AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2010

Wirtschaftspolitik "Es war ein Erdbeben"

2. Teil: "Ich habe an Rücktritt gedacht"


SPIEGEL: Ackermann hat bis heute nicht eingestanden, dass ihn als Banker eine Mitschuld an der Finanzkrise trifft.

Steinbrück: Warum auch? Er würde erst mal zurückfragen, was Sie ihm vorwerfen.

SPIEGEL: Den leichtfertigen Umgang mit Risiken, die Spekulation mit Kreditversicherungen, die Geschäfte außerhalb der Bilanz.

Steinbrück: Ich bin nicht Ackermanns Anwalt, aber ich würde darauf verweisen, dass die Deutsche Bank deutlich besser durch die Krise gekommen ist als andere Geldinstitute. Das Phänomen Deutsche Bank ist natürlich immer geeignet, Funken zu schlagen.

SPIEGEL: Zu Unrecht?

Steinbrück: Wenn ich mir angucke, wie sich die Bankenwelt verändert hat und welche Rolle beispielsweise chinesische Banken inzwischen haben, sollte das Exportland Deutschland froh sein, einen großen globalen Spieler zu haben. Deshalb bin ich auch nie den Ratschlägen gefolgt, die Banken zu zerschlagen. In Wahrheit braucht Deutschland nicht nur einen globalen Spieler im Bankgeschäft, sondern besser zwei oder drei.

SPIEGEL: Dieser Auffassung waren Sie auch während der Finanzkrise, weshalb Sie die Fusion von Dresdner Bank und Commerzbank befördert haben. Der eigentliche Nutznießer des Deals aber war die Allianz Versicherung, die ihre risikobehaftete Banktochter auf diesem Weg loswerden konnte.

Steinbrück: Das kann man so sehen. Für die Fusion sprach allerdings, dass wir auf keinen Fall neue Kriseninfektionen vom Bankensektor auf den Versicherungsmarkt zulassen durften. Das wäre das Letzte gewesen, was wir hätten gebrauchen können. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Frankfurter ihr Fußballstadion anschließend von Commerzbank-Arena in "Steinbrück-Arena" umbenannt hätten.

SPIEGEL: Der Bund hat der Bank Kapital in Höhe von 18 Milliarden Euro zugeschossen. Der Wert der Commerzbank belief sich auf lediglich 4 Milliarden Euro. Trotzdem haben Sie sich mit einer 25-Prozent-Beteiligung begnügt. War das nicht ein ganz schlechtes Geschäft?

Steinbrück: Das werden wir erst erfahren, wenn der Bund seine 25 Prozent wieder veräußert. Das wird nicht in diesem Jahr der Fall sein, und ich vermute, auch nicht im nächsten Jahr. Ich habe großen Respekt vor Commerzbank-Chef Martin Blessing, der zu jenen Bankern gehört, die noch am ehesten zu Selbstkritik bereit waren.

SPIEGEL: Nur hatte er bislang kaum Erfolg.

Steinbrück: Zugegeben. Bei der Ausgangslage der Commerzbank ist es allerdings auch nicht so leicht, ihm nach wenigen Monaten lauter hell scheinende Zahlen abzuverlangen. Dieser Vorwurf kommt für meinen Geschmack ein wenig zu schnell.

SPIEGEL: Großes Lob haben Sie während der Krise auch Kanzlerin Merkel gezollt. Gab es zwischen Ihnen nie Streit?

Steinbrück: Nein, nie.

SPIEGEL: Sie waren immer einer Meinung?

Steinbrück: Ja.

SPIEGEL: Das ist nicht gerade alltäglich im politischen Geschäft.

Steinbrück: Es war eine Zweckgemeinschaft, und sie war richtig. Wenn die Regierung in einer solchen Situation in Parteipolitik zerfallen wäre, wäre es noch steiler runtergegangen mit dem Ansehen der Politik. Die Leute wollen in einer solchen Situation keine Wirtshausschlägerei nach der Melodie SPD gegen CDU oder umgekehrt.

