AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2010

Ortstermin Apollo Edgar

In Hamburg treten junge Ausländer aus 44 Nationen zur internationalen Deutscholympiade an.

Hamburg-Besucher Apollo (l.), Mitreisende: Wörter so fett wie Wale
Jörg Müller / Agentur Focus

Hamburg-Besucher Apollo (l.), Mitreisende: Wörter so fett wie Wale

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Vor dem Hamburger Rathaus steht ein Junge, er heißt Apollo Edgar Lung'ayia und wirkt ein wenig verloren zwischen den anderen Jungs und Mädchen. Auf seinem Rücken sitzt ein Plastikrucksack mit dem darauf gedruckten Motto "Deutsch - Sprache der Ideen", alle tragen diesen Rucksack, aber Apollo Edgar hält sich an ihm fest, als würde er sonst davonschweben und nie mehr an diesen Ort zurückfinden.

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Heft 30/2010
Die Afghanistan-Protokolle: Amerikas geheimer Krieg

Er wurde vom Goethe-Institut und dem Internationalen Deutschlehrer-Verband zur Deutscholympiade eingeflogen, es ist ein Wettkampf der besten Deutschsprecher aus 44 Ländern. In nationalen Vorentscheiden mussten sie sich qualifizieren, 88 junge Deutsch- und Deutschland-Fans, die zur Endrunde nach Hamburg reisen durften.

Apollo Edgar stammt aus Kenia, anders als bei vielen Olympiateilnehmern verlassen die fremden Wörter und Sätze seinen Mund nur widerwillig. Viele Wettkampfteilnehmer verbrachten schon mit ihren Eltern Urlaub in Deutschland, lebten als Schüler in Gastfamilien oder besuchten ihre deutsche Oma. Apollo war noch nie jenseits der kenianischen Grenze. Er wurde aus der Ferne zum Deutschland-Fan, und es wäre sein größtes Glück, wenn er eines Tages hier studieren, arbeiten und Geld verdienen dürfte.

Ein Chinese wollte fortan lieber Ralf genannt werden

Während er an seinem Hemdsaum zupft, plaudern die anderen über den Klimawandel und Homosexualität in Lettland. Ein Inder zieht ein Handy aus der Gürteltasche und ruft seine Mutter in Delhi an. Ein Bulgare sagt, er schätze an der deutschen Sprache den logischen Aufbau. Der Thailänder hat in Großbuchstaben TOF auf sein Namensschild gemalt, aus Angst, sein echter Vorname sei für die anderen zu schwierig.

Sie kamen mit Koffern groß wie Findlinge, sind ausgerüstet mit Digitalkameras, Smartphones, Netbooks und dabei bemüht, Grammatikfehler zu vermeiden. Einige sprechen Deutsch fast akzentfrei. Sie wären die perfekten Einwanderer, bestens assimiliert. Bei der Deutscholympiade vor zwei Jahren in Dresden verkündete ein chinesischer Junge überraschend, er wolle ab sofort Ralf genannt werden.

"Bloß keine Fisimatenten!" Die deutsche Sprache ist voll von eingewanderten Vokabeln - von Wörtern mit Migrationshintergrund sozusagen. Kennen Sie die Herkunftsländer? Hier geht es zum Sprachquiz!

Das Goethe-Institut mag die jungen Fans. Einige von ihnen könnten später in ihren Ländern Politiker werden oder große Unternehmen leiten. Es hat Vorteile, wenn die Mächtigen vorher schon in Deutschland waren, es macht die Dinge einfacher. Die Spracholympiade ist auch der Versuch, für das junge, coole Deutschland zu werben, ohne dass man Schweinsteiger um Hilfe bitten muss.

Apollo Edgar steigt in einen Bus, auf dem Programm steht eine Stadtrundfahrt, vorher knurrt der Fahrer aber über das Bordmikro, tut mir bitte einen Gefallen und haltet den Bus sauber. Der Stadtführer heißt Günter und spricht von der hohen Porsche-Dichte und von Transferleistungsempfängern. An einer Kirche lässt er aussteigen und hält einen Vortrag über den Krieg und alliierte Bomberpiloten.

Deutschland war für Apollo das Land der Zukunft, nicht der Vergangenheit

Apollo Edgar schreibt "M-a-h-n-m-a-l" in sein rotes Vokabelheft. Er spricht nicht viel, aber man erkennt, dass er sich einiges hier anders vorgestellt hat, moderner. Mahnmal. Transferleistungsempfänger. Bomberpiloten. Deutsche Wörter so fett und schwer wie Wale.

Bevor er in Nairobi mit einem Lehrer ins Flugzeug kletterte, tippte er einen Brief an das Goethe-Institut. Er möge die deutsche Technologie, die Magnetschwebebahn Transrapid, die Produkte von Audi und BMW. Er wolle Medizin studieren und als Chirurg arbeiten. Deutschland war für ihn das Land der Zukunft, nicht der Vergangenheit, das Land der rasanten Autos und Züge. Der Deutschunterricht war der Weg, auf dem er sich seiner Zukunft nähern wollte.

"... muss man auch an den Feuersturm von 1943 erinnern ..."

Günters Worte flattern an Apollo vorbei wie exotische Schmetterlinge. Er schaut nach rechts und sieht den Inder, der schon wieder mit Mutti telefoniert.

"... kamen mehr als 35 000 Menschen ums Leben ..."

