AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2010

Bergsteigen "Der Tod wird ausgeblendet"

Die Höhenbergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner über ihre gescheiterte Expedition am K2 und den Absturz des Kletterkameraden Fredrik Ericsson

DPA

SPIEGEL: Frau Kaltenbrunner, der K2 ist mit 8611 Meter Höhe der zweithöchste Berg der Erde, sein Gipfel liegt in der Todeszone, in der man kaum atmen kann, weil die Luft so dünn ist. Es herrschen Temperaturen von minus 40 Grad dort oben, der Wind fegt in Sturmstärke. Warum will ein Mensch da hinauf?

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Heft 34/2010
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Kaltenbrunner: Ich weiß, für Außenstehende ist das, was wir machen, schwer nachzuvollziehen. Ich werde oft gefragt: Was soll das eigentlich? Aber das ist unsere Welt. So wie wir leben wollen. Wir haben gelernt, uns sicher in dieser Welt zu bewegen. Auch wenn es natürlich immer ein Restrisiko gibt.

SPIEGEL: Sie sind vor wenigen Tagen von Ihrer jüngsten K2-Expedition aus dem Karakorum-Gebirge zurückgekehrt. Beim Aufstieg zum Gipfel haben Sie einen Bergkameraden und Freund, den Schweden Fredrik Ericsson, verloren. Wie geht es Ihnen?

Kaltenbrunner: Ich fühle mich ausgelaugt. Nach dem Unglück am K2 sind wir auf der Rückreise in die nächste Katastrophe gelaufen.

SPIEGEL: Die Flut in Pakistan.

Kaltenbrunner: Wir sind von Skardu, einem Ort im Nordosten Pakistans, aus geflogen. Auf dem Weg dorthin kamen wir durch ein Dorf, das von einer Mure fast vollständig zerstört worden war. Da sind 15 Menschen umgekommen, Häuser wurden fortgerissen, die Straßen waren verschüttet. Es war erschütternd.

SPIEGEL: Sie haben erst im Mai den Mount Everest bestiegen, im Juni brachen Sie und Ihr Mann Ralf Dujmovits nach kurzer Erholungspause zu Hause schon wieder zum K2 auf. Sie muten sich eine Menge zu.

Kaltenbrunner: Es war noch Kraft da nach dem Everest, ich war frisch im Kopf. Ich habe mich wirklich gefreut auf den K2.

SPIEGEL: Es war Ihre dritte Expedition dort hinauf, er ist der einzige der 14 Achttausender, den Sie noch nicht bestiegen haben. Was reizt Sie so an diesem Berg?

Kaltenbrunner: Er ist wunderschön, von magischer Gestalt. Er strahlt Macht und Kraft aus. Als ich den K2 das erste Mal gesehen habe, 1994, da hat er mich schon fasziniert und sich bei mir im Kopf verankert. Dieser Berg zieht mich an.

SPIEGEL: Für andere wird er zum Monstrum. Fast jedes Jahr sterben Bergsteiger am K2.

Kaltenbrunner: Ich habe großen Respekt vor diesem Berg. Aber ich habe keine Angst. Ich habe mich sehr intensiv mit ihm auseinandergesetzt, ich kenne ihn sehr genau.

SPIEGEL: Was heißt das?

Kaltenbrunner: Auf der Route, die wir immer nehmen, gibt es eine Lawine, die man unbedingt abwarten muss, bevor man den Aufstieg beginnt. Sie donnert irgendwann von etwa 7000 auf 5000 Höhenmeter herunter, eine gewaltige Schneewolke. Ich konnte diesmal fast auf die Stunde genau vorhersagen, wann sie abgehen wird.

SPIEGEL: Sie waren als Zweierteam mit Ihrem Mann gestartet. Wo haben Sie Fredrik Ericsson getroffen?

Kaltenbrunner: Im Basislager auf 5000 Meter Höhe. Er war mit seinem Kameraden Trey Cook dort. Fredrik war ein großartiger Mensch, ein erstklassiger Bergsteiger. Wir kannten uns schon lange, und seit einem Jahr waren wir gut befreundet.

SPIEGEL: Ericsson war ein Extremskifahrer, er wollte vom K2 abfahren.

Kaltenbrunner: Das war sein großer Traum. Es ist seltsam. Als wir aufstiegen, dachte ich nicht einmal daran, dass ihm etwas auf dem Weg zum Gipfel zustoßen könnte. Aber ich machte mir irgendwie Sorgen, er könnte bei der Abfahrt verunglücken. Ich musste vor einem Jahr durchs Fernglas mit ansehen, wie sein Begleiter am K2 auf Skiern 700 Meter in die Tiefe stürzte. Das hatte ich die ganze Zeit im Kopf.

