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Ausgabe 29/2010

Umwelt Das wachsende Paradies

Koralleninseln wie die Malediven gelten als die ersten Opfer des Klimawandels. Doch sind die Archipele wirklich vom Untergang bedroht? Ein Team von Geologen geht vor Ort einem faszinierenden Verdacht nach: Können die Strände mit dem Meeresspiegel ansteigen?

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REUTERS

Für viele Gelehrte existieren nur zwei Arten von Materie: lebende und tote. "Das macht das Denken so schön einfach", sagt Paul Kench.

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Inseln etwa zählen gemeinhin zur Sphäre des Unbelebten, und weil der Geologe von der Universität in Auckland die Fachwelt vom Gegenteil überzeugen will, paddelt er mit seinen Schwimmflossen im smaragdgrünen Wasser des Indischen Ozeans.

Mit fünf Forscherkollegen ist Kench auf die Malediven gereist. Gemeinsam wollen sie das wahre Wesen der Tropenarchipele ergründen. Kench: "Diese Inseln sind wie ein Organismus, der wächst, sich ständig verändert und manchmal auch vergeht."

Der neuseeländische Forscher hat diesen ungewöhnlichen Körper mit Sensoren gespickt, um sein Wachstum zu vermessen. Alle wollen sehen, wie er das macht, und so tauchen sie mit ihren Masken und Schnorcheln ein in die wundersame Unterwasserwelt der Lagune. Flache, runde Formen lösen sich ab mit Zacken und merkwürdigen Kugeln, gemustert wie Gehirne. Vor ihnen liegt ein Wald aus Korallen, deren Skelette aus Kalk das Riff bilden. Die Inseln verdanken ihre Existenz dem Leben und Sterben dieser Tiere.

Inmitten der bizarren Landschaft wird ein Rohr sichtbar, so lang wie ein Unterarm. Es steckt zwischen zwei Tischkorallen. Kench hebt den Daumen, die anderen Taucher nicken: Sie haben eine der von ihm aufgestellten Sedimentfallen entdeckt. Darin sammeln sich die Kalkpartikel abgestorbener Korallen, jene Körner also, aus dem die Traumstrände des Urlaubsparadieses aufgebaut sind.

Die Menge der aufgefangenen Sedimente verrät, wie viel Sandnachschub die Korallen für das Wachstum der Inseln liefern. "Durch diese Messung", erklärt Kench nach dem Tauchgang, noch ein wenig nach Luft schnappend, "wollen wir eine möglichst exakte Bilanz hinkriegen."

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Malediven: Das wachsende Paradies
Diese Frage zu klären ist nicht nur von akademischem Interesse. Wie viele andere Atollinseln gelten die Malediven als bedrohtes Paradies. Die globale Erwärmung lässt den Meeresspiegel ansteigen. Wehrlos den Fluten ausgesetzt, so das düstere Szenario, sind die Archipele dem Untergang geweiht.

"Doch diese Vorstellung ist viel zu simpel", widerspricht Kench - und dem Neuseeländer ist natürlich bewusst, welche Sprengkraft seine Aussage hat.

Ähnlich wie die Eisbären auf ihren schmelzenden Schollen sind die untergehenden Inselparadiese zu Symbolen des Klimawandels geworden. Medienwirksam hatte Malediven-Präsident Mohamed Nasheed Ende vergangenen Jahres unmittelbar vor dem Klimagipfel von Kopenhagen eine Kabinettssitzung unter Wasser abgehalten: "Wenn wir die Welt retten wollen, dann schlage ich vor, mit den Malediven zu beginnen."

In diesem aufgeheizten Klima mahnen Kench und seine Mitstreiter vor vorschnellen Schlüssen. Erst im vorigen Monat veröffentlichte Kench zusammen mit Arthur Webb von der Pacific Island Applied Geoscience Commission auf Fidschi eine Studie, deren Ergebnisse ganz anders waren als erwartet.

Die Geomorphologen hatten alte Luftaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg mit aktuellen Satellitenaufnahmen verglichen. Überraschender Befund: Die meisten der untersuchten Atollinseln sind in den letzten Jahrzehnten größer geworden oder zumindest unverändert geblieben - obwohl der Meeresspiegel bereits um zwölf Zentimeter angestiegen ist.

Sofort nach Veröffentlichung wurde die Studie in den politischen Kampf um die Erderwärmung hineingezogen. Klimaaktivisten zweifelten an der vermeintlich frohen Botschaft. Die Skeptiker des vom Menschen verursachten Klimawandels werteten sie wiederum als Beleg, dass die Aufregung um die Erwärmung vollkommen überflüssig sei.

