AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2010

Internet Null Blog

DDP

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3. Teil: "Sie meinen sortieren zu können, nudeln aber einfach nur alles durch"


Und weil die Schüler im Grunde unbedarft sind, neigen sie umso mehr zur Selbstüberschätzung. "Sie halten sich für die wahren Experten", sagt Scheppler, "aber wenn's drauf ankommt, können sie nicht einmal richtig googeln."

Eines Tages setzte er tatsächlich Google auf den Stundenplan, Lehrziel höhere Suchtechnik. Die Klasse fand das drollig: "Google?", hieß es da, "können wir doch, machen wir doch andauernd, jetzt will uns der Herr Scheppler Google erklären!"

Dann bekamen sie ihre Aufgabe: ein Plakat zur Globalisierung entwerfen am Beispiel indischer Leiharbeiter. Und nun war es am Lehrer, sich zu amüsieren: "Die kloppen bei Google ein Suchwort nach dem anderen einzeln rein, und dann geht es zappzappzapp: weg damit, taugt nichts, nächster Versuch", erzählt Scheppler. "Sie sind blitzschnell im Verwerfen, manchmal auch guter Funde. Sie meinen sortieren zu können, nudeln aber einfach nur alles durch - sehr schnell, sehr hektisch, sehr oberflächlich. Und beim ersten Treffer, der ihnen halbwegs passabel erscheint, hören sie sofort auf."

Kaum einer hat eine Vorstellung, woher die Sachen stammen, die im Netz aufzustöbern sind. Bittet der Lehrer um Quellenangaben, hört er schon mal: "Das habe ich bei Google gefunden."

Die neuere Forschung zum Suchverhalten bestätigt Schepplers Beobachtungen. Eine große Studie der "British Library" kam zu einem ernüchternden Schluss: Die "Netzgeneration" weiß kaum, wonach sie suchen soll, überfliegt die Funde nur flüchtig und tut sich schwer, deren Relevanz einzuschätzen: "Die Informationskompetenz junger Leute", attestieren die Autoren, "hat sich mit dem breiteren Zugang zur Technik nicht gebessert."

Ein paar Schulen haben bereits erkannt, dass sie hier gefordert sind. Eine davon ist das Gymnasium, das Jetlir und Tom, Pia und Anna besuchen: die Kaiserin-Augusta-Schule in Köln. "Die Schüler sollen bei uns lernen, das Internet produktiv zu nutzen", sagt Musiklehrer André Spang, "nicht nur zum Rumklicken."

Spang nutzt dafür die Werkzeuge des Web 2.0 im Unterricht. Zur Musik im 20. Jahrhundert etwa ließ er seine Zwölftklässler ein Weblog anfertigen - "die wussten gar nicht, was das ist". Nun schrieben sie Artikel zu Aleatorik und Musique concrète, komponierten einfache Zwölftonreihen und sammelten Klangbeispiele, Videos und Weblinks zum Thema. Alle konnten online verfolgen, was die anderen gerade machten, und sich gegenseitig kommentieren - eine kleine Öffentlichkeit, die auch dem Ehrgeiz der Beteiligten förderlich war.

Die Technik ist unkompliziert und schnell eingerichtet. Sie kommt deshalb auch in anderen Fächern zum Einsatz. Selbst "Wikis" nach dem Vorbild der großen Wikipedia gehören zum Repertoire. Bei Spangs Kollegen Thomas Vieth stellte eine 10. Klasse in Physik gerade eine kleine Enzyklopädie des Elektromagnetismus zusammen. "Vorher konnten wir nur Gruppenarbeiten vergeben", sagt Vieth, "und am Ende wurden die Vorträge abgenudelt. Jetzt lesen alle mit, schon allein weil die Artikel ja auch zusammenhängen und verlinkt werden müssen."

Nebenher lernen die Schüler, wie sie dafür im Internet verlässliche Informationen finden. Und damit sie auch kapieren, was sie da gefunden haben, gibt es regelmäßig die altmodische "Methodenschulung": Texte lesen, verstehen, zusammenfassen. Statt dass also die Netzgeborenen mit ihrer Weltläufigkeit im Virtuellen die Schule herausfordern, muss diese ihnen mühsam beibringen, wie man sich das Online-Medium zunutze macht.

Für die meisten Schüler war es das erste Mal, dass sie das Internet um eigene Schöpfungen bereichert haben. Die große Öffentlichkeit reizt sie nicht; Selbstdarsteller sind selten - selbst anonyme Rollenspiele auf virtuellen Bühnen, wie sie etwa die Online-Welt " Second Life" bietet, werden verschmäht. Die Jugend ist geradezu versessen auf reale Beziehungen: Was immer sie tut oder schreibt, ist an die eigene Gruppe gerichtet.

