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Ausgabe 31/2010

Buchmarkt: Druckmethoden

Von Martin Wolf

Die Buchhandelskette Thalia bedrängte mit rüden Mitteln einen kleinen Familienbetrieb in Österreich. Ein Lehrstück über eine hartumkämpfte Branche.

Buchmarkt: Schikanen, wie sie im Buche stehen Fotos
DDP

Normale Buchhandlungen schmücken ihre Wände gern mit Postern von Goethe, Max Frisch oder Paulo Coelho. In der Wand rechts neben dem Eingang zur Buchhandlung Ennsthaler in Steyr, Oberösterreich, steckt eine alte Kanonenkugel, eine Erinnerung an Napoleons Truppen, die die Stadt einst besetzt hatten und am Ende doch besiegt wurden. Man kann das als Warnung verstehen.

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Im Büro eine Etage über seiner Buchhandlung blickt Gottfried Ennsthaler, der Eigentümer, auf die Rokokofassade des Rathauses direkt gegenüber und erzählt vom jüngsten Kulturkampf zu Steyr, einem Angriff, der ihm und seinem Geschäft gilt. Der Angreifer ist Thalia, der Buchhandelskonzern aus Deutschland, und er, Gottfried Ennsthaler, hat "die Frechheit besessen, mich zu wehren". Er wirkt nicht unzufrieden dabei.

Ennsthaler, die Buchhandlung, Stadtplatz Nummer 26 in der Kleinstadt Steyr in der Nähe von Linz, das ist ein Haus aus dem 16. Jahrhundert, Verkaufsräume mit verblichenem Teppich über zwei Etagen und dahinter ein Labyrinth aus Gängen, Treppen, Regalen, Lager- und Büroräumen. Ennsthaler, der Buchhändler, ist ein kräftiger Mann mit grauem Kinnbart, 59 Jahre alt, Vater von sechs Kindern, ein Sohn wurde im Zimmer neben dem Büro geboren.

Das Geschäft übernahm Ennsthaler in den siebziger Jahren von seinem Vater. Heute arbeiten vier seiner mittlerweile erwachsenen Kinder in der Firma, zu der auch ein eigener Verlag gehört und eine Verlagsauslieferung, also der Vertrieb für andere Verlage, auch aus Deutschland und der Schweiz. Insgesamt hat das Unternehmen Ennsthaler 24 Mitarbeiter, macht rund vier Millionen Euro Umsatz pro Jahr, und Miete zahlen muss Ennsthaler auch nicht, das Haus gehört ihm ja.

"Ennsthaler ist eine Institution in Steyr", sagt Ennsthaler, und das merkte irgendwann auch die Buchhandelskette Thalia, die vor einigen Jahren eine eigene Filiale in Steyr eröffnet hat, Stadtplatz Nummer 2, nur gut hundert Meter von Ennsthaler entfernt, aber eher am Rand des Zentrums. Man kann Bücher kaufen bei Thalia, natürlich, aber auch Büromaterial, Spiele und kleine Buddhafiguren.

Schon im vergangenen Jahr gab es einen ersten Kontakt zwischen Ennsthaler und Thalia. Da ging es noch um eine Kooperation. Bei einem zweiten Besuch von Thalia-Mitarbeitern schließlich will Ennsthaler erfahren haben, wie die Kooperation aussehen könnte: Ennsthaler sollte eigenes Geld in die Modernisierung seiner Buchhandlung investieren ("Mindestens 500.000 Euro", sagt Ennsthaler), um sie dann an Thalia zu vermieten. Zu sagen hätte Ennsthaler im eigenen Haus allerdings nichts mehr. Er lehnte ab.

Im April dieses Jahres nun meldete sich Ingo Scholz zu einem Antrittsbesuch, seit Herbst 2009 Geschäftsführer von Thalia Österreich, zuständig für "Beschaffung, Kaufmännisches und Infrastruktur". Er kam schnell zur Sache. Scholz machte deutlich, so erinnert sich Gottfried Ennsthaler, dass Thalia die Buchhandlung Ennsthaler übernehmen wolle. Jeder solle künftig das tun, was er am besten könne. Als Verleger könne Ennsthaler am besten Bücher produzieren, und "wir können am besten Bücher verkaufen", so habe es der Thalia-Mann gesagt. "Ich habe erst gedacht, der macht einen Scherz", sagt Ennsthaler.

