Von Christian Wüst
Der Autosalon in Moskau zählt zu den internationalen Schaubühnen für Fahrzeuginteressierte mit unbegrenzten Ansprüchen. Luxuswagenhersteller und Veredler der Kfz-Zunft nutzen ihn zunehmend für Enthüllungen von Weltneuheiten.
Das allerdings ist nur guter Brabus-Standard, nicht etwa das Neue an diesem Fahrzeug. Die Innovation steckt in der elektronischen Bordausstattung. Das Auto nennt sich "iBrabus". Seine Besonderheit ist die Integration von Computerprodukten der Kultmarke Apple.
Als Gehirn des Bord-Infotainments lagert ein Mac Mini Computer im Kofferraum, eingebettet in eine elektrisch ausfahrbare Schublade aus mattweißem Kunststoff.
Im Fond des Wagens - das Auto ist als Chauffeurslimousine konzipiert - steht ein Komplettprogramm von Apple-Spielzeug bereit: zwei iPads, zwei Tastaturen für umfangreichere Korrespondenzen, die mit einem vom Dach absenkbaren Flachbildschirm verbunden sind, sowie der Apple-Oldtimer iPod, der weniger prominent zwischen den Sitzen an der Ladestation parkt.
Auch für die anderen iGerätschaften gibt es sorgfältig in Armlehnen integrierte Staufächer und Lederfutterale, damit sie nicht etwa wirr herumliegen wie in einem vermüllten Knabenzimmer. Zur bequemen Handhabung dienen lederbezogene, elektrisch ausfahrbare Klapptische mit maßgefertigten Halterungen, in denen iPads und Tastaturen rutschsicher verankert werden können. "Dieses Auto", erklärt Brabus-Chef Bodo Buschmann, "ist jetzt ehrlich was für Menschen, die in der iWelt leben."
Tiefe Eingriffe ins Datensystem
Buschmann steht durchaus im Ruf, ein Gespür für Kundenbedürfnisse zu haben. Er begann in den Siebzigern als Anbieter von Spezialölen und Gebrauchtwagengarantien. Brabus hat seither kein einziges Jahr Verluste gemacht, inzwischen 250 Angestellte und eine eigene Entwicklungsabteilung, zu der auch Software-Programmierer zählen. Die Firma baut Zwölfzylindermotoren in Fahrzeuge ein, deren Serienelektronik nur einen Sechszylinder bedienen kann. Da sind tiefe Eingriffe ins Datensystem nötig.
Aber was? Soll der Fahrzeughalter in Champagnerlaune etwa seinem Chauffeur per Mausklick das Fernlicht an- oder das ESP abschalten können?
Brabus mied jeglichen Eingriff in sicherheitsrelevante Funktionen. Unter Leitung eines früheren Autoelektrikers vom Bosch-Dienst verknüpften die Elektroniker stattdessen iPads und iPod mit dem Mercedes-Bordsystem "Comand", das Navigation, Telefon und Unterhaltungsfunktionen bedient.
Dessen Steuermimik lässt sich nun auf den Bildschirm jedes der Apple-Geräte zaubern. Statt die übliche Fernbedienung zu bemühen, kann der Nutzer des iBrabus also mit iPad oder iPod die Farbe der Fußbodenbeleuchtung variieren, den Fernsehsender wechseln, das Telefon bedienen oder ein Navigationsziel eingeben. "Apple-affine Menschen", sagt Brabus-Chef Buschmann, "wollen möglichst alles von einem Gerät aus steuern."
Lustgewinn für den Nutzer
Und was wird Apple-Gründer Steve Jobs zu einem iBrabus sagen, so er davon erfährt? Buschmann hat den streitbaren PC-Magier bisher nicht über das Projekt informiert und hält dies auch nicht für nötig. Er sieht in dem Fahrzeug und seinem Namen keine Verletzung von Markenrechten, eher ein nützliches Vehikel für den Computerkonzern.
Fraglich ist indes, ob das Apple-Auto den iKult wirklich bereichert. Auto- und Apple-Infotainment tun sich schwer, einander zu ergänzen, da sie in vielen Bereichen das Gleiche können, etwa navigieren oder Fernsehbilder zeigen. In dem rasenden Rechnerbataillon wird das iPad weitgehend auf die Funktion einer komplexen Fernbedienung reduziert, die die Abläufe eher erschwert.
Der Nutzer mag dies gleichwohl als Lustgewinn empfinden. Wer sich am Bildschirm seines iPad in Untermenüs rubbelt, um Radio oder Fußbodenlicht einzuschalten, erlebt sicher keinen großen Fortschritt, vielleicht aber ein kleines Glück.
Die Fähigkeit, solchen Luxus zu genießen, geht verlässlich mit der Bereitschaft einher, ihn auch teuer zu bezahlen. Für die kleinste Apple-Applikation mit einem Klapptisch, einem iPad und dessen Vernetzung mit der Bordelektronik verlangt Brabus 8900 Euro; das Komplettpaket mit Flachbildschirm und Zentralrechner, wie es im ersten Demonstrationsfahrzeug verbaut wurde, kostet 48.000 Euro.
Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen hat Firmen wie Brabus groß gemacht, nicht das Hinterfragen von Nutzwerten. Ein Kunde aus dem arabischen Raum verlangte kürzlich nach einem unüblichen Audiogerät, das mit einiger Mühe beschafft und eingebaut wurde.
Es war ein Kassettenrecorder.
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© DER SPIEGEL 34/2010
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