AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2010

Fotografie "Mach den Mund zu"

Der Fotograf Peter Lindbergh über Magermodels, seine Erfahrungen mit Politikern und das Geheimnis eines guten Bildes

Peter Lindbergh

SPIEGEL: Herr Lindbergh, kennen Sie den Heidelbeertrick?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 31/2010
Protokoll eines tödlichen Versagens

Lindbergh: Was soll das sein?

SPIEGEL: Heidi Klum empfiehlt, bei Fotoshootings den Mund halboffen stehenzu- lassen, so dass noch eine Heidelbeere zwischen die Lippen passt. Das soll wahrscheinlich lasziv wirken.

Lindbergh: Wenn jemand solche Tricks anwendet, sage ich sofort: "Mach den Mund zu." Eine andere Marotte ist gerade der sogenannte Smirk: eine Mischung aus gelangweiltem Dreinschauen und Grinsen. Es gibt ein ganzes Repertoire an eingeübten Gesichtsausdrücken. Ein gutes Foto kommt dabei sicherlich nicht heraus.

SPIEGEL: Sie fotografieren seit über 30 Jahren Mode, Sie gelten als Erfinder der Supermodels, und im September werden Sie in einer großen Ausstellung in Berlin gefeiert. Was ist ein gutes Modefoto?

Lindbergh: Wenn es nur um die Mode ginge, sollte man Kleider besser vor einem weißen Hintergrund ablichten. Es geht aber um die Frau: Ein gutes Modefoto ist ein treffendes Porträt einer tollen Frau.

SPIEGEL: Man kann sich vorstellen, dass die Modeschöpfer wenig Verständnis dafür haben, wenn man ihre Design-Klamotten nicht erkennt, weil es Ihnen um die Frau geht.

Lindbergh: Natürlich kann man die Fotos nicht unterhalb des Halses abschneiden, weil man in der Woche gerade ganz besonders auf Porträtfotografie steht. Diese Balance zu finden ist die ganze Kunst.

SPIEGEL: Wie dirigieren Sie die Models, um die Fotos zu bekommen, die Sie wollen?

Lindbergh: Schauen Sie, bei Helmut Newton wussten die Models auch genau, was erwartet wird: Die kamen an den Set, haben guten Morgen gesagt und sich noch in der Tür die Bluse ausgezogen. Bei mir wissen die Models, dass es um ihre Persönlichkeit geht.

SPIEGEL: Mehr nicht?

Lindbergh: Ich arbeite nicht mit Frauen, die happy sind, weil sie dazugehören, und am Ende sind alle happy, keiner weiß, warum, alle lächeln, und die Fotos sehen belanglos aus. Wenn ich Shootings erlebe, wo der Fotograf "hey baby, you're fabulous" ruft, könnte ich meinen Beruf wechseln.

SPIEGEL: Gerade durch den Anschein, authentisch zu sein, hat es lange gedauert, bis sich die Fotografie als Kunstsparte etablieren konnte. Wann wird Modefotografie zu Kunst?

Lindbergh: Die Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz ist überflüssig. Das sehen die Museen, die meine Bilder zeigen, genauso. Für mich ist ein Foto dann Kunst, wenn es Emotionen auslöst und in der Lage ist, etablierte Sehweisen zu verändern, oder einfach, weil es neu und originell ist.

SPIEGEL: Ein Keith-Richards-Triptychon von Ihnen wurde vergangenen November in London für über 100.000 Pfund versteigert. Auf den Fotos raucht Richards und lächelt in sich hinein. Kunst darf auf keinen Fall lachen, oder?

Lindbergh: Absolut. Lachen ist eindimensional, es radiert alles aus. Andere Emotionen sind nuancierter, sind besser. Das erste Mal, als ich mit Nadja Auermann gearbeitet habe, in der Nachmittagssonne in Los Angeles, da war die Atmosphäre so intensiv, dass sie plötzlich in Tränen ausbrach. Fotografieren kann sehr intim sein. Manchmal ist es so intim, dass ich die Frau direkt ansehe und gar nicht mehr durch den Sucher schaue. Ich prüfe dann nur zwischendrin kurz, ob ich einigermaßen im Format bin.

