AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2010

Fotografie "Mach den Mund zu"

Peter Lindbergh

2. Teil: Heute sind die Models um die 1,80 Meter und wiegen wenige, wenige Kilos


SPIEGEL: Sie haben 1999 den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder fotografiert, er wurde danach lange als Kaschmir-Kanzler verspottet.

Lindbergh: Das Lifestyle-Magazin von "Gala", das die Bilder damals brachte, nannte in den Fotocredits auch die Herstellernamen und die Preise. Mantel: Brioni, 4000 Mark, Anzug: Kiton, 3000 Mark. Der Kanzler wurde so zu einem Mannequin degradiert, das war eine Schwachsinnsidee. Grotesk.

SPIEGEL: War Schröder böse auf Sie?

Lindbergh: Nein, ich bin daran absolut unschuldig. Ich wusste davon nichts, ich habe nur die Fotos geliefert.

SPIEGEL: Haben Sie ihn später noch mal fotografiert?

Lindbergh: Nein.

SPIEGEL: Was ist schwieriger zu fotografieren, Profi-Models oder einen Machtmenschen?

Lindbergh: Gerhard Schröder hatte ein irres Gefühl dafür, sich vor der Kamera zu bewegen. Wie er mit der Zigarre posierte und sich inszenierte, das hat er mit größtem Genuss getan. Er hatte ein erstaunliches Fingerspitzengefühl, welchen Eindruck er gerade vermittelt. Und welchen Eindruck er vermitteln will. Er hat sich vier Stunden für mich Zeit genommen, und wir haben uns sehr gut verstanden. Nach dem Shooting sind wir essen gegangen, und Schröder sagte: "Wenn ich das nächste Mal nach Paris komme, dann können wir uns gerne treffen. Gut, ich muss halt zuerst zu Chirac, aber danach!"

SPIEGEL: Vier Stunden für ein Shooting mit einem Spitzenpolitiker?

Lindbergh: Ja, er hatte einen halben Tag eingeplant, das ist für einen Kanzler außergewöhnlich lange. Vor kurzem habe ich Eric Holder, den US-amerikanischen Justizminister, für die amerikanische "Vogue" fotografiert. An dem Tag, an dem wir da waren, begannen in Washington gerade die Anhörungen zu BP. Holder hatte zwei Stunden für uns eingeplant. Er sagte: "Nur keine Eile, je länger das dauert, umso besser. Wenn ich hier fertig bin, habe ich ganz andere Sachen am Hals."

SPIEGEL: Sie schrieben 1989 Fotografiegeschichte, als Sie fünf Mädchen zusammen aufnahmen: Tatjana Patitz, Linda Evangelista, Christy Turlington, Naomi Campbell und Cindy Crawford. Als sogenannte Supermodels dominierten diese Frauen später jahrelang die Modebranche. Wie haben sich die Models in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Lindbergh: Als ich anfing, kamen viele Models aus Schweden, waren blond, hatten perfekte Beine und lachten wunderschön. Die waren 1,73 Meter - für damalige Verhältnisse war das groß. Heute sind die Models um die 1,80 Meter, kommen aus Osteuropa und wiegen wenige, wenige Kilos. Die hungern sich zu Tode, das kann man als intelligenter Mensch nicht gut finden.

SPIEGEL: Bei der Madrider Modewoche wurden 2006 das erste Mal nur Models zugelassen, die einen gewissen Body-Mass-Index nicht unterschritten.

Lindbergh: Das ist so albern wie die Diskussion, die neulich in Frankreich aufkam. Zu jedem gedruckten Foto sollte es eine Fußnote geben, in der aufgezählt wird, was retuschiert wurde. So nach dem Motto: "14.6.2010: Pickel wegretuschiert". Das kann man nicht machen.

SPIEGEL: Sondern?

Lindbergh: Es sind die Fotografen, die verantwortlich handeln müssen, sie suchen die Models ja aus. In der Modebranche werden Menschen nur in Details wahrgenommen, man hört unglaubliche Dinge wie: "Die hat ein schönes, längliches Gesicht, aber die Wangenknochen sind einen Tick zu breit." Wenn ich ein phantastisches Mädchen sehe, dann achte ich doch nicht darauf, ob die Beine kerzengerade sind.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, sie würden gern die inzwischen 69-jährige Schauspielerin Faye Dunaway fotografieren, aber lieber noch fünf Jahre warten, weil sie damals gerade ein Facelifting hinter sich hatte. Viele Schauspieler wie Megan Fox sehen heute mit Anfang zwanzig so aus, als hätten sie nicht mehr ihr Originalgesicht.

