AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2010

Integration Attacken aus dem Hinterhalt

An deutschen Hochschulen ausgebildete Imame sollen künftig die Integration junger Muslime verbessern. Doch ist das Projekt von Bildungsministerin Annette Schavan auch realisierbar? Oder droht Deutschland eine neue Generation radikaler Prediger?

AP

Von Andrea Brandt und


Der Mann mit Schnauzbart und sorgfältig gebügeltem Hemd hebt die Brauen und schiebt die Unterlippe vor. Womit er Deutschland verbinde? "Ballack, Hitler."

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Heft 37/2010
Warum Deutschland an der Integration scheiterte

Ahmet Aktürk, 35, steht vor seiner Moschee im Istanbuler Stadtteil Maltepe. Männer eilen in den Gebetsraum. Seit sechs Jahren ist er Imam in der türkischen Metropole, betet vor, predigt, hört zu. Seine Gemeinde werde ihn vermissen, sagt er - und er sie.

In wenigen Monaten wird Aktürk mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Deutschland ziehen, als einer von mehreren hundert Predigern, die der türkische Staat jedes Jahr in die Bundesrepublik entsendet. Aktürk war noch nie zuvor in Deutschland. Er hat überhaupt erst einmal Deutsche getroffen - in der Istanbuler Altstadt. Verstanden hat er sie nicht. Die Touristen sprachen kein Türkisch. Und er sprach kein Deutsch.

Wenn Aktürk demnächst seinen neuen Job antritt, wird er zu jenen 1800 von 2000 muslimischen Predigern in deutschen Moscheen zählen, die aus dem Ausland kommen. Sie sollen den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland Orientierung geben in Glaubens- und Lebensfragen. Sie sind, so sieht es der Duisburger Religionswissenschaftler Rauf Ceylan, "die Schlüsselfiguren der Integration". Doch meistens sind sie schon damit überfordert, sich selbst in diesem fremden Land zurechtzufinden.

Warum gerade Muslime in der Bundesrepublik so oft scheitern, in der Schule, im Beruf und im Sozialleben, darüber debattieren die Deutschen nach dem düsteren Befund von Thilo Sarrazin so leidenschaftlich wie noch nie. Einen wichtigen Grund nennt der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer, der bundesweit 45.000 Jugendliche befragt hat: "Prediger aus dem Ausland ohne Kenntnisse der Lebenswirklichkeit hierzulande tragen erheblich zur schlechten Integration junger deutscher Muslime bei." Je religiöser muslimische Jugendliche seien, desto abgeschotteter lebten sie. Wer daran etwas ändern wolle, so Pfeiffer, "muss bei den Imamen anfangen".

Imame made in Germany

Das soll nun auch geschehen: Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) möchte so schnell wie möglich ein Konzept des Wissenschaftsrats umsetzen. An zwei bis drei Universitäten werden demnach künftig Imame made in Germany ausgebildet, nach deutschen Lehrplänen. Neben Theologie sollen die neuen Prediger auch Pädagogik und Gemeindearbeit studieren. In den kommenden Wochen will Schavan entscheiden, welche Hochschulen dafür Fördergeld vom Bund bekommen.

Die Idee wird von Politikern jeder Couleur begrüßt - ob sie jedoch auch umsetzbar ist, scheint ungewiss. Selbst wenn alles nach Plan läuft, könnten die ersehnten Imame mit deutschem Hochschulabschluss erst mal arbeitslos werden.

Sehr aufrecht sitzt ein älterer Herr im Hörsaal EZO4 der Universität Osnabrück und lauscht den Visionen der Redner auf dem Podium. Abdul-Jalil Zeitun, 62, Immobilienkaufmann und ehrenamtlicher Imam der Ibrahim Al-Khalil Moschee in Osnabrück, hat einen Traum, und darum ist er hergekommen - zum Schnuppertag für islamische Prediger: Wie rund 90 Kollegen aus der ganzen Republik will er hier ab Oktober bei der ersten Fortbildung für Imame an einer deutschen Uni mitmachen. Doch es gibt nur 30 Plätze.