SPIEGEL: Das Problem ist nur, dass Sie als einer der wichtigsten SPD-Minister auch für Ihre Partei etwas erreichen mussten.

Steinbrück: Das stimmt, und das war das Fatale an der Konstellation. Die SPD hat für ihre verantwortungsvolle Haltung keine politische Rendite bekommen, jedenfalls nicht am 27. September 2009.

SPIEGEL: War das Verhältnis mit den übrigen Kabinettsmitgliedern auch so harmonisch wie das mit der Kanzlerin?

Steinbrück: Nicht mit allen. Die heftigste Auseinandersetzung gab es mit dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble. Es ging um das Enteignungsgesetz für die angeschlagene Hypo Real Estate (HRE). Schäuble hatte große Vorbehalte dagegen, das Aktienkapital in Volkseigentum zu überführen. Ich hielt es dagegen für unausweichlich, dass wir uns auf diesem Weg die absolute Kontrollmehrheit über die Bank sichern.

SPIEGEL: Dass die Aktionäre um ihr Eigentum kämpfen, kann Sie doch nicht im Ernst verwundern.

Steinbrück: Doch. Diesen Aufstand habe ich nie verstanden. Die Aktionäre sind ja nicht enteignet worden durch den bösen Staat, sondern durch den Markt. Das war Marktwirtschaft pur. Man muss sehen, dass der Bund der Bank rund 87 Milliarden Euro Garantien gegeben hatte, und das bei einer Börsenkapitalisierung um 250 Millionen Euro. Schäuble wollte meinem Gesetzentwurf die Zähne ziehen, dabei ging es darum, dass der Steuerzahler nicht enteignet wird.

SPIEGEL: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass dies für Sie einer der kritischsten Momente während der Finanzkrise war.

Steinbrück: In der Tat. Wenn dieses Gesetz nicht verabschiedet worden wäre, hätte ich Konsequenzen gezogen. Ich habe an Rücktritt gedacht.

SPIEGEL: Wusste Merkel das?

Steinbrück: Nein.

SPIEGEL: Wusste überhaupt jemand davon?

Steinbrück: Mit Rücktritt kokettieren Sie nicht. Aber ich konnte als Finanzminister die Verantwortung für diese systemrelevante Bank nur dann übernehmen, wenn ich das entsprechende Instrumentarium bekam. Das war für mich eine zentrale Frage.

SPIEGEL: Dass Sie Ihr Amt schließlich doch verloren haben, hat dann nicht der Konflikt um die HRE bewirkt, sondern der Wähler. Schwarz-Gelb erhielt bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst die Mehrheit und bekam es sofort mit einer Art Fortsetzung der Finanzkrise zu tun, dem drohenden Staatsbankrott Griechenlands. Bestand die Gefahr, dass der Euro zerbricht?

Steinbrück: Nein. Die Politik hätte das um jeden Preis verhindern müssen, denn es hätte Europa um 20 Jahre zurückgeworfen. Der Euro ist für Deutschland eine Schicksalsfrage. Es gibt kein anderes Land, das vom gemeinsamen Binnenmarkt und von der Währungsunion so profitiert wie die Bundesrepublik.



