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Ausgabe 33/2010

Wohlfahrt: Auf dem Weg nach unten

Von Thomas Schulz

Während sich Amerikas Superreiche selbst dafür feiern, dass sie Milliarden spenden, geht es dem Rest des Landes schlechter denn je. Selten zuvor hatte die USA so viele Langzeitarbeitslose. Die Kluft zwischen den Ärmsten und der Spitze der Gesellschaft hat sich dramatisch geöffnet.

USA: So schlecht steht es um die Wirtschaft Fotos
AP

Ventura ist ein kleines Städtchen am Pazifik, rund eine Autostunde nördlich von Los Angeles. Es gibt Strände für Surfer und Villen am Hang mit Meerblick. Ventura ist Märchenbuch-Kalifornien. "Eine gutsituierte Gegend", sagt Captain William Finley. "Aber fast 20 Prozent der Einwohner sind inzwischen von Obdachlosigkeit bedroht." Finley ist Chef der örtlichen Heilsarmee.

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Im vergangenen Sommer hat Ventura unter Finleys Leitung ein Pilotprojekt gestartet, wodurch innerhalb des Stadtgebiets das Übernachten im Auto erlaubt ist. Normalerweise ist das streng verboten, nicht nur hier, sondern überall im Land. Man wollte nachts keine schrammeligen Minibusse voller mexikanischer Wanderarbeiter vor den Häusern parken sehen.

Aber irgendwann Anfang vergangenen Jahres haben die Menschen in Ventura festgestellt, dass nachts vor ihren Einfahrten keine alten Klapperkisten parken, sondern gepflegte Kombis. Und dass die darin schlafenden Menschen keine Obstpflücker oder Obdachlose sind, sondern ihre eigenen ehemaligen Nachbarn.

Und William Finley hat auf einmal festgestellt, dass nicht nur doppelt so viele Menschen wie sonst zur kostenlosen Essenausgabe seiner Hilfsorganisation kamen, sondern dass manche sogar im BMW vorfuhren - solange sie den teuren Wagen noch hatten, der sie an eine andere, eine bessere Zeit erinnerte.

"Früher war man auf dem Weg nach oben"

Finley nennt sie "die neuen Armen". "Es ist eine ganz andere Kategorie von Leuten, die wir hier in unserer Arbeit niemals zuvor gesehen haben, die niemals in ihren wildesten Träumen geglaubt hätten, sie könnten einmal von Obdachlosigkeit bedroht werden." Menschen, die bis vor kurzem noch ausreichend Geld hatten, manchmal sogar viel.

"Ich bin selbst arm aufgewachsen, da fuhr man ein verbeultes, altes Auto und lebte von Essenspenden", sagt Finley. "Früher kam man aus der Armut und war auf dem Weg nach oben." Das war der amerikanische Weg, den Millionen gingen. "Heute sehen wir Leute zu uns kommen in Autos, die 50.000 Dollar gekostet haben, Leute, die gerade noch ein großes Haus besaßen, die jetzt am Ende ihrer Weisheit sind und ihren ganzen Stolz schlucken müssen", sagt Finley.

Heute geht der amerikanische Weg oft in die andere Richtung, nach unten.

Dabei schien es für eine Weile so, als wäre Amerika auch aus der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten auferstanden wie aus jeder anderen zuvor: kräftig, schwungvoll, unbeschadet.

Der Ärger auf "die da oben" wächst

Schon im vergangenen Herbst wurde wieder neues Wachstum verkündet, viel früher als erwartet. Die eben noch todgeweihten Banken verdienten wieder Milliarden. Landesweit melden die Unternehmen kräftige Zuwächse. Der Aktienmarkt ist fast wieder auf Vorkrisenniveau. Sogar die Zahl der Millionäre wuchs 2009 um satte 17 Prozent.

Vorvergangene Woche dann kündigten 40 Superreiche rund um den Microsoft-Gründer Bill Gates an, die Hälfte ihres Geldes zumindest nach ihrem Tod spenden zu wollen. Ein Land so voller Überfluss, dass Milliarden einfach verschenkt werden können?

