AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2010

Thriller Morden wie im Norden

Seit Krimi-Autoren wie Henning Mankell und Stieg Larsson zusammen mehr als 60 Millionen Bücher verkauften, suchen Verlage aus aller Welt nach neuer Ware in Skandinavien. Ihre neueste Entdeckung: der Däne Jussi Adler-Olsen.

REUTERS

Von Joachim Kronsbein


So beschaulich sieht das gutbürgerliche Dänemark aus. Hier in Allerød wohnt, wer sich die ländliche Nähe zu Kopenhagen leisten kann. Einfamilienhäuser stehen dort, viele sind aus Backstein gemauert, in den Gärten weht der rot-weiße Dannebrog, die dänische Flagge. Kriminalität ist nahezu unbekannt. Manchmal wird ein Fahrrad gestohlen.

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Heft 29/2010
Über die Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter

Am Ende einer kleinen Straße schreibt Jussi Adler-Olsen im Souterrain-Büro seines Hauses Krimis. Er ist ein eher rustikaler Typ, am liebsten kauft und verkauft er Häuser. Dieses ist sein zwölftes, gerade baut er ein neues Wohnzimmer an. Er trägt bunte Hemden und einen grauen Kinnbart. Früher hatte er mal einen Comic-Laden in Kopenhagen und war Verleger. Er hatte eine Menge Manuskripte gelesen und beschloss, es einfach "besser zu machen". Er will "mit Lügen", wie er sein Schreiben ironisch nennt, seinen Lebensunterhalt verdienen. Es ist ihm gelungen.

Seit zwei Jahren gilt Adler-Olsen, 59, der früher auch einmal die dänische Friedensbewegung koordinierte, als Zukunft des skandinavischen Krimis. Seine Bücher handeln, wie fast alle skandinavischen Krimis, von den Auffälligen, von den psychisch Angeschlagenen. Sie beschreiben Menschen, die zu Tätern werden, weil sie krank sind. Oder krank gemacht wurden.

Adler-Olsen kennt sich aus mit kranken Seelen. Sein Vater war Arzt in psychiatrischen Kliniken. Die Ärzte-Kinder wuchsen mit den Patienten gemeinsam auf. Manchmal wurden sie losgeschickt, um vermisste Insassen zu suchen. Einmal, erinnert sich Adler-Olsen, lief er im Wald direkt gegen die baumelnden Beine eines Patienten. Er hatte sich erhängt. Einer dieser Patienten ist das Vorbild für Adler-Olsens Kommissar Carl Mørck.

Bis jetzt verkauften sich in Dänemark über 115.000 Exemplare von Adler-Olsens Mørck-Erstling. Nun folgt die große internationale Karriere. Adler-Olsen und seine dänische Verlegerin Nya Guldberg wissen, dass die am besten in Deutschland beginnt. Für Krimis, die hier zum Bestseller werden, interessieren sich auch amerikanische und britische Verleger.

Mit Büchern ist es wie mit Autos oder Eiscreme. Hat ein neues Produkt Erfolg, entwickelt die Konkurrenz umgehend mehr oder weniger gelungene Kopien. Ein Nachahmerprodukt ist immer noch besser als ein schlechtes Original. Und im günstigsten Fall ist es vielleicht sogar eigenständig genug, dass es die Erwartungen der Käufer nach Neuem, aber Ähnlichem erfüllt. Auch der Buchmarkt funktioniert nach solchen Moden. Skandinavische Krimis sind eine sehr erfolgreiche Mode.

König ist immer noch der Schwede Henning Mankell, 62, der mit seinen Romanen inzwischen 37 Millionen Bücher verkauft hat. Doch sein Kommissar Kurt Wallander ist jetzt außer Dienst. Im letzten Roman der Reihe, "Der Feind im Schatten", schickt Mankell seinen tragischen Helden in den ewigen Nebel einer Alzheimer-Krankheit.

Für ein paar Jahre galt dann der schwedische Polit-Journalist Stieg Larsson als würdiger Nachfolger, literarisch und kommerziell. Er hatte es geschafft, mit nur drei Bänden einer Krimi-Reihe weltweit über 26 Millionen Exemplare zu verkaufen. Das sind fast dreimal so viele Bücher, wie Schweden Einwohner hat. Allein der Absatz in den USA liegt bei sechs Millionen. Doch Larsson starb 2004 im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt.

