Danke Jungs. Aber: ärgerlich das Spiel gegen Spanien.. da ist man aus Angst wieder in das alte Deutsche Spiel abgerutscht.. das immer so sehr kritisiert wurde.. als zu defensiv.. mutlos.. blutleer mit zu wenig druck.. da sagt der Bundestrainer noch vorher: "Die Spanier machen von alleine keine Fehler." und dann stellt man sich (für mich gefühlt) mit 12 Mann hinten rein.. vorne sollt dann wohl der liebe Gott helfen. meine Bilanz: *War gut, aber für die Zukunft zählt nur noch ein _Titel_.*
3. war gut!!!
derlabbecker 10.07.2010
sehr positiv in meinen Augen. Und die Entdeckung ist ja wohl der Thomas Müller. Selbst im Spiel um Platz 3 rannte der noch in der 90. Minute wie ein Berserker über den Platz. Respekt.
4. ...
juxeii 10.07.2010
Zitat von sysopPlatz 3 bei der WM in Südafrika - wie sehen Sie die Leistung des Teams und von Bundestrainer Joachim Löw?
ich bin immer noch untröstlich für den angsthasen-fußball gegen spanien. ich will den alten rumpelfußball zurück, mit dem hat man wenigstens ein paar titel geholt, sorry :( schön mit dem ball spielen, das kann man auch im zirkus von ein paar bären bewundern.
5. Natürlich super ...
markus003 10.07.2010
... aber was ich dennoch enttäuschend finde und im Nachhinein kann man sehen wie vergesslich der DFB und die Spieler sind, hätte ich es für angemessen gehalten, wenn sie nach dem Spiel Robert Enke in Erinnerung behalten hätten. Schließlich war er vor einigen Monaten die Nummer EINS der deutschen Nationalmansschaft und sollte es auch in dieser WM sein. Und nach der (jetzt muss ich es leider so sehen) scheinheiligen Diskussion nach seinem Tode, waren sie nicht mal in der Lage dazu ... ist leider auch eine Charakterfrage, die hat Lahm in dieser Frage zumindest nicht bewiesen. Aber wir müssen ja alle schön optimistisch nach vorne schauen, nee? Da hätte für mich die Mannschaft wirklich an Sympathie punkten können.
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