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Ausgabe 31/2010

Internet: Null Blog

Von Manfred Dworschak

Die Jugend, zur "Netzgeneration" verklärt, hat in Wahrheit vom Internet wenig Ahnung. Und die Moden des Web 2.0 - von Bloggen bis Twittern - sind den Teenagern egal. Neue Studien zeigen: Es gibt für sie immer noch Wichtigeres im Leben.

Internet: Null Blog Fotos
DDP

Tag für Tag ist Jetlir online, oft viele Stunden bis spät in die Nacht. Fast immer ist auf dem Bildschirm das Fenster seines Chat-Programms offen. Freunde und Bekannte schreiben da gleichzeitig durcheinander. Ab und zu tippt Jetlir einen Halbsatz in den ruckelnden Strom der Dialogzeilen, irgendwas Witziges oder ein Hallo, während er sich nebenher durch die Sportvideos bei YouTube klickt.

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Jetlir, 17 Jahre alt, Gymnasiast aus Köln, könnte gut in einer der üblichen Geschichten über die "Netzgeneration" auftreten, die sich angeblich im Virtuellen zu verlieren droht.

Der Junge ist aufgewachsen mit dem Internet; seit er denken kann, ist es da. Seine halbe Freizeit spielt sich ab zwischen Facebook, YouTube und dem Chat.

Wirklich wichtig aber sind ihm andere Dinge, allen voran der Basketball. "Der Verein geht vor", sagt Jetlir. "Nie würde ich ein Training auslassen." Auch sonst hat das echte Leben Vorrechte: "Wenn sich jemand mit mir treffen will, mache ich sofort die Kiste aus."

Was Jetlir vom Internet erwartet, ist eher bescheiden. Die Älteren mögen es für ein revolutionäres Medium halten, von den Segnungen der Blogs schwärmen und um die Wette twittern. Jetlir ist zufrieden, wenn seine Freunde in Reichweite sind und bei YouTube die Videos nie ausgehen. Nie würde es ihm einfallen, ein Blog zu schreiben. Er kennt auch sonst niemanden in seinem Alter, der auf so was käme. Getwittert hat er ebenfalls noch nie: "Wofür soll das gut sein?"


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In Jetlirs Alltag spielt das Internet eine paradoxe Rolle: Er nutzt es ausgiebig - aber es interessiert ihn nicht. Es ist unverzichtbar, aber nur, wenn sonst nichts anliegt. "Eine Nebensache", sagt er.

Jetlirs Abgeklärtheit ist typisch für die Jugend von heute; das bestätigen mehrere aktuelle Studien. Ausgerechnet die erste Generation, die sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen kann, nimmt das Medium nicht übermäßig wichtig und verschmäht seine neuesten Errungenschaften: Ganze drei Prozent der jungen Leute schreiben selbst ein Blog. Und nicht mehr als zwei Prozent beteiligen sich regelmäßig an der Wikipedia oder sonst einem vergleichbaren Freiwilligenprojekt.

Nicht minder konsequent ignoriert die Null-Blog-Generation kollektive Linksammlungen wie Delicious oder Foto-Gemeinschaftsportale wie Flickr und Picasa. Das ganze hochgelobte Mitmach-Web, auch Web 2.0 genannt, ist den Netzbürgern der Zukunft offenbar völlig egal. Das ergab eine große Studie des Hans-Bredow-Instituts.

Dabei schwärmen Experten seit Jahren von einer technikbeseelten Jugend neuen Typs: mobil, vernetzt und chronisch ungeduldig, verwöhnt von der Überfülle der Reize im Internet. Ihr Leben verbringe sie in steter Symbiose mit Computern und Mobiltelefonen; die Netztechnik sei ihr quasi schon ins Erbgut übergegangen. Die Medien nennen sie deshalb "Cyberkids", "Generation @" oder schlicht die "Netzgeneration".

