AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2010

Stars Das Prinzip Maßlosigkeit

Angelina Jolie ist Sex-Symbol, Oscar-Preisträgerin, Lebensgefährtin, Wohltäterin und Supermama. Eine neue Biografie beschreibt, wie die Schauspielerin all dies verbindet und so ein ganz neues Starmodell entwarf.

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Das Rätsel dieser Frau beginnt mit ihren Lippen. Eine Liebhaberin von Angelina Jolie hat einmal gesagt, sie zu küssen, sei wie in ein Wasserbett zu fallen.

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Heft 30/2010
Die Afghanistan-Protokolle: Amerikas geheimer Krieg

Sie sehen unnatürlich aus, als wären sie aufgespritzt. Manche Frauen machen so etwas, weil sie sich schöner fühlen oder weil sie glauben, es könnte den Männern gefallen. Aber es gibt Fotos von Jolie aus ihrer Kindheit, da ahnt man diese Lippen schon. In der Schule wurde sie wegen ihres Aussehens gehänselt.

Sie ist wahrscheinlich der derzeit größte weibliche Star Hollywoods, eines der rotglühenden Zentren der Celebrity-Kultur. Man wählte sie zur "schönsten Frau der Welt", zum "größtem Sex-Symbol aller Zeiten", zur "sexiesten Frau der Welt". Man findet sie zusammen mit Präsidenten und Wirtschaftsbossen auf Listen der "einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt". Für jeden Film zahlt ihr Hollywood inzwischen mindestens 15 Millionen Dollar, pro Jahr dreht sie zwei oder drei. Gerade ist "Salt", ihr neuer Film, in den USA angelaufen. In Deutschland kommt er Ende August ins Kino.

In Hollywood siegt die Illusion über die Wirklichkeit

Andere Stars haben einfach nur eine Familie, sie hat sechs Kinder aus drei Kontinenten. Andere haben einen Mann, sie hat Brad Pitt. Andere sind ebenfalls schön, aber sie hat mehr als ein Dutzend Tattoos, wie ein Mädchen aus einem Tätowierstudio auf der Reeperbahn. Andere sind wohltätig, sie hat eine Stiftung und reist seit fast zehn Jahren als Botschafterin des Uno-Flüchtlingswerks von Lager zu Lager.

Der Mund passt gut zu diesem mysteriösen Wesen, zu perfekt, um echt zu sein.

Hollywood ist eine Illusionsmaschine. Seine Stars müssen geheimnisvoll sein, und meistens siegt die Illusion über die Wirklichkeit. Marilyn Monroe? Ein ewiges Rätsel, ein seltsamer Tod. Grace Kelly? Eine undurchschaubare Märchenfigur mit einer perfekten Fassade. Marlene Dietrich? Greta Garbo? Liz Taylor? Außerirdische Wesen. Aber niemand ist rätselhafter als Angelina Jolie.

Um die Stars herum hat sich eine Boulevardindustrie entwickelt, die zwei Aufgaben hat: das Übermenschliche zu feiern und das Menschliche herauszufinden. Der britische Prominentenbiograf Andrew Morton ist eine der erfolgreichsten Figuren dieser Industrie. 1992 veröffentlichte er ein Buch über Lady Diana, das zum ersten Mal von dem unglücklichen Leben der Princess of Wales erzählte. Nach ihrem Tod wurde publik, dass heimliche Interviews die Basis des Buchs gebildet haben sollen. Morton hat seitdem Biografien über Madonna geschrieben, über David und Victoria Beckham, über Monica Lewinksy. Er schreibe, sagt Morton, nur über Menschen, deren Name jeder auf dieser Welt kenne. Zuletzt veröffentlichte er eine Biografie über Tom Cruise, in der er behauptete, Cruise sei der heimliche Vizechef der Scientology-Sekte. Beweisen konnte er es aber nicht. Um möglichen Klagen aus dem Wege zu gehen, verzichtete Morton auf eine Veröffentlichung des Buchs in England und Australien. Seine Auflagen gehen in die Millionen, sein Ruf ist nicht der beste, verklagt aber wurde er nur selten.

Kein Buch mit großer Enthüllung

Auch seine Biografie über Jolie, die in der kommenden Woche erscheint, verzichtet auf eine Autorisierung. Jolie stand ihm nicht zur Verfügung. Stattdessen sprach Morton mit Freunden, Verwandten, Insidern. Und mit ihrem Dealer.

Morton fand ihn in New York, wo der ehemalige Schreiner und Freund von Andy Warhol jahrelang ein Zimmer im berühmten Chelsea Hotel bewohnte und von dort aus die Kulturprominenz mit Drogen versorgte. Sein Zimmer habe er als eine Art Salon betrachtet, seine Kunden filmte er mit einer versteckten Kamera, sie blieben oft länger als nötig.