Lindbergh: Ich habe mal ein nicht sehr vorteilhaftes, aber interessantes Foto von Jeanne Moreau gemacht und sie darum gebeten, es leicht retuschiert veröffentlichen zu dürfen. Sie war damals 78 und sagte erstaunt: "Aber Peter, was willst du denn da retuschieren?" Ich würde sagen, Moreau ist die Frau, die ich am liebsten fotografiert habe.

SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass die Konkurrenz unter Fotografen härter geworden ist?

Lindbergh: Heute kann jeder Fotograf werden, weil man mit Photoshop im Nachhinein so viel richten kann. Aber jeder, der anfängt, steht vor dem gleichen Problem wie vor 40 Jahren: Um an die interessanten Sachen zu kommen, muss man etwas Interessantes zeigen. Die Kunst der Fotografie besteht darin, etwas Neues zu schaffen, etwas so abzubilden, wie es noch kein anderer gezeigt hat. Viele Fotografen gehen aber nicht von ihren eigenen Gedanken aus, sondern von existierenden Bildern. Die Fotografie ist eine Kuh geworden, die alles siebenmal wiederkäut.


Ausstellung "Peter Lindbergh. On Street" ab dem 25. September bei C/O Berlin

Das Interview führten Nora Reinhardt und Stefan Simons



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
SURE 06.08.2010
1. gut
Zitat von sysopDer Fotograf Peter Lindbergh über Magermodels, seine Erfahrungen mit Politikern und das Geheimnis eines guten Bildes http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,709747,00.html
Gutes Interview. Kompliment. Es gibt SIe also noch, Menschen die etwas zu sagen haben.
klangholz 06.08.2010
2. Belangloses Künstlergesülze
Zitat von SUREGutes Interview. Kompliment. Es gibt SIe also noch, Menschen die etwas zu sagen haben.
Ja das übliche Künstler-Geplapper 'Ich habe recht alle anderen wissen nicht wie man richtige Photos macht, nämlich so und so,...'. Er hätte genau das Gegenteil sagen können und sie wären auch begeistert gewesen. Hört, hört der Künstler spricht und erklärt uns was richtig und falsch ist. Merkt Lindberg der eigentlich noch wie peinlich er ist?
pfzt 06.08.2010
3. ja. zustimmung. gutes interview.
Zitat von SUREGutes Interview. Kompliment. Es gibt SIe also noch, Menschen die etwas zu sagen haben.
"SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass die Konkurrenz unter Fotografen härter geworden ist? Lindbergh: Heute kann jeder Fotograf werden, weil man mit Photoshop im Nachhinein so viel richten kann. Aber jeder, der anfängt, steht vor dem gleichen Problem wie vor 40 Jahren: Um an die interessanten Sachen zu kommen, muss man etwas Interessantes zeigen. Die Kunst der Fotografie besteht darin, etwas Neues zu schaffen, etwas so abzubilden, wie es noch kein anderer gezeigt hat. Viele Fotografen gehen aber nicht von ihren eigenen Gedanken aus, sondern von existierenden Bildern. Die Fotografie ist eine Kuh geworden, die alles siebenmal wiederkäut." besonders diesen letzten absatz sollte man an jede designhochschule und westliche werbeagentur in stein meißeln.
tapferes_schneiderlein 06.08.2010
4. Gutes Interview
Ich finde das Interview auch super. Gerade der letzte Satz trifft den Nagel doch auf den Punkt. Wie oft habe ich schon diese Mood-Boards gesehen an der Modeschule, wo man aus Zeitschriften ausreißt, was einem gefällt, und was einen "inspiriert", und dann wird das nachgemacht. Mir hat das damals schon nicht gefallen, ziemlich wenig kreativ, wenn ihr mich fragt. Und sonst? Finde ich das Interview für den Spiegel ziemlich witzig!! Das mit dem Chirac finde ich zum Schreien, und das mit dem Heidelbeetrick ja wohl auch! Ich mag die Fotos von Lindbergh immer noch gut leiden, sie sind heute schon ein Klassiker.
Reflektionen 06.08.2010
5. Leeres gequatsche
Zitat von klangholzJa das übliche Künstler-Geplapper 'Ich habe recht alle anderen wissen nicht wie man richtige Photos macht, nämlich so und so,...'. Er hätte genau das Gegenteil sagen können und sie wären auch begeistert gewesen. Hört, hört der Künstler spricht und erklärt uns was richtig und falsch ist. Merkt Lindberg der eigentlich noch wie peinlich er ist?
@klangholz: Offensichtlich haben Sie ein anderes Interview gelesen. Ich fand es ausgesprochen gut. Ein Künstler der seine ehrliche Meinung sagt. Sie hingegen nutzen die typische "Forenplattitüde". Die hätten Sie sich auch sparen können.
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