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Malediven: Traumstrand aus Skeletten
Die Wissenschaftler sind über diese Polarisierung unglücklich. "Wir nehmen den Klimawandel sehr ernst", betont Kench. "Aber um die tatsächlichen Folgen für die Atolle richtig vorherzusagen, müssen wir doch erst einmal verstehen, wie sie auf den künftigen Anstieg des Meeresspiegels wirklich reagieren."

Bislang greift die Klimafolgenforschung auf ein recht einfaches Modell zurück, und danach hätten die Inseln längst schrumpfen müssen. Trotz seiner Schwächen wird das Modell noch immer benutzt, auch in Studien für den Bericht des Uno-Weltklimarats IPCC kam es zum Einsatz. Kench und seine Mitstreiter, die ihre Atollforschungsgruppe REEForm nennen, wollen es endlich verwerfen.

Gemessen an der öffentlichen Aufmerksamkeit, ist der Wissensstand über die Dynamik der Koralleninseln erschreckend gering. Geomorphologen wie Kench, die sich mit den Wachstumsprozessen von Atollen auskennen, sind eine Seltenheit: In ihrer kleinen Reisegruppe ist die Hälfte aller weltweiten Fachleute versammelt.

Der einzige Einheimische der Expedition ist Ibrahim Naeem, Direktor der maledivischen Umweltbehörde. Der 38-Jährige führt die Forscher über die Koralleninseln. Den ersten Stopp legen sie auf einem Eiland ein, das nicht größer ist als ein Fußballfeld. Den Namen kann keiner auf dem Boot aussprechen: Bodukaashihuraa. Drei Palmen stehen auf dem unbewohnten Flecken Erde.

Begrüßt werden sie von Mückenschwärmen. Doch im Forschungsfieber nehmen das die Landgänger nicht wahr. Lohnt es sich hier, mit einem Bohrer durch das Riff zu stoßen, um eine Sedimentprobe zu nehmen? Zusammen mit dem australischen Geologen Scott Smithers macht sich Kench ans Werk.

Die beiden Forscher haben schon so manches Loch ins Atoll gebohrt. Durch die Untersuchung solcher Proben fanden sie heraus, wann die Malediven in ihrer heutigen Form entstanden sind: vor rund 4000 bis 5000 Jahren.

