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Ausgabe 38/2010

Ernährung Die immergrüne Revolution

Im Kampf gegen den Hunger hat die Weltgemeinschaft ihre Ziele verfehlt - so lautet die Bilanz vor dem Uno-Gipfel. Eine Wende muss her. Damit künftig neun Milliarden Menschen satt werden, sollten nicht Großfarmen, sondern Kleinbauern gefördert werden.

Von Petra Bornhöft, , Horand Knaup und Christian Schwägerl

Getty Images

Das Essen war knapp im vergangenen Sommer. Monatelang hatte es nicht geregnet. Dorca Mutua, 35, sah, wie erst ihr Kalb und dann ihre Kuh starben. "Es gab kein Gras mehr", sagt die Bäuerin. Was der Boden hergab, reichte nur für eine Mahlzeit am Tag: ein wenig Maisbrei.

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2004 hatte sich Mutua mit acht Kindern und ihrer Schwiegermutter in Vololo, etwa 200 Kilometer östlich von Nairobi, zwei Hektar Land gekauft. Ihr Mann war gestorben, das Land im Heimatdorf zu teuer. Sie hatte nicht viel Ahnung von Landwirtschaft, für teures Werkzeug und modernes Saatgut fehlte das Geld.

An künstliche Bewässerung ist nicht zu denken. Wenn der nahe Fluss kein Wasser mehr führt, und er führt oft keines mehr, marschiert Mutua mit dem Esel und einigen Kanistern 20 Kilometer zum nächsten Fluss. Und wieder zurück, alle zwei Tage.

Die Bäuerin hat alles probiert. Sie hat Terrassen angelegt, um die Feuchte im Boden zu halten. Ergebnislos. Sie hat versucht, Bäume zu pflanzen, um Wasser zu speichern. Vergebens. Drei Mangobäumchen kümmern dahin, tragen keine Früchte. Die Familie von Dorca Mutua zeigt das moderne Gesicht des Hungers: Neben Slumbewohnern in den Megacitys der Entwicklungsländer leiden ausgerechnet Kleinbauern häufig unter Armut und Mangel. Sie ackern den ganzen Tag, haben aber nicht genug zu essen.

Dabei ist die kleinbäuerliche Landwirtschaft das Rückgrat der weltweiten Nahrungsmittelproduktion. Rund zwei Milliarden Bauern erzeugen trotz miserabler Bedingungen das tägliche Brot für die meisten Menschen.

"Mehr als die Hälfte des Weltbedarfs an Getreide wird von kleinen Familienhöfen erzeugt", sagt Carlos Seré aus Nairobi, einer der führenden Köpfe der Gemeinschaft internationaler Agrarforschungsinstitute. Auf sie komme es an, wenn die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten um weitere zwei bis drei Milliarden Menschen wächst.

Am Montag treffen Staats- und Regierungschefs aus aller Welt am Sitz der Vereinten Nationen in New York zusammen, um über die selbstgesteckten "Jahrtausend-Ziele" zu beraten. Neben Bildung und Gesundheitsversorgung gehört dazu vor allem der Kampf gegen den Hunger. Die Delegierten müssen sich selbst ein Armutszeugnis ausstellen.

Die entscheidende Frage ist: Was hilft wirklich?

Beim Uno-Gipfel in New York im Millenniumsjahr 2000 hatten die Regierungen "Ernährungssicherheit" für alle zur obersten Priorität erklärt. Der prozentuale Anteil der Hungernden in den Entwicklungsländern sollte im Vergleich zu 1990 bis zum Jahr 2015 halbiert werden, auf etwa 600 Millionen.

Doch bislang sind keine Fortschritte erkennbar. Im Gegenteil: In den letzten Jahren ist die Zahl der Hungernden steil gestiegen, zeitweise auf über eine Milliarde. In diesem Jahr werden der Welternährungsorganisation FAO zufolge immer noch rund 925 Millionen Menschen von Hunger und Unterernährung geplagt. Schätzungsweise eine weitere Milliarde sind mangelernährt. Sie leiden am sogenannten stillen Hunger. Kinder, die unterernährt sind, wachsen langsamer, bleiben oft geistig zurück und sind anfällig für Krankheiten. Wer als Kleinkind nicht ausreichend Vitamine und Mineralien bekommt, erzielt einer Studie zufolge 30 Jahre später rund 40 Prozent weniger Arbeitslohn als gut ernährte Kinder.

Wenn die Staats- und Regierungschefs in New York wirklich die Weichen stellen wollen, um den Hunger nachhaltig zu mindern, müssen sie eine entscheidende Frage lösen: Was hilft wirklich?

