AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2010

Katastrophen "Es war Funkstille"

REUTERS

2. Teil: "In Wellenbewegungen wurden die Menschen an den Zaun gedrückt"


SPIEGEL: Im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags am vergangenen Mittwoch ist offiziell zu Protokoll gegeben worden, der Beamte sei sowohl mit einem Handy als auch mit einem Funkgerät ausgerüstet gewesen.

Walter: Damit bezichtigt man mich ja der Lüge. Ich bleibe bei meiner Aussage. Punktum.

SPIEGEL: Wenn Ihre Version stimmt - welche Auswirkungen hatte es, dass der Beamte kein Funkgerät hatte?

Walter: Schon Stunden zuvor war eine Kommunikation über Handy wegen Netzüberlastung kaum mehr möglich. Und es wurde immer voller. Wir mussten nun handeln. Ich brauchte, den Absprachen gemäß, nun die Unterstützung der Polizei. Ich brauchte den zuständigen Polizeiführer, und zwar ganz schnell. Nur der hätte entscheiden können, das Gelände endgültig abzuriegeln. Das war gegen 14.30 Uhr.

SPIEGEL: Was geschah dann?

Walter: Wir haben beide versucht, den Polizeiführer irgendwie zu erreichen. Ich über die Leitstelle der Security, der Verbindungsbeamte übers Handy.

SPIEGEL: Wie lange hat es gedauert, Kontakt zu dem Polizeiführer zu bekommen?

Walter: Geschätzte 45 Minuten.

SPIEGEL: Was geschah in der Zwischenzeit?

Walter: Der Zulauf hatte sich enorm verstärkt. Oben, am Ende der Hauptrampe, stauten sich die Leute und kamen nicht mehr aufs Gelände. Ich habe die Ordner draußen an den Tunneleingängen gebeten, so viele Schleusen wie möglich zu schließen. Als der Polizeiführer in meinem Container war, habe ich ihm Maßnahmen vorgeschlagen - unter anderem sollte die kleine westliche Rampe freigegeben werden, die eigentlich als Ausgang gedacht war. So sollte ein zusätzlicher Eingang geschaffen werden. Gleichzeitig sollten die Beamten helfen, die Einlassschleusen vor den Tunneleingängen Ost und West zu sichern.

SPIEGEL: Warum?

Walter: Wenn der Zustrom von beiden Seiten so weit reduziert worden wäre, dass die Masse, die schon auf der Rampe stand, handhabbar gewesen wäre, hätten wir oben - und nicht wie dann geschehen unten - auf der Rampe eine Polizeikette errichtet. Dann hätten wir oben mit den Pushern, also den Ordnern, die die Menge aufs Gelände schieben sollten, und der Polizei die sich oben auf der Rampe stauenden Menschen übers Gelände nach rechts und links drängen können.

SPIEGEL: Tatsächlich liefen nun aber viele Raver, die nach Hause wollten, der Polizeikette sogar in den Rücken. Haben Sie nicht mit dem Rückstrom Tausender Menschen gerechnet? Schließlich war die Eingangsrampe ja auch gleichzeitig der Ausgang.

Walter: Das ist richtig.

SPIEGEL: Wurden vorher keine entsprechenden Überlegungen angestellt?

Walter: Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass ein größerer Rücklauf erst gegen 17 oder 18 Uhr einsetzen würde. Das war die Ansage, die ich vom Veranstalter hatte.

SPIEGEL: Jetzt sind wir in der Zeit 16 Uhr, 16.01 Uhr. Die Polizeikette hat sich unten aufgebaut. Was war die Folge?

Walter: Das Publikum, das rauswollte, hat sich in diesem Bereich gestaut. Es gab oben auf der Rampe keine großen Ausgangsschilder, wie es eigentlich besprochen war. Die Leute sind einfach den Weg gegangen, den sie gekommen sind.

SPIEGEL: Die Polizeikette an der richtigen Stelle, oben auf der Rampe, hätte die Situation Ihrer Meinung nach entzerrt?