Zu den vielzitierten Wortführern der Bewegung gehören der US-Autor Marc Prensky, 64, und sein kanadischer Kollege Don Tapscott, 62. Prensky hat sich das Bild von den "Digital Natives" ausgedacht, den Eingeborenen von Digitalien, traumwandlerisch vertraut mit allem, was das Internet möglich macht an Teilhabe und Selbstinszenierung - und den Älteren in diesen Dingen uneinholbar voraus. Wer über 25 ist, zählt bei Prensky zu den "Digital Immigrants", den Zugezogenen, die sich durch ihre Unbeholfenheit verraten wie sonst die Migranten mit ihren ulkigen Akzenten.

Eine kleine Industrie von Autoren, Beratern und findigen Therapeuten lebt von der immer gleichen Botschaft: Die Jugend sei durch und durch geformt von dem Online-Medium, in dem sie groß geworden ist. Speziell die Schule müsse ihr deshalb ganz neue Angebote machen; der herkömmliche Unterricht erreiche diese Jugend gar nicht mehr.

Belege dafür gibt es kaum. Statt auf Studien stützen die Visionäre sich vor allem auf eindrucksvolle Einzelbeispiele jugendlicher Netzvirtuosen. Für die ganze Generation besagt das freilich wenig, wie die Forschung inzwischen weiß; sie ist zügig dabei, ihren Rückstand aufzuholen.

Zahlreiche Studien haben inzwischen zusammengetragen, wie die Jugend tatsächlich mit dem Internet umgeht. Ihre Befunde lassen vom Bild der "Netzgeneration" wenig übrig - und zugleich räumen sie auf mit dem Glauben an die alles verändernde Macht der Technik.

Die Erhebung des Hans-Bredow-Instituts - Titel: "Heranwachsen mit dem Social Web" - ging dabei besonders gründlich vor. Neben einer repräsentativen Umfrage kamen 28 junge Leute in ausführlichen Einzelinterviews zu Wort. Wie sich auch hier wieder zeigte, dient das Internet vor allem der Freundschaftspflege. In den sozialen Netzwerken von Facebook bis SchülerVZ wird getratscht, gewitzelt und posiert - ganz wie im echten Leben.

Sehr selten ist dagegen der Typ des Pioniers, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstücke zusammenfrickelt, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskarten organisiert oder anderweitig einfallsreich Neuland erobert. Für die meisten Befragten ist das Internet keine neue Welt, sondern eine nützliche Erweiterung der alten. Entsprechend pragmatisch ist das Verhältnis zwischen Mensch und Medium: "Wir haben überhaupt keine Belege dafür gefunden, dass das Internet die Jugend prägt", sagt die Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hasebrink, die das Projekt geleitet hat.

Die angeblich so virtuosen Netzbürger sind nicht einmal besonders geschickt darin, ihr Medium auszureizen. "Fummeln können sie", sagt der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. "Sie bringen jedes Programm zum Laufen, und sie wissen, wo sie sich Musik und Filme besorgen können. Aber wirklich gut darin ist auch nur eine Minderheit."

