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Ausgabe 37/2010

Wirtschaftspolitik "Es war ein Erdbeben"

Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, 63, über die dramatischen Tage der Bankenkrise, seine Konflikte mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und das Frankfurter Fußballstadion, das eigentlich "Steinbrück-Arena" heißen müsste


SPIEGEL: Herr Steinbrück, wie kommt es eigentlich, dass die Finanzmärkte noch nicht kollabiert sind, obwohl Sie nicht mehr Finanzminister sind?

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Steinbrück: Die Frage gilt meiner Eitelkeit. Deshalb will ich sie nicht beantworten.

SPIEGEL: Aber es hat Ihnen doch sicher gefallen, dass Sie als der Mann gelten, der die deutsche Wirtschaft vor dem Zusammenbruch gerettet hat.

Steinbrück: Das ist mir ein bisschen zu groß. Ich habe dazu beigetragen, die Finanzkrise, so gut es ging, zu bewältigen. Dabei sind mir Eigenschaften zugeordnet worden, die mich schmücken. Mehr nicht.

SPIEGEL: Es ist jetzt fast genau zwei Jahre her, dass die Finanzkrise ihrem Höhepunkt zustrebte. Ist das Schlimmste überstanden?

Steinbrück: Das weiß keiner. Es gibt nach wie vor tiefgreifende strukturelle Verwerfungen, die das wirtschaftliche Gleichgewicht in der Welt bedrohen: zwischen den USA und China zum Beispiel, aber auch innerhalb Europas. Beim Zähmen der Finanzmärkte sind wir einige Schritte vorangekommen, aber längst nicht so weit, dass eine Wiederholung ausgeschlossen wäre. Die entscheidende Frage ist nicht beantwortet: Wer hat den Primat - die Poli-tik oder die Finanzindustrie?

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch "Unterm Strich" lassen Sie jedenfalls keinen Zweifel, dass die Politiker zumindest in jenen dramatischen Herbsttagen des Jahres 2008 die Getriebenen waren. Wie weit war die Welt entfernt vom totalen Crash?

Steinbrück: Am 15. September 2008 war die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen, und dem weltgrößten Versicherungskonzern AIG drohte dasselbe Schicksal. Ich bin überzeugt: Wäre AIG pleitegegangen, hätte der Finanzsektor einen Schmelzpunkt erreicht. In der Tat: Die Welt stand an einem Abgrund.

SPIEGEL: Waren Sie allein mit dieser Meinung?

Steinbrück: Nein, es war auch die Auffassung meiner europäischen Kollegen: Christine Lagarde aus Frankreich, Alistair Darling aus Großbritannien, Wouter Bos aus den Niederlanden und nicht zuletzt der Zentralbank-Gouverneure von Axel Weber bis zum EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet. Wir haben dann in einer verabredeten Telefonaktion US-Finanzminister Henry Paulson beschworen, auf keinen Fall einen zweiten Fall Lehman zu riskieren.

SPIEGEL: Wollen Sie sagen, dass es ohne die Interventionen aus Europa zum Crash gekommen wäre?

Steinbrück: Jedenfalls haben wir mit dem Kollegen Paulson Tacheles geredet. Die Lehman-Entscheidung hatte ein Erdbeben ausgelöst, weltweit. Wir wollten wissen: Was um Himmels willen bezweckt ihr damit? Hat es mit dem Präsidentschaftswahlkampf zu tun, oder wollt ihr ein Exempel statuieren? Wenn AIG fällt, droht der GAU, das haben wir unserem US-Kollegen jenseits von diplomatischen Gepflogenheiten zu vermitteln versucht.

SPIEGEL: Wusste Paulson, dass die Lehman-Pleite ein Riesenfehler war?

Steinbrück: Das hat er mir gegenüber nie zugegeben, und ich glaube, anderen gegenüber auch nicht. Aber manchen Hinweisen der Amerikaner entnehme ich, dass sie die Folgen des Lehman-Crashs absolut unterschätzt haben. Sie haben es nicht für möglich gehalten, dass diese Insolvenz eine ungeahnte Erschütterungsdynamik auslöst.

SPIEGEL: Wie häufig haben Sie in jener Woche mit Paulson telefoniert?

Steinbrück: Zweimal.

SPIEGEL: Wie lange?

Steinbrück: Nicht lange. Paulson war ja selbst in einem irrsinnigen Stress damals. Er musste von Sitzung zu Sitzung, da labern Sie nicht lange rum. Die Gespräche dauerten vielleicht fünf bis zehn Minuten, nicht länger.

SPIEGEL: Sind Sie laut geworden?

Steinbrück: Niemals.

SPIEGEL: Nach der Lehman-Pleite kam das Kreditgeschäft zum Erliegen, und auch in Deutschland schwand das Vertrauen in die Banken. Fürchteten Sie, dass der Geldverkehr zusammenbrechen könnte?