Apollo reckt den Hals. Vorn kichert jemand. Vermutlich die Schwedin oder eine der Spanierinnen.

"... dass dort ein Massengrab existiert".

Die Wettkampfleitung will 150 Wörter über Verkehrsmittel in Deutschland

Apollo wuchs im Westen Kenias auf, die Stadt heißt Kakamega. Sein Vater handelt mit Mais, Mangos, Orangen und Äpfeln, seine Mutter arbeitet in einer Klinik als Krankenschwester. Der Familie geht es für kenianische Verhältnisse nicht schlecht. Apollo hat einen Bruder, zwei Schwestern und das Privileg, die Alliance High School in Nairobi besuchen zu dürfen, die seine Eltern jedes Trimester 30.000 Schilling kostet, ungefähr 285 Euro.

Er könnte jetzt wie der Junge aus Indien seine Eltern anrufen, aber Apollo sagt, sein Handy habe er zu Hause vergessen, genau wie die Digitalkamera. Er kam mit wenig an. Eine Tante habe ihm den Koffer gepackt, der so winzig ist, dass er im Flugzeug ins Handgepäck passt, fast wie der Koffer eines Flüchtlings.

In seinem Vokabelheft kamen die Wörter "Verkehr, wenig" und "Unfallen, selten" hinzu. Die Wettkampfleitung will 150 Wörter von ihm haben über Verkehrsmittel in Deutschland. Während der Recherchen erfuhr er, dass der Transrapid hier gar nicht in Betrieb ist. Er weiß auch, dass die meisten bei der Olympiade besser Deutsch sprechen als er: die Französin, der Amerikaner, der Slowene, die Lettin. Fast alle. Er lacht, obwohl er spürt, dass er gerade aus seinem Deutschland-Traum mit großer Wucht hinausgeschleudert wird.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Zylex 01.08.2010
1. Tja..
Er hat halt nicht mit den deutschen Politikern gerechnet, die schon dafür sorgen, daß alles schön bürokratisch und festgefahren bleibt. Ohne den Bürokratiedschungel würden die Bürger ja noch viel schneller merken wie unnütz und untätig unsere "Machtelite" aus kleinkarierten Schildbürgern doch ist.
sever 01.08.2010
2. Paradox...
Es ist für einen jungen Ausländer wahrlich kaum zu verstehen, wenn er beim Besuch in Deutschland von seinen deutschen Gastgebern unaufgefordert mit ihrem unrühmlichen Geschichtskapitel konfrontiert wird. Ich glaube, genau dieser Beispiel zeigt, daß die meisten ausländische Gäste von den Deutschen sowas nicht erwarten und sich bei diesem deutschen national-masochistischen Striptease sehr unwohl fühlen...
Felix HAW 01.08.2010
3. Was
soll uns dieser Artikel sagen? Dass wir uns besser nicht mit unserer eigenen Geschichte befassen und lieber alle Klischees bedienen, die es von uns gibt?
avollmer 01.08.2010
4. Flüchtiges erstes Erschrecken ...
... das schnell verfliegt. Hinter der offiziellen Betroffenheitskulisse kommt schnell das echte "Schland" zum Vorschein. Auch ausländische Besucher merken recht schnell, dass es hier mehrere Parallelkulturen gibt, die erstaunlich gut koexistieren und dass die offizielle unnationale Nachkriegsrepublik noch nicht einmal der Mainstream ist. Vielleicht lernt er auch gerade diese Vielfalt schätzen, dass es zwischen urbaner Postmoderne und rustikalem Landleben, zwischen authentischem Punk und gefakter Postkartenidylle, eine schier unendliche gesellschaftliche Polykultur gibt, die von unvergleichlicher Dynamik ist und damit beständig die Zukunft neu gestaltet. Er müsste vielleicht ein Jahr in Köln verbringen und nach Karneval, CSD und Fronleichnamsprozession vielleicht noch einen Titel für den FC erleben um auch nur einen Ansatz dieser Vielfalt zu erfahren. In einem Land, in dem die religiös definierte konservative Regierungspartei Banken verstaatlicht, über die Enteignung der Kirchenpfründe nachdenkt und damit kämpft, dass der sozialistisch-ökologische Vorgänger Kriege im Ausland angefangen hat. Das Land in dem die Panik vor und die Unzufriedenheit nach der Weltfinanzkrise mit am größten war,aber die tatsächlichen Folgen mit am kleinsten. Er wird feststellen, dass dies hier die schizoideste Gesellschaft des Planeten ist, gleichzeitig aber die interessanteste und vielleicht schönste, kurz, der Platz auf dem Planeten, an dem man nicht nur wohnt, sondern lebt. Vielleicht bleibt er dann, möge er willkommen sein.
Sheherazade, 01.08.2010
5. Deutsch - Weltsprache?!
Also, was ich ein bisschen erstaunlich finde ist, wenn da teilweise so getan wird, als sei Deutsch auf internationaler Ebene so unglaublich wichtig "einige können damit später in ihren Ländern Politiker werden oder Unternehmen leiten", das klingt für mich mehr als lächerlich. Alle, die ich kenne, die Deutsch gelernt haben und sich damit beschäftigen (mich eingeschlossen) tun das, weil sie sich für deutsche Literatur, Kultur und Geschichte interessieren, aber nicht, weil man damit in irgendeiner Form Karriere machen kann, es sei denn in Deutschland, da reichen dann aber Sprachkenntnisse allein wohl auch nicht.
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