AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2010

Klettern "Schwarze Gedanken"

Der Extrembergsteiger Alexander Huber über das Klettern ohne Seil und Sicherung, die Beherrschung der Angst und das erhebende Gefühl, 200 Meter Luft unter den Füßen zu spüren

huberbuam.de

SPIEGEL: Herr Huber, schauen Sie beim Klettern auch mal nach unten?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 31/2010
Protokoll eines tödlichen Versagens

Huber: Natürlich.

SPIEGEL: Es gibt ein Foto von Ihnen, da hängen Sie in Hunderten Metern Höhe inmitten einer gigantischen, steilen, glatten Wand an der Schüsselkarspitze im Wettersteingebirge. Es gibt keine Absicherung, kein Seil, das einen Sturz abfangen würde. Was geht Ihnen in solch einer Situation durch den Kopf?

Huber: Am besten gar nichts. Alle Gedanken, die Ängste, die Sorgen sind für die Tage davor bestimmt. Wenn ich klettere, reduziert sich meine Welt auf die wenigen Quadratzentimeter des nächsten Griffs.

SPIEGEL: Sie betreiben eine extreme Form des Bergsteigens, das sogenannte Free Solo, Klettern ohne Seil. Ein falscher Griff, ein falscher Schritt, und Sie stürzen ab. Warum spielen Sie mit Ihrem Leben?

Huber: Ich bin kein Hasardeur. Viele Leute denken, dass wir Bergsteiger keine Angst haben. Das ist Unsinn. Angst ist überlebenswichtig. Wenn ich völlig ohne Angst in den Bergen herumklettern würde, dann würde es nicht lange dauern, bis es mich runterhaut.

SPIEGEL: Denken Sie manchmal an den Absturz, den Tod?

Huber: Vor jeder anspruchsvollen Free-Solo-Tour bin ich hin- und hergerissen. Ich bin überzeugt, dass ich es kann, aber mich überkommen auch schwarze Gedanken. Es tauchen Bilder vor meinem inneren Auge auf, wie ich einen Fehler mache. Ich stelle mir vor, wie ich abrutsche, lautlos durch die Luft falle, und dann: das plötzliche Aus.

SPIEGEL: Wie verdrängen Sie die dunklen Gedanken?

Huber: Das kann man gar nicht. Das will ich auch gar nicht. Ich muss mich mit dem Risiko, mit der Todesangst auseinandersetzen. Damit versichere ich mein Leben.

SPIEGEL: Das klingt kompliziert.

Huber: Lassen Sie es mich mit einem Alltagsbeispiel erklären: Ein kleines Kind hat noch keine Angst vor dem Straßenverkehr, weil es die Gefahr nicht kennt. Es könnte völlig sorglos über die Straße laufen und wäre auf Glück angewiesen, um das zu überleben. Der Erwachsene kennt die Gefahr der vorbeirauschenden Autos und hat Angst, überfahren zu werden. Also reagiert er mit Vorsicht, schaut nach links und rechts und geht erst dann hinüber. In diesem Moment hat die Angst reine Konzentration ausgelöst. So ist es auch bei mir, wenn ich mich auf eine Free-Solo-Tour vorbereite.

SPIEGEL: Eine Free-Solo-Tour ist Ihrer Ansicht nach also nicht gefährlicher, als die Straße zu überqueren?

Huber: Wenn ich von den Unsicherheitsfaktoren ausgehe, dann ja. Beim Free Solo kann im brüchigen Fels ein Griff ausbrechen. Auch der Verkehr ist nie zu 100 Prozent kontrollierbar.

SPIEGEL: Ihr Bruder Thomas und Sie sind eines der berühmtesten Kletterteams der Welt, aber nur Sie klettern auch Free Solo. Fehlt es Ihrem Bruder an Mut?

Huber: Wir haben verschiedene Talente. Während Thomas in der Höhe schneller akklimatisiert, habe ich eine besondere mentale Stärke, was das Free Solo angeht. Im steilen Terrain habe ich eine besondere Coolness, um heikle Situationen durchzustehen. Das macht uns als Team aus, dass jeder seine Stärken als Bergsteiger einbringen kann.

SPIEGEL: Was reizt Sie daran, ein derart großes Risiko einzugehen?

Huber: Es ist die puristische Form des Kletterns: Ich sehe die Wand, gehe hin und steige hinauf. Ohne Ausrüstung, nur mit Kletterschuhen und etwas Magnesium, das ich in einem Beutel am Rücken trage. Das hat etwas Reines, etwas Ursprüngliches. Und natürlich ist es ein unglaublich erhebendes Gefühl, wenn ich 200 Meter Luft unter meinen Füßen spüre und dennoch merke: Ich habe das im Griff. Eine größere Selbstbestätigung gibt es für mich nicht.

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich ein Free Solo vom Klettern mit Seil und Haken?

Huber: Ich bleibe immer in Bewegung und mache wenige Pausen, um meinen Gedanken keinen Spielraum zu geben. Außerdem verschwende ich beim Free Solo keine Zeit für Sicherungen. Obwohl ich natürlich sehr langsam klettere und jeden Tritt und Griff genau prüfen muss, bin ich schneller unterwegs als mit Seil. An der Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten habe ich für die 550 Meter hohe Wand nur drei Stunden gebraucht. Mit Sicherung wären es sechs Stunden.

SPIEGEL: Waren Sie jemals in einer Situation, in der die Angst stärker war als Sie?

Huber: Das war auf der Kommunist-Route, 25 Meter hoch, am Schleierwasserfall in Tirol. Der Schwierigkeitsgrad liegt bei X+, das Härteste, was bis heute im Free Solo geklettert wurde. Die Wand ist stark überhängend. In sechs Meter Höhe befindet sich der sogenannte point of no return, von dieser Stelle an kann man nur noch nach oben klettern. Zweimal bin ich an diesen Punkt herangeklettert, zweimal habe ich zurückgezogen und bin wieder runter. Ich konnte die Angst nicht kontrollieren, ich war zu nervös und hatte zu viel Adrenalin im Blut. In so einer Situation funktionieren die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, nicht mehr voll, und ich verliere die Spitze der Kraft.

SPIEGEL: Sie waren in Panik?

Huber: An diesem Tag konnte ich mich nicht auf meine Kraft und Präzision verlassen. Ich spürte ein leises Muskelzittern und merkte, dass ich nicht funktioniere. Ich musste zurückziehen und war kurz davor, das ganze Vorhaben abzubrechen.

SPIEGEL: Und warum haben Sie weitergemacht?

Huber: Ich wusste, dass der dritte Versuch am Kommunist mein letzter sein würde. Ich hatte noch mal zwei Wochen an der Wand trainiert, und dann lief alles perfekt. Ich kam an die Schlüsselstelle und habe gespürt, dass ich weiterklettern kann. Um über den point of no return zu kommen, musste ich eine Art Sprung machen, einen dynamischen Kletterzug. Alle Muskeln haben gleichzeitig 100 Prozent gegeben. Ich habe über eineinhalb Meter nach oben gegriffen. Dann haben sich meine Finger in den Felsen gekrallt, und für einen kurzen Zeitpunkt hing ich nur noch mit meinen Fingerkuppen an der Wand dran. Das war eine geniale Grenzerfahrung.

SPIEGEL: Sie haben Kopf und Kragen riskiert.

Huber: Nein. Es war Können. Die Chance, dass ich abstürzte, lag bei eins zu tausend. Und zwar deshalb, weil ich es mir einfach nicht vorstellen konnte, dass ich runterfalle. Da war mein Selbstvertrauen riesig.

SPIEGEL: Wie überwindet man die Angst?

