AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2010

Literaturkritik Wer dem Teufel die Hand gibt

Thriller für Intellektuelle - Paul Austers Roman "Unsichtbar"

Schriftsteller Auster
Getty Images

Schriftsteller Auster

Von Urs Jenny


Professor Rudolf Born aus Paris, im Frühjahr 1967 zu Gast an der New Yorker Columbia University, ist kein Feingeist aus der Klasse der "Neuen Philosophen". Der Politologe, der "Katastrophen" seine Spezialität nennt, gefällt sich, wenn er über Stalin und Hitler schwadroniert, mit elegantem Zynismus als Gewaltverherrlicher: "Krieg ist die reinste, klarste Äußerung der menschlichen Seele."

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Heft 29/2010
Über die Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter

Born, dieser eisige Feuerkopf, der seine Menschenkenntnis als Folterer im Algerien-Krieg gewonnen hat und mit Geheimdienst-Aktivitäten angibt, ist ein satanisch-luziferisch-mephistophelischer Verführer par excellence: Er spricht selten wie ein Akademiker, aber etwas oft wie Hannibal Lecter.

Den arglosen jungen Studenten namens Adam Walker, dem er auf der ersten Romanseite nach ein bisschen Party-Small-Talk über eine Figur namens Born aus Dantes "Inferno" die Hand reicht, zieht er zusammen mit seiner Geliebten Margot, der prototypischen Pariser Femme fatale, in ein schwindelerregend erotisierendes Katz-und-Maus-Spiel hinein.

Eines Abends, als Walker in Borns Gesellschaft unterwegs ist, tritt ihnen aus einem dunklen Hauseingang eine Gestalt mit erhobener Pistole entgegen. Der Professor, kaltblütig, lenkt den jungen schwarzen Angreifer für einen Augenblick ab und rammt ihm mit aller Kraft ein Springmesser in den Bauch. Walker läuft entsetzt los, um von einer Telefonzelle eine Ambulanz zu alarmieren, doch als er zum Tatort zurückkommt, findet er nur noch eine Blutlache. Anderntags wird der Körper eines jungen Schwarzen, von vielen Messerstichen durchbohrt, in der Nähe entdeckt. Born hat seine Gastprofessur vorzeitig beendet und ist nach Paris zurückgekehrt.

Kein schlechter Auftakt zu einem Thriller. Doch weil dies ein Roman von Paul Auster ist, wird der Leser durch die feindosierten Kolportage-Köder bald selbst in eine Art literarisches Katz-und-Maus-Spiel hineingelockt, das man früher "selbstreferentiell", zu Deutsch: sich selbst ins Knie fickend, genannt hätte. Kaum hat man Vertrauen in ein Stück erzählter Realität gefasst, so wird einem diese mit einem Ruck wie ein Teppich unter den Füßen weggerissen - alles nur Fiktion, das alte Puzzle, April, April!

Adam Walker, 20-jähriger Columbia-Literaturstudent aus New Jersey mit galizisch-jüdischen Großeltern, wie Paul Auster selbst, möchte ein großer Dichter werden. Er ist, wie so mancher junge Auster-Romanheld, durch ein Kindheitstrauma gezeichnet, das sich auf unergründliche Weise als Stigma des Pechvogels und Verlierers erweist. Borns Messerstich stürzt ihn in tiefste Gewissensqualen: Hat ihm der Professor das Leben gerettet, oder ist er ein eiskalter Mörder? Nach einer Woche des Zögerns zeigt der Student Born bei der Polizei an, was natürlich folgenlos bleibt.

Im Sommer 1967 erlebt Walker eine heiße Liebesaffäre mit seiner älteren Schwester (das entschieden vitalste, mit Schwung und Lust erzählte Teilstück des Romans), im September geht er als Austauschstudent nach Paris. Dort begegnet er so rein zufällig, wie das nur in Auster-Plots vorkommt, schon nach ein paar Tagen in einem Café Born. Der gibt sich dermaßen herablassend unschuldig und liebenswürdig, dass Walker, moralisch empört, sich berufen fühlt, "mit dem Teufel Karten zu spielen": Er versucht den mörderischen Unhold im Alleingang zu entlarven und blamiert sich damit aufs Grässlichste. Der Moralist Walker, der einst ein großer Dichter werden wollte, verbringt sein späteres Leben nützlich, aber glanzlos als Armenanwalt in der amerikanischen Provinz.

Wie so oft bei Auster wird ausgiebig über Literatur geredet, über Dante, über den provenzalischen Troubadour Bertran de Born oder über den obskuren altgriechischen Dichter Lykophron.

Naturgemäß wird in Universitätsromanen - etwa bei Philip Roth oder in Coetzees "Schande" - immer mal akademisch gefachsimpelt, doch bei weitem nie so preziös wie bei Auster. Und der bloße Gedanke an Roth oder Coetzee genügt, um einem den Abstand vor Augen zu führen, der die Kraft und moralische Leidenschaft eines großen Schriftstellers von Austers Trompe-l'œil-Künsten trennt.

40 Jahre später, dem Tod schon nah, hat Walker niedergeschrieben, was ihm als Student 1967 widerfuhr, und das Manuskript einem Columbia-Kommilitonen von damals zugeschickt, einem erfolgreichen Schriftsteller, der sich durch seine Lieblingszigarillomarke Schimmelpennincks leicht als Auster-Double zu erkennen gibt. Er ergänzt Walkers Text, schafft neue Nachrichten über Born heran, der als fettgewordenes Monster im Ruhestand auf einer Karibikinsel noch immer seine diabolischen Spielchen spielt, und entlässt den Leser, kaum überraschend, mit dem Verdacht, dass vielleicht doch alles in Walkers Bericht - Borns Untat wie die Wonnen des Inzests - erfunden sein könnte.

Was wäre dagegen zu sagen? Alle, die sich für schlechte Menschen halten, weil sie irgendwann aufgehört haben, Austers Romane zu lesen, können beruhigt sein: Er schreibt noch immer dieselben.

Paul Auster:
Unsichtbar.

Rowohlt Verlag; 315 Seiten; 19,95 Euro.

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