Zeitun, gebürtiger Syrer, möchte an der Hochschule neue Ideen für die Arbeit mit Jugendlichen bekommen. Aber vor allem träumt er davon, dass sein Sohn Hilal, 17, einer der ersten Imame mit richtigem Hochschulstudium in Deutschland wird. Hilal ist hier geboren und aufgewachsen, hat gute Schulnoten, deutsche Freunde und engagiert sich seit Jahren in der Jugendarbeit der Gemeinde.

Sein Vater fürchtet dennoch, dass dieser Traum niemals Wirklichkeit wird. Noch sei unklar, wie an der Uni ausgebildete Imame später "eine Familie ernähren sollen", sagt Zeitun. Da Muslime in Deutschland keine Kirchensteuer zahlen, könnten sich die meisten Moscheegemeinden nur ehrenamtliche oder vom Ausland finanzierte Imame leisten. Studenten müssten aber mindestens die Aussicht auf ein Monatseinkommen von 2000 Euro netto haben, "sonst macht das doch keiner". Und so wird Zeitun seinem Sohn wohl raten, lieber Medizin zu studieren.

Einige islamische Verbände unterstützen die Imam-Ausbildung halbherzig

Universitäten aus sechs Bundesländern bewerben sich um Schavans Fördergelder zum Aufbau von Zentren für Islamische Studien. Die theologisch ausgerichteten neuen Institute sollen neben Imamen auch Religionslehrer und wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden. Gute Chancen für den Zuschlag rechnen sich Osnabrück, Münster und Berlin aus.

Damit die Imam-Ausbildung erfolgreich starten kann, müssten Landesregierungen, islamische Verbände und Moscheevereine jetzt dringend klären, welche Job-Perspektive sie Studenten überhaupt bieten können. Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) hat vorgeschlagen, die neuen Imame mit einer halben Stelle als Religionslehrer in Schulen zu beschäftigen. Länder und Gemeinden könnten sich dann die Kosten teilen; Annette Schavan hält den Vorschlag für charmant. Doch eine bundesweite Diskussion über Schünemanns Idee hat noch nicht einmal begonnen.

Würde sie endlich geführt, dürfte ein weiteres Problem zutage treten: Einige islamische Verbände unterstützen die geplante Imam-Ausbildung allenfalls halbherzig. Zum Schnuppertag in Osnabrück kam kein Vertreter der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), der größten islamischen Organisation in Deutschland. Und der Dialogbeauftragte des Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) - immerhin zur Podiumsdiskussion entsandt - wählte seine Worte mit Bedacht: Eine "Weiterbildung" der VIKZ-Imame in Gemeindepädagogik, sagte Erol Pürlü, sei sinnvoll.

Gezielte Attacken aus dem Hinterhalt

Auf Nachfragen räumte er später ein, er denke nicht daran, die verbandsinterne Ausbildung der VIKZ-Imame in einem Kölner Internat aufzugeben. Dort wird ein konservativer Islam mit mystischen Elementen gelehrt. Die Arbeit in VIKZ-Vereinen hat in der Vergangenheit mehrfach Jugendschützer alarmiert, in Hessen und Nordrhein-Westfalen wurden illegale VIKZ-Schülerheime geschlossen.

Dem VIKZ geht es womöglich nur um ein staatliches Gütesiegel für seine eigenen Prediger: "Wir streben die Anerkennung unserer theologischen Imam-Ausbildung durch die Unis an", so Pürlü, bei Fortbildungen könne man "kooperieren".

Beim Schnuppertag für Imame wurde vor allem deutlich, wie sehr die Ziele auseinanderklaffen: Bülent Ucar, Professor für Islamische Religionspädagogik, wirbt vehement für eine komplett universitäre Imam-Ausbildung. Die zweisemestrige Fortbildung ist für ihn nur eine vertrauensbildende Maßnahme, ein erster Schritt, "um sich schmecken und riechen zu lernen". Für andere könnte sie schon der letzte Schritt sein.

So torpedieren islamische Verbände die geplante Imam-Ausbildung bereits mit gezielten Attacken aus dem Hinterhalt: In einem Büro an einer deutschen Hochschule, die ein Zentrum für Islamische Studien werden will, zieht ein Wissenschaftler einen Brief aus der Schublade. Es ist ein böser Brief, man könnte ihn auch als Drohbrief lesen, deshalb will der Gelehrte seinen Namen und den des Absenders nicht veröffentlicht haben. Abgeschickt wurde der Brief von der Bundeszentrale eines islamischen Verbands.

Ziemlich unverblümt steht darin, der Forscher solle aufhören, sich in Interviews kritisch zu dem Verband zu äußern. Sonst müsse man, leider, seine wissenschaftliche Qualifikation in Zweifel ziehen.

insgesamt 491 Beiträge
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Seite 1
Legacy 13.09.2010
1. Na sowas
Zitat von sysopAn deutschen Hochschulen ausgebildete Imame sollen künftig die Integration junger Muslime verbessern. Doch ist das Projekt von Bildungsministerin Annette Schavan auch realisierbar? Oder droht Deutschland eine neue Generation radikaler Prediger? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,717109,00.html
Hat Sarrazin jetzt plötzlich doch recht oder wie soll man diese plötzliche Einsicht deuten ? Eines muß doch wohl klar sein - hier trifft Sarrazin´s These voll ins Schwarze. Nie in Deutschland gewesen, nie im Kontakt mit Deutschen gewesen und gleich ins warme Nestchen in der Moschee um als Imam die nächste Generation Integrationsunwilliger heranzuziehen. Herzlichen Glückwunsch.
tetaro 13.09.2010
2. Seltsame Logik
Wir haben also etwas, was potentiell als Bedrohung empfunden wird, nämliche Islamisierung, und deshalb übernimmt nun der Staat diese Aufgabe noch auf Steuerzahlers Kosten? Besser kann man sich ja Unterwanderung gar nicht wünschen.
sunhaq 13.09.2010
3. Nichts verstanden?
Zitat von LegacyHat Sarrazin jetzt plötzlich doch recht oder wie soll man diese plötzliche Einsicht deuten ? Eines muß doch wohl klar sein - hier trifft Sarrazin´s These voll ins Schwarze. Nie in Deutschland gewesen, nie im Kontakt mit Deutschen gewesen und gleich ins warme Nestchen in der Moschee um als Imam die nächste Generation Integrationsunwilliger heranzuziehen. Herzlichen Glückwunsch.
Das steht in dem Artikel. Und das ist Ihr Beitrag, der zeigt, daß Sie defintiv keine Ahnung haben, was in dem Artikel steht. Haben Sie den Artikel nicht gelesen, oder überfordert es Sie nur, den Inhalt desselbigen zu erfassen?
MaXimumOwn 13.09.2010
4. Auf Thema antworten
Früher oder später wird auch Frau Schavan erkennen: Die wollen nicht - nicht unsere Kultur, nicht unsere Lebensweise, nicht unsere Religion, nicht integrieren, nicht deutsch sprechen - nur das Geld. Und das das Vorhaben selbst von islamischen Verbänden mehr schlecht als recht mitgetragen wird ist doch der beste Beweis. Es soll sich rein garnix ändern - allen passt es so.
Beduine, 13.09.2010
5. Ist ja auch langweilig ...
... deutsche weichgespülte Imame, das ist wie... - Schießen mit Platzpatronen - koffeinfreier Kaffee - alkoholfreier Bier - Stierkämpfe, wo der Stier überlebt - Tempo 100 auf Autobahnen
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