Man kann die Gates-Gründung auch anders interpretieren, als Image-Aktion, denn die Superreichen der USA spüren, dass sie zwar schon wieder zu den Gewinnern der Krise zählen, dass aber im Gegenzug die Zahl der Verlierer enorm gestiegen ist. Und dass der Ärger auf "die da oben" in der US-Gesellschaft wächst.

In den unteren Einkommensregionen kommt vor allem an: Der Aufschwung fällt bereits wieder in sich zusammen. Experten fürchten, die US-Wirtschaft wird auf viele Jahre schwächeln. Und trotz vieler staatlicher Hilfsprogramme erreichte das bisschen Hoffnung bislang kaum die breite Masse. Im Gegenteil: Für viele geht es weiter dramatisch abwärts.

70 Prozent der Bevölkerung glauben laut einer jüngsten Umfrage, dass die Rezession noch voll im Gange sei. Und diesmal sind es nicht nur die ohnehin schon Armen, die, wie sonst während Rezessionen, besonders hart erwischt werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 422 Beiträge
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    Seite 1    
1. ,.-
gallstone 18.08.2010
Zitat von sysopWährend sich Amerikas Superreiche selbst dafür feiern, dass sie Milliarden spenden, geht es dem Rest des Landes schlechter denn je. Selten zuvor hatte die USA so viele Langzeitarbeitslose. Die Kluft zwischen den Ärmsten und der Spitze der Gesellschaft hat sich dramatisch geöffnet. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,711867,00.html
das zeigt uns lediglich wo wir hinsteuern... haben hierfür auch gerade die beste Regierung, die kriegt das schon hin in ihren verbleibenden 3 Jahren.
2. Titel, Tesen, Trallalla
Mansour 18.08.2010
Zitat von gallstonedas zeigt uns lediglich wo wir hinsteuern... haben hierfür auch gerade die beste Regierung, die kriegt das schon hin in ihren verbleibenden 3 Jahren.
3 Jahre sind da eher sehr pessimistisch! Diese fähige Regierung schafft das auch in einem Jahr! Zwar wird jede Statistik was anderes behaupten, aber in der Realität haben wir das in einem gutem Jahr sicherlich auch geschafft.
3. Hier auch
Sapere aude 18.08.2010
Zitat von sysopWährend sich Amerikas Superreiche selbst dafür feiern, dass sie Milliarden spenden, geht es dem Rest des Landes schlechter denn je. Selten zuvor hatte die USA so viele Langzeitarbeitslose. Die Kluft zwischen den Ärmsten und der Spitze der Gesellschaft hat sich dramatisch geöffnet. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,711867,00.html
Das ist bei uns nicht anders, wir sind nur immer ein paar Jahre hinterher. Der Vermögensanteil der oberen 10 Prozent war auch hier nie höher, und auch hier stagnieren bzw. sinken die Einkommen des Restes. Aber solange man jene wählt die mit ihren Rezepten die Lage verschärfen, und solange Arbeitnehmer sich gegen Arbeitslose aufhetzen lassen, solange wird sich daran auch überhaupt nichts ändern.
4. Warum in die Ferne schweifen!
Pinarello 18.08.2010
Zitat von sysopWährend sich Amerikas Superreiche selbst dafür feiern, dass sie Milliarden spenden, geht es dem Rest des Landes schlechter denn je. Selten zuvor hatte die USA so viele Langzeitarbeitslose. Die Kluft zwischen den Ärmsten und der Spitze der Gesellschaft hat sich dramatisch geöffnet. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,711867,00.html
Das gleiche haben wir ja auch in Deutschland erlebt, die Vermögen der Reichen und Superreichen wurden vom Steuerzahler gerettet und der gleiche Steuerzahler wird nun mehr auch noch dafür belohnt, weiterhin vom Staat ausgesaugt und ausgeplündert zu werden. Ist aber lt. unserer Kanzlerdarstellerin alles systemisch, heißt ohne Alternative, was nix anderes heißt, daß die Dame gar keine Alternative hören will, weil es ihr von Bertelsmann, Springer und Ackermann verboten wurde!
5. Weit weg
herc 18.08.2010
Bei uns kann so etwas doch gar nicht passieren. Bei der geballten Kompetenz von Politik, Wirtschaft, Medien.
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