AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2010

Holocaust Schaut her, ich lebe!

Er hat Auschwitz überlebt und feiert das jetzt mit einem Video: Adam Kohn tanzt auf dem KZ-Gelände zu dem Disco-Hit "I Will Survive". Seitdem ist der Greis bei YouTube ein Star.

YouTube

Von Henryk M. Broder


Adam "Adolek" Kohn hat nie im Leben damit gerechnet, bekannt zu werden. Doch nun ist er ein Promi, dessen Geschichte dem australischen Gesellschaftsmagazin "Who" zwei Druckseiten wert ist, mehr als die amourösen Abenteuer von Salma Hayek und George Clooney.

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Heft 32/2010
Wie wir unser Erbgut überlisten können

Kohn ist 89, seit 65 Jahren mit derselben Frau verheiratet, Vater zweier Töchter, sechsfacher Großvater und Uropa zweier Urenkel, ein drittes ist unterwegs. Seine Frau Maria "Marysia" Kohn, geborene Wojdyslawska, ist drei Jahre jünger als ihr Mann, was nichts daran ändert, dass sie im Haus das Sagen hat. "Adolek", mahnt sie, "du hast nicht aufgegessen!" "Der Fisch kann warten!", ruft Adolek in Richtung Küche, denn er hat gerade ein paar E-Mails bekommen, die er sofort lesen muss. "Das geht seit Wochen so", sagt Marysia, "alles wegen des Videos."

Das Video ist ein 4 Minuten und 20 Sekunden langer Kurzfilm, den Kohns Tochter Jane Korman, eine australische Aktionskünstlerin, produziert hat. Es wurde Ende 2009 in einer Galerie in Melbourne vorgestellt und wäre danach wohl dem Vergessen anheim gefallen, wenn Jane es nicht vor ein paar Wochen auf YouTube gestellt hätte.

Innerhalb weniger Tage wurde das Video eine halbe Million Mal angeklickt. In Australien, in den USA, in Deutschland, in Israel - überall dort, wo " Auschwitz" noch immer eine Metapher für das Ungeheuerliche ist, das dem Verstehen trotzt.

Auf den ersten Blick ist "Dancing Auschwitz" - so heißt das kleine Kunstwerk - ein Tabubruch, auf den zweiten eine Provokation, auf den dritten aber eine kluge Antwort auf die Frage, wie man an etwas erinnern kann, das im Steinbruch der "Erinnerungskultur" längst zu historischem Schotter verarbeitet wurde: auf Konferenzen und Seminaren, in Filmen und TV-Serien, bei Demos und Gedenkfeiern, auf denen mit jahrzehntelanger Verspätung dazu aufgerufen wird, "den Anfängen zu wehren". Wie man also sinnfreien Ritualen etwas entgegensetzt, das die Kraft des Lebens feiert und nicht den Tod als finalen Höhepunkt menschlichen Versagens zelebriert.

Jane Korman, 55, hat das Unmögliche geschafft. Sie ist mit ihrem Vater und ihren Kindern nach Auschwitz gefahren. Dorthin, wo ihre Eltern, Adolek und Marysia, schon einmal waren: am Fließband des Todes.

Jedes Jahr kommen einige hunderttausend Besucher in das ehemalige deutsche Vernichtungslager, das mittlerweile "Muzeum Auschwitz" heißt und für die Region rund um Krakau als touristische Attraktion die gleiche Bedeutung hat wie der Obersalzberg für die Gegend um Berchtesgaden.

Die einen kommen, um ihrer ermordeten Angehörigen zu gedenken, die anderen, um sich zu gruseln. Aber niemand kommt, um zu tanzen. Denn es gehört sich nicht, auf einem Friedhof eine Party zu feiern. Oder vielleicht doch?

"I Will Survive" war ein Superhit Ende der siebziger Jahre, gesungen von der amerikanischen Pop-Diva Gloria Gaynor. Bis heute wird der Song in zahllosen Coverversionen in jeder Disco, auf jeder Party gespielt.

Und ausgerechnet zu diesem Klassiker der schwulen Subkultur lässt Jane Korman ihren Vater und ihre Kinder tanzen. Zuerst verhalten, als wäre ihnen bewusst, dass sie etwas Verbotenes tun. Dann immer entspannter und schließlich ausgelassen wie eine Amateurmannschaft, die gerade eine Profi-Truppe bei einem Turnier besiegt hat. In einer Szene ist Opa Adolek zu sehen, der ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Survivor" trägt. Er steht vor einem der Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden, und macht das V-Zeichen. Die Botschaft könnte eindeutiger nicht sein: Schaut her, ich lebe! Ganz zum Schluss sagt er aus dem Off: "Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich 63 Jahre später mit meinen Enkeln herkommen würde, hätte ich geantwortet: Worüber redest du? Und da sind wir. Das ist ein historischer Moment."

Es war zu erwarten, dass nicht alle den Familienausflug nach Auschwitz ebenso positiv beurteilen würden. Der Vorwurf der Geschmacklosigkeit lag in der Luft. Ein Sprecher des Holocaust-Museums in Melbourne erklärte, sein Haus würde das Video auf keinen Fall zeigen, es sei dazu angetan, "die Bedeutung von Auschwitz" herunterzuspielen. Abraham Foxman, Direktor der New Yorker Anti-Defamation-League, die vor allem Antisemiten und Holocaust-Leugner ins Visier nimmt, meinte, er verstehe "das Bedürfnis, das Überleben zu feiern", leider sei es "auf diejenigen beschränkt, die überlebt haben" - eine Binsenweisheit, die vor allem Foxmans eigene Ratlosigkeit im Umgang mit dem Gedenken offenbarte.

Während die professionellen Erinnerungsarbeiter noch um die richtigen Worte rangen, waren die einfachen YouTube-Konsumenten schon weiter. Bei Jane Korman gingen Hunderte E-Mails ein, deren Absender sich bei ihr für "Dancing Auschwitz" bedankten. Vor allem Kinder von Überlebenden, die im Schatten des Holocaust aufgewachsen waren, fühlten nun, so schrieb es einer, "mehr Freude als Trauer". Der Film sei "eine Liebeserklärung an das Leben nach dem Tode".

Niemand aber in der ganzen Welt ist so glücklich und so stolz wie Adolek und Marysia Kohn, die Eltern von Jane Korman. Sie leben in einem Haus in einer gutbürgerlichen Gegend von Melbourne, umgeben von Memorabilia aus über 60 Jahren. Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte, und jede Geschichte fängt - wo sonst? - in den dreißiger Jahren in Polen an. "Diese Frau da", sagt Adolek und zeigt auf ein Gemälde, das er vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt in Melbourne gekauft hat, "sieht wie meine Mutter Genia aus." Jane wurde nach ihr genannt. Die ältere Tochter Celina trägt den Namen der Mutter von Marysia. Beide Frauen haben den Krieg nicht überlebt.

Adolek hatte Glück, er war jung und konnte arbeiten. 1921 in Praszka, einer Kleinstadt unweit von Oppeln geboren, hat er in Lodz (dem früheren Litzmannstadt) bis 1939 eine Fachschule besucht. Nach dem Einmarsch der Deutschen mussten die Juden in das für sie eingerichtete Ghetto umziehen. Von August 1944 an wurden die "Wohngebiete der Juden" nach und nach "verkleinert", die Einwohner, die nicht an Hunger und Seuchen gestorben waren, deportiert.

Die Zugfahrt nach Auschwitz dauerte drei Tage, für Adoleks Mutter war es die letzte Reise, er selbst wurde zur Arbeit eingeteilt und in einen Betrieb der Vereinigten Deutschen Metallwerke in ein Außenlager irgendwo bei Halbstadt, dem heutigen Mezimesti in Tschechien, geschickt, wo Flugzeugpropeller hergestellt wurden.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 machte sich Adolek auf den Weg nach Lodz, zu Fuß. Unterwegs traf er drei Frauen, die "wie Gespenster aussahen", eine von ihnen hieß Marysia.

Ein paar Wochen später wurde das Paar von einem Rabbiner getraut, unter einem Baldachin aus vier Besen und einer alten Decke. Es gab auch nur einen Trauring, den der Rabbi mitgebracht hatte.

"Und dann sind wir nach München." - Warum München? "Keine Ahnung, es ergab sich so."

München, in der amerikanischen Zone gelegen, war damals eine Anlaufstelle für "Displaced Persons"; sie wurden von der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) registriert, bekamen eine Bleibe zugewiesen, manchmal auch einen Job als Übersetzer oder Bürokraft. Adolek arbeitete beim "Suchdienst", bis ein entfernter Verwandter in Shanghai die notwendigen Papiere für Australien besorgte, für Marysia, Adolek und Celina, die 1947 in München geboren wurde.

