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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2010

Tiermarkt: Maskierter Müll

Von Nils Klawitter

Kaum ein Wirtschaftssektor hat die Krise so gut überstanden wie die milliardenschwere Heimtierbranche. Doch nicht alles, was sie verkauft, ist auch zum Wohl von Hund und Katze.

Tiermarkt: Maskierter Müll Fotos
AFP

Toska, ein leicht adipöser Mops, möchte für den Sommer "etwas Maritimes". Das behauptet zumindest seine Besitzerin. In der Hamburger Hundeboutique Koko von Knebel begutachtet sie einen Body mit Piratenmotiven.

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Der Laden liegt in bester Lage, zu Prada und Chanel ist es nicht weit. Dependancen gibt es auf Sylt und in Marbella. Die Krise, sagt Geschäftsführerin Friederike von Knebel, spüre sie kaum, "es geht gleichmäßig aufwärts". Wäsche aus Biobaumwolle verkauft sich genauso wie Sonnenbrillen oder der Hundesmoking "Majestic". Nachgefragt werde auch das mit Swarovski-Steinen bestückte Hundebett für 12.999 Euro. "Wir nennen es Lounge."

Etwas irritiert sei ihre Kundschaft nur beim Futter. Bestimmte Inhaltsstoffe müssten ja gar nicht deklariert werden, empört sich Knebel. Ihre Kunden verfütterten deshalb mehr und mehr Babynahrung. Da das aber für Tiere "nicht so gesund" sei, biete ihr Unternehmen nun eigenes Biofutter an - in Lebensmittelqualität. "Da können Sie getrost den Löffel reinstecken."

Wenn es um ihre Haustiere geht, kennen manche Menschen kaum noch Grenzen. In den vergangenen Jahren entwickelte sich der Heimtiermarkt zu einem industriellen Komplex, der immer groteskere Züge annimmt.

57 Milliarden Dollar schwer ist der weltweite Heimtiermarkt. Das ist mehr, als nötig wäre, um die extreme Armut in der Welt zu halbieren, so Erik Assadourian vom Worldwatch Institute in Washington.

In dem kürzlich erschienenen Buch "Time to eat the dog?" ist der ökologische Fußabdruck von Hunden errechnet worden. Die zehn größten Hundehalternationen brauchen demnach die Landmasse von Neuseeland, um ihre Tiere zu füttern. Allein in Deutschland müssen inzwischen täglich 23 Millionen Mäuler und Schnäbel gestopft werden.

Früher genügten einem Hund Tischreste, Wasser und ein bisschen Pansen, heute kostet das Premium-Trockenfutter gut doppelt so viel wie ein Truthahnbraten. Rund 2,7 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2009 für Tierfutter aus, für Babynahrung war es gerade ein Viertel davon.

"Katzen würden Mäuse kaufen"

"Es lässt tief blicken", sagt der Ernährungskritiker Hans-Ulrich Grimm, "wenn man sich bei mit Reis, Maismehl und Erbsenkleie vermengtem Schlachtabfall nicht zurückhalten kann, für den eigenen Putenbraten aber nur vier Euro investiert." Grimm hat ein "Schwarzbuch" zum Thema Tierfutter geschrieben. Es heißt: "Katzen würden Mäuse kaufen".

Kaum eine Industrie hat sich als so resistent gegen die Zyklen der Wirtschaft erwiesen wie die Haustierbranche. In den vergangenen Jahren wuchs das Segment unaufhaltsam, selbst im Krisenjahr 2009 legte der deutsche Markt noch um knapp drei Prozent zu. An Hund und Katz wird offenbar zuletzt gespart.

Überanstrengte Tiere dürfen in Spas oder zum Doga (Yoga für Hunde) und übernachten etwa im "Pfötchenhotel", einer Luxusherberge bei Berlin, die einen Hundechauffeur beschäftigt. In den USA nahm mit Pet Airways bereits eine eigene Fluglinie für Haustiere den Betrieb auf. Es gibt Silikonhoden für kastrierte Hunde und "Botox für Boxer" ("Welt am Sonntag"). Marktforscher sprechen in diesem Zusammenhang von "Humanisierung": Die Menschen spiegeln ihre eigenen Bedürfnisse auf die Tiere.

Von diesem Kult profitieren inzwischen immer mehr: Ketten wie Fressnapf, die nach US-Muster schon über 1100 Läden in Europa eröffnet hat. Tierpsychologen, die sich um die schwere Jugend bissiger Hunde kümmern. Pharmahersteller, die längst Pillen gegen Übergewicht oder Valiumpräparate bei zu viel Miauen im Angebot haben. Und Magazine wie "Wuff", die über "Hunde in der Pubertät" schreiben - oder über das Coming-out der Hausgenossen: "Mein Hund ist schwul!!"

