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Ausgabe 34/2010

Automobile: Rasende Rechner

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Ein Mercedes-Tuner präsentiert das erste Auto mit integrierten Apple-Geräten - für die Kult-Computer ein teures Einsatzfeld mit überschaubarem Nutzwert.

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Der Autosalon in Moskau zählt zu den internationalen Schaubühnen für Fahrzeuginteressierte mit unbegrenzten Ansprüchen. Luxuswagenhersteller und Veredler der Kfz-Zunft nutzen ihn zunehmend für Enthüllungen von Weltneuheiten.

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Der Bottroper Auto-Tuner Brabus feiert dort in dieser Woche die Premiere einer ungewöhnlich frisierten Mercedes-Limousine. Das Schaustück basiert auf der S-Klasse, kostet 350.000 Euro und ist üppig motorisiert. Mit 750 PS aus zwölf Zylindern erreicht es eine Höchstgeschwindigkeit von 340 km/h.

Das allerdings ist nur guter Brabus-Standard, nicht etwa das Neue an diesem Fahrzeug. Die Innovation steckt in der elektronischen Bordausstattung. Das Auto nennt sich "iBrabus". Seine Besonderheit ist die Integration von Computerprodukten der Kultmarke Apple.

Als Gehirn des Bord-Infotainments lagert ein Mac Mini Computer im Kofferraum, eingebettet in eine elektrisch ausfahrbare Schublade aus mattweißem Kunststoff.

Im Fond des Wagens - das Auto ist als Chauffeurslimousine konzipiert - steht ein Komplettprogramm von Apple-Spielzeug bereit: zwei iPads, zwei Tastaturen für umfangreichere Korrespondenzen, die mit einem vom Dach absenkbaren Flachbildschirm verbunden sind, sowie der Apple-Oldtimer iPod, der weniger prominent zwischen den Sitzen an der Ladestation parkt.

Auch für die anderen iGerätschaften gibt es sorgfältig in Armlehnen integrierte Staufächer und Lederfutterale, damit sie nicht etwa wirr herumliegen wie in einem vermüllten Knabenzimmer. Zur bequemen Handhabung dienen lederbezogene, elektrisch ausfahrbare Klapptische mit maßgefertigten Halterungen, in denen iPads und Tastaturen rutschsicher verankert werden können. "Dieses Auto", erklärt Brabus-Chef Bodo Buschmann, "ist jetzt ehrlich was für Menschen, die in der iWelt leben."

Tiefe Eingriffe ins Datensystem

Buschmann steht durchaus im Ruf, ein Gespür für Kundenbedürfnisse zu haben. Er begann in den Siebzigern als Anbieter von Spezialölen und Gebrauchtwagengarantien. Brabus hat seither kein einziges Jahr Verluste gemacht, inzwischen 250 Angestellte und eine eigene Entwicklungsabteilung, zu der auch Software-Programmierer zählen. Die Firma baut Zwölfzylindermotoren in Fahrzeuge ein, deren Serienelektronik nur einen Sechszylinder bedienen kann. Da sind tiefe Eingriffe ins Datensystem nötig.

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iBrabus: Ultimative Multimedia-Limousine
Gemessen daran war es geradezu simpel, die Apple-Geräte ins Infotainment einer S-Klasse zu integrieren, wenn auch nicht ganz trivial. Die iPads sollten ja nicht einfach nur mitfahren, sondern auch etwas mit dem Auto tun.

Aber was? Soll der Fahrzeughalter in Champagnerlaune etwa seinem Chauffeur per Mausklick das Fernlicht an- oder das ESP abschalten können?

Brabus mied jeglichen Eingriff in sicherheitsrelevante Funktionen. Unter Leitung eines früheren Autoelektrikers vom Bosch-Dienst verknüpften die Elektroniker stattdessen iPads und iPod mit dem Mercedes-Bordsystem "Comand", das Navigation, Telefon und Unterhaltungsfunktionen bedient.

Dessen Steuermimik lässt sich nun auf den Bildschirm jedes der Apple-Geräte zaubern. Statt die übliche Fernbedienung zu bemühen, kann der Nutzer des iBrabus also mit iPad oder iPod die Farbe der Fußbodenbeleuchtung variieren, den Fernsehsender wechseln, das Telefon bedienen oder ein Navigationsziel eingeben. "Apple-affine Menschen", sagt Brabus-Chef Buschmann, "wollen möglichst alles von einem Gerät aus steuern."

