AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2010

Moral Die neuen Deutschen

Warum genießen ein 91-jähriger Kettenraucher und ein Fußballtrainer mehr Ansehen als die Kanzlerin und der Papst? Zu wem haben die Bürger Vertrauen? Eine SPIEGEL-Umfrage zeigt, dass den Deutschen ihr Glaube an den Staat nicht ausgetrieben wurde. Noch nicht.

REUTERS

Es herrscht Hauen und Stechen in der Koalition. "Die zweite Regierung Merkel ist schon in den Startlöchern elend ins Stolpern geraten. Ein Wunder ist es nicht, dass die Bürger sich verschaukelt fühlen. Zynismus, Missmut, Verdrossenheit macht sich breit im Land." So ist das.

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Heft 34/2010
China gegen Deutschland - Kampf um die Weltmärkte

So war das. So beschrieb der "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer im Jahr 1976 das Elend der damaligen Regierungskoalition. Im Zitat ist allein der Name des Regierungschefs ausgetauscht: "Merkel" statt "Schmidt".

Die Misere ist die gleiche. Geändert hat sich nur die Wahrnehmung des damaligen Bundeskanzlers. Helmut Schmidt ist heute der meistrespektierte Deutsche der Deutschen.

Für 83 Prozent der Bundesbürger verkörpert Helmut Schmidt das Deutschland, das sie sich wünschen. Und er genießt die höchste Achtung als moralische Instanz. Einem inzwischen 91-jährigen Kettenraucher wird mehr Vertrauen entgegengebracht als dem Rest der politischen Klasse. Vom Papst ganz zu schweigen.

Alles, wofür Helmut Schmidt damals gehasst wurde, seine Arroganz, seine fischige Kälte und Nüchternheit, wird ihm eine Generation danach hoch angerechnet. Hoffnung für die Kanzlerin? Hinweis, wie launisch der Zeitgeist hierzulande ist, wie flatterhaft die Gunst der Deutschen?

Das Ergebnis zeigt ein neues Deutschland

Der SPIEGEL hat in diesem Sommer in zwei Umfragen herauszufinden versucht, wem die Bundesbürger noch vertrauen, nach den Enttäuschungen der letzten Monate, nach Schuldendebakel, Präsidentenwahl, Reformstillstand, wer bestehen bleibt als moralische Instanz.

Wem wird noch geglaubt, und in welchen Deutschen sehen die Bürger sympathische Deutsche, Menschen also, die von anderen Nationen als moderne Deutsche gesehen werden sollen?

Das Ergebnis ist erstaunlich. Es zeigt ein Land, in dem einem Quizmaster fast genauso viel Vertrauen entgegengebracht wird wie dem Papst. In dem ein schwuler Komiker mehr Respekt genießt als ein Altkanzler aus Hannover, der sein Land aus einem Krieg herausgehalten hat. In dem ein junger Mann mit Namen Mesut Özil für mehr als die Hälfte der Bevölkerung das ideale Deutschland verkörpert.

Das Ergebnis zeigt ein neues Deutschland. Womöglich auch ein besseres.

Wenn es nach den Bürgern ginge, dann säße Günther Jauch im Schloss Bellevue und nicht Christian Wulff. Der allgegenwärtige und allwissende Fernsehmann ist für 84 Prozent der Befragten ein Deutscher, der als Vorbild taugt. Auch Benedikt XVI. wird darin um Längen geschlagen von der armen Verkehrssünderin Margot Käßmann.

Für die große Mehrzahl der Deutschen ist Ursula von der Leyen die politische Idealfrau. Wenn man sie selbst nach einer wichtigen moralischen Instanz gefragt hätte, dann hätte von der Leyen - neben Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker - den Namen einer Frau genannt: "Alice Schwarzer. Sie ist eine Frau von Format und mit Charisma. Sie hat einen geraden Lebensweg, der sicherlich nicht leicht war. Aber sie stand für ihre Sache schon in den Siebzigern, als das schwierig war. Das imponiert mir."

Und mit ihr 38 Prozent der Deutschen. Das ist neu. Eine Emanze, die Buhfrau der Ära Helmut Kohl, steht heute mehr für gute neue Werte als der Altkanzler Gerhard Schröder oder der Spitzenbanker Josef Ackermann. Das Ansehen von Alice Schwarzer ist auch bei CDU-Stammwählern kaum weniger hoch als im deutschen Durchschnitt (35 Prozent) und in fast gleichem Maß verbreitet in Ost und West.

Ein Spitzenpolitiker muss wie Alice Schwarzer in der Lage sein, jedes noch so heikle Dilemma in drei Minuten zu benennen. Und seine Entscheidung zu begründen und den Zuhörer mit dem Gefühl entlassen, dass er in guten Händen ist. Alles in allem maximal eine Viertelstunde. Es geht um das, was die Amerikaner "explainer in chief" nennen. Daran mangelt es in der Bundespolitik.

Das Gesicht muss Spuren zeigen

Die Fundamente des wiedervereinigten Deutschland wackeln. Die friedliche Bundeswehr ist in einen Krieg verstrickt, der nicht gewonnen und nicht beendet werden kann. Der Zustand vieler Gemeindebibliotheken, Schulen und Straßen ist so, wie man es früher nur aus dem Urlaub in Südosteuropa kannte. Die Bundesbürger müssen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise verkraften, und sie werden in den kommenden Jahren noch mehr ausgeben müssen für Gesundheit und Vorsorge. Sie werden weniger vom Staat bekommen.