Schulmeister, ein Experte für digitale Medien im Unterricht, muss es wissen: Er hat sich gerade durch mehr als 70 einschlägige Studien aus aller Welt geackert. Auch er kommt zu dem Schluss, dass das Internet keineswegs die Herrschaft über die Lebenswelt übernommen habe. "Nach wie vor machen die Medien nur einen Teil der Freizeitaktivitäten aus", sagt er, "und das Internet ist nur ein Medium unter anderen. Für Jugendliche ist es immer noch wichtiger, Freunde zu treffen oder Sport zu treiben."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
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1. Beruhigend!
HossCartright 03.08.2010
Gut zu wissen, dass Sport und Freunde noch immer dazu führen können, dass man Facebook und Youtube links liegen lässt. Lieber "off" in Gesellschaft als "on" allein im Netz. Was twittern soll, kann ich als digitaler Einwanderer schon seit Jahren nicht begreifen. Schön, dass es auch anderen Jüngeren so geht.
2. Ups!
sappelkopp 03.08.2010
Na, gibt es doch noch Hoffnung! Das ist ja mal eine gute Nachricht. Ich dachte immer meine Kinder wären nicht normal, weil sie Twitter als Spielerei abtun, aber sie sind normal, Juhuuu!
3. ...
KurtFolkert 06.08.2010
ich bezweifel, dass den New-Generation-Schreihälsen damit das Maul gestopft wird. Dass es immer verschiedene Menschen gibt, war auch ohne diese Erkenntnis klar. Allein das alles mit Werbung zugeflasht wird spricht für sich. Wieder einmal sind es die "Älteren" die an der Realität vorbeileben. Ein Armutszeugnis reiht sich ans andere. Kein Wunder, dass diese Leute nicht in die Lage versetzt werden, zu erkennen, was wirklich los ist!
4. Momentaufnahme
thomas bode 06.08.2010
Dies ist nur eine (interessante) Momentaufnahme der Situation. Kann sein dass sich das auch länger hält. Aber angesichts dessen dass "das Web" sich auch ständig verändert. kann das mittelfristig ganz anders aussehen. Wenn Video-Chat und 3D. etc. irgendwann realitätsnah geworden sind... das ist nur eine Frage der Zeit.
5. ...
team_frusciante 06.08.2010
"Sehr selten ist dagegen der Typ des Pioniers, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstücke zusammenfrickelt, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskarten organisiert oder anderweitig einfallsreich Neuland erobert." Dieser Typ war schon immer selten. Warum sollen die Menschen auf einmal mehrere Projekte am Start haben, politisch aktiv und insgesamt kreativer sein, nur weil sie mit dem Internet aufgewachsen sind?
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Meilensteine in der Entwicklung des Internets
2. September 1969: Der erste Test
Am 2. September werden beim ersten Test des Arpanets, eines experimentellen Netzwerks des US-Militärs, bedeutungslose Daten zwischen zwei Computern hin- und hergeschickt.

29. Oktober 1969: Erster Datenaustausch
Am 29. Oktober werden erstmals Daten zwischen zwei verschiedenen Orten ausgetauscht: zwischen der University of California, Los Angeles, (UCLA) und dem Stanford Research Institute in Menlo Park in Kalifornien. Das Netz bricht aber nach den ersten beiden Buchstaben des Wortes "logon" zusammen.

1970: Ausweitung des Arpanet
Das Arpanet wird auch auf die Ostküste der USA ausgedehnt.

1972: E-Mail geht ans Netz
Ray Tomlinson bringt die E-Mail in das Netz. Er entscheidet sich für das (at)-Symbol, um die Adressen unterschiedlicher Netze zu kennzeichnen.

1973: Erste internationale Knoten
Die ersten internationalen Knoten des Arpanets entstehen in England und Norwegen.

1974 : Erfindung des TCP-Protokolls
Vint Cerf und Bob Kahn entwickeln eine Kommunikationstechnik namens TCP, damit sich Menschen in verschiedenen Netzen austauschen können. Damit entsteht das eigentliche Internet. Als TCP/IP wird diese Technik am 1. Januar 1983 schließlich allgemein angenommen.

1983: Domain-Namen werden vorgeschlagen
Erstmals wird ein System mit Domain-Namen vorgeschlagen. Mit .com, .gov und .edu entstehen ein Jahr später die ersten Endungen.

1988: Morris, der erste Wurm
Einer der ersten Internetwürmer, Morris, befällt Tausende Computer.

1989: Das erste proprietäre Netz
Die Firma Quantum Computer Services (später AOL) bietet für Macintosh und Apple II Computer den Dienst America Online an. Auch Besitzer eines Commodore 64 können sich ins Quantum-Angebot eingwählen - dort finden sie auch die erste grafische virtuelle Welt "Habitat" vor. Bis 2002 werden fast 27 Millionen Amerikaner Kunden von AOL.

