Von Martin Wolf
Normale Buchhandlungen schmücken ihre Wände gern mit Postern von Goethe, Max Frisch oder Paulo Coelho. In der Wand rechts neben dem Eingang zur Buchhandlung Ennsthaler in Steyr, Oberösterreich, steckt eine alte Kanonenkugel, eine Erinnerung an Napoleons Truppen, die die Stadt einst besetzt hatten und am Ende doch besiegt wurden. Man kann das als Warnung verstehen.
Ennsthaler, die Buchhandlung, Stadtplatz Nummer 26 in der Kleinstadt Steyr in der Nähe von Linz, das ist ein Haus aus dem 16. Jahrhundert, Verkaufsräume mit verblichenem Teppich über zwei Etagen und dahinter ein Labyrinth aus Gängen, Treppen, Regalen, Lager- und Büroräumen. Ennsthaler, der Buchhändler, ist ein kräftiger Mann mit grauem Kinnbart, 59 Jahre alt, Vater von sechs Kindern, ein Sohn wurde im Zimmer neben dem Büro geboren.
Das Geschäft übernahm Ennsthaler in den siebziger Jahren von seinem Vater. Heute arbeiten vier seiner mittlerweile erwachsenen Kinder in der Firma, zu der auch ein eigener Verlag gehört und eine Verlagsauslieferung, also der Vertrieb für andere Verlage, auch aus Deutschland und der Schweiz. Insgesamt hat das Unternehmen Ennsthaler 24 Mitarbeiter, macht rund vier Millionen Euro Umsatz pro Jahr, und Miete zahlen muss Ennsthaler auch nicht, das Haus gehört ihm ja.
"Ennsthaler ist eine Institution in Steyr", sagt Ennsthaler, und das merkte irgendwann auch die Buchhandelskette Thalia, die vor einigen Jahren eine eigene Filiale in Steyr eröffnet hat, Stadtplatz Nummer 2, nur gut hundert Meter von Ennsthaler entfernt, aber eher am Rand des Zentrums. Man kann Bücher kaufen bei Thalia, natürlich, aber auch Büromaterial, Spiele und kleine Buddhafiguren.
Schon im vergangenen Jahr gab es einen ersten Kontakt zwischen Ennsthaler und Thalia. Da ging es noch um eine Kooperation. Bei einem zweiten Besuch von Thalia-Mitarbeitern schließlich will Ennsthaler erfahren haben, wie die Kooperation aussehen könnte: Ennsthaler sollte eigenes Geld in die Modernisierung seiner Buchhandlung investieren ("Mindestens 500.000 Euro", sagt Ennsthaler), um sie dann an Thalia zu vermieten. Zu sagen hätte Ennsthaler im eigenen Haus allerdings nichts mehr. Er lehnte ab.
Im April dieses Jahres nun meldete sich Ingo Scholz zu einem Antrittsbesuch, seit Herbst 2009 Geschäftsführer von Thalia Österreich, zuständig für "Beschaffung, Kaufmännisches und Infrastruktur". Er kam schnell zur Sache. Scholz machte deutlich, so erinnert sich Gottfried Ennsthaler, dass Thalia die Buchhandlung Ennsthaler übernehmen wolle. Jeder solle künftig das tun, was er am besten könne. Als Verleger könne Ennsthaler am besten Bücher produzieren, und "wir können am besten Bücher verkaufen", so habe es der Thalia-Mann gesagt. "Ich habe erst gedacht, der macht einen Scherz", sagt Ennsthaler.
Aber Thalia will keine Witze machen, Thalia will wachsen, immer weiter. Der Konzern, benannt nach der Muse der heiteren Dichtkunst aus der griechischen Mythologie, ist die größte Buchhandelskette im deutschsprachigen Raum, mit 294 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und einem Jahresumsatz von zuletzt 910 Millionen Euro. "Wir wollen eine Milliarde erreichen", spätestens 2011, so Thalia-Chef Michael Busch zur "Süddeutschen Zeitung".
Ein ehrgeiziges Ziel, möglicherweise gefährdet durch die Konkurrenz des Internetversands Amazon und den Siegeszug des E-Books. Thalia arbeitet wohl längst an einem eigenen Modell, die Ressourcen dazu sind da.
Thalia gehört zu 75 Prozent zur Douglas Holding, die auch die Douglas-Parfümerien und die Juwelierkette Christ betreibt, und wird wegen bisweilen ruppiger Geschäftsmethoden gefürchtet. Methoden, wie sie bei einigen Supermarktketten üblich sein mögen, in der noch immer von Schöngeistern geprägten Buchbranche jedoch für Verstörung sorgen.
So schickte Thalia im Herbst 2005 einen Brief an viele Verlage mit der Aufforderung, sich an den Modernisierungskosten für Thalia-Buchhandlungen finanziell zu beteiligen. Sogar eine "Neueröffnungs-Prämie für neue Filialen" sollten die Verlage zahlen - "unglücklich formuliert", "mittlerweile gegessen", wie Thalia später beteuerte. Verlage stöhnen jedoch auch über hohe Rabattforderungen, die meisten geben nach. Kaum ein Verlag kann es sich leisten, dass seine Bücher nicht in den Thalia-Geschäften erhältlich sind.
© DER SPIEGEL 31/2010
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