AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2010

Medizin Blinde Abwehr

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2. Teil: "Der kindliche Sonnenbrand ist entscheidend."


Intensiv wird derzeit an Substanzen geforscht, die diese Immunsuppression verhindern sollen. In Zukunft könnten sie vielleicht sogar Bestandteil von Sonnenschutzmitteln werden.

Inzwischen häufen sich zudem die Indizien, dass das Immunsystem vor allem in jungen Jahren empfindlich auf UV-Licht reagiert: Es sind insbesondere die Sonnenbrände in der Kindheit, die im späteren Leben ein Entstehen von Melanomen begünstigen. Wer sich hingegen als Erwachsener einen Sonnenbrand zuzieht, muss sich weniger Sorgen machen.

Hinweise auf diese Altersabhängigkeit lieferten bereits Untersuchungen an Einwanderern in Australien. Wer vor der Pubertät eintraf, hatte ein stark erhöhtes Melanom-Risiko. Wer erst als Erwachsener nach Australien kam, behielt sein niedriges Risiko aus dem Herkunftsland. Inzwischen sind sich die meisten Experten einig: "Der kindliche Sonnenbrand", konstatiert Berneburg, "ist entscheidend."

Hellhäutigen Kindern in Australien wird deshalb eingebläut: Mittagssonne meiden, möglichst viel Haut mit Kleidung abdecken - und auf Gesicht und Hände Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor. Die Strategie scheint Erfolg zu haben: Inzwischen stagnieren in Australien die Melanom-Neuerkrankungen.

In den USA wird der exzessive Solariumsbesuch junger Mädchen für den beängstigenden Anstieg der Melanom-Raten bei jungen Frauen verantwortlich gemacht. In Deutschland hat der Bundestag voriges Jahr ein Solariumsverbot für Minderjährige beschlossen.

Möglicherweise, so vermuten Mediziner, könnte sich in der Kindheit unter dem Einfluss von UV-Strahlung eine regelrechte Immuntoleranz gegenüber Melanomen entwickeln: Der Immunabwehr fällt es fortan schwer, die bösartigen Tumorzellen als feindlich einzustufen. Die schärfste körpereigene Waffe gegen den Krebs ist damit stumpf geworden - so dass der Tumor unbehelligt wachsen kann.

Könnten Medikamente dem Immunsystem helfen, das selber zu schwach ist oder zu blind, um den Krebs zu bekämpfen? Genau das versuchen Mediziner schon länger, bislang aber ohne durchschlagenden Erfolg. Das einst als Wundermittel gefeierte Medikament Interferon, welches die Immunabwehr stimulieren soll, kann nur sehr wenigen Melanom-Patienten helfen. Auch die verschiedenen Impfungen gegen das Melanom sind kaum wirksamer als eine gewöhnliche Chemotherapie.

Als größtes Hindernis einer Immuntherapie stellt sich zunehmend das sogenannte Mikromilieu des Melanoms heraus - jene selbst geschaffene Entzündung, mit der sich der Tumor umgibt. Als fast undurchdringliche Barriere hält sie alle gefährlichen Immunzellen vom eigentlichen Tumor fern. "Eine Impfung kann aber nur dann wirken", sagt Gerold Schuler, Direktor der Universitäts-Hautklinik Erlangen, "wenn die Immunzellen zum Tumor durchkommen."

Das Paradoxe daran: Die Mikromilieu-Entzündung ist eine kontraproduktive Reaktion der Immunabwehr. "Das Immunsystem", erläutert Thomas Tüting, Oberarzt an der Universitäts-Hautklinik Bonn, "ist eben ein zweischneidiges Schwert. Es kann den Tumor bekämpfen - aber auch schützen."

Weil die körpereigene Abwehr zu komplex ist, um sie durch bloße Stimulierung für die Tumorbekämpfung zu nutzen, verfolgen Pharmaforscher nun auch andere Strategien. Neue Medikamente sollen das maligne Melanom gezielt an seinen empfindlichen Stellen angreifen. Möglich wurde ihre Entwicklung unter anderem, weil sich die verschiedenen Melanom-Typen heute genetisch voneinander unterscheiden lassen.

Eines der derzeit erprobten Mittel blockiert beispielsweise ausschließlich das Wachstum solcher Melanome, die eine ganz bestimmte Mutation in einem Entwicklungs-Gen in sich tragen. In einer ersten Studie konnte es bei rund 80 Prozent der Behandelten die Metastasen erfolgreich zurückdrängen.

Ein anderes Experimental-Medikament, der Antikörper Ipilimumab, löst die Bremse der Abwehrzellen, damit diese den Tumor besser attackieren können.

Von Dermatologen werden die neuen Medikamente gefeiert. "Wir sehen gerade den Durchbruch in der Hautkrebstherapie", schwärmt Axel Hauschild, Leiter der Arbeitsgruppe Dermatologische Onkologie am Universitätsklinikum Kiel.

Doch ob die neuen Substanzen wirklich ein Durchbruch sind, wird sich noch zeigen müssen. Ipilimumab etwa kann nach einer soeben erschienenen Studie das Leben von Patienten mit metastasiertem Melanom im Durchschnitt nur um rund 3,5 Monate verlängern.

Und der Preis dafür ist hoch: Weil Ipilimumab die Immunabwehr nicht nur auf die Krebs-, sondern auch auf die gesunden Körperzellen loslässt, reichen die Nebenwirkungen von schweren Darmblutungen bis zur irreparablen Schädigung der Hirnanhangdrüse. Zwei Prozent der Behandelten sterben sogar daran.

Die Wirkung der anderen Substanzen entpuppt sich bei näherem Hinsehen ebenfalls als bescheiden: Nach einigen Monaten kehrt der Tumor meist mit Macht wieder zurück. Noch ungeklärt ist, ob sich mit diesen Mitteln das Leben der Kranken überhaupt verlängern lässt.

Viele Mediziner halten denn auch die neuen Ansätze für unzureichend, um damit einen so komplizierten Tumor wie das Melanom in den Griff zu bekommen. Aber vielleicht, meinen andere Forscher, könnte ja eine Kombination der verschiedenen Therapieansätze den Patienten helfen.

"Ich hoffe", sagt Dermatologe Tüting, "dass wir heute in der Krebsforschung so weit sind wie vor 100 Jahren in der Infektiologie: Damals wusste man schon einiges über die Bakterien - aber dass es einmal Antibiotika geben würde, konnte sich niemand vorstellen."



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