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Ausgabe 34/2010

Katastrophen: Die Alptraum-Bohrung

Von Philip Bethge und Cordula Meyer

Wen trifft die Schuld am Öldesaster im Golf von Mexiko? Zeugenaussagen und Gutachten erlauben eine detaillierte Rekonstruktion - und offenbaren fatale Fehler der beteiligten Firmen. Schlamperei, Missmanagement und Fahrlässigkeit machten die Katastrophe erst möglich.

AP

Micah Sandell saß in seinem Portal-Kran, als die erste Explosion über die Bohrinsel fegte. Der 40-Jährige wurde aus seinem Sitz nach hinten geschleudert. Feuer umhüllte seine Kabine. Wie in Trance hielt er seine Hände über den Kopf. Den sicheren Tod erwartend, sandte er ein Stoßgebet zum Himmel. Dann wurde er gewahr, dass der Feuerball über ihn hinweggeschossen war.

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Sandell raffte sich auf, riss die Kabinentür auf und hastete die enge Wendeltreppe hinab. Auf halber Strecke erwischte ihn die Druckwelle der zweiten Explosion. Mehr als drei Meter fiel er in die Tiefe. Irgendwie kam er trotzdem wieder auf die Beine und rannte los. "Um mich herum auf dem Deck sah ich nichts als Feuer", erinnert sich der Ölarbeiter aus Leesville im US-Bundesstaat Louisiana, "es gab keinen Rauch, nur Flammen."

Zwei Detonationen erschütterten am 20. April dieses Jahres die Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" vor der Südküste Louisianas. Elf Menschen starben in dem Flammeninferno. Als das brennende Wrack zwei Tage später im Wasser des Golfs von Mexiko versank, brach das Bohrloch am Meeresgrund auf. 105 Tage lang blutete die Erde, fast 780 Millionen Liter braunschwarzes Öl der Sorte "Louisiana Sweet Crude" sprudelten ins Meer - nach der Golfkriegs- Ölpest die größte Ölkatastrophe der Geschichte.

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Katastrophen: Die Alptraum-Bohrung

Das Loch in etwa 1500 Meter Wassertiefe ist inzwischen gestopft. Die Küsten der US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Florida und Alabama sind bislang wie durch ein Wunder einer verheerenden Ölpest entgangen. Doch einige Fragen werden nun immer drängender: Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Wie genau verlief jener unheilvolle Dienstag, an dem die Bohrung mit der Kennung "API Well No. 60-817-44169" außer Kontrolle geriet? Und wer trägt die Schuld an dem Desaster?

Dutzende Zeugenaussagen und Gutachten erlauben inzwischen die minutiöse Rekonstruktion der Ereignisse. Hunderte Seiten füllen allein die Protokolle des Untersuchungsausschusses des staatlichen Minerals Management Service (MMS, inzwischen umbenannt in Bureau of Ocean Energy Management, Regulation and Enforcement) und der US-Küstenwache, der in dieser Woche zum vierten Mal tagt. Der US-Kongress hat Industriebosse, Angehörige und Überlebende vernommen. Das US-Justizministerium ermittelt gegen die Verantwortlichen.

Offenbar wird nun, wie Schlamperei, Missmanagement und Leichtfertigkeit die Katastrophe erst möglich machten.

Technische Probleme wurden nicht ernst genommen

Vieles spricht dafür, dass die Ölarbeiter Gordon Jones, Aaron Dale Burkeen, Blair Manuel und Donald Clark nur deshalb sterben mussten, weil der Plattform-Betreiber BP und seine Vertragspartner fahrlässig ihre eigenen Sicherheitsstandards missachteten. Auch Jason Anderson, Karl Kleppinger und Shane Roshto könnten wohl noch leben, hätten nicht über Jahre US-Regierungsbehörden ein inzestuöses Verhältnis zur Ölindustrie gepflegt. Und der Tod von Stephen Curtis, Roy Wyatt Kemp, Dewey Revette und Adam Weise hätte wohl ebenfalls verhindert werden können, wenn technische Probleme der "Deepwater Horizon", die lange vor der Katastrophe bekannt waren, ernst genommen worden wären.

Micah Sandell, der Kranführer, hat überlebt. Er gehört nun zu jenen, die sprechen. Die Zeugen zeichnen das Bild einer Branche, die den schnellen Profit über das Leben ihrer Arbeiter stellt und das Umweltdesaster als akzeptables Restrisiko einkalkuliert. Der Fall der "Deepwater Horizon" führt die Hybris einer ganzen Industrie vor, die in der Tiefe der Ozeane unter technischen Herausforderungen arbeitet, die denen von Mondlandungen kaum nachstehen.

Mit dem Untergang der Ölplattform ging auch ein Stück des amerikanischen Traums von der Allmacht der Technik unter. Die Ölmanager hätten "eine Welt erschaffen, die sie sehr gut zu verstehen glaubten", sagt Mark Blyth, Wirtschaftsprofessor an der Brown University in Providence, Rhode Island. Doch diese Welt "flog ihnen direkt ins Gesicht".