Der Markt ist riesig, neue Ware begehrt. Bei der Frankfurter Buchmesse 2008 bot Verlegerin Guldberg Adler-Olsens Buch deshalb deutschen Verlagen zur Auktion an. Spannungsliteratur ist in Deutschland ein wichtiges Segment der Belletristik: Ein Viertel aller verkauften Titel stammt aus diesem Genre.

Nya Guldberg machte auch Bianca Dombrowa, Programmleiterin Belletristik beim Münchner Deutschen Taschenbuchverlag (dtv), eine Offerte. Adler-Olsens Krimi habe Kraft: großer Stoff, erstklassige Ware. Und vor allem: Das Buch sei gleichermaßen für Männer und Frauen geeignet. Dombrowa ließ noch während der Messe drei des Dänischen mächtige Gutachter die Originalausgabe für dtv lesen. Alle drei waren sich einig: ersteigern.

Der Preis war nicht gerade niedrig, aber "in Ordnung", so Dombrowa. Sie bekam für ihr Geld die Geschichte einer dänischen Abgeordneten, die über Jahre von einem Psychopathen in einem Kellerverlies gefangen gehalten wurde, gequält, gedemütigt und ohne Aussicht auf Rettung. Und sie bekam den unverwechselbaren Ermittler Carl Mørck. Diesen arbeitsmüden Kommissar haben seine Chefs in den Keller des Kopenhagener Präsidiums verbannt, wo er im Sonderdezernat "Q" unerledigte Fälle bearbeiten soll. Mørck arbeitet, und auch das hat im Krimi Tradition, mit einem ungewöhnlichen Helfer. So wie Sherlock Holmes seinen Watson oder Hercule Poirot seinen Arthur Hastings, hat Mørck Hafez el-Assad, einen syrischen Immigranten, der es vom Putzmann zum unentbehrlichen Assistenten bringt.

Adler-Olsens Buch hatte für den deutschen Markt allerdings einen gravierenden Fehler, den falschen Titel: "Die Frau im Käfig". So müsste, wörtlich übersetzt, sein Krimi "Kvinden i buret" heißen. Das klang dtv-Frau Dombrowa zu umständlich, latent frauenfeindlich und irgendwie ordinär. Auf jeden Fall nicht spannend.

Auch Stieg Larssons Bücher haben im schwedischen Original umständliche Titel: "Männer, die Frauen hassen", "Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte" oder "Das Luftschloss, das gesprengt wurde". Der Heyne Verlag, der die Bücher auf Deutsch herausbrachte und Larsson zum skandinavischen Grisham beförderte, erfand die Ein-Wort-Lösung. Titel wie Axthiebe: "Verblendung", "Verdammnis", "Vergebung". Ohne Artikel, ohne Sinn und vollkommen austauschbar. Aber unbedingt nachahmenswert.

Bianca Dombrowa schnappte sich eine Bibel, blätterte und hatte nach einiger Zeit eine Drei-Silben-Erleuchtung: "Erbarmen". Über 300.000-mal hat sich Jussi Adler-Olsens Buch unter diesem Titel inzwischen in Deutschland verkauft. Es ist, immer noch, ein Bestseller, ganz wie erhofft. Seit 40 Wochen steht es auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Und Nummer zwei kommt Ende August auf den Markt. Sein Titel: "Schändung".

Die englischsprachigen Rechte wurden vor ein paar Wochen erwartungsgemäß auch schon verkauft, an den Verlag Penguin, der Adler-Olsens Bücher in Großbritannien und den USA herausbringen wird.

In Dänemark hat Adler-Olsen inzwischen schon den dritten Mørck-Band veröffentlicht, am vierten schreibt er. Sechs weitere will er noch abliefern. Im Kopf hat er sie schon konzipiert.