Huber: Dazu gehört Erfahrung. Ich habe erst mit 30 Jahren begonnen, Free Solos zu klettern. Mit dem Alter werden die mentale Kraft und die taktischen Fähigkeiten besser. Ich habe an sechs Meter hohen Wänden ohne Seil angefangen und dann die Schwierigkeiten und die Routenlängen erhöht. Heute weiß ich, welche Bewegungen an der Wand gefährlich sind und welche nicht. Dazu kommt meine akribische Vorbereitung. Jede Wand, an der ich Free Solo klettern will, lerne ich wie einen Mitbewohner in einer WG kennen, ausführlich, mit allen Stärken und Schwächen. Ich durchklettere die Wand so lange mit einem Partner in einer Seilschaft, bis ich überzeugt bin, alles im Griff zu haben. Das trainiert mein Selbsteinschätzungsvermögen. Am Ende dieses Prozesses weiß ich, wie schwer die Aufgabe ist und ob ich ihr gewachsen bin.



insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
deepocean 05.08.2010
1. nur für den kick, den augenblick ;-)
Zitat von sysopDer Extrembergsteiger Alexander Huber über das Klettern ohne Seil und Sicherung, die Beherrschung der Angst und das erhebende Gefühl, 200 Meter Luft unter den Füßen zu spüren http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,709494,00.html
interesantes gespräch; womit ich aber mühe habe, ist , das ein werdender vater den eigenen kick über alles andere stellt... ich wäre nicht überrascht sehr bald zu lesen, dass es ihn geschmissen hat....
brunnersohn 05.08.2010
2. wer will denn darüber lesen
was in dessen kopf vorgeht, wenn er alleine in der wand hängt? Das ist kein elitärer sport und kein journalismus, sondern nur dumm und effekthascherei. Wenn ich meinen gurt beim autofahren anlege, komme ich mir wie ein feigling vor der den kick seines lebens verschmät.
grinta, 05.08.2010
3. für alle zweifler ...
... empfehle ich den film "am limit". früher habe ich auch gedacht: "die spinnen". der film hat mich eines besseren belehrt. ich persönlich würde nie im leben free solo klettern, aber der film hilft dabei zu verstehen, was in den köpfen vorgeht. erst seit ich den film gesehen habe, tue ich die beiden nicht mehr als spinner ab sondern habe grössten respekt vor deren tun.
Malachi 05.08.2010
4. Klettern ist Kopfarbeit!
Naja, so etwas kann nur jemand behaupten, der noch nie selbst geklettert ist. Schon am Seil bemerkt man einen mentalen Unterschied zwischen Toprope (Seil hängt oben drin, keinerlei Sturzgefahr) und Vorstieg (Sicherung muss selbst eingehängt werden, Sturzgefahr entspricht doppelte Entfernung zur letzten Sicherung + Seildehnung). Persönlich musste ich auch schön öfters -trotz Seil- an Schlüsselstellen einen Rückzug machen, obwohl ich die Route problemlos im Toprope/Nachstieg klettere. Beim klettern trainiert man nicht nur seinen Körper, sondern auch seine mentale Stärke. Beim Freesolo ist das Extrem erreicht, das hat dann oftmals mehr mit Zen zu tun als mit Sport.
altais 05.08.2010
5. --
Zitat von deepoceaninteresantes gespräch; womit ich aber mühe habe, ist , das ein werdender vater den eigenen kick über alles andere stellt... ich wäre nicht überrascht sehr bald zu lesen, dass es ihn geschmissen hat....
Warum denn? Er sagt doch, er braucht nicht Vater eines Sohnes zu werden um am Leben bleiben zu wollen. Wie viele Kinder gibt es, deren Väter voller Verantwortungsbewusstsein auf der Straße gestorben sind? Und wie viele alleinerziehende Mütter, wo die Erzeuger von vorneherein auf ihre Kicks nicht verzichten wollten, die die Vaterstelle erst gar nicht angetreten haben?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 31/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.