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insgesamt 14 Beiträge
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1. .
AnkhSunAmmun 26.08.2010
Also eigentlich interessiert mich das Thema ja. Es fällt mir aber wahnsinnig schwer, diesen unnötig unsachlichen Artikel zu lesen. "Die Erde blutete" und "einer eiternden Wunde gleich" ? Der Boden des Meeres ist nicht die "Haut" von "Mutter Erde". Und dass einer(!) der Zeugen sich an einen "Tumult" erinnert ist auch keine verlässliche Aussage. "Alptraum-Bohrung"? Ja. Im Nachhinein. Wenn nichts schief gegangen wäre, wär's ne "geile Bohrung" geworden. Die Deepwater Horizon ist keine 10 Jahre alt gewesen. Wie kann ihr Blowout-Preventer "zehn Jahren nicht mehr vorschriftsgemäß geprüft worden" sein? Weil's dann noch schlimmer klingt? Kann nicht sachlich über technische Probleme geschrieben werden? Dort, wo menschliche Faktoren (Gier, Maßlosigkeit und all die anderen schlimmen Dinge) anfangen kann der Ton ja gern ins unsachliche abdriften. Aber das Protokoll eines (durch menschliche Fehlentscheidungen begünstigten) technischen Versagens muss nicht mit "Alptraum", "Inferno" und dem einen oder anderen Superlativ-des-Schreckens gespickt sein. Und um die (wohl rhetorsche) Frage zu beantworten: Die "BP-Manager", die entgegen des Rates der Spezialisten auf schnelles Vorgehn pochten sind "Schuld". Manager sind nämlich im Allgemeinen keine Experten, tun aber gern so, als hätten sie Ahnung. Von dieser Fehlentscheidung hatte jetzt mal die ganze Welt etwas.
2. Titel
e_n_2009 26.08.2010
Zitat von AnkhSunAmmunAlso eigentlich interessiert mich das Thema ja. Es fällt mir aber wahnsinnig schwer, diesen unnötig unsachlichen Artikel zu lesen. "Die Erde blutete" und "einer eiternden Wunde gleich" ? Der Boden des Meeres ist nicht die "Haut" von "Mutter Erde". Und dass einer(!) der Zeugen sich an.....
Nicht immer haben Manager "keine Ahnung". Unangenehmerweise wird im journalistischen Duemmlichkeitsdunst einfach nur "Manager" geschrieben, wo z.B. Technischer Projektleiter, Leitender Systemarchitekt, Marketingbereichsleiter etc etc stehen muesste. Das einzige, was der Artikel transportiert, ist fuer den technisch geneigten Leser, dass es erstaunlich viele Fehlentscheidungen lang- und kurzfristiger Art von sehr vielen Seiten gab. "Schuld" im klassischen Sinne hat Transocean. "Verantwortung" im Projektsinn haben BP und Transocean. Das wusste man aber schon vorher. "Zugelassen" hat es die US Regierung - eben genau diese Entscheidungen, die dann zum Unglueck beigetragen haben. Der technisch unversierte Leser wird eigentlich nur "Boah Ey! Voll Sch**ss*, die BP, ey!" denken. Halt eben genau, wie die meisten Journalisten.
3. Technik und System
Bombenkönig 26.08.2010
Die Bohrung in 5 km Tiefe und 1,5 Km unter dem Meeresspiegel war eine der tiefsten Bohrungen welche wirtschaftlich genutzt werden sollte. Die Technik war kaum gewartet und teilweise nicht für die Tiefe und Begebenheiten des Projekts ausgelegt. Möglichst viel Zeit und Geld sollten gespart werden. Jeder beteiligte kannte das Risiko - tödliche Unfälle sind auf Ölplattformen nichts neues. Es wurde dennoch munter weitergearbeitet und nur verbal protestiert, denn das Geld stimmte. Mit den Namen der Toten währe es interessant zu erfahren was BP, Halliburton usw. ihren Mitarbeitern für ihre gefährliche Arbeit und Umweltverschmutzung jährlich Fest und an Prämien gezahlt haben. Das dürfte alles andere als wenig gewesen sein. Was hätten die Manager an Prämien zu erwarten wenn sie das Bohrloch schneller "geschafft" hätten? Spiegel setzt sich im Artikel mit vielen technischen Details auseinander, wie im Bericht der Katastrophe geschildert. Bei systemrelevanten Schwächen wird jedoch nur die Küstenwache und die zuständige Überwachungesbehörde der USA angeprangert, kaum das firmeninterne System aus guten Gehältern und realitätsentzogenen Managerentscheidungen die in ähnlicher Form fast in jeder kapialistisch motivertem "Unternehmen" zu finden sind.
4. Fishing Tool abgestürzt
cesimbra 26.08.2010
Zitat von sysopWen trifft die Schuld am Öldesaster im Golf von Mexiko? Zeugenaussagen und Gutachten erlauben eine detaillierte Rekonstruktion - und offenbaren fatale Fehler der beteiligten Firmen. Schlamperei, Missmanagement und Fahrlässigkeit machten die Katastrophe erst möglich. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713063,00.html
Kleine Randbemerkung: Die Verantwortlichen vor Ort legen wirklich eine bemerkenswerte Inkompetenz an den Tag. Vorhin ist offensichtlich das Fishing Tool, mit dem das alte Bohrgestänge aus der Bohrung entfernt werden sollte, mit einem Teil des Drill Strings an dem es hing, abgestürzt und hat sich senkrecht in den Seeboden gebohrt.
5. Obama sei Dank ....
l.augenstein 26.08.2010
Zitat von sysopWen trifft die Schuld am Öldesaster im Golf von Mexiko? Zeugenaussagen und Gutachten erlauben eine detaillierte Rekonstruktion - und offenbaren fatale Fehler der beteiligten Firmen. Schlamperei, Missmanagement und Fahrlässigkeit machten die Katastrophe erst möglich. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713063,00.html
Wen interessiert denn das noch groß? Wie Obama der ganzen Welt gezeigt hat, ist auf wundersame Weise das Problem ja mehr oder weniger "verschwunden", dem amerik. "Erlöser" sei's gedankt! Wen interessiert denn noch, wo sich das ganze Öl ausbreitet, was es für Langzeitfolgen usw. mit sich bringt? Niemanden, wie es scheint. Und sollten doch wider Erwarten demnächst an anderer Stelle riesen Mengen an Öl auftauchen, wird die Kausalität nicht gegeben sein.
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