Steinbrück: Es gab eine spürbare Verunsicherung, und die Leute begannen, ihr Geld von den Banken abzuheben. Dadurch sank die Liquidität der Kreditinstitute, was wiederum das Vertrauen in die Banken untergrub. Es drohte ein Teufelskreis, weswegen Kanzlerin Merkel und ich uns schließlich zu jener berühmten Erklärung entschlossen haben, alle Spareinlagen staatlich zu garantieren. Es hat funktioniert. Fragen Sie mich nicht, was passiert wäre, wenn es nicht funktioniert hätte.

SPIEGEL: Doch, wir fragen Sie. Was hätten Sie gemacht, wenn die Garantie fällig geworden wäre?

Steinbrück: Gezahlt natürlich. Wir hätten das Parlament um die Bewilligung entsprechender Mittel bitten müssen. Hätten wir in solch einem Fall nicht zu unserer Zusage gestanden, wäre die Republik in ein Chaos gestürzt.

SPIEGEL: Aber die Garantiesumme hätte Hunderte Milliarden Euro umfasst.

Steinbrück: Möglicherweise. Deshalb haben wir unsere Zusage konzentriert auf Spareinlagen. Dabei haben wir am Sonntag wohlweislich offengelassen, was unter dem Begriff Spareinlagen genau zu verstehen ist.

SPIEGEL: Es heißt, dass Merkel die Garantie zunächst allein abgeben wollte, ohne Ihre Unterstützung. Ist das richtig?

Steinbrück: Es ging ein bisschen hin und her an diesem Tag. Es stimmt, dass Merkel erst allein vor die Kamera treten wollte. Aber dann hat ihr, wie ich glaube, der damalige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm nahegebracht, dass sie in dieser Situation den Finanzminister mit vor die Kamera nehmen muss. Der gesamte Effekt wäre verpufft, wenn wir die Erklärung zu einer Koalitionsfrage gemacht hätten. Für solche Argumente war Frau Merkel durchaus empfänglich. Es dauerte vielleicht fünf Minuten, dann war klar, dass wir das gemeinsam machen.

SPIEGEL: Waren Sie sich in diesem Moment eigentlich aller Konsequenzen dieser Erklärung bewusst?

Steinbrück: Wir wussten, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen. Um es deutlich zu sagen: Für eine solche Zusage fehlte uns eigentlich die Legitimation. Es gab keine Rechtsgrundlage und keinen parlamentarischen Rückhalt. Ich wundere mich bis zum heutigen Tag, dass die Parlamentarier hinterher nie gefragt haben: Um Gottes willen, was habt ihr da eigentlich gemacht?

SPIEGEL: Die staatlichen Garantien haben viele Institute vor dem Untergang bewahrt. Haben sich die Banker in jenen Tagen eigentlich mal bei Ihnen bedankt?

Steinbrück: Dankbarkeit gab es nicht, höchstens Anerkennung. Vor allem für unser Finanzmarktstabilisierungsgesetz, das die Institutschefs in einer Art ordnungspolitischer Selbstverleugnung begrüßt haben. Denn es waren dieselben Bankvorstände, die sich vor der Krise den Staat am liebsten Seemeilen vom Hals halten wollten. Nun mussten sie sich bei ihm das Vertrauen buchstäblich leihen, weil sie das Vertrauen untereinander nicht mehr hatten.

SPIEGEL: Einer Ihrer wichtigsten Partner dabei war Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Welche Rolle hat er gespielt?

Steinbrück: Er war ein hochkompetenter Gesprächspartner und einer der Väter des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes, auch wenn das später etwas absurd anmutete.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Steinbrück: Ackermann hat wenig später mit großer Emphase erklärt, dass er sich für die Deutsche Bank schämen würde, dieses Gesetz in Anspruch zu nehmen. Mit dieser Erklärung hat er die Nerven von Merkel und mir nicht unerheblich strapaziert.

SPIEGEL: Wie ist ihm das gelungen?

Steinbrück: Weil er eine Art Zweiklassengesellschaft im deutschen Bankgewerbe konstruiert hat: diejenigen, die Hilfe vom Staat benötigen, und diejenigen, die ohne Unterstützung auskommen. Wir wollten aber gerade, dass Banken, denen es nicht so gutgeht, diese Leistungen des Staates zur Stabilisierung in Anspruch nahmen.

SPIEGEL: Länder wie Großbritannien oder die USA haben ihre Banken indirekt gezwungen, die Rettungspakete in Anspruch zu nehmen. Haben Sie nach Ackermanns Erklärung nicht gedacht, dass dies vielleicht der bessere Weg gewesen wäre?

