Von Thomas Schulz
Ventura ist ein kleines Städtchen am Pazifik, rund eine Autostunde nördlich von Los Angeles. Es gibt Strände für Surfer und Villen am Hang mit Meerblick. Ventura ist Märchenbuch-Kalifornien. "Eine gutsituierte Gegend", sagt Captain William Finley. "Aber fast 20 Prozent der Einwohner sind inzwischen von Obdachlosigkeit bedroht." Finley ist Chef der örtlichen Heilsarmee.
Aber irgendwann Anfang vergangenen Jahres haben die Menschen in Ventura festgestellt, dass nachts vor ihren Einfahrten keine alten Klapperkisten parken, sondern gepflegte Kombis. Und dass die darin schlafenden Menschen keine Obstpflücker oder Obdachlose sind, sondern ihre eigenen ehemaligen Nachbarn.
Und William Finley hat auf einmal festgestellt, dass nicht nur doppelt so viele Menschen wie sonst zur kostenlosen Essenausgabe seiner Hilfsorganisation kamen, sondern dass manche sogar im BMW vorfuhren - solange sie den teuren Wagen noch hatten, der sie an eine andere, eine bessere Zeit erinnerte.
"Früher war man auf dem Weg nach oben"
Finley nennt sie "die neuen Armen". "Es ist eine ganz andere Kategorie von Leuten, die wir hier in unserer Arbeit niemals zuvor gesehen haben, die niemals in ihren wildesten Träumen geglaubt hätten, sie könnten einmal von Obdachlosigkeit bedroht werden." Menschen, die bis vor kurzem noch ausreichend Geld hatten, manchmal sogar viel.
"Ich bin selbst arm aufgewachsen, da fuhr man ein verbeultes, altes Auto und lebte von Essenspenden", sagt Finley. "Früher kam man aus der Armut und war auf dem Weg nach oben." Das war der amerikanische Weg, den Millionen gingen. "Heute sehen wir Leute zu uns kommen in Autos, die 50.000 Dollar gekostet haben, Leute, die gerade noch ein großes Haus besaßen, die jetzt am Ende ihrer Weisheit sind und ihren ganzen Stolz schlucken müssen", sagt Finley.
Heute geht der amerikanische Weg oft in die andere Richtung, nach unten.
Dabei schien es für eine Weile so, als wäre Amerika auch aus der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten auferstanden wie aus jeder anderen zuvor: kräftig, schwungvoll, unbeschadet.
Der Ärger auf "die da oben" wächst
Schon im vergangenen Herbst wurde wieder neues Wachstum verkündet, viel früher als erwartet. Die eben noch todgeweihten Banken verdienten wieder Milliarden. Landesweit melden die Unternehmen kräftige Zuwächse. Der Aktienmarkt ist fast wieder auf Vorkrisenniveau. Sogar die Zahl der Millionäre wuchs 2009 um satte 17 Prozent.
Vorvergangene Woche dann kündigten 40 Superreiche rund um den Microsoft-Gründer Bill Gates an, die Hälfte ihres Geldes zumindest nach ihrem Tod spenden zu wollen. Ein Land so voller Überfluss, dass Milliarden einfach verschenkt werden können?
Man kann die Gates-Gründung auch anders interpretieren, als Image-Aktion, denn die Superreichen der USA spüren, dass sie zwar schon wieder zu den Gewinnern der Krise zählen, dass aber im Gegenzug die Zahl der Verlierer enorm gestiegen ist. Und dass der Ärger auf "die da oben" in der US-Gesellschaft wächst.
In den unteren Einkommensregionen kommt vor allem an: Der Aufschwung fällt bereits wieder in sich zusammen. Experten fürchten, die US-Wirtschaft wird auf viele Jahre schwächeln. Und trotz vieler staatlicher Hilfsprogramme erreichte das bisschen Hoffnung bislang kaum die breite Masse. Im Gegenteil: Für viele geht es weiter dramatisch abwärts.
70 Prozent der Bevölkerung glauben laut einer jüngsten Umfrage, dass die Rezession noch voll im Gange sei. Und diesmal sind es nicht nur die ohnehin schon Armen, die, wie sonst während Rezessionen, besonders hart erwischt werden.
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© DER SPIEGEL 33/2010
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