Walter: Das hätte mehr Platz geschaffen. Aber noch mal: Ich kann der Polizei keine Anweisungen geben, ich kann keine Polizeikette anfordern, wo auch immer.

SPIEGEL: Wie viele Menschen standen jetzt vor und hinter der Kette?

Walter: Anfangs einige hundert, dann, gegen 16.20 Uhr, kam ein großer Pulk runter, jetzt waren es wohl 1500. In dieser Phase fuhr ein Rettungswagen von der Westseite her in den Tunnel. Der Fahrer sah nach ein paar Metern, dass es nicht weiterging, er wendete. Als die Sperre für den Wagen ein zweites Mal aufgemacht wurde, war die Masse nicht mehr zu halten. Das führte dazu, dass von der Westseite der Tunnel geflutet wurde. Es kam ein großer Schwung Menschen auf die Rampe. Und jetzt sind die Ereignisse in Bewegung geraten.

SPIEGEL: Waren Sie und der Verbindungsbeamte noch im Container?

Walter: Als der Druck weiter zunahm und die Ersten begannen, am Container hochzuklettern, sind wir raus. Das war der Zeitpunkt, als die Polizeikette auf der Rampe aufgelöst wurde. Zusammen mit anderen Polizeibeamten haben wir uns gegen den Zaun vor dem Container gestemmt, in Wellenbewegungen wurden die Menschen immer wieder an den Zaun gedrückt.

SPIEGEL: Wie viele Polizisten waren es?

Walter: Anfangs etwa sieben. Als die Situation richtig kritisch wurde, haben sich einige in Sicherheit gebracht.

SPIEGEL: Die sind weg?

Walter: Hoch auf den Container und dann hinauf auf die obere Ebene. Vor dem Zaun sind Leute kollabiert, wir haben sie in den sicheren Bereich gezogen. Mein Verbindungsbeamter hat ein Mädchen über die zwei Meter hohe Absperrung gehoben. Für mich ist der Mann ein Held.

SPIEGEL: Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Walter: Ja, ab der vierten Welle.

SPIEGEL: Wann kam die Meldung über den ersten Todesfall?

Walter: Die brauchte ich nicht. Es war Funkstille. Es gab einfach nichts mehr zu sagen. Als es leerer wurde, konnte ich meinen Bereich verlassen. Ich bin dann erst einmal mit Wasser rumgegangen und habe Leuten, die dehydriert waren, zu trinken gegeben. Ich habe dann gesehen, dass Rettungssanitäter, die zu Fuß gekommen sind, versuchten, Menschen wiederzubeleben. Mehrere Minuten lang. Da wusste ich, dass es Tote gegeben hat.

SPIEGEL: Haben Sie bei diesem Einsatz Fehler gemacht?

Walter: Ich hätte stärker darauf drängen müssen, dass der Polizeiführer schneller zum Container kommt, um Maßnahmen einzuleiten. Ich hätte dringlicher auf die Probleme hinweisen müssen.

SPIEGEL: Was wollen Sie jetzt machen?

Walter: Ich möchte mich meiner Verantwortung stellen. Ich möchte die Rolle eines Vermittlers einnehmen, Menschen, die psychologische Hilfe benötigen, mit Menschen, die helfen können, zusammenbringen. Ich habe bereits Kontakt zum Land NRW und zu einem Netzwerk erfahrener Psychologen aufgenommen, die auch die Zeugen und Opfer nach dem Amoklauf in Winnenden betreut haben. Die haben bereits Unterstützung angeboten.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie der richtige Mann dafür sind?

Walter: Ich bin Psychologe, aber kein Therapeut. Daher kann und will ich wegen meiner eigenen Betroffenheit und meines professionellen Verständnisses selbst keine Betreuungen durchführen. Aber ich kann Kontakte vermitteln.

SPIEGEL: Haben Sie sich schuldig gemacht?

