Der SPIEGEL

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02. August 2010, 00:00 Uhr

Finanzkrise

Brüchige Basis

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Die nächste große Spekulationsblase droht in China zu platzen: Immobilienpreise schießen staatlich befeuert in die Höhe. Peking will gegensteuern - und könnte alles noch schlimmer machen.

Die drückend-schwüle Sommerhitze wird von einem endlosen Sägen, Kreischen, Bohren und Hämmern zerrissen. Hunderte Wohnblocks und Villen aller möglichen Stilrichtungen wachsen hier am Rand des nordchinesischen Tianjin aus dem Staub.

Im klimagekühlten Showroom nebenan führen Verkäufer in gelben Uniformen die Interessenten um ein Modell der Anlage herum: "In einem Jahr haben wir schon 90 Prozent von Nordamerika, Asien und Europa veräußert", sagt Kundenberater Qi Yunbo stolz. "Jetzt bereiten wir Afrika, Ozeanien, Südamerika zum Verkauf vor."

"Xingyao Wuzhou" - frei übersetzt: "Leuchtender Stern über fünf Kontinenten" -, so heißt die Nachbildung der Weltkarte, eine chinesische Mischung aus Dubai und Disneyland, die hier für über 2,3 Milliarden Euro rund um einen und in einem künstlichen See entstehen soll, ein gigantisches Wohn- und Freizeitparadies der Luxusklasse.

Den Bewohnern der Wasserstadt soll es an nichts mangeln, geplant sind unter anderem das größte überdachte Skigelände der Welt, Golfplätze, ein Sieben-Sterne-Hotel, die größte Musikfontäne auf Erden sowie Miniaturen berühmter Bauwerke wie der Londoner Tower Bridge und der Golden Gate von San Francisco.

Größenwahn hat Hochkonjunktur im Wirtschaftswunderland China. "Die Welt in Ihrer Hand" - mit diesem Slogan werben die Bauherren für das Edelprojekt. Manager Qi zeigt auf Modellvillen in besonders exklusiver Uferlage. Diese Objekte wolle man erst ganz zum Schluss veräußern, sagt er und zwinkert verschwörerisch: Seit Beginn der Verkäufe sind die Quadratmeterpreise bereits um 4000 bis 5000 Yuan (umgerechnet 450 bis 570 Euro) gestiegen. Von jeder weiteren Bauphase versprechen sich die Investoren noch prächtigere Gewinne.

Chinas Entwicklungsmodell hängt von Rekorden ab

Zweckoptimismus bildet die brüchige Basis, auf der allenthalben im Reich der Mitte ähnliche Projekte gedeihen. Zweifel sind tabu, jetzt erst recht, denn außerhalb der edlen Verkaufsräume beginnt die Stimmung sich bereits zu drehen. Immer öfter und lauter ist die Rede davon, dass die Blase platzen könnte, ja dass die Trendwende schon begonnen hat - mit ungewissen Folgen für die Wirtschaft auch der übrigen Welt.

Im Juni fielen gegenüber dem Vormonat erstmals seit knapp anderthalb Jahren die Immobilienpreise in 70 großen Städten Chinas - um 0,4 Prozent für Neubauwohnungen und um 0,1 Prozent für Altbauten. Zugleich meldete das Statistikamt ernüchternde Zahlen für die Gesamtkonjunktur.

Demnach wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur noch um 10,3 Prozent. In den ersten drei Monaten waren es noch 11,9. Das ist zwar eine lächerlich wirkende Abschwächung im Vergleich mit westlichen Industrieländern. Doch für die Volksrepublik, deren Entwicklungsmodell von Rekorden abhängt, um nicht ganz schnell wieder abzurutschen, gelten die jüngsten Daten als beunruhigend.

Auch westliche Exportländer wie Deutschland, die sich unter anderem dank Aufträgen aus China von der globalen Krise erholen, werden an die Risiken in Fernost erinnert: "Wir beginnen, einen Kollaps im Immobilienmarkt zu sehen, und dieser wird den Bankensektor treffen", warnte kürzlich Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. "Es ist eine Blase", da bestehe kein Zweifel.