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Seite 1
rabenkrähe 13.09.2010
1. Gut gelöst
Zitat von sysopEx-Finanzminister Peer Steinbrück, 63, über die dramatischen Tage der Bankenkrise, seine Konflikte mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und das Frankfurter Fußballstadion, das eigentlich "Steinbrück-Arena" heißen müsste http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,716955,00.html
....... Vergessen wir die Egozentrik des Peer und bleiben bei der Krise, die in der Tat dramatisch war und von der GroKo halbwegs professionell angegangen wurde. Nicht auszudenken, wenn damals die Tigerente das Sagen gehabt hätte.... Nicht umsonst ist D ja halbwegs unbeschadet aus einer Krise gekommen, die weltweit dank den USA und deren Manipulationskünsten und der gnadenlosen Gelddruckerei noch lange nicht überstanden ist. rabenkrähe
Hubert Rudnick, 14.09.2010
2. Steinbrück?
Zitat von rabenkrähe....... Vergessen wir die Egozentrik des Peer und bleiben bei der Krise, die in der Tat dramatisch war und von der GroKo halbwegs professionell angegangen wurde. Nicht auszudenken, wenn damals die Tigerente das Sagen gehabt hätte.... Nicht umsonst ist D ja halbwegs unbeschadet aus einer Krise gekommen, die weltweit dank den USA und deren Manipulationskünsten und der gnadenlosen Gelddruckerei noch lange nicht überstanden ist. rabenkrähe
--------------------------------------------------------- Wenn sie den Herrn Steinbrück so hoch lobt, dann sollte man aber auch nicht verheimlichen, dass gerade dieser Mann zuerst von einer Krise nichts wisssen wollte und das er lieber den Kopf in den Sand steckte und alle kritisierte, die es rechtzeigtig angesprochen hatten. HR
Noodles, 14.09.2010
3. Steinbrücks Selbstbetrug
Zitat von sysopEx-Finanzminister Peer Steinbrück, 63, über die dramatischen Tage der Bankenkrise, seine Konflikte mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und das Frankfurter Fußballstadion, das eigentlich "Steinbrück-Arena" heißen müsste http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,716955,00.html
Nichts, absolut Nichts wurde gelöst. Mit frisch gedrucktem Geld aus der Notenpresse auf Kosten der Allgemeinheit wurde für einen kurzen Moment gerettet was objektiv auf Dauer nicht zu retten ist. Die Probleme wurden lediglich in die Zukunft verschoben,das wars dann aber auch. Denn auch für Steinbrück heisst es, nach mir die Sintflut, denn meine Rente ( Tschuldigung Pension natürlich ) ist sicher. Es ist wirklich immer wieder verblüffend was für Märchen der deutschen Öffentlichkeit verkauft werden können.
allerfreund, 14.09.2010
4. inkompetenz
Zitat von rabenkrähe....... Vergessen wir die Egozentrik des Peer und bleiben bei der Krise, die in der Tat dramatisch war und von der GroKo halbwegs professionell angegangen wurde. Nicht auszudenken, wenn damals die Tigerente das Sagen gehabt hätte.... Nicht umsonst ist D ja halbwegs unbeschadet aus einer Krise gekommen, die weltweit dank den USA und deren Manipulationskünsten und der gnadenlosen Gelddruckerei noch lange nicht überstanden ist. rabenkrähe
Wer die Kariere von Peer S. ueber einen laengeren Zeitraum begleitet, der weiss um die einzigartige Kombination aus Inkompetenz und Arroganz. Es ist einmalig, wie er jeden Job mit Verantwortung vergeigt hat. Bei der "Bankenrettung" hat er sich als vertreter des Volkes, das er mitregierte, wie immer gnadenlos ueber den Tisch ziehen lassen.
wahkonda 14.09.2010
5. Alles Lüge oder Steinbrück rettet die Welt
Zitat von sysopEx-Finanzminister Peer Steinbrück, 63, über die dramatischen Tage der Bankenkrise, seine Konflikte mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und das Frankfurter Fußballstadion, das eigentlich "Steinbrück-Arena" heißen müsste http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,716955,00.html
will man uns den Mann als kommenden Bundeskanzler schmackhaft machen ? Einen ersten Versuch gab es vor einigen Wochen im Spiegel bereits. Ansonsten was will denn Herr Steinbrück gerettet haben ??? Natürlich Nichts, absolut Nichts. Wie sollte er auch ?? Mit frisch gedrucktem Geld aus der Notenpresse auf Kosten der Allgemeinheit wurde für einen kurzen Moment gerettet was objektiv auf Dauer nicht zu retten ist. Die Probleme wurden lediglich in die Zukunft verschoben,das wars dann aber auch. Denn auch für Steinbrück heisst es, nach mir die Sintflut, denn meine Rente ( Tschuldigung Pension natürlich ) ist sicher.
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