Walter: Das müssen andere klären.

Das Interview führten Georg Bönisch und Sven Röbel



insgesamt 286 Beiträge
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Seite 1
rkinfo 09.08.2010
1. Auf nichts vorbereitet ...
Da blickte die Beiden einfach der zunehmenden Menschenmasse zu. Und Keiner im System hatte dafür Interesse ... Das zeigt dass Keiner innerlich vorbereitet war auf die Risiken von Teilabschnitte wie Tunnel, Rampe oder Eingangsbereich Gelände. Seit Ewigkeiten müssen andere Bereiche 'Gefährdungsbeurteilungen' für Arbeitsplätze oder Tätigkeiten erstellen bevor sie los legen können mit Mitarbeitern. Aber in Duisburg genoss man den sonnigen Tag und die gute & laute Musik bis es immer kompakter wurde mit den Besuchern ... nanu ? Da war jeder Dorfpolizist oder Hilfsordner der WM-Südafrika besser vorbereitet als man ihm auf Posten schickte. Wobei da Keiner einfach nur rum gestanden wäre als die Leute Probleme bekamen. Da unten ist Mitdenken noch normale Aufgabe um das Leben zu bewältigen.
Burkhard58 09.08.2010
2. Niemand verantwortlich?
Langsam muss allen klar werden, dass bei der juristischen Aufarbeitung, also dem eventuellen Strafprozess, kein Schuldiger zu benennen sein wird. Jeder kann auf einen anderen Zeigen. Ansonsten steht Aussage gegen Aussagen. Z.B. ihr hattet kein Funkgerät zur Polizeieinsatzleitung - Stimmt nicht! Hatten wir doch!
Loewe_78 09.08.2010
3. ~
---Zitat von rkinfo;6005365[...--- Da war jeder Dorfpolizist oder Hilfsordner der WM-Südafrika besser vorbereitet als man ihm auf Posten schickte. Wobei da Keiner einfach nur rum gestanden wäre als die Leute Probleme bekamen. [...] ---Zitatende--- Das habe ich auch schon gedacht.
Oskar ist der Beste 09.08.2010
4. ein gutes Interview
Zitat von rkinfoDa blickte die Beiden einfach der zunehmenden Menschenmasse zu. Und Keiner im System hatte dafür Interesse ... Das zeigt dass Keiner innerlich vorbereitet war auf die Risiken von Teilabschnitte wie Tunnel, Rampe oder Eingangsbereich Gelände. Seit Ewigkeiten müssen andere Bereiche 'Gefährdungsbeurteilungen' für Arbeitsplätze oder Tätigkeiten erstellen bevor sie los legen können mit Mitarbeitern. Aber in Duisburg genoss man den sonnigen Tag und die gute & laute Musik bis es immer kompakter wurde mit den Besuchern ... nanu ? Da war jeder Dorfpolizist oder Hilfsordner der WM-Südafrika besser vorbereitet als man ihm auf Posten schickte. Wobei da Keiner einfach nur rum gestanden wäre als die Leute Probleme bekamen. Da unten ist Mitdenken noch normale Aufgabe um das Leben zu bewältigen.
Und was hat man nicht alles in Sued Afrika "befuerchtet" in Sachen Ausschreitungen etc...und dann "zeigt" "der Meister aus Deutschland", wie man eine Grossveranstaltung richtig versemmelt. Ein gutes Interview und jemand, der versucht, mit einer eigenen Verantwortung umzugehen, etwas was von anderen viel eher Verantwortlichen erwartet haette, die aber lieber ihre Autos zu Schrott fahren oder ihre Pensionsansprueche sichern wollen...
kdshp 09.08.2010
5. aw
Zitat von sysopDer Psychologe Carsten Walter, 40, über seine Rolle als Crowd-Manager der Duisburger Love Parade und den Ablauf der Katastrophe http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,710875,00.html
Hallo, mir bestätigt das, das die Polizei hier versagt hat.
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