Das größte Geschäft machen jedoch die Tierfutterhersteller. Vier Unternehmen beherrschen etwa 80 Prozent des Marktes: Procter & Gamble (Eukanuba), Mars (Whiskas, Pedigree), Nestlé (Purina, Friskies) und Colgate-Palmolive (Hill's). Der amerikanische Familienkonzern Mars setzte in Deutschland 2009 gut 500 Millionen Euro mit seinen Schokoriegeln um - und 724 Millionen mit Tierfutter. Die Werbeausgaben der Branche wuchsen um 45 Prozent auf 62 Millionen Euro.

An 1500 Litfaßsäulen warb Nestlé kürzlich für sein Hundefutter Beneful. Die Plakate, bemerkte die "Wirtschaftswoche", "zogen Gassigänger geradezu magisch an" - sie waren mit Geruchsstoffen imprägniert.

Die Kehrseite dieser Marketingoffensive: In den USA gelten 44 Prozent der Hunde und 57 Prozent der Katzen als übergewichtig. Dem Überangebot von Leckerlis auf Quarkbasis und aromatisierten Küchlein kann offenbar kaum ein Halter widerstehen. Nestlé lockt Katzen inzwischen schon mit Menüfolgen, wozu extra Vorspeisen kreiert wurden.

Als Ballastbombe gilt vor allem das Trockenfutter der Firmen. Die Produkte bestehen im Wesentlichen aus Getreidemixturen. Diese billigen Kalorienlieferanten sind für Tiere oft schwer verdaulich.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 79 Beiträge
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1. *grusel*
nvf 31.07.2010
Ich bekomm Aggressionen wenn ich so überzüchtete Handtaschenköter in Fifikostümchen oder viel zu fette, kaum noch bewegliche Stubenkater sehe. Das ist echt traurig. Neben dem Futter- und sonstigen (Fetisch)Trend rund um die Puppe, sry, Hund/Katze/Maus, muss ich in letzter Zeit noch was ganz andres feststellen: Wenn ich mit meinem recht großen Hund unterwegs bin und auf nen anderen Hundehalter treffe, so kommt es immer selterner vor, dass man die Hund von der Leine lässt und sie ne Runde toben. Klar, es kann dabei vorkommen, dass der eine dem andren mal zeigt wer der Chef ist, danach wird dann aber im Normalfall weiterspielt ... stattdessen haben viele I*oten so ne 5km lange Rolleine, lassen ihren Handtaschenköter kläffend und knurrend zu einem kommen und wundern sich bzw. motzen wenn meiner mal zurückbrummt. Naja nu zur Topic: Wir kochen unserem Hund selbst. Das kostet minimal mehr Zeit, denn ob ich jetzt nen Beutel Reis oder paar Kartoffeln/Nudeln mehr koche ist egal genauso ob 2 oder 3 Pfannen auf dem Herd stehen. Dafür spart man ne ganze Stange Geld und das Tier kann so viel futtern wie es will und hält sein Gewicht.
2. Auf Thema antworten
Wolfghar 31.07.2010
Alles eine Sache wo man hinguckt. Die kleinen Zoofachgeschäfte machen reihenweise zu. Auch bei Internetanbietern gehen die Umsätze zurück. Aber mag sein das irgendwelche Brilliantdecken verkauft wurden, Für Leute die nicht wissen wohin mit ihrem Geld.
3. .
Zerunan 31.07.2010
Schon erschreckend, unsere Haustiere haben eine ärztliche Versorgung, von der ein Großteil der Welt nicht mal zu träumen wagt.
4. Alles nur zum Wohle des Tieres?
Cedric Noles 31.07.2010
Warum sind unsere Rassehunde so krank? Warum wird nichts wirklich gegen Qualzucht getan? An der Krankheit unserer Hunde und Katzen verdienen: - Tierärzteschaft - Pharmaindustrie - die Züchter - Hundetrainer (besonders "Nothunde" aus Spanien als Klient) - und insb. die Nahrungsmittelindustrie Mars und Nestlé haben den VDH und den Deutschen Tierschutzbund voll unter ihrer Kontrolle. Mars bestimmt, was in Deutschland beim Hund los ist. Und das sicher nicht zum Nachteil der Gewinne der Familie Mars aus Virginia... Tipp: "Schwarzbuch Hund - Die Menschen und ihr bester Freund"
5. Man
Wolfghar 31.07.2010
sollte auch erwähnen das es seit einigen Jahren öfter vorkommt das Leute Hunde aus wirtschaftlichen Gründen ins Tierheim abgeben.
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