Seine Fälle, sagt er, findet er in den Zeitungen. Manchmal reiche eine kleine Meldung, seine Phantasie mache sich selbständig, und Carl Mørck, der skurrile Kommissar, nimmt seine Arbeit auf.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
MadMad 22.07.2010
1. dunkel
Zitat von sysopSeit Krimi-Autoren wie Henning Mankell und Stieg Larsson zusammen mehr als 60 Millionen Bücher verkauften, suchen Verlage aus aller Welt nach neuer Ware in Skandinavien. Ihre neueste Entdeckung: der Däne Jussi Adler-Olsen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,707321,00.html
Irgendwie hat man das Gefühl, die skandinavischen Schriftsteller leiden alle unter Depressionen. Zum Teil toll geschrieben, irre spannend, aber als Kulisse stellt man sich immer regenverhangene Natur vor, oder den "Arsch der Welt".
SIBO, 22.07.2010
2. Mord, Mord, Mord
Zitat von sysopSeit Krimi-Autoren wie Henning Mankell und Stieg Larsson zusammen mehr als 60 Millionen Bücher verkauften, suchen Verlage aus aller Welt nach neuer Ware in Skandinavien. Ihre neueste Entdeckung: der Däne Jussi Adler-Olsen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,707321,00.html
Bin zeitweise passionierter Krimi-Leser. Mankell lese ich sehr gerne und die ersten beiden Bücher von Stieg Larsson habe ich gerade erst kürzlich gelesen, die sind wirklich großartig. Auch empfehlenswert Leena Lehtolainen, eine finnische Autorin. Von Jussi Adler-Olsen habe ich mir kürzlich ein Buch gekauft, es aber noch nicht gelesen. Gibt noch einige andere skandinavische Autoren, die durchaus lesenswerte Krimis schreiben.
A.D.H. 22.07.2010
3. Ein Guter Kommentar von Wolfgang Röhl zum "Genre"
*Der Ikea-Krimi. Wesen, Werden und Blödsinn* Was den Reiz des skandinavischen Thrillers „gerade auch für uns Deutsche“ ausmacht, habe ich nie richtig ergründen können. Das Genre begegnete mir in den siebziger Jahren erstmals bei Besuchen in WGs, wo Sjöwall/Wahlöö-Krimis in jedem Billy-Regal standen, halb zerfledderte Schmöker aus der schwarzen rororo-Reihe. Auch ich las da rein und glaubte, das Muster zu erkennen. Linke Dinger waren das, geschrieben für Leute, die einen Vorwand brauchten, Krimis zu konsumieren, weil sie sich dafür schämten, nicht immer nur Wälzer über Kapitalismus, Klassenkampf, Vietnam und so weiter studieren zu wollen… (...) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/print/0017183
SIBO, 22.07.2010
4. Depressiv
Zitat von MadMadIrgendwie hat man das Gefühl, die skandinavischen Schriftsteller leiden alle unter Depressionen. Zum Teil toll geschrieben, irre spannend, aber als Kulisse stellt man sich immer regenverhangene Natur vor, oder den "Arsch der Welt".
Ja, Mankell ist immer so ein bisschen depressiv angelegt, mit ein Grund warum mein Mann den nicht so gerne liest. Aber Stieg Larsson ist da ein ganz anderes Kaliber, gibt ja auch nur drei Bücher von ihm.
Celestine, 22.07.2010
5. xy
Zitat von SIBOBin zeitweise passionierter Krimi-Leser. Mankell lese ich sehr gerne und die ersten beiden Bücher von Stieg Larsson habe ich gerade erst kürzlich gelesen, die sind wirklich großartig. Auch empfehlenswert Leena Lehtolainen, eine finnische Autorin. Von Jussi Adler-Olsen habe ich mir kürzlich ein Buch gekauft, es aber noch nicht gelesen. Gibt noch einige andere skandinavische Autoren, die durchaus lesenswerte Krimis schreiben.
In dem Artikel vermisste ich Håkan Nesser - den finde ich auch ganz gut. Von den Finnen möchte ich Dir Outi Pakkanen ans Herz legen. Ihre Bücher sind z.T. auch ins Deutsche übersetzt worden. Die schwedischen Krimi-Verfilmungen finde ich auch gut - die sind etwas langatmig aber nie langweilig. Die Versuche der deutschen Sender, schwedische Krimis umzusetzen, sind in meinen Augen meistens missraten.
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