1990: World Wide Web
Tim Berners-Lee entwickelt am Forschungszentrum CERN das World Wide Web, um akademische Informationen weltweit verfügbar zu machen.

1993: Der Vorgänger von Firefox, Netscape und IE
1993 - Marc Andreessen entwickelt mit Kollegen an der Universität von Illinois "Mosaic", den ersten Browser, der auf einer einzigen Seite Bilder und Text darstellt.

1994: Netscape und erste Spam-Mail
Andreessen und andere aus dem Mosaic-Team gründen eine Firma zur Entwicklung des ersten kommerziellen Web-Browsers: Netscape. Damit wird das wirtschaftliche Potential des Internets deutlich, was später auch Microsoft und andere auf den Plan ruft.
Im demselben Jahr verschicken zwei Anwälte die erste Spam-Mail, um für ihre Dienste zu werben.

1995: Amazon geht online
Der Online-Händler Amazon.com öffnet seine Pforten. Das US-amerikanisches Internet-Versandhaus mit Sitz in Seattle startete zunächst als reiner Internet-Buchhandel und ist heute weltweit größter Online-Versender von Waren aller Art.

1998: Google-Gründung und Microsoft-Klage
Aus einem Projekt in einem Wohnheim an der Universität Stanford entsteht Google.
Die US-Regierung überträgt die Verwaltung der Domain-Adressen an die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN).
Das US-Justizministerium und 20 US-Staaten verklagen Microsoft und werfen dem Hersteller des Betriebssystems Windows vor, seine Marktmacht zur Verdrängung von Netscape und anderen benutzt zu haben.

1999: Napster und Millionen Internetnutzer
Mit Napster wird der Tausch von Musik-Dateien populär. Die Musikindustrie verändert sich grundlegend.
Die weltweite Internet-Bevölkerung erreicht 250 Millionen.

2000: Ende des Dot-com-Booms
Der Dot-com-Boom der 90er Jahre geht zu Ende. Die Blase platzt. Technologieaktien stürzen ab.
Die Websites von Amazon.com, Ebay und anderen werden beim ersten größeren Denial-of-Service-Angriff lahmgelegt.

2002: 500 Millionen Internetnutzer
Weltweit nutzen mehr als 500 Millionen das Internet.

2004: Gründung von Facebook
Mark Zuckerberg gründet Facebook. Das soziale Netzwerk hat nach eigenen Angaben inzwischen 250 Millionen registrierte Nutzer.

2005: Videoportal YouTube startet
YouTube startet als Portal für Videos. Im Jahr 2006 kaufte Google das Videoportal für umgerechnet 1,36 Milliarden Euro, obwohl der Konzern bereits eine eigene Plattform namens Google Video betreibt.

2006: Über eine Milliarde Internetnutzer
Mehr als eine Milliarde Menschen sind online. Das ist ungefähr ein Sechstel der Weltbevölkerung, die 2006 bei geschätzten 6,6 Milliarden liegt.

2007: Das iPhone kommt
Apple stellt das iPhone vor und bringt die mobile Internetnutzung zu Millionen Menschen. Es setzt ein immer noch andauernder Boom internetfähiger Handymodelle ein, Netzbetreiber beginnen mit Mobil-Flatrates um Kunden zu werben.

2008: 1,5 Milliarden Internetnutzer und Firefox gedeiht
Die Zahl der weltweiten Internet-Nutzer steigt auf mehr als 1,5 Milliarden. In China alleine sind es 250 Millionen und damit erstmals mehr als in den USA.
Die Netscape-Entwickler stellen ihre Arbeit an dem Internet-Pionier ein. Der Open-Source-Browser Firefox wächst und gedeiht aber.
Die großen Fluggesellschaften bieten verstärkt Internet während des Fluges an.

2009: Erste Tageszeitung komplett im Netz
Als erste große US-Tageszeitung zieht der "The Seattle Post-Intelligencer" komplett ins Internet um.

