Von John Goetz und Marcel Rosenbach
Plötzlich ist er da, mit federnden Schritten kommt er herein. Noch bevor er jemanden begrüßt, suchen seine Augen schon nach einer Steckdose für seinen kleinen schwarzen Computer.
Der Mann, dem es gehört, heißt Julian Assange. Er kommt gerade aus Stockholm, davor war er kurz in Brüssel, davor ein paar Wochen unauffindbar.
Der Australier ist gesucht in diesen Tagen. Man könnte meinen, er sei auf der Flucht.
Als er am vorvergangenen Wochenende bei einer Konferenz in New York sprechen sollte, schauten vorher fünf Agenten des amerikanischen Heimatschutzes vorbei. Vergebens, Assange blieb in England. Sein Anwalt hatte ihm berichtet, auch verschiedene andere US-Behörden wollten ihn dringend sprechen. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hat ihn und seine Arbeit jüngst "unverantwortlich" genannt.
Assange hat die Internetplattform wikileaks.org gegründet - "wiki" wie die offene Online-Enzyklopädie Wikipedia, "leak" wie das englische Wort für undichte Stelle. Zusammen mit wenigen festen Mitarbeitern und vielen freiwilligen Helfern betreibt er die Seite seit 2007, sie ist eine Art Briefkasten und Schaufenster zugleich: WikiLeaks sammelt und veröffentlicht Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim eingestuft haben. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente.
Es zeigte den tödlichen Angriff eines amerikanischen "Apache"-Hubschraubers auf eine Gruppe von etwa einem Dutzend Zivilisten in Bagdad im Jahr 2007, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter (mehr zum Video...). Auch die Stimmen der Hubschrauberbesatzung waren zu hören. Ihre zynischen Kommentare machten die Bilder noch unerträglicher. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte seit dem Vorfall vergebens versucht, in den Besitz des Videos zu kommen. Assange bekam es, es war sein bislang größter Scoop.
Helden für die einen, Verräter für die anderen
Für die einen sind Assange und seine Kollegen seitdem Helden, Kämpfer für die totale Informationsfreiheit und gegen jede Form von Zensur. Für die anderen sind sie Verräter.
Aus Sicht der amerikanischen Behörden gilt der Australier als ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit, das hat er sogar schriftlich. Schon 2008 stufte das US-Militär WikiLeaks als gravierendes Sicherheitsproblem ein und diskutierte, wie die Seite am besten zu bekämpfen sei. Auch dieses Dokument wurde Assange zugespielt. Und dann auf wikileaks.org veröffentlicht.
In einem Büro im vierten Stock des Verlagsgebäudes der britischen Tageszeitung "The Guardian" gibt er den Briten zusammen mit der "New York Times" und dem SPIEGEL vorab Einblick in die mehr als 90.000 Einzelberichte aus dem Afghanistan-Krieg, die überwiegend als "Geheim" eingestuft sind.
Die Veröffentlichung dieses Archivs, sagt Assange, werde nicht nur die öffentliche Meinung über den Krieg verändern, sondern "auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss". Es werfe "ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges" und werde "nicht nur unseren Blick auf diesen Krieg verändern, sondern auf alle modernen Kriege".
Das Archiv enthält Geheimdienstinformationen, Einschätzungen und viele Namen - die von Militärs, aber auch die von Quellen. Die Veröffentlichung einer geheimen militärischen Kriegsdokumentation, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt war, wirft neue Fragen auf. Ist das Journalismus, vom Auskunftsrecht der Öffentlichkeit gedeckt? Ein legitimer Blick hinter die Propagandamaschinerie des Krieges? Oder ist es ein Spionageakt, machen Assange und seine Mitstreiter sich des Geheimnisverrats schuldig? Gefährden sie am Ende die internationalen Truppen und die afghanischen Zuträger, die ihnen helfen?
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© DER SPIEGEL 30/2010
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