Das gilt auch für die Gattung Video, die noch am ehesten zum Selbermachen verleitet. Immerhin 15 Prozent der jungen Leute haben schon mal ein Video hochgeladen; großteils mit dem Handy gefilmte Ware.

Sven zeigt ein Beispiel auf YouTube: Man sieht ihn mit ein paar Freunden in Badehose am Seeufer; dann laufen sie zusammen ins offenbar noch schaurig kalte Wasser. "Doch, doch", versichert Sven, "so was interessiert die Leute, darüber wird gesprochen!" In der Tat stehen unterm Video schon 37 Kommentare, alle aus dem Bekanntenkreis.

"Und hier", sagt Sven und zeigt auf den Bildschirm, "hier bei Facebook hat vor kurzem jemand einfach nur einen Punkt gepostet. Trotzdem haben sieben Leute schon auf den 'Gefällt mir'-Knopf gedrückt, und 83 haben zu dem Punkt Kommentare geschrieben."

Älteren mag das völlig sinnfrei vorkommen, für die Jugend gehört es zum Gruppenleben, nicht weniger wichtig als ein freundliches Winken oder eine leutselige Blödelei in der Offline-Welt. Nichts zeigt besser als der Punkt, wie normal das Internet geworden ist - das Gegenteil einer besonderen Welt, in der besondere Dinge geschehen.

"Die Medien werden massenhaft genutzt, wenn sie alltagstauglich sind", sagt der Hamburger Bildungsforscher Schulmeister. "Und sie werden für Ziele genutzt, die man ohnehin anstrebt."

Für die Jugendlichen ist dieser Wendepunkt jetzt erreicht. Das Internet gehört schon nicht mehr zu den Dingen, an die sie freiwillig Gedanken verschwenden. Die Aufregung um den "Cyberspace" war, wie es scheint, ein Phänomen der Altvordern, der technikvernarrten Gründergeneration. Für eine kurze Übergangszeit schien das Netz ungemein neu und anders, eine eigene revolutionäre Macht, die alles packt und umformt.

Der Jugend ist das fremd. Sie spricht kaum mehr vom "Internet", nur noch von Google, YouTube und Facebook. Erst recht versteht sie nicht mehr, was es heißen soll, "ins Netz zu gehen".

"Der Begriff ist sinnlos", sagt Tom. Ein Relikt aus der Zeit, als es noch etwas Besonderes war, die Vorstellung eines separaten Raums, getrennt vom echten Leben, einer eigenen geheimnisvollen Welt, die man betritt und wieder verlässt.

Tom und seine Freunde sind nur noch, wie sie sagen, "on" oder "off". Und das meint einfach: erreichbar oder nicht.



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HossCartright 03.08.2010
1. Beruhigend!
Gut zu wissen, dass Sport und Freunde noch immer dazu führen können, dass man Facebook und Youtube links liegen lässt. Lieber "off" in Gesellschaft als "on" allein im Netz. Was twittern soll, kann ich als digitaler Einwanderer schon seit Jahren nicht begreifen. Schön, dass es auch anderen Jüngeren so geht.
sappelkopp 03.08.2010
2. Ups!
Na, gibt es doch noch Hoffnung! Das ist ja mal eine gute Nachricht. Ich dachte immer meine Kinder wären nicht normal, weil sie Twitter als Spielerei abtun, aber sie sind normal, Juhuuu!
KurtFolkert 06.08.2010
3. ...
ich bezweifel, dass den New-Generation-Schreihälsen damit das Maul gestopft wird. Dass es immer verschiedene Menschen gibt, war auch ohne diese Erkenntnis klar. Allein das alles mit Werbung zugeflasht wird spricht für sich. Wieder einmal sind es die "Älteren" die an der Realität vorbeileben. Ein Armutszeugnis reiht sich ans andere. Kein Wunder, dass diese Leute nicht in die Lage versetzt werden, zu erkennen, was wirklich los ist!
thomas bode 06.08.2010
4. Momentaufnahme
Dies ist nur eine (interessante) Momentaufnahme der Situation. Kann sein dass sich das auch länger hält. Aber angesichts dessen dass "das Web" sich auch ständig verändert. kann das mittelfristig ganz anders aussehen. Wenn Video-Chat und 3D. etc. irgendwann realitätsnah geworden sind... das ist nur eine Frage der Zeit.
team_frusciante 06.08.2010
5. ...
"Sehr selten ist dagegen der Typ des Pioniers, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstücke zusammenfrickelt, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskarten organisiert oder anderweitig einfallsreich Neuland erobert." Dieser Typ war schon immer selten. Warum sollen die Menschen auf einmal mehrere Projekte am Start haben, politisch aktiv und insgesamt kreativer sein, nur weil sie mit dem Internet aufgewachsen sind?
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