2010: Über eine halbe Milliarde Facebook-Nutzer
Aller Kritik an mangelndem Datenschutz zum Trotz: Facebook wächst unaufhaltsam und kommt auf über eine halbe Milliarde Mitglieder. Jeder zehnte Deutsche ist mittlerweile in dem Netzwerk zu finden.

AP

Grundsatzurteile: BGH-Entscheidungen zum Internetrecht
Gatte haftet für Ebay-Auktion unter seinem Namen
Benutzt ein Dritter ein fremdes Mitgliedskonto bei eBay zu Schutzrechtsverletzungen und Wettbewerbsverstößen nachdem er an die Zugangsdaten dieses Mitgliedskonto gelangt ist, weil der Inhaber diese nicht hinreichend vor fremdem Zugriff gesichert hat, muss der Inhaber des Mitgliedskontos sich so behandeln lassen als ob er selbst gehandelt hätte. Bei dem konkreten Fall hatte die Ehefrau des Beklagen über dessen Ebay-Account Schmuck als "Cartier"-Ware verkauft, obwohl die Ware nicht von Cartier stammte. Das Unternehmen verklage den Ehemann auf Schadensersatz und Unterlassung. Der BGH entschied: Inhaber des Kontos hat in diesem Fall nämlich eine Unklarheit geschaffen, wer über das Konto gehandelt hat und wer im Falle einer Schutzrechtsverletzung in Anspruch genommen werden könne.

BGH-Urteil vom 11.03.2009, I ZR 114/06 (Urteil bei jurpc.de)
Unverlangte E-Mail-Reklame wettbewerbswidrig
Die offiziellen Leitsätze: " Die Zusendung einer unverlangten e-Mail-Werbung zu Werbezwecken verstößt grundsätzlich gegen die guten Sitten im Wettbewerb. Eine solche Werbung ist nur dann ausnahmsweise zulässig, wenn der Empfänger ausdrücklich oder konkludent sein Einverständnis erklärt hat, E-Mail-Werbung zu erhalten oder, wenn bei der Werbung gegenüber Gewerbetreibenden auf Grund konkreter tatsächlicher Umstände ein sachliches Interesse des Empfängers vermutet werden kann." Sprich: Spam ist grundsätzlich wettbewerbswidrig, der Versender muss beweisen, dass die Empfänger ihr Einverständnis erklärt haben.

BGH-Urteil vom 11.03.2004. AZ I ZR 81/01 (Urteil bei jurpc.de)
Aggregatoren dürfen Deeplinks setzen
Leitsatz: "Wird ein Hyperlink zu einer Datei auf einer fremden Webseite mit einem urheberrechtlich geschützten Werk gesetzt, wird dadurch nicht in das Vervielfältigungsrecht an diesem Werk eingegriffen." Geklagt hatte damals die Verlagsgruppe Handelsblatt gegen den Webdienst "Paperboy", eine Art deutsches Google News.

BGH-Urteil vom 17.07.2003 I ZR 259/00 (Urteil bei jurpc.de)
Kaufvertrag per E-Mail rechtsgültig
Mit dem Höchstbietenden einer Internet-Auktion kommt ein Kaufvertrag nach den allgemeinen Regeln des BGB zustande. Es handelt sich um Angebot und Annahme, folglich um Willenserklärungen, deren Wirksamkeit durch die Online-Übermittlung nicht beeinträchtigt wird.