Die Bedrohung ist hausgemacht

Selbst Xu Shaoshi, Chinas Minister für Land und Ressourcen, fürchtet, im dritten Quartal könne der Immobilienmarkt eine "volle Korrektur" erleben - auch wenn die anders aussehen würde, als es die USA in den vergangenen Jahren erlebt haben. Dort begann die Krise damit, dass immer mehr sogenannte Subprime-Kredite vergeben wurden. Menschen, die sich ein eigenes Haus eigentlich gar nicht leisten konnten, wurden mit billigen Krediten und der Aussicht geködert, ihre Immobilie werde ja immer wertvoller und bezahle sich gleichsam von selbst.

Als die Preise erstmals nachgaben, konnten Hunderttausende ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Aus der Immobilien- wurde eine Bankenkrise, aus der Banken- eine Schuldenkrise der gesamten westlichen Welt. Die Folgen sind noch heute zu sehen: von den Millionen Arbeits- und Obdachlosen in den USA bis zu Euro-Staaten wie Griechenland, die unter gewaltigen Staatsschulden erdrückt zu werden drohen.

China schien vor der globalen Krise lange gefeit, erlebt nun aber die Bedrohungen einer hausgemachten Immobilienkrise, die etliche lokale Regierungen in Schwierigkeiten bringen könnte. Grund: Durch Verkäufe von Agrarland an Immobilienhaie finanzierten sie oft fast ein Drittel ihrer Großvorhaben wie Flughäfen oder Bahnhöfe.

Allein 2009 verkauften sie insgesamt 319.000 Hektar Land - 44 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In der Hoffnung auf stets steigende Bodenpreise verschuldeten sie sich hoch bei Banken.

Wie teuer bezahlt China für seinen Immobilienboom?

Doch nun zeigen sich auch im Reich der Mitte die Grenzen des Wachstums, und damit aber gerät eine Hauptsäule der chinesischen Wirtschaft ins Wanken. Immerhin hatte die Regierung im Zuge ihrer Konjunkturmaßnahmen vier Billionen Yuan (rund 450 Milliarden Euro) in das größte Rettungspaket gepumpt, das die Volksrepublik je gesehen hat. Das entfachte zunächst einen gewaltigen Bau-Boom - mit teils üblen Folgen: Oft werden Bürger mit rüdesten Methoden enteignet.

Seit vergangenem Sommer ist der Bestand an Immobilienkrediten chinesischer Banken um mehr als 40 Prozent gestiegen. Die Folge: Fehlplanungen, dubios versickernde Geldflüsse und vielfach immer weiter explodierende Preise, die wiederum die Bevölkerung treffen.

Sparen lohnt in China kaum. Nach etlichen, teils dramatischen Turbulenzen an den Börsen lassen die Bürger auch die Finger von Aktiengeschäften. Da schien eine Wohnung oder ein Haus lange als sinnvollste und gewinnbringendste Geldanlage.

In manchen Städten wurden schon mehr Wohnungen gebaut als neue Haushalte gegründet. In Metropolen wie Peking und Shanghai müssen die Chinesen etwa das 20fache ihres durchschnittlichen Jahresgehalts bezahlen, um auch nur ein Apartment zu ergattern. Selbst in teuren Großstädten wie Tokio liegt der entsprechende Faktor bei rund acht.

Die Spekulation eindämmen - und die Konjunktur gleich mit?

Die drohende Blase erreicht schon jetzt weltpolitische Dimensionen. Denn die gefräßige Bauwirtschaft Chinas ließ auch die Preise von Rohstoffen wie Aluminium, Eisenerz oder Kupfer in die Höhe schnellen. Kein Wunder, dass sich in einer Umfrage schon mehr als zwei Drittel aller Chinesen wünschten, die Immobilienblase möge doch bald platzen. Viele ahnen: Von einer Marktwirtschaft, die sich selbst regulieren könnte, ist der asiatische Staatskapitalismus weit entfernt.