Die Fahrt mit der "MS Eridan", einem alten Militärtransporter, den die UNRRA in Marseille gechartert hatte, dauerte fast drei Monate, die Zustände an Bord waren katastrophal. Als das Schiff am 19. Januar 1949 endlich in der Bucht von Sydney ankam, hatten die 528 Passagiere alles erlebt, was Menschen unterwegs passieren kann, auch einen Mord. Das letzte Stück des Weges nach Melbourne legten die Kohns mit dem Zug zurück. Dann fingen sie wieder bei null an.

Adolek schuftete in einer Textilfabrik, legte jeden Cent zur Seite. 1955 wurde die zweite Tochter, Jane, geboren. Noch bevor sie laufen konnte, stand ihr Vater auf eigenen Füßen, als Inhaber einer Firma namens "Emporium Knitwear", die er mit einer gebrauchten Strickmaschine gegründet hatte. Ein Dutzend Auszeichnungen, die ihm vom "Australian Wool Board" verliehen wurden, zeugen von einer erfolgreichen unternehmerischen Tätigkeit. 1985 verkaufte er die Firma und setzte sich zur Ruhe.

Wie die meisten Einwanderer, die außer dem Willen zum Leben nichts retten konnten, sind auch die Kohns dem Land, das sie aufgenommen hat, dankbar. Dabei hat sich eigentlich niemand um sie gekümmert, sie waren sich selbst überlassen.

Das Erste, das er in Melbourne gekauft hat, erinnert sich Adolek, war ein Stadtplan, damit er sehen konnte, wie weit er aus der "Wohnung", die ein möbliertes Zimmer war, zur Arbeit fahren musste. Und es war "weit, sehr weit".

Heute ist er froh, dass er sich von Jane zu der langen Reise nach Auschwitz überreden ließ. Mit seinen Enkeln dort zu tanzen, wo seine Mutter ermordet wurde, war der größte Triumph seines Lebens. "Seitdem bin ich kein Opfer mehr, ich habe überlebt, ich habe gewonnen."

Jedes Jahr am 19. Januar feiern Adolek und Marysia Kohn eine Party, zu der sie ihre Mitreisenden von der "MS Eridan" einladen. Es ist der Tag, an dem sie in Australien angekommen sind. Jedes Jahr kommen weniger Gäste. In diesem Jahr waren es nur noch 20.

Es könnte die letzte Party gewesen sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
below 10.08.2010
1. Und in Deutschland darf man es nicht sehen ...
"Dieses Video enthält Content von Sony Music Entertainment. Es ist in deinem Land nicht mehr verfügbar." Wunderbare Welt des Copyrights...
Arthi, 10.08.2010
2. .
Zitat von below"Dieses Video enthält Content von Sony Music Entertainment. Es ist in deinem Land nicht mehr verfügbar." Wunderbare Welt des Copyrights...
So ist das halt mit den bösen Urheberechts-Räubern. ;) Ansonsten find ich es eher peinlich, das Töchterchen versucht das Leid noch auszuschlachten.
haltetdendieb 10.08.2010
3. Ich kann es sehen....
Zitat von below"Dieses Video enthält Content von Sony Music Entertainment. Es ist in deinem Land nicht mehr verfügbar." Wunderbare Welt des Copyrights...
Das Video von SpOn funktioniert! Und es ist ein berührendes, "begeisterndes" Video.
flo2005 10.08.2010
4. ...
Zitat von haltetdendiebDas Video von SpOn funktioniert! Und es ist ein berührendes, "begeisterndes" Video.
Ja, ich hatte Gaensehaut.
stilus 10.08.2010
5. Gut so!
Zitat von sysopEr hat Auschwitz überlebt und feiert das jetzt mit einem Video: Adam Kohn tanzt auf dem KZ-Gelände zu dem Disco-Hit "I Will Survive". Seitdem ist der Greis bei YouTube ein Star. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,710881,00.html
Nicht nur ein Video, sondern eine Nachricht an alle ewig gestrigen "Volksgenossen" mit der Nachricht: "Ich lebe! Ihr habt verschissen, eure Führer sind tot!" - Recht so!
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