BGH-Urteil vom 07.11.2001, VIII ZR 13/01 (Urteil auf jurawelt.com)
Online-Auktionspattform haftet für Versteigerungen Dritter
Beim deutschen Ebay-Gegenstück wurden Rolex-Fälschungen versteigert. Rolex verklagte Ricardo auf Unterlassung, Auskunft und Schadenersatz. Der BGH entschied, dass bei Unterlassungsansprüchen Ricardo als Störer haften kann. Aus den Leitsätzen: "Das Haftungsprivileg des § 11 Satz 1 TDG, das den Diensteanbieter, der fremde Informationen für einen Nutzer speichert ("Hosting"), von einer Verantwortlichkeit freistellt, betrifft nicht den Unterlassungsanspruch." Und: "Eine Haftung als Störer setzt voraus, dass für Diensteanbieter zumutbare Kontrollmöglichkeiten bestehen, um eine solche Markenverletzung zu unterbinden. Ihm ist es nicht zuzumuten, jedes in einem automatisierten Verfahren unmittelbar ins Internet gestellte Angebot darauf zu überprüfen, ob Schutzrechte Dritter verletzt werden. Wird einem Diensteanbieter ein Fall einer Markenverletzung bekannt, muß er nicht nur das konkrete Angebot unverzüglich sperren, sondern auch technisch mögliche und zumutbare Maßnahmen ergreifen, um Vorsorge dafür zu treffen, dass es nicht zu weiteren entsprechenden Markenverletzungen kommt."

BGH-Urteil vom 11.03.2004, I ZR 304/01 (Urteil auf JurPC)
Denic muss Domainnamen nicht vorab prüfen
Die Frankfurter Messe "Ambiente" verlangte von der Denic die Übertragung der Domain ambiente.de auf sich, weil sie die Marke "Messe Frankfurt Ambiente" 1994 eingetragen hatte. Der BGH lehte die Klage ab. Aus den Leitsätzen: "Wird die Denic von einem Dritten darauf hingewiesen, dass ein registrierter Domain-Name seiner Ansicht nach ein ihm zustehendes Kennzeichenrecht verletzt, kommt eine Haftung als Störerin oder eine kartellrechtliche Haftung für die Zukunft nur in Betracht, wenn die Rechtsverletzung offenkundig und für die DENIC ohne weiteres feststellbar ist. Im Regelfall kann die DENIC den Dritten darauf verweisen, eine Klärung im Verhältnis zum Inhaber des umstrittenen Domain-Namens herbeizuführen. ie für die Registrierung von Domain-Namen unter der Top-Level-Domain ".de" zuständige DENIC ist vor der Registrierung grundsätzlich weder unter dem Gesichtspunkt der Störerhaftung noch als Normadressatin des kartellrechtlichen Behinderungsverbots zur Prüfung verpflichtet, ob der angemeldete Domain-Name Rechte Dritter verletzt."

BGH-Urteil vom 17.05.2001, I ZR 251/99 (Urteil bei JurPC)
Ebay muss Angebote von Rolex-Plagiaten verhindern
Wie schon beim Rolex-Streit mit Ricardo dreht sich auch dieses Verfahren um die Haftung des Betreibers einer Internet-Plattform für Plagiats-Auktion. Der BGH hat entschieden, dass Ebay in bestimmten Fällen als Störer für die von Dritten eingestellten Auktionen haften kann, Geschädigte können sogar einen "vorbeugenden Unterlassungsanspruch" durchsetzen - sprich: Sie können von Ebay verlangen, Plagiats-Auktionen in Zukunft zu verhindern. Aus den Leitsätzen des Urteils: "Ein Störer kann auch dann vorbeugend auf Unterlassung in Anspruch genommen werden, wenn es noch nicht zu einer Verletzung des geschützten Rechts gekommen ist, eine Verletzung in der Zukunft aber aufgrund der Umstände zu befürchten ist. Voraussetzung dafür ist, dass der potentielle Störer eine Erstbegehungsgefahr begründet."

BGH-Urteil vom 19.04.2007, I ZR 35/04 (Urteil bei JurPC)
Forenbetreiber haftet auch wenn Kläger den Verursacher kennt
Leitsatz: "Ein Unterlassungsanspruch wegen eines in ein Meinungsforum im Internet eingestellten ehrverletzenden Beitrags kann auch dann gegen den Betreiber des Forums gegeben sein, wenn dem Verletzten die Identität des Autors bekannt ist."

BGH-Urteil vom 27.03.2007, VI ZR 101/06 (Urteil bei JurPC)

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