Auch Angelina Jolie, so behauptet es Morton, habe bei ihm Heroin gekauft. Eine Weile lang sollen die beiden sogar eine Freunschaft gepflegt haben, die beiden gingen zusammen essen. Sie habe erst aufgehört mit dem Heroin, als sie die Hauptrolle in "Tomb Raider" bekam, ihrem ersten großen Film, als moderne Action-Heldin Lara Croft, schreibt Morton.

Aus den Drogen hat Jolie nie ein Geheimnis gemacht. Einige ihrer damals veröffentlichten Interviews lesen sich fast so, als wolle sie angeben mit ihren Erfahrungen. "Heroin ist mir in meinem Leben sehr nahegekommen", sagte sie einer Journalistin der amerikanischen "Vanity Fair".

Mortons Biografie über Angelina Jolie ist kein Buch mit einer großen Enthüllung, sondern die detaillierte Erzählung darüber, wie ein Borderline-Mädchen aus Hollywood zum größten Filmstar der Welt wurde.

Mit Glamour und Geheimnis die Femme fatale neu definert

Angelina Jolie ist ein Geschöpf des Filmadels. Ihre Patentante ist Jacqueline Bisset, ihr Patenonkel Maximilian Schell. Ihr Vater, der Schauspieler Jon Voight, war ein großer Star in Hollywoods wilden Zeiten, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Er spielte zusammen mit Dustin Hoffman in "Midnight Cowboy", für seine Rolle in dem Antikriegsfilm "Coming Home" bekam er 1979 den Oscar. Er war ein Anti-Vietnam-Aktivist, zu seinen Freunden gehörten Peter Fonda und Al Pacino, er ließ nur selten etwas anbrennen. Jolies Mutter ist Marcheline Bertrand, eine erfolglose Schauspielerin. Wenige Monate nach der Geburt Jolies 1975 trennten sich ihre Eltern, weil Voight seine Frau betrogen hatte. Das Baby wurde in die Obhut diverser Kindermädchen gegeben, weil sich die Mutter von ihm zu sehr an den Vater erinnert fühlte. Ihre älteste Kindheitserinnerung, behauptete Jolie später, sei der Blick aus der Wiege in den leeren Himmel.

Sie besuchte die Beverly Hills High School, Vorbild für die Schule aus der Fernsehserie "Beverly Hills, 90210", nahm ab dem elften Lebensjahr am Lee-Strasberg-Institut Schauspielunterricht und begann mit 16 zu modeln, ziemlich erfolgreich sogar, mit 19 kaufte sie sich ihr erstes eigenes Apartment.

Sie kleidete sich wie ein Punk und trieb sich mit den Skaterkids auf den Straßen herum. Sie begann, Drogen zu nehmen, und sammelte Messer, mit denen sie sich die Haut aufritzte, mit tiefen Schnitten, jahrelang. Morton beschreibt ihr endloses Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und ihren Wunsch, die eigene Person in anderen Charakteren zu leben. Und er schildert ihre Fähigkeit, sich von einem Extrem zum anderen zu bewegen - ohne sich je für irgendetwas zu entschuldigen, was ungewöhnlich ist in einer Prominentenkultur, die nach Fehlern giert, aber nur solange man sie später, im Fernsehen und unter Tränen, bereut.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
The Rookie 30.07.2010
1. Sigourney Weaver vergessen...
Frau Jolie als ersten weiblichen Hollywood-Action-Star zu bezeichnen ist riskant. Sigourney Weaver wird das nicht gerne hören.
frubi 30.07.2010
2. .
Zitat von sysopAngelina Jolie ist Sex-Symbol, Oscar-Preisträgerin, Lebensgefährtin, Wohltäterin und Supermama. Eine neue Biografie beschreibt, wie die Schauspielerin all dies verbindet und so ein ganz neues Starmodell entwarf. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,708304,00.html
Das perfekte Leben? Mehr Schein als Sein würd ich sagen. Und am Ende kriegen wieder tausende Frauen Depressionen weil Sie versuchen diesem Idealbild hinterherzurennen.
Intelligenz_93 30.07.2010
3. Brangelina
Ich mag Brangelina!
Hercules Rockefeller, 30.07.2010
4. Unsinn
Um ein Hollywoodstar zu sein, braucht es aber doch erfolgreiche Filme. Welchen Megablockbuster hat Frau Jolie denn in den letzten 10 Jahren gehabt? Nach Tomb Raider ist sie doch auf dem absteigenden Ast und hat bis heute ihre Schlagzeilen ausserhalb Hollywoods gemacht. Nein, die Jolie ist kein Star mehr, sie ist eine Tabloidqueen. Mit Hollywood hat sie nur indirekt zu tun.
axelkli 30.07.2010
5. gäähn
Perfektion ist langweilig
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