SPIEGEL: Ist Nähe Voraussetzung für ein gutes Foto?

Lindbergh: Ja, emotionale Nähe, die ist wichtig.

SPIEGEL: Und körperliche Nähe?

Lindbergh: Ich bin im Grunde ein sehr treuer Typ. Fotografie und Sex, das sind beides intime Akte. Wenn man mit einer Frau schläft, könnte ein gemeinsames Baby daraus entstehen. Wenn man eine Frau fotografiert, hat man ein gemeinsames Foto, das zwei Menschen ein ganzes Leben lang aneinander bindet.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
SURE 06.08.2010
1. gut
Zitat von sysopDer Fotograf Peter Lindbergh über Magermodels, seine Erfahrungen mit Politikern und das Geheimnis eines guten Bildes http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,709747,00.html
Gutes Interview. Kompliment. Es gibt SIe also noch, Menschen die etwas zu sagen haben.
klangholz 06.08.2010
2. Belangloses Künstlergesülze
Zitat von SUREGutes Interview. Kompliment. Es gibt SIe also noch, Menschen die etwas zu sagen haben.
Ja das übliche Künstler-Geplapper 'Ich habe recht alle anderen wissen nicht wie man richtige Photos macht, nämlich so und so,...'. Er hätte genau das Gegenteil sagen können und sie wären auch begeistert gewesen. Hört, hört der Künstler spricht und erklärt uns was richtig und falsch ist. Merkt Lindberg der eigentlich noch wie peinlich er ist?
pfzt 06.08.2010
3. ja. zustimmung. gutes interview.
Zitat von SUREGutes Interview. Kompliment. Es gibt SIe also noch, Menschen die etwas zu sagen haben.
"SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass die Konkurrenz unter Fotografen härter geworden ist? Lindbergh: Heute kann jeder Fotograf werden, weil man mit Photoshop im Nachhinein so viel richten kann. Aber jeder, der anfängt, steht vor dem gleichen Problem wie vor 40 Jahren: Um an die interessanten Sachen zu kommen, muss man etwas Interessantes zeigen. Die Kunst der Fotografie besteht darin, etwas Neues zu schaffen, etwas so abzubilden, wie es noch kein anderer gezeigt hat. Viele Fotografen gehen aber nicht von ihren eigenen Gedanken aus, sondern von existierenden Bildern. Die Fotografie ist eine Kuh geworden, die alles siebenmal wiederkäut." besonders diesen letzten absatz sollte man an jede designhochschule und westliche werbeagentur in stein meißeln.
tapferes_schneiderlein 06.08.2010
4. Gutes Interview
Ich finde das Interview auch super. Gerade der letzte Satz trifft den Nagel doch auf den Punkt. Wie oft habe ich schon diese Mood-Boards gesehen an der Modeschule, wo man aus Zeitschriften ausreißt, was einem gefällt, und was einen "inspiriert", und dann wird das nachgemacht. Mir hat das damals schon nicht gefallen, ziemlich wenig kreativ, wenn ihr mich fragt. Und sonst? Finde ich das Interview für den Spiegel ziemlich witzig!! Das mit dem Chirac finde ich zum Schreien, und das mit dem Heidelbeetrick ja wohl auch! Ich mag die Fotos von Lindbergh immer noch gut leiden, sie sind heute schon ein Klassiker.
Reflektionen 06.08.2010
5. Leeres gequatsche
Zitat von klangholzJa das übliche Künstler-Geplapper 'Ich habe recht alle anderen wissen nicht wie man richtige Photos macht, nämlich so und so,...'. Er hätte genau das Gegenteil sagen können und sie wären auch begeistert gewesen. Hört, hört der Künstler spricht und erklärt uns was richtig und falsch ist. Merkt Lindberg der eigentlich noch wie peinlich er ist?
@klangholz: Offensichtlich haben Sie ein anderes Interview gelesen. Ich fand es ausgesprochen gut. Ein Künstler der seine ehrliche Meinung sagt. Sie hingegen nutzen die typische "Forenplattitüde". Die hätten Sie sich auch sparen können.
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