Aber Thalia will keine Witze machen, Thalia will wachsen, immer weiter. Der Konzern, benannt nach der Muse der heiteren Dichtkunst aus der griechischen Mythologie, ist die größte Buchhandelskette im deutschsprachigen Raum, mit 294 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und einem Jahresumsatz von zuletzt 910 Millionen Euro. "Wir wollen eine Milliarde erreichen", spätestens 2011, so Thalia-Chef Michael Busch zur "Süddeutschen Zeitung".

Ein ehrgeiziges Ziel, möglicherweise gefährdet durch die Konkurrenz des Internetversands Amazon und den Siegeszug des E-Books. Thalia arbeitet wohl längst an einem eigenen Modell, die Ressourcen dazu sind da.

Thalia gehört zu 75 Prozent zur Douglas Holding, die auch die Douglas-Parfümerien und die Juwelierkette Christ betreibt, und wird wegen bisweilen ruppiger Geschäftsmethoden gefürchtet. Methoden, wie sie bei einigen Supermarktketten üblich sein mögen, in der noch immer von Schöngeistern geprägten Buchbranche jedoch für Verstörung sorgen.

So schickte Thalia im Herbst 2005 einen Brief an viele Verlage mit der Aufforderung, sich an den Modernisierungskosten für Thalia-Buchhandlungen finanziell zu beteiligen. Sogar eine "Neueröffnungs-Prämie für neue Filialen" sollten die Verlage zahlen - "unglücklich formuliert", "mittlerweile gegessen", wie Thalia später beteuerte. Verlage stöhnen jedoch auch über hohe Rabattforderungen, die meisten geben nach. Kaum ein Verlag kann es sich leisten, dass seine Bücher nicht in den Thalia-Geschäften erhältlich sind.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
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1. Danke
klangholz 04.08.2010
Wieder ein Laden mehr auf meiner roten Liste.
2. Aufkleber zu Thalia ?
shalom-71 04.08.2010
Gibt es irgendwo Aufkleber vom Typ "Thalia njet" ?
3. Nichts anderes zu erwarten
Hamburgues 04.08.2010
Als jemand der aus der Buchhandelsbranche stammt (jetzt aber nicht mehr dort arbeitet), muss ich sagen, dass dieses Verhalten typisch für Thalia ist. Mit aller Macht soll expandiert werden. Und da der Kuchen nicht wächst, soll er anders verteilt werden- zugunsten von Thalia! Seit Jahren werden Mittelständler und kleine Familienbetriebe aus dem Geschäft gedrängt oder übernommen, ein Prozess der seit Jahren in ganz Deutschland zu beobachten ist. Allein wer regelmäßig das Börsenblatt liest, kann diesen Verdrängungsprozess gut beobachten. Das was amazon im Netz macht, das macht Thalia im stationären Betrieb. Diese Entwicklung kann man gut oder schlecht finden, je nach Standpunkt. Wer allerdings gegen mehr Konzentration ist, sollte seine Bücher im kleinen Buchladen um die Ecke kaufen (zugegeben: wenn es diesen denn noch gibt?!). Die Bücher kosten i.d. Regel dank Buchpreisbindung nicht mehr als bei Thalia. Mal drüber nachdenken. P.S.- Ich kann mich noch gut erinnern, wie in der Berufsschule die Azubis, die bei Thalia arbeiteten, nicht um sonst bemitleidet wurden.
4. Unglaublich
KIRI 04.08.2010
Danke an den SPON, dass er diesen Bericht veröffentlicht hat. Thalia ist ab sofort tabu
5. Thalia, wer ist Thalia?
reflexxion 04.08.2010
Sorry aber außer in Berlin in Einkaufscenter Schloßstraße(Steglitz) habe ich noch nirgendwo einen Thalia Laden gesehen. Das Sortiment dort war kleiner als bei einer Hugendubel Filiale in der Nähe und gemütlicher ist es bei Hugendubel auch. Wo kaufe ich also Bücher? Bei Hugendubel am Wühltisch die Bücher die man sonst eher nicht kaufen würde, also von fremden Autoren oder eben welche die als Hardcover vorher viel zu teuer waren (dank an die deutsche Preisbindung!) Englische Bücher bestelle ich der Einfachheit halber bei Amazon, da gibts eine Riesenauswahl zu kleinen Preisen. Normale Bücher aber, die ich unbedingt früh lesen will, bevor sie also als Taschenbuch erscheinen, bestelle ich beim shop-around-the-corner. Ich will einfach nicht, das es irgendwann nur noch anonyme Kettenbuchläden gibt. Der kleine laden ist am Mariendorfer Damm, etwa gegenüber dem Wochenmarkt und dem Lokal Remise No.1, falls jemand mir bei der Unterstützung des Ladens helfen will.
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