AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2010

Verhaltensforschung Herrlich böse

Skandal an der Elite-Uni Harvard: In mindestens acht Fällen soll der Starwissenschaftler und Bestseller-Autor Marc Hauser Daten aus Tierstudien zurückgehalten und falsch analysiert haben. Welche seiner spektakulären Erkenntnisse zur Evolution des Menschen stimmen noch?

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Das Institut für Psychologie der Harvard University liegt in einem Haus mit 15 Stockwerken, und nicht wenige Menschen glauben, dass die Gedanken an diesem Ort besonders hoch fliegen.

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Heft 35/2010
Bürgeraufstand gegen die Politik

Glück, Liebe, Intelligenz, Moral, Sprache, Selbstmord - nichts ist den Gelehrten in diesem Turm zu bedeutungsschwer. Ihre Thesen, was den Mensch zum Menschen macht, münden für gewöhnlich in Durchbrüchen und Bestsellern. Die Professoren des Instituts gehören zu den einflussreichsten der Welt.

Doch in diesen Tagen ist es in dem Gebäude im amerikanischen Cambridge merkwürdig still. Auch Jerome Kagan, der mittlerweile 81 Jahre alte Pionier der Entwicklungspsychologie, sitzt in sich gekehrt in seinem Büro. "Keiner redet darüber", sagt er. "Wer will schon über jemanden aus der eigenen Familie lästern?"

Gemeint ist Marc Hauser, 50 Jahre alt, ein Star seiner Zunft und als Buchautor von den Medien gefeiert - bis jetzt plötzlich hässliche Vorwürfe gegen den Vor-zeigeakademiker an die Öffentlichkeit gedrungen sind. "Wissenschaftliches Fehlverhalten" wirft ihm die eigene Fakultätsleitung vor. Staatliche Behörden ermitteln.

Im Turm der Psychologen herrscht Ratlosigkeit. "An dieser Sache wird unsere Zunft noch Jahre zu knacken haben", fürchtet die Chefin des Instituts Susan Carey.

Mit dieser Einschätzung untertreibt die Direktorin noch. Unter Verhaltens- und Kognitionsforschern auf der ganzen Welt herrscht blankes Entsetzen. "Es ist eine Katastrophe, wir wissen nicht, was von den vielen Publikationen Hausers erfunden ist und was nicht", klagt etwa der Primatenforscher Klaus Zuberbühler von der University of St Andrews in Schottland.

Wissenschaftliches Fehlverhalten in acht Fällen

Mittlerweile hat die Harvard University Hauser in acht Punkten des Fehlverhaltens bezichtigt, Publikationen wurden zurückgezogen oder ergänzt, und der Beschuldigte gestand Ende vorletzter Woche in einer E-Mail reumütig: "Ich bestätige, dass ich einige signifikante Fehler begangen habe." Hauser sei in ein unbezahltes Urlaubsjahr geschickt worden, erzählt Kollege Kagan: "Das war Teil der Bestrafung."

Dabei galt der Geächtete bis vor kurzem noch als Universalgenie. "Marc hat sich ein Top-Thema nach dem anderen gegriffen", sagt die Affenforscherin Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Sei es die Evolution der Sprache, die Gefühle der Tiere oder die Entstehung der Moral: Hauser stieß bei all diesen großen Rätseln auf spannende Erkenntnisse und verarbeitete diese in aufsehenerregenden Büchern.

Von Studenten wurde der Gelehrte mit Halbglatze und markantem Bart zu einem der beliebtesten Professoren auf dem Campus gewählt. Und doch brachten seine eigenen Mitarbeiter schließlich den Skandal ins Rollen. Das geht aus Dokumenten hervor, die dem Fachblatt "The Chronicle of Higher Education" zugespielt wurden. Demnach haben sich Team-Mitglieder im Jahr 2007 besorgt um den Ruf ihres Instituts dem Ombudsmann der Harvard University offenbart.

Es ging um einen Versuch, mit dem die Forscher herausfinden wollten, ob sich schon unter den entfernten Verwandten des Menschen so etwas wie ein Sprachsinn regt. Sie hatten dazu Rhesusaffen zunächst eine regelmäßige Abfolge von Tönen vorgespielt. Dann veränderten sie die Tonfolge. Würden die Tiere den Unterschied bemerken und in diesem Moment ihre Augen auf den Lautsprecher richten? Wenn sie dies tun, so gilt das als Hinweis darauf, dass die Affen eine wesentliche Voraussetzung zur Entwicklung von Sprache besitzen.

Computer, Festplatten und Videos beschlagnahmt

Die Auswertung solcher Experimente indes ist heikel. Denn wie zuverlässig lässt sich schon Richtung und Dauer eines Äffchenblicks einschätzen? Ein junger Laborassistent jedenfalls, der den Auftrag hatte, die Videobänder auszuwerten, konnte nichts Auffälliges erkennen. Hauser jedoch kam bei der Auswertung derselben Bänder zu einem ganz anderen Ergebnis: Da starrten die Affen, genau wie angenommen, bei den veränderten Tonfolgen auf den Lautsprecher.

"Ich fühle mich nicht wohl dabei, Daten mit einer solchen Verzerrung zu analysieren und zu publizieren", schrieb einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter in einer E-Mail an Hauser. Der blaffte genervt zurück: "Ich bin jetzt allmählich angepisst. Da sind keine Unstimmigkeiten."

Eine Bestätigung von Hauser, dass dieser E-Mail-Verkehr so stattgefunden hat, gibt es nicht. Doch sollte er wahr sein, dann verbirgt sich dahinter einer der fulminantesten Fehler, die ein Verhaltensforscher begehen kann. "Er darf niemals seine Autorität missbrauchen und die Auswerter in ihrer Analyse beeinflussen", urteilt Angela Friederici, Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Seine Mitarbeiter jedenfalls haben sich dem Druck nicht gebeugt und sich ihrer Universität offenbart. "Den jungen Leuten gebührt die höchste Anerkennung für ihren Mut", lobt der berühmte Affenforscher Frans de Waal.

Die Elite-Uni reagierte zunächst prompt auf den Vorwurf der Nachwuchsforscher: Ihre Ermittler verschafften sich Zugang zum Büro des Forschers und beschlagnahmten Computer, Festplatten und Videos. Dann allerdings herrschte Stille - drei Jahre lang.

Gesamte Publikationen von Hauser unter Generalverdacht

Bald gingen auf den Kongressen die ersten Gerüchte über Ermittlungen gegen den Harvard-Star um. "Seit drei Jahren befindet sich Hauser wie in Zeitlupe in freiem Fall", sagt Michael Tomasello, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie - nur dass niemand genau wusste, warum eigentlich.

Inzwischen steht alles, was Hauser und die Forscher aus seinem Labor publiziert haben, unter Generalverdacht. "Für die Fachgemeinde ist das fürchterlich", sagt Primatologin Fischer und fragt sich: "Wie soll ich meinen Studenten jetzt erklären, dass sie rechtschaffen bleiben sollen?"