Lustgewinn für den Nutzer

Und was wird Apple-Gründer Steve Jobs zu einem iBrabus sagen, so er davon erfährt? Buschmann hat den streitbaren PC-Magier bisher nicht über das Projekt informiert und hält dies auch nicht für nötig. Er sieht in dem Fahrzeug und seinem Namen keine Verletzung von Markenrechten, eher ein nützliches Vehikel für den Computerkonzern.

Fraglich ist indes, ob das Apple-Auto den iKult wirklich bereichert. Auto- und Apple-Infotainment tun sich schwer, einander zu ergänzen, da sie in vielen Bereichen das Gleiche können, etwa navigieren oder Fernsehbilder zeigen. In dem rasenden Rechnerbataillon wird das iPad weitgehend auf die Funktion einer komplexen Fernbedienung reduziert, die die Abläufe eher erschwert.

Der Nutzer mag dies gleichwohl als Lustgewinn empfinden. Wer sich am Bildschirm seines iPad in Untermenüs rubbelt, um Radio oder Fußbodenlicht einzuschalten, erlebt sicher keinen großen Fortschritt, vielleicht aber ein kleines Glück.

Die Fähigkeit, solchen Luxus zu genießen, geht verlässlich mit der Bereitschaft einher, ihn auch teuer zu bezahlen. Für die kleinste Apple-Applikation mit einem Klapptisch, einem iPad und dessen Vernetzung mit der Bordelektronik verlangt Brabus 8900 Euro; das Komplettpaket mit Flachbildschirm und Zentralrechner, wie es im ersten Demonstrationsfahrzeug verbaut wurde, kostet 48.000 Euro.

Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen hat Firmen wie Brabus groß gemacht, nicht das Hinterfragen von Nutzwerten. Ein Kunde aus dem arabischen Raum verlangte kürzlich nach einem unüblichen Audiogerät, das mit einiger Mühe beschafft und eingebaut wurde.

Es war ein Kassettenrecorder.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ooo
MarkH, 28.08.2010
Zitat von sysopEin Mercedes-Tuner präsentiert das erste Auto mit integrierten Apple-Geräten - für die Kult-Computer ein teures Einsatzfeld mit überschaubarem Nutzwert. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713740,00.html
Es wird eben weiter in Richtung Superreich umverteilt Dazu muss nur das was da Alles so anfällt in ein Auto der Luxisklasse implementiert werden. Das muss ja funktionieren - weil wir sind ALLE über Hartz zur ARBEIT und PRODUKTION gezwungen. Die Frage ist dann, wer bezahlt die Zeche ? Nunja.. Napalm hätte die Kommunen die besser ausreuchern können ;)
2. ooo
MarkH, 28.08.2010
Zitat von sysopEin Mercedes-Tuner präsentiert das erste Auto mit integrierten Apple-Geräten - für die Kult-Computer ein teures Einsatzfeld mit überschaubarem Nutzwert. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713740,00.html
Es wird eben weiter in Richtung Superreich umverteilt Dazu muss nur das was da Alles so anfällt in ein Auto der Luxisklasse implementiert werden. Das muss ja funktionieren - weil wir sind ALLE über Hartz zur ARBEIT und PRODUKTION gezwungen. Die Frage ist dann, wer bezahlt die Zeche ? Nunja.. Napalm hätte die Kommunen die besser ausräuchern können ;)
3. Schnäppchen
ex_t_kunde 28.08.2010
Erst dachte ich an einen Tippfehler, aber die kommen ja beim aufwendig Korrektur gelesenen SPON zum Glück nicht vor. Dann kostet das Schaustück nur 350.00 Euro? Das wäre doch mal ein echtes Schnäppchen, dafür würde ich mir sogar noch so eine Kiste kaufen...
4. nettes Spielzeug, aber häßlich
nobody.loopback 28.08.2010
Die Technik klingt ja ok, aber warum muss es dann gleich so häßlich aussehen - innen, als auch aussen. Aber, wer genügend Kleingeld hat, der scheint wohl oft seinen guten Geschmack in die Tonne getreten zu haben.
5. ...
herrdaemlich 28.08.2010
Das sind die Nachrichten auf die ich den ganzen Tag gewartet habe... Apple-Geräte in einem getunten Mercedes. Donnerlittchen. Das muss ich unbedingt all meinen Freunden erzählen. Ein Meilenstein!
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