Katastrophen: Die Alptraum-Bohrung
Wen trifft die Schuld am Öldesaster im Golf von Mexiko? Zeugenaussagen und Gutachten erlauben eine detaillierte Rekonstruktion - und offenbaren fatale Fehler der beteiligten Firmen. Schlamperei, Missmanagement und Fahrlässigkeit machten die Katastrophe erst möglich.
Micah Sandell saß in seinem Portal-Kran, als die erste Explosion über die Bohrinsel fegte. Der 40-Jährige wurde aus seinem Sitz nach hinten geschleudert. Feuer umhüllte seine Kabine. Wie in Trance hielt er seine Hände über den Kopf. Den sicheren Tod erwartend, sandte er ein Stoßgebet zum Himmel. Dann wurde er gewahr, dass der Feuerball über ihn hinweggeschossen war.
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Zwei Detonationen erschütterten am 20. April dieses Jahres die Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" vor der Südküste Louisianas. Elf Menschen starben in dem Flammeninferno. Als das brennende Wrack zwei Tage später im Wasser des Golfs von Mexiko versank, brach das Bohrloch am Meeresgrund auf. 105 Tage lang blutete die Erde, fast 780 Millionen Liter braunschwarzes Öl der Sorte "Louisiana Sweet Crude" sprudelten ins Meer - nach der Golfkriegs- Ölpest die größte Ölkatastrophe der Geschichte.
Das Loch in etwa 1500 Meter Wassertiefe ist inzwischen gestopft. Die Küsten der US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Florida und Alabama sind bislang wie durch ein Wunder einer verheerenden Ölpest entgangen. Doch einige Fragen werden nun immer drängender: Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Wie genau verlief jener unheilvolle Dienstag, an dem die Bohrung mit der Kennung "API Well No. 60-817-44169" außer Kontrolle geriet? Und wer trägt die Schuld an dem Desaster?
Dutzende Zeugenaussagen und Gutachten erlauben inzwischen die minutiöse Rekonstruktion der Ereignisse. Hunderte Seiten füllen allein die Protokolle des Untersuchungsausschusses des staatlichen Minerals Management Service (MMS, inzwischen umbenannt in Bureau of Ocean Energy Management, Regulation and Enforcement) und der US-Küstenwache, der in dieser Woche zum vierten Mal tagt. Der US-Kongress hat Industriebosse, Angehörige und Überlebende vernommen. Das US-Justizministerium ermittelt gegen die Verantwortlichen.
Offenbar wird nun, wie Schlamperei, Missmanagement und Leichtfertigkeit die Katastrophe erst möglich machten.
Technische Probleme wurden nicht ernst genommen
Vieles spricht dafür, dass die Ölarbeiter Gordon Jones, Aaron Dale Burkeen, Blair Manuel und Donald Clark nur deshalb sterben mussten, weil der Plattform-Betreiber BP und seine Vertragspartner fahrlässig ihre eigenen Sicherheitsstandards missachteten. Auch Jason Anderson, Karl Kleppinger und Shane Roshto könnten wohl noch leben, hätten nicht über Jahre US-Regierungsbehörden ein inzestuöses Verhältnis zur Ölindustrie gepflegt. Und der Tod von Stephen Curtis, Roy Wyatt Kemp, Dewey Revette und Adam Weise hätte wohl ebenfalls verhindert werden können, wenn technische Probleme der "Deepwater Horizon", die lange vor der Katastrophe bekannt waren, ernst genommen worden wären.
Micah Sandell, der Kranführer, hat überlebt. Er gehört nun zu jenen, die sprechen. Die Zeugen zeichnen das Bild einer Branche, die den schnellen Profit über das Leben ihrer Arbeiter stellt und das Umweltdesaster als akzeptables Restrisiko einkalkuliert. Der Fall der "Deepwater Horizon" führt die Hybris einer ganzen Industrie vor, die in der Tiefe der Ozeane unter technischen Herausforderungen arbeitet, die denen von Mondlandungen kaum nachstehen.
Mit dem Untergang der Ölplattform ging auch ein Stück des amerikanischen Traums von der Allmacht der Technik unter. Die Ölmanager hätten "eine Welt erschaffen, die sie sehr gut zu verstehen glaubten", sagt Mark Blyth, Wirtschaftsprofessor an der Brown University in Providence, Rhode Island. Doch diese Welt "flog ihnen direkt ins Gesicht".
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