Die Korallen, denen die Inseln ihre Existenz verdanken, siedeln auf unterseeischen Bergstümpfen, den Überresten versunkener Vulkane. Ihre Skelette aus Kalk sind das Baumaterial der Atolle. Auf den Malediven bilden sie rundherum ein Riff, das kontinuierlich emporwächst, bis es an einigen Stellen aus dem Wasser ragt. Wellen und Strömungen zermahlen die abgestorbenen Korallen und türmen das Sediment aus den Korallengärten zu Stränden und Inseln auf.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Müller Karl 24.07.2010
1. Wo ist die Überraschung?
Geowissenschaftlich ist das ein alter Hut. Die Entwicklung von Riffgemeinschaften ist auch in der Erdgeschichte gut dokumentiert. berücksichtigt man neben der aktuellen Riffentwicklung (Stratigrafie) auch die Tektonik des unterlagernden Vulkankegels, der Pazifischen Platte und die Schwereänderungen, so ergibt sich ein spannendes Bild von Vertikalbewegung (in alle Richtungen) und Sedimentneubildung. Aus dem Charakter der Ablagerungen ist auch erkennbar ob es sich wirklich um Tempestite handelt. Für das jetzt über dem WSP befindliche Riffmaterial müssen nich zwingend Stürme verantwortlich sein! Das kann auch Resultat aus zweiteiligem Absinken des Vulkans bzw änderungen des WSP herrühren. Dazu wird wohl die 16/18-O und die SR-Isotopen-Verteilung in den Karbonaten Auskunft geben können. Fairerweise sollte auch erwähnt werden, das Riffgemeinschaften nur unter Wasser wachsen; immerhin recht schnell, denn manche Korallenarten schaffen mehere dm/a! Wenn natürlich mit Dynamitfischen (Schwebstoffeintrag) und Umweltgiften der Mensch eingreift hat das Wachstum schnell ein Ende. MfG Karl Müller
fleischwurstfachvorleger 24.07.2010
2. ...so, what??!!
Zitat von sysopKoralleninseln wie die Malediven gelten als die ersten Opfer des Klimawandels. Doch sind die Archipele wirklich vom Untergang bedroht? Ein Team von Geologen geht vor Ort einem faszinierenden Verdacht nach: Können die Strände mit dem Meeresspiegel ansteigen? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,707319,00.html
...dann gehen die Inseln eben nicht unter - freut mich sehr. Freut mich genauso wie die Tatsache, dass die Ölvorräte doch noch ein paar Hundert Jahrelänger reichen. Trotzdem muss ein Umdenken stattfinden, damit die Auswirkungen der Erderwärmung die Menschen nicht zu sehr in Mitleidenschaft ziehen. Das Wetter wird eindeutig extremer. Wenn es heiß wird, wird es sehr heiß und das lange. Wenn es regnet, dann natürlich Starkregen über Tage. - Die einzigen die sich dabei Wohl fühlen sind anscheinend Mücken und Fliegen. Da ist es natürlich schon ein Trost zu hören, dass uns die Malediven wahrscheinlich erhalten bleiben.
alex300 24.07.2010
3. Also, langsam wird es blöd.
Zitat von sysopKoralleninseln wie die Malediven gelten als die ersten Opfer des Klimawandels. Doch sind die Archipele wirklich vom Untergang bedroht? Ein Team von Geologen geht vor Ort einem faszinierenden Verdacht nach: Können die Strände mit dem Meeresspiegel ansteigen? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,707319,00.html
Bald wird SPON berichten, die Biologen hätten es nach schwerer jahrelangen Forschung herausgefunden, dass die Kücken aus den Hühnereier schlüpfen. Das wäre auch eine tolle Sensation! Wie die Korallenriffe entstehen und wie sie wachsen, hat noch Darwin erforscht. Die Korallenriffe sitzen auf erlöschten Vulkanen oder anderen Inseln, die langsam absinken. http://en.wikipedia.org/wiki/Atoll#Formation Leider, ist dieser Teil des Wiki-Eintrags nicht ins Deutsche übersetzt. Könnte dieser Fakt die Ahnungslosigkeit der Deutschen "Forscher" erklären?
Sideshow-Bob 24.07.2010
4. Hallo
Zitat von alex300Bald wird SPON berichten, die Biologen hätten es nach schwerer jahrelangen Forschung herausgefunden, dass die Kücken aus den Hühnereier schlüpfen. Das wäre auch eine tolle Sensation! Wie die Korallenriffe entstehen und wie sie wachsen, hat noch Darwin erforscht. Die Korallenriffe sitzen auf erlöschten Vulkanen oder anderen Inseln, die langsam absinken. http://en.wikipedia.org/wiki/Atoll#Formation Leider, ist dieser Teil des Wiki-Eintrags nicht ins Deutsche übersetzt. Könnte dieser Fakt die Ahnungslosigkeit der Deutschen "Forscher" erklären?
*Darwins* Theorie behauptet nicht, dass "Korallenriffe" stetig und zwingend absinken. Mit etwas Mühe kann selbst ein durchschnittlicher Wiki-Leser feststellen, dass ein durchaus aquivalenter Beitrag in der deutschsprachigen Wiki zu finden ist. Und wenn man sich den Artikel nebst Filmchen dann noch einmal vergegenwärtigt, dann könnte man sogar zu dem Schluss kommen, dass die "Forscher aus aller Welt" gar keine neue Theorie hinsichtlich der Entstehung von Korallenriffen vorstellen wollen, sondern - grob gesagt - lediglich eine Hypothese vertreten, die sich u.a. damit beschäftigt, ob und ggf. wie eine Inselgruppe wie die Malediven trotz steigenden Meeresspiegels und Klimaveränderungen fortbestehen kann. Schöne Grüße
nitram1 24.07.2010
5. Es lebe der Al.armismus!
Tja meine Damen und Herren. 1. weiß jeder freie Bürger, der demzufolge nicht der ökoreligiösen Sekte angehört, das wir mitnichten einen extremen Meeresspiegelanstieg bekommen. 2. Als der schwedische Professor Moerne die Einwohner von Tuvalu beruhigen wollte, die durch die IPCC-Lügenpropaganda aufgeschreckt waren, wurde er des Landes verwiesen. Weil der Präsident von Tuvalu natürlich auf Katastrophenmittel nicht verzichten wollte hielt er mit Unterstützung des IPCC eine Kabinettssitzung 6m unter dem Meeresspiegel ab. So lügt und betrügt diese Sekte ,angeführt vom IPCC und von einer immer größer werdenden Anzahl von Organisationen von Green Peas bis WWF unterstützt seit nunmehr 22 Jahren die Menschheit! Die Medien ganzer Länder, die man noch vor 10 Jahren als seriös bezeichnet hätte, tun da mit. Seriöser Journalismus mit normaler Recherche findet nicht oder darf nicht stattfinden. Die einen sagen es wären die Rockefellers und die Prinz Phillips die durch den clup of rom oder durch die Biolderberger diese Agenda vorgeben? Wie auch immer es sind auf jeden Fall keine demokratischen Strukturen, die dieses steuern. Und es ist eigentlich die elementare Aufgabe der "freien" Presse solche Missstände aufzudecken. Warum dies nicht passiert ist der eigentliche Skandal der Gegenwart!
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