Fischer sorgt sich darüber, dass Harvard nur häppchenweise Informationen herausgibt und ansonsten bemüht scheint, das wahre Ausmaß der Affäre Hauser zu verschleiern. Im August zog Hauser geräuschlos eine vielbeachtete Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 in der Zeitschrift "Cognition" zurück. Begründung: Eine interne Untersuchung habe ergeben, dass die Daten die Ergebnisse der Studie nicht unterstützten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
evolut 01.09.2010
1. format: brain -->error
Zitat von sysopSkandal an der Elite-Uni Harvard: In mindestens acht Fällen soll der Starwissenschaftler und Bestseller-Autor Marc Hauser Daten aus Tierstudien zurückgehalten und falsch analysiert haben. Welche seiner spektakulären Erkenntnisse zur Evolution des Menschen stimmen noch? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,714825,00.html
Diese Manipulationen bis hin zum Betrug hat es leider immer gegeben und wird es immer geben. Auch Wissenschaftler sind eitel, geltungssüchtig und vor allem karrierebewußt. http://de.wikipedia.org/wiki/Betrug_und_F%C3%A4lschung_in_der_Wissenschaft Zum aktuellen Anlaß erinnere ich an Cyril Burt (http://de.wikipedia.org/wiki/Cyril_Burt), dessen Behauptungen oft und gerne in Zusammenhang mit der Intelligenzforschung genannt werden. Sind solche Betrügereien erstmal in den Köpfen festgesetzt, sind sie nur schwerlich zu "formatieren", vor allem wenn sie zu Klischees aufsteigen. (Man denke an einen anderen Fall, nämlich den Eisengehalt des Spinats, diesmal allerdings ein Versehen).
Zuul, 01.09.2010
2. Manchmal kommt das vor
Ich habe auch mal einen Datenfehler verschwiegen - nachdem ich tagelang herumgerechnet hatte und zu dem Ergebnis kam, dass der Einfluss des Fehlers auf das Ergebnis weit unter 1% lag. Trotzdem habe ich mich ein bisschen geschämt.
Stefan Albrecht, 01.09.2010
3. Verehrung falscher Götter
Zitat von sysopSkandal an der Elite-Uni Harvard: In mindestens acht Fällen soll der Starwissenschaftler und Bestseller-Autor Marc Hauser Daten aus Tierstudien zurückgehalten und falsch analysiert haben. Welche seiner spektakulären Erkenntnisse zur Evolution des Menschen stimmen noch? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,714825,00.html
Eigentlich ist die Ursache dieses Problems die gleiche, wie jene, die dazu führt, dass Boris Becker zu Problemen der Politik interviewt wird. Wenn ein Wissenschaftler durch Glück etwas entdeckt und sich gut verkaufen kann, wird er zum absoluten Star, keiner bezweifelt mehr seine Studien und keiner kontrolliert diese mehr. Er wird zum unfehlbaren Universalexperten, auch auf Gebieten, von denen er eigentlich keine Ahnung hat. So kann einer wie Marc Hauser über Jahre, gar Jahrzehnte hinweg nichts anderes als seine eigene Meinung publizieren und der Mob glaubt, das seien Wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir täten gut daran uns immer zu vergegenwärtigen, dass hier oft eitle Menschen am Werk sind, die ihre eigene Meinung verabsolutieren wollen und nicht nur die Ergebnisse von Wissenschaftlichen Studien anzusehen sondern auch die Vorgehensweise bei der Durchführung der Studien ernsthaft zu hinterfragen, bevor wir unser eigenes Weltbild "neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen" opfern.
Ganz Rom? 01.09.2010
4. The Douglas Adams Moment
Tja, also meine Thesen zum Menschenverhalten sind einmal mehr voll bestätigt worden. Danke, liebe Affen, für diesen aufschlussreichen Test!
Silverhair, 01.09.2010
5. Renomiertheit
Tja, ist schon erstaunlich wie einfach es ist "Scheinwissenschaft" und Fälschungen als Wissenschaft auszugeben - damit diverse Titel zu bekommen, Ehrungen und als "prominenter" oder "renomierter" Wissenschaftler in den Zeitschriften erwähnt zu werden. Und wie dünn oft das Brett ist wenn "Versuche" und Beobachtungen schlicht nicht nachvollziehbar sind von "jedermann", was heißen soll , nicht nur "Eliten" haben die Erlaubnis zu prüfen, sondern Wissenschaftliche Daten haben jedermann, jedem Kritiker offen zu stehen. Wie Schädlich das ist konnten wir rund um die Klimadebatte sehen - wo ein "wenig" mogeln einen ganzen Wissenschaftszweig in Erklärungsschwierigkeiten brachte. Und noch schlimmer, weil vollkommen ohne Netz und boden arbeiten die Ökonomen, die weder daten noch regeln haben, die aus dem "freien Bauch" schöpfen aber dafür sich als "renomierte Wissenschaftler" feiern lassen - sogar gegen allen Anschein ihrer Unfähigkeit auch nur einen einzigen Wirtschaftsprozess annähernd richtig zu interpretieren und halbwegs zutreffende "Schätzungen" abzugeben. Ich habe wahrlich nichts gegen Wissenschaft - aber wo Daten, Regeln, Versuche, und auch die Erklärungen "geschäftsgeheimnisse" sind - da ist mehr als Vorsicht angesagt, das ist ein Alarmsignal dafür das hier betrogen gemauschelt und betrogen wird. Prinzill gehört alles was sich Wissenschaft nennen möchte in die Literatur .. in der Heutigen Zeit ins Internet, bis hinunter zu den Basisdaten und einer detaillierten Beschreibung ihrer Methodik .. Und es muss jedermann möglich sein diese "Dinge" zu kontrollieren, zu hinterfragen - auszuwerten - und dann zu kritisieren. Es mag sein das manche Experimente selber, rein aus Kostengründen nicht nachzustellen sind von jedermann, aber alle Daten, Berichte , Bilder , Untersuchungen, Regeln gehören veröffentlicht - nicht unter "geheim" als Geschäftsgeheimnis klassiifiziert verschlossen. Bei Verhaltensforschung mag der Fehler sich noch in kleinem Kostenrahmen bewegen. Sehen wir aber auf die Klimaforschung und auf die Weltwirtschaft dann reden wir von aberbillionen an Geld, sogar von der Frage nach dem richtigen Wirtschafts-und Lebensystem - und da wird mit "versteckten" Daten, unprüfbaren Regeln und den seltsamsten Auswertungen dick Kasse gemacht! Und das alles wird dann als "renomierte Wissenschaft" verkauft .. wir leben inzwischen im neuen Mittelalter .. nicht Wissen und Nachprüfbarkeit ist angesagt, sondern es reduziert sich auf die "Mäntelchen" der renomiertheit, der Meinungsführerschaft, der Unüberprüfbarkeit per "erklärter" Göttlichkeit dieses unüberprüfbare doch irgendwie als heilige Eingebung bekommen zu haben! Und das alles nach gut 1600 Jhrd. Beispiel .. wie man Wissenschaft gegen die Wand fahren kann indem man sie den "Oberen" überläßt... den Priestern und Kardinälen per "renomiertheit".
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