Wer kann sich da schon um 20 Uhr vor die Kamera setzen und den Deutschen ein Opfer abverlangen, ohne dass gleich umgeschaltet wird zu Stefan Raab.

Wer kann ihnen den Churchill machen und sagen: Die Lage ist ernst. Die Spielzeit ist vorbei. Unser Lebensstandard wird deutlich sinken, aber unsere Kinder werden es besser haben.

Oder: Wir müssen in diesen Krieg ziehen. Es wird Opfer geben. Wir werden Fehler machen. Aber es ist notwendig.

Bei keinem dieser Sätze kann man sich Guido Westerwelle vorstellen. Und schwerlich Karl-Theodor zu Guttenberg. Das sind Sätze, bei denen der Respekt vor den Jahren noch wirkt. Das Gesicht muss Spuren zeigen. Eine faltenlose Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin oder auf Botox und ist deshalb fehl am Platze. Da helfen auch keine Spin-Doctors, keine PR-Berater und passende Krawattenfarben. Es geht auch nicht um die richtigen Argumente. Da geht es um ein Grundvertrauen.

"Helmut Schmidt verkörpert die moralische Instanz in Deutschland. Man spricht ihm auch generelle Bedeutung schlechthin zu im überragenden Maße", sagt der Politologe Franz Walter. "Seit Jahren hat er sich auf jede Zigarette hin die Aura eines letzten Bundeskanzlers der Bundesrepublik kreiert, der bei allen Widrigkeiten im Amt und auch danach stetig und beharrlich die politischen Linien gezogen hat, ohne dabei populistisch nach Beifall zu heischen, der überhaupt die internationale Dimension politischer Vorgänge durchweg im Auge hatte."

Das Schmidt-Bild hat sich mittlerweile verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. "Obwohl", wie Walter sagt, "alle Probleme - von der Staatsverschuldung, der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten - in der Schmidt-Ära ihren betrüblichen Anfang nahmen."

Egal. Die Deutschen sind jetzt schlauer, auch weil sie wissen, was nach Schmidt kam.



insgesamt 277 Beiträge
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Seite 1
deltametro2 24.08.2010
1. Hans Magnus Enzensberger
Wundert mich nicht. Der ist halt nicht genug "people".
Jay's, 24.08.2010
2. weil
Zitat von sysopWarum genießen ein 91-jähriger Kettenraucher und ein Fußballtrainer mehr Ansehen als die Kanzlerin und der Papst? Zu wem haben die Bürger Vertrauen? Eine SPIEGEL-Umfrage zeigt, dass den Deutschen ihr Glaube an den Staat nicht ausgetrieben wurde. Noch nicht. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713293,00.html
der Kettenraucher ein hervorragender Bundeskanzler mit Profil war. Da konnte man noch stolz sein, Deutscher zu sein. Aehnliches gilt fuer den Bundestrainer. Die jetzigen Politiker strotzen vor Arroganz. Ich habe die Sorte persoenlich mal in den USA erlebt, total volksfern.
Thyphon 24.08.2010
3. Omg
Zitat von sysopWarum genießen ein 91-jähriger Kettenraucher und ein Fußballtrainer mehr Ansehen als die Kanzlerin und der Papst? Zu wem haben die Bürger Vertrauen? Eine SPIEGEL-Umfrage zeigt, dass den Deutschen ihr Glaube an den Staat nicht ausgetrieben wurde. Noch nicht. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713293,00.html
Oh das darf doch nicht wahr sein. Zensursula eine ideale Politikerin? Oh das darf doch nicht wahr sein!!!
Spinatwachtel 24.08.2010
4. Fakt ist;
Ich höre Herrn Schmidt lieber zu als Frau Merkel oder dem Papst. Und die Qualmerei - na so ein bisschen erinnert mich das an die Zeit, die längst vergangen ist, wo Hoffnung, Moral und Toleranz Wörter mit Bedeutung waren und Kant Pflichtlektüre.
frubi 24.08.2010
5. .
Zitat von sysopWarum genießen ein 91-jähriger Kettenraucher und ein Fußballtrainer mehr Ansehen als die Kanzlerin und der Papst? Zu wem haben die Bürger Vertrauen? Eine SPIEGEL-Umfrage zeigt, dass den Deutschen ihr Glaube an den Staat nicht ausgetrieben wurde. Noch nicht. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713293,00.html
Noch nicht? Ich bin keine 25 Jahre alt und das politische Berlin kann von mir aus verrotten. Ich glaube diesen Suppenkaspern überhaupt nichts mehr. Ich vergleiche den Zustand dieses Landes gerne mit einer 95 jährigen Ferrari-Fahrerin. Das Auto ist super. Fährt 300 km/h und beschleunigt extrem schnell. Allerdings kann die Fahrerin das Auto nicht beherrschen und fährt es auch vorsicht nur mit 20-50 km/h durch die Gegend. Warum andere Menschen der Öffentlichkeit mehr Respekt genießen? Das liegt doch an den Politikern selber. Man braucht sich doch nur mal 2 Wochen lang alle politischen Gäste in den Talkshows anzusehen. Danach möchte man sich am liebsten erhängen. Eine große Ansammlung an nichtssagenden Aussagen.
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