SPIEGEL: Sie sind damals am K2 umgekehrt, weil im Gipfelbereich zu viel Schnee lag. Wie waren diesmal die Bedingungen?

Kaltenbrunner: Die Wetterprognosen waren gut. Im Basislager herrschte eine geradezu euphorische Stimmung, als wir losgingen. Das Problem war der Steinschlag. Es war ein extrem warmer Sommer im Karakorum, selbst große Felsblöcke, die normalerweise im Permafrost festsitzen, lockerten sich. Es war sehr gefährlich. Ständig hörte man das Pfeifen herabfallender Steine. Am Platz von Lager drei behielten wir sogar nachts im Zelt die Helme auf.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
alfredjosef 25.08.2010
1. Viel zu gefährlich
Da wird soviel TamTam über die Gefahren des Rauchens gemacht. Und dann das. Folgendes steht in Wikipedia: Seit der Entdeckung von 1852, dass der Everest der höchste Berg der Erde ist, mussten 21 Menschen ihr Leben lassen, 15 Expeditionen aufbrechen und 101 Jahre vergehen, bis der höchste Punkt des Everest schließlich zum ersten Mal betreten wurde. Mittlerweile (Stand 31. Dezember 2008) wurden 4109 Besteigungen durchgeführt. 216 Menschen kehrten nicht mehr zurück. Häufigste Todesursachen sind Abstürze, Erfrierung, Erschöpfung, Höhenkrankheit und Lawinen. Das heisst, 5% sterben dabei ? Siehe auch http://wanderforschung.de/files/bergunfaelle1240582856.pdf Auf jedem Bergstiefel sollte stehen: "Warnung. Bergwandern gefährdet ihre Gesundheit". Und die mystische Verklärung dieser Todessehnsüchtigen sollte man auch unterlassen. PUNKT aj
ACroonen 25.08.2010
2. -
Muss man leuten auf einem derartig großen egotrip eigentlich noch presse geben?
makutsov 25.08.2010
3. Es reicht
Über die Begebenheit ist doch nun genug geschrieben worden. Wieso ist so ein belangloser Mist auf der Titelseite? Ein Typ, der alle drei höchsten Berge der Welt mit Skiern abfahren wollte, ist dabei abgestürzt. Tja, Pech für ihn aber bei sowas eben nicht selten. Was ist denn der Nachrichtenwert hier?
tylerdurdenvolland 25.08.2010
4. ...
Zitat von alfredjosefDa wird soviel TamTam über die Gefahren des Rauchens gemacht. Und dann das. Folgendes steht in Wikipedia: Seit der Entdeckung von 1852, dass der Everest der höchste Berg der Erde ist, mussten 21 Menschen ihr Leben lassen, 15 Expeditionen aufbrechen und 101 Jahre vergehen, bis der höchste Punkt des Everest schließlich zum ersten Mal betreten wurde. Mittlerweile (Stand 31. Dezember 2008) wurden 4109 Besteigungen durchgeführt. 216 Menschen kehrten nicht mehr zurück. Häufigste Todesursachen sind Abstürze, Erfrierung, Erschöpfung, Höhenkrankheit und Lawinen. Das heisst, 5% sterben dabei ? Siehe auch http://wanderforschung.de/files/bergunfaelle1240582856.pdf Auf jedem Bergstiefel sollte stehen: "Warnung. Bergwandern gefährdet ihre Gesundheit". Und die mystische Verklärung dieser Todessehnsüchtigen sollte man auch unterlassen. PUNKT aj
Es fällt auch auf, dass SPON regelmässig, bei JEDEM solchen Todesfall ein neues Forum aufmacht....
schmitz-maier 26.08.2010
5. Die Todesmeldung war schneller in Europa wie Kaltenbrunner zurück im Basislager
...und genau das regt mich auf. Offenbar gehören die Medien dazu, wenn jemand stirbt. Dies erzeugt in der Öffentlichkeit offenbar mehr Aufmerksamkeit als die Besteigung des K2s selbst. Braucht man dies, um anschließend Vorträge und Bücher verkaufen zu können? Sorry, aber ich finde, diese Art des Höhenbergsteigens hat spätestens seit Reinhold Messner etwas dinosaurierhaftes.
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