Im April reagierte die Politik: Um das Spekulationsfieber abzukühlen, wies sie Banken an, weniger Kredite an Wohnungskäufer zu vergeben. Zugleich wurde der geforderte Eigenkapitalanteil für den Kauf von Zweitwohnungen auf mindestens 50 Prozent erhöht. Auch erwägt die Regierung, Wohneigentum künftig zu besteuern.

Doch diese Maßnahmen sind riskant. Sie könnten nicht nur die Spekulation eindämmen, sondern gleich auch die übrige Konjunktur abwürgen. Immerhin macht der Immobiliensektor 20 Prozent der festen Investitionen aus. Und so könnte sich ein unerwünschter Effekt einstellen: Wenn China weniger Wohnungen und Häuser baut, könnten auch Industriezweige wie das Stahl-, Glas- oder Zementgeschäft auf ihren erheblichen Überkapazitäten sitzenbleiben.

Das sind nicht nur die Szenarien von notorischen Schwarzmalern. Selbst Premier Wen Jiabao räumte kürzlich ein: "Das Dilemma, dem China sich bei seinen makroökonomischen Maßnahmen gegenübersieht, ist unerwartet groß." Auch spiegelt die Shanghaier Börse bereits die fundamentalen Risiken wider. Ein Viertel der Börsenkapitalisierung entfällt dort auf Immobilienwerte und Banken: Im ersten Halbjahr fiel der Aktienindex um 27 Prozent.

Erinnerungen an das Japan der achtziger Jahre

Doch lässt sich tatsächlich bereits von einem nahen Immobilien-Crash spre-chen - oder gelingt den Planern noch eine weiche Landung? Cao Jianhai von der staatlichen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking erklärt: "Die chinesische Wirtschaft gleicht einem Vulkan vor dem Ausbruch." Dennoch glaube er nicht, dass die Regierung von Staats- und Parteichef Hu Jintao und Premier Wen vor Auslauf ihrer Amtszeit 2012 einen Crash zulassen werde. Zu groß sei die Abhängigkeit der Lokalregierungen vom Immobilien-Boom. Peking werde "um jeden Preis" Geld ins Finanzsystem pumpen, damit die Wirtschaft auch weiter rasant wächst.

In zwei Jahren aber, so Cao, könne die Blase platzen. Dann müssten die Nachfolger von Hu und Wen die Schieflage korrigieren. Im schlimmsten Fall, prophezeit der Wissenschaftler, könne es dann zum Massenansturm auf Banken kommen. "Denn von den vier Billionen Yuan des chinesischen Konjunkturpakets stammen ja in Wahrheit drei Billionen von den Lokalregierungen - und die haben sich das Geld bei den Banken geliehen."

Es gibt eine interessante historische Parallele zur neuen chinesischen Blase. Mit seinen Auswüchsen - Luxusvillen, Freizeitparks, Golfplätze - erinnert Chinas Immobilien-Boom auffallend an die japanische "Bubble" der achtziger Jahre. Damals soll angeblich allein das Grundstück des Kaiserpalasts in Tokio - rein rechnerisch - so viel wert gewesen sein wie ganz Kalifornien.

Zwar lässt sich das alternde Inselland Japan nur teilweise mit dem Riesenmarkt China vergleichen. In der Volksrepublik strömen jährlich über zehn Millionen Bauern in die Großstädte, von daher besteht durchaus noch Bedarf an Wohnungen. Doch diese reale Nachfrage werde vom aktuellen Boom nicht bedient, sagt Ökonom Cao. "Wanderarbeiter sind arm, sie können sich die meist viel zu teuren Wohnungen nicht leisten."

Nach der geplatzten "Bubble" durchlitt Japan das sogenannte verlorene Jahrzehnt, dem dann noch eine zweite Krisendekade folgte. Cao ist sicher: Auch China werde seine Abhängigkeit vom Immobilien-Boom teuer bezahlen müssen. "Dadurch wird unsere industrielle Entwicklung um zehn Jahre verzögert."

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