Internet: Kampf ums Ich
Es geht nicht um Googles Street View. Es geht um unsere Identität. Ein Plädoyer.
Es gibt mich zweimal. Das eine Ich hat diesen Text geschrieben. Es hat eine Frau, zwei Kinder, Nachbarn, Bekannte, einen Job, das Übliche. Wie Sie sicher auch halte ich mich natürlich für einzigartig, ein Wesen aus Fleisch und Blut jedenfalls. Anfassbar. Angreifbar auch.
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Der andere bin aber nicht ich, obwohl Suchmaschinen doch angeblich alles ordnen. Mein digitales Abziehbild hat allenfalls am Rande mit mir zu tun und macht mir zunehmend Sorgen, weil es ein Eigenleben zu führen beginnt.
Dabei beklage ich mich nicht einmal darüber, dass ich von Google in die gleiche Schublade geschoben werde wie ein anderer Mensch gleichen Namens, der vielleicht Ähnliches von mir denkt: Wie kommt dieser Typ dazu...? Der andere Thomas Tuma ist Verkehrspädagoge in Hessen, sagt Google. Womöglich hat er sich schon über mich geärgert, weil die Leute dachten, er sei ich. Mit Sicherheit können wir beide froh sein, dass wir nicht "Thomas Schmidt" heißen, sonst würden wir uns gar nicht mehr wiederfinden zwischen den vielen anderen, was zugleich das Problem ist: Von "meinen" Fundstellen beziehen sich die meisten durchaus auf mich. Nur: Das ist nicht mein Repräsentant, als der "er" sich geriert.
1981 brachte Nintendo eines der ersten Videospiele auf den Markt. Die Technik war noch jung, zur Gestaltung der Hauptfigur hatten die Entwickler nur 16 mal 16 Pixel. Es war, als müssten sie aus einer Handvoll Backsteinen Rodins "Denker" nachbauen. Sie konnten deshalb keinen Mund gestalten, nur einen groben Schnurrbart. Statt Haaren bekam das Männchen eine Mütze, und damit es sich vom schwarzen Hintergrund abhob, steckte man es in eine knallrote Latzhose. Nintendo machte aus der technischen Not eine Wesenstugend, die erst später einen richtigen Namen bekam: Mario. Rund 30 Jahre nach seiner Erfindung könnte Nintendo ihn heute bis in kleinste Details gestalten. Aber man beließ ihn als dicklich-schlichten Klempner mit Schnauzer. Genauso haben Google und Co., ohne mich zu fragen, mein anderes Ich vor einigen Jahren erschaffen aus wenigen Bausteinen - und seither im Grunde nicht verändert.
Wir sind in der Internetära die Summe vieler Perspektiven geworden
Mein digitales Ich ist eine Baustelle, auch wenn ich bislang glücklicherweise um echte Image-Katastrophen herumgekommen bin. Einem Kollegen etwa widerfuhr, dass jemand unter seinem Namen einen Account bei Facebook anlegte: Sein Zweit-Ich gerierte sich als Rassist, gegen den er sich im realen Bekanntenkreis zur Wehr setzen musste. Das ist der schon "normale" Identitätsklau. Eine Kollegin sagte im Fernsehen ein paar unbedachte Sätze, woraufhin sie wochenlang von einem Online-Mob durchs virtuelle Dorf getrieben wurde. Die Online-Wunden solcher Scharmützel bleiben mit an Ewigkeit grenzender Wahrscheinlichkeit.
Und das beklagt hier ausgerechnet ein Journalist, dessen Geschäftsgrundlage das Leben der anderen ist? Eben drum. Die britische Schauspielerin Helen Mirren hat in einem Interview erklärt, sie habe sich damit abgefunden, dass ihre Persönlichkeit nicht nur aus ihrem Selbstbild besteht, sondern auch aus dem, was andere über sie denken, reden, schreiben: "Wir sind halt nicht nur so, wie wir uns selbst sehen, sondern auch so, wie andere uns sehen." Absolut richtig, wir sind in der Internetära mehr denn je die Summe vieler Perspektiven geworden und haben Meinungen und Urteile über uns zu akzeptieren. Aber auch Journalismus ist Gesetzen, Kontrollen und eigenen Standards unterworfen, die im Netz selten Leitplanken bieten, was wiederum in der Natur des Mediums liegt.
Das Erinnerungsvermögen des Menschen ist begrenzt. Mit den Jahren verblasst vieles. Selbst klassische Archive vergilben. Das Internet vergisst eigentlich nichts. Es lässt keine Milde walten. Und Google sucht ja auch weniger, als dass es nach Relevanz sortiert. Relevanz hat in der Google-Denke, was von möglichst vielen anderen Web-Seiten verknüpft wird. Mit Wahrheit hat das nichts zu tun. Je virenähnlicher sich etwas ausbreitet, umso relevanter wird es aus der Google-Perspektive. Das kann etwas Gutes sein. Hass, Häme und Kritik breiten sich indes beinahe a priori epidemisch aus. Jedes anonyme Info-Bruchstück ist im Netz erst mal gleich wichtig und suggeriert bisweilen zeitlose Aktualität.
Unter meinen ersten 20 Google-Einträgen sind ein paar herrliche Beschimpfungen ("Propagandist beim imperialen Hetzblatt DER SPIEGEL"); ein Viertel der Fundstellen beschäftigt sich mit einem Roman, den ich vor über zehn Jahren geschrieben habe. Er ist mir nicht peinlich, aber auch überhaupt nicht mehr wichtig. Dennoch nennt mich auf Platz eins des Suchmaschinen-Rankings ein Wikipedia-Eintrag "Krimiautor". Auf Platz sechs fragt eine Bloggerin: "Wer zum Teufel ist eigentlich Thomas Tuma?" Um diese Frage soll es hier gehen, wobei statt meines Namens jeder andere stehen könnte.
Meine Zukunft wird eine algorithmische Ableitung der Vergangenheit
Es soll darum gehen, wer wir noch sind. Wer macht uns? Wie können wir uns dagegen überhaupt wehren? Und wie beeinflusst unser Zweit-Ich schon jetzt unsere Erst-Existenz? Wie droht es uns zu verändern, ja an den Rand zu drängen?
"In der hochprogrammierten Landschaft der Zukunft wird man entweder die Software erstellen, oder man wird sie sein", glaubt der US-Autor Douglas Rushkoff. "Es ist in der Tat so einfach: Programm werden oder programmiert werden." Der Medientheoretiker Norbert Bolz schreibt: "Ich bin meine Maus-Klicks. Identität ist heute eine Rechenaufgabe."
Deshalb ist der aktuelle hiesige Streit um Googles Geo-Dienst Street View die falsche Debatte zum echten Problem. Es geht nicht um das Abfotografieren unserer Häuserfassaden, sondern um den digitalen Um- und Neubau der Wesen dahinter und darum, dass wir das selbst bereits als Währung anerkennen. Es geht nicht um Egos, sondern um Identität.
Es geht auch nicht um den Einbruch der Konzerne in unser Privatleben, denn das haben sie längst infiltriert und zugleich kartografiert. Google steht ja auch hier nur stellvertretend für viele Unternehmen, die rund um die Uhr Informationen über uns sammeln und unseren Netz-Ichs immer neue Teile beifügen, wenn wir das nicht ohnehin gleich selbst übernehmen in sogenannten sozialen Netzwerken, in denen sich unsere Zweit-Ichs versammeln, um ihr neues Eigenleben zu organisieren.
Apple weiß genau, was ich für Musik höre oder welche Filme ich kaufe. Amazon empfiehlt mir dauernd Bücher. Woraus schließt das Unternehmen, dass die mich interessieren können? Aus meinem früheren Kauf- und Surfverhalten. Meine Zukunft wird eine algorithmische Ableitung der Vergangenheit. Aus diesen Online-Splittern meiner selbst ziehen die Unternehmen Schlüsse, mit denen sie wiederum mich beeinflussen. Mir werden heutzutage via Internet ja nicht nur Bücher vorgeschlagen, sondern auch Reisen, Freunde und sogar Lebenspartner, die rein rechnerisch zu mir passen.
Das lässt künftig keine Überraschungen mehr zu. Die Konzerne bauen unser Leben als lineare Linie auf. Und sie werden sogar klug genug sein, selbst auf diese Bedenken zu reagieren, indem sie mir ein konsumistisches Paradies versprechen - maßgeschneidert, nur für mich und auf meine Wünsche abgestimmt, die sie besser zu kennen glauben als ich. Aus der Sicht der Maschinen ist ihr Vorgehen logisch. Aus der Sicht der Menschheit bedeutet es - konsequent weitergedacht - womöglich das Ende jeder Veränderung, jeder Innovation, jeder Revolution.
- 1. Teil: Kampf ums Ich
- 2. Teil: Sie alle spähen uns aus
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