SPIEGEL: Frau Badinter, Sie haben drei erwachsene Kinder, waren Sie eine gute Mutter?
SPIEGEL: Sie sind eine Anhängerin von Simone de Beauvoir, die die Mutterschaft rigoros ablehnte. Feministin und Mutter - war das für Sie nie ein Widerspruch?
Badinter: Nein, ich wollte diese Kinder, und ich wollte sie schnell hintereinander. Ich war damals noch im Studium, jeweils mitten in meinen Abschlussexamen. Beim schriftlichen war ich immer schwanger, beim mündlichen nicht mehr. Ich bin deshalb dann auch einige Male durchgefallen. Ich gehöre zu dieser Generation von Frauen, die Kinder bekommen haben, ohne das Für und Wider abzuwägen. Das war für mich selbstverständlich. Und ich habe jede dieser drei Schwangerschaften als eine der besten Zeiten meines Lebens in Erinnerung. Eines allerdings habe ich nicht gemacht, ich habe mich nie gefragt, ob ich eine gute Mutter sein würde, ob ich den Anforderungen genügen könnte, so wie es viele junge Frauen heute tun.
SPIEGEL: Sie beschreiben in Ihrem Buch "Der Konflikt", wie der Druck auf Frauen, die Kinder haben wollen, heute wächst. Es reicht nicht mehr, Mutter zu sein, man sollte eine perfekte Mutter sein, die lange und ausschließlich stillt, die lange beim Kind bleibt, die es optimal fördert.
Badinter: Wir erleben zurzeit eine bedenkliche Entwicklung, einen Rückfall in längst überwundene Zeiten. Auf Französisch heißt dieses Phänomen "l'enfant roi" - das Kind ist der König. Die Interessen der Mutter stehen eindeutig hinter denen des Kindes zurück, sie sind zweitrangig. Das wiederum zieht das Streben nach dem perfekten Kind nach sich. Wenn ich schon zu Hause bleibe, so die Logik vieler junger Mütter heute, wenn ich mich schon ganz und gar dem Kind widme, dann soll es auch ein möglichst perfektes Kind werden: optimal gefördert, intelligent, ausgeglichen, naturverbunden. Ich frage mich ernsthaft, was das langfristig mit den Kindern macht.
SPIEGEL: Sie lehnen sich besonders gegen das Stillen auf, das den Frauen mit sanftem Druck nahegelegt wird.
Badinter: Mit sanftem Druck? Mit Hilfe eines massiven Einsatzes von Schuldgefühlen: "Sie wollen nicht stillen? Aber Madame, Sie wollen doch sicherlich das Beste für Ihr Baby", wird die Krankenschwester Ihnen sagen, der Sie erklären, dass Sie lieber die Flasche geben wollen. Wissen Sie, wann ich das erste Mal die Idee hatte zu diesem Buch? Als der damalige Gesundheitsminister Bernard Kouchner 1998 entsprechend einer EU-Richtlinie nicht nur die Werbung für Baby-Milchpulver, sondern auch die Ausgabe von kostenlosem Milchpulver auf den Geburtsstationen verbot.
SPIEGEL: Was ist so schlimm am Stillen?
Badinter: Überhaupt nichts, aber ich glaube, es gibt kaum eine intimere und persönlichere Entscheidung. Wenn eine Frau das möchte, wunderbar, wenn sie es nicht möchte, auch gut. Das geht Politiker gar nichts an. Frankreich aber hat die Direktiven der Weltgesundheitsorganisation übernommen, die da heißen: Sechs Monate sollte das Kind ausschließlich gestillt werden, nach Möglichkeit dann noch weitere zwölf Monate mit ergänzender Nahrung. Diese Leitlinien sind sinnvoll für Entwicklungsländer, in denen man traurige Erfahrungen mit Milchpulver und verseuchtem Wasser gemacht hat. Warum aber in Gottes Namen muss man sie auch auf Pariserinnen und Berlinerinnen anwenden? Das katapultiert uns zurück in die Zeit unserer Großmütter.
SPIEGEL: Sie empfinden schon die Empfehlung zu stillen als Rückschritt für die Emanzipation der Frau?
Badinter: Noch mal, ich finde es wunderbar, wenn sich eine Frau dafür entscheidet. Aber das sollte freiwillig geschehen. Ich beobachte hier in Frankreich seit einigen Jahren mit großer Sorge eine Bewegung, die ein Zurück zur Natur einfordert und sich dabei als Avantgarde der Moderne empfindet. Frauen sollten ohne Peridural-Anästhesie entbinden, so lange wie möglich bei ihrem Baby bleiben, das ist gut für das Mutter-Kind-Bonding. Sie sollten das Kind stillen, das bewahrt es vor Allergien, Asthma und die Mutter selbst vor Brustkrebs. Sie sollten waschbare Windeln benutzen, das ist besser für die Umwelt. Unsere Umweltministerin hat vor zwei Jahren ernsthaft vorgeschlagen, eine Steuer auf Wegwerfwindeln einzuführen.
SPIEGEL: Und das halten Sie für mehr als eine umweltpolitische Maßnahme?
Badinter: Ja, weil es schon gereicht hätte, die Herstellung von Bio-Windeln zu fördern. Diese Bewegung ist eine ideologische und führt uns zurück ins 18. Jahrhundert, zu Jean-Jacques Rousseau und seinem Modell von der idealen Mutter. Es ist ein wenig so, als sollte das in der Frau schlummernde Säugetier wieder geweckt werden, aber wir Frauen sind nun mal keine Schimpansen.
SPIEGEL: Übertreiben Sie nicht ein wenig?
Badinter: Was ich beschreibe, sind erste, aber alarmierende Anzeichen. Wenn wir alle diese Empfehlungen ernst nehmen, was ist die Konsequenz? Die Frauen bleiben mehr und mehr zu Hause. Wie wollen Sie arbeiten, wenn Sie sechs Monate und länger stillen sollen? Alle zwei Stunden mit der Milchpumpe in der Hand ein Taxi bestellen? Es gibt mehr und mehr Frauen, die sich, auch in Zeiten der Wirtschaftskrise, entscheiden, zu Hause zu bleiben. Darunter auch sehr viele hochqualifizierte Frauen, die nun nur noch eine perfekte Mutter sein wollen.
SPIEGEL: Nicht jede Frau will auch als Mutter die Emanzipation vorantreiben.
Badinter: Sicher, es gibt aber mindestens zwei andere Dinge, die jede Frau im Westen ganz persönlich betreffen. Erstens: Eines von zwei Paaren trennt sich innerhalb von drei bis sieben Jahren. Zurück bleibt dann eine Frau, die seit Jahren keinen festen Platz mehr hat auf dem Arbeitsmarkt und deren wirtschaftliche Zukunft stark gefährdet ist. Zweitens: Die aktive Erziehung eines Kindes nimmt vielleicht 10 bis 15 Jahre der Gesamtlebenszeit ein, die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen liegt aber mittlerweile bei über 80 Jahren. Wollen Sie also Ihr ganzes Leben ausschließlich der Kindererziehung widmen? Was passiert danach, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Und der Mann vielleicht auch? Was dann?
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© DER SPIEGEL 34/2010
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