Steinbrück: Wir haben das lange abgewogen. Ich habe damals eine solche Zwangslösung für falsch gehalten. Denn es hätte einige Banken gegeben, die beglückt worden wären, ohne dass sie das Geld wirklich gebraucht hätten. Richtig ist allerdings, dass Ackermann mit seiner Erklärung die Solidarität der Branche aufgebrochen hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
rabenkrähe 13.09.2010
1. Gut gelöst
Zitat von sysopEx-Finanzminister Peer Steinbrück, 63, über die dramatischen Tage der Bankenkrise, seine Konflikte mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und das Frankfurter Fußballstadion, das eigentlich "Steinbrück-Arena" heißen müsste http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,716955,00.html
....... Vergessen wir die Egozentrik des Peer und bleiben bei der Krise, die in der Tat dramatisch war und von der GroKo halbwegs professionell angegangen wurde. Nicht auszudenken, wenn damals die Tigerente das Sagen gehabt hätte.... Nicht umsonst ist D ja halbwegs unbeschadet aus einer Krise gekommen, die weltweit dank den USA und deren Manipulationskünsten und der gnadenlosen Gelddruckerei noch lange nicht überstanden ist. rabenkrähe
Hubert Rudnick, 14.09.2010
2. Steinbrück?
Zitat von rabenkrähe....... Vergessen wir die Egozentrik des Peer und bleiben bei der Krise, die in der Tat dramatisch war und von der GroKo halbwegs professionell angegangen wurde. Nicht auszudenken, wenn damals die Tigerente das Sagen gehabt hätte.... Nicht umsonst ist D ja halbwegs unbeschadet aus einer Krise gekommen, die weltweit dank den USA und deren Manipulationskünsten und der gnadenlosen Gelddruckerei noch lange nicht überstanden ist. rabenkrähe
--------------------------------------------------------- Wenn sie den Herrn Steinbrück so hoch lobt, dann sollte man aber auch nicht verheimlichen, dass gerade dieser Mann zuerst von einer Krise nichts wisssen wollte und das er lieber den Kopf in den Sand steckte und alle kritisierte, die es rechtzeigtig angesprochen hatten. HR
Noodles, 14.09.2010
3. Steinbrücks Selbstbetrug
Zitat von sysopEx-Finanzminister Peer Steinbrück, 63, über die dramatischen Tage der Bankenkrise, seine Konflikte mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und das Frankfurter Fußballstadion, das eigentlich "Steinbrück-Arena" heißen müsste http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,716955,00.html
Nichts, absolut Nichts wurde gelöst. Mit frisch gedrucktem Geld aus der Notenpresse auf Kosten der Allgemeinheit wurde für einen kurzen Moment gerettet was objektiv auf Dauer nicht zu retten ist. Die Probleme wurden lediglich in die Zukunft verschoben,das wars dann aber auch. Denn auch für Steinbrück heisst es, nach mir die Sintflut, denn meine Rente ( Tschuldigung Pension natürlich ) ist sicher. Es ist wirklich immer wieder verblüffend was für Märchen der deutschen Öffentlichkeit verkauft werden können.
allerfreund, 14.09.2010
4. inkompetenz
Zitat von rabenkrähe....... Vergessen wir die Egozentrik des Peer und bleiben bei der Krise, die in der Tat dramatisch war und von der GroKo halbwegs professionell angegangen wurde. Nicht auszudenken, wenn damals die Tigerente das Sagen gehabt hätte.... Nicht umsonst ist D ja halbwegs unbeschadet aus einer Krise gekommen, die weltweit dank den USA und deren Manipulationskünsten und der gnadenlosen Gelddruckerei noch lange nicht überstanden ist. rabenkrähe
Wer die Kariere von Peer S. ueber einen laengeren Zeitraum begleitet, der weiss um die einzigartige Kombination aus Inkompetenz und Arroganz. Es ist einmalig, wie er jeden Job mit Verantwortung vergeigt hat. Bei der "Bankenrettung" hat er sich als vertreter des Volkes, das er mitregierte, wie immer gnadenlos ueber den Tisch ziehen lassen.
wahkonda 14.09.2010
5. Alles Lüge oder Steinbrück rettet die Welt
Zitat von sysopEx-Finanzminister Peer Steinbrück, 63, über die dramatischen Tage der Bankenkrise, seine Konflikte mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und das Frankfurter Fußballstadion, das eigentlich "Steinbrück-Arena" heißen müsste http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,716955,00.html
will man uns den Mann als kommenden Bundeskanzler schmackhaft machen ? Einen ersten Versuch gab es vor einigen Wochen im Spiegel bereits. Ansonsten was will denn Herr Steinbrück gerettet haben ??? Natürlich Nichts, absolut Nichts. Wie sollte er auch ?? Mit frisch gedrucktem Geld aus der Notenpresse auf Kosten der Allgemeinheit wurde für einen kurzen Moment gerettet was objektiv auf Dauer nicht zu retten ist. Die Probleme wurden lediglich in die Zukunft verschoben,das wars dann aber auch. Denn auch für Steinbrück heisst es, nach mir die Sintflut, denn meine Rente ( Tschuldigung Pension natürlich ) ist sicher.
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