Dieser Frage muss sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellen. Deutschland ist der drittgrößte Agrarexporteur und der drittwichtigste Geber in der Entwicklungshilfe zugleich. Deutschlands Haltung hat großen Einfluss auf die Entscheidungen der Staatengemeinschaft. In ihrem Kabinett hat Merkel allerdings Minister, die wenig Interesse an der Linderung des Hungers zeigen. Im Entwicklungsministerium von Dirk Niebel (FDP) gilt die Förderung ländlicher Entwicklung als "Modeerscheinung", Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) agiert allein im Interesse der deutschen Agrarwirtschaft, und bei Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) rangiert Agrarforschung bisher weit hinten.

Die Herausforderungen sind gigantisch. Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von derzeit sieben auf neun Milliarden Menschen zunehmen. Um sie zu ernähren, muss die Lebensmittelproduktion um etwa 70 Prozent steigen, prognostiziert die FAO.

"Wir wissen noch nicht, wie eine derart gewaltige Ertragssteigerung nachhaltig zu erzielen ist, deshalb muss mehr in Agrarforschung investiert werden", sagt der Agrarökonom Joachim von Braun, der das Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn leitet. "Was wir aber wissen, ist, dass junge Kleinbauern, vor allem die Frauen, zu den weltweit am meisten unterschätzten Innovatoren zählen", sagt er.

In den sechziger und siebziger Jahren gab die "Grüne Revolution" der Agrarwirtschaft in Asien und Lateinamerika enormen Schub. Sie setzte neben moderner Pflanzenzucht vor allem auf massiven Einsatz fossiler Energien für Dünger, Pestizide und Maschinen.

Millionen Menschenleben wurden gerettet, doch dieser Erfolg hatte seinen Preis. Die ökologischen Folgen werden immer stärker sichtbar. Neue Agrarflächen lassen sich heute meist nur noch schaffen, indem überlebenswichtige Ökosysteme wie Regenwälder und Savannen zerstört werden. Schon jetzt häufen sich Warnzeichen. In Russland fielen im Sommer zehn Millionen Hektar Getreide-Monokulturen der Dürre und Bränden zum Opfer, auch weil großflächig Moore trockengelegt worden waren. Der Klimawandel führt dazu, dass künftig häufiger extreme Wetterlagen wie Dürren oder Überschwemmungen drohen.

Was das bedeuten kann, zeigt die Jahrhundertflut in Pakistan, wo sieben Millionen Hektar Agrarland überschwemmt wurden und ein großer Teil der Infrastruktur im Wasser versank. Hinzu kommt als Preistreiber der wachsende Fleischkonsum, der riesige Flächen bindet, um Futtermittel anzubauen.

Forum - Milleniumsziele - was haben die Vereinten Nationen erreicht?
insgesamt 318 Beiträge
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Seite 1
SaT 20.09.2010
1. Zwischenbilanz gar nicht so schlecht
Die Menschheit wächst rapide – die Zahl der in absoluten Armut lebenden ist dagegen stabil oder sinkt – so schlecht sieht es also gar nicht aus. Ansonsten finde ich es absurd wenn die „Welt“ (gemeint ist hier ja die so genannte erste Welt) beschließt Armut und Hunger bis irgendwann zu halbieren. Als hätten die, die dies beschlossen haben, in der Hand. Wenn die Bevölkerung in Entwicklungsländer weiterhin so wächst und die der Industrieländer so rapide abnimmt, werden wir die Karre gegen die Wand fahren – egal wie gut oder schlecht die Zwischenbilanzen aussehen.
Interessierter0815 20.09.2010
2.
Zitat von SaTDie Menschheit wächst rapide – die Zahl der in absoluten Armut lebenden ist dagegen stabil oder sinkt – so schlecht sieht es also gar nicht aus. Ansonsten finde ich es absurd wenn die „Welt“ (gemeint ist hier ja die so genannte erste Welt) beschließt Armut und Hunger bis irgendwann zu halbieren. Als hätten die, die dies beschlossen haben, in der Hand. Wenn die Bevölkerung in Entwicklungsländer weiterhin so wächst und die der Industrieländer so rapide abnimmt, werden wir die Karre gegen die Wand fahren – egal wie gut oder schlecht die Zwischenbilanzen aussehen.
Die Arbeitslosenstatistik sieht auch nicht so schlecht aus... Tagträumer!
elektro-ing 20.09.2010
3. ?
Vergleicht man die Summen für die Rüstung mit den Summen für die Armutsbekämpfung wird klar welche Ziele wirklich verfolgt werden. Das die Armut beseitigt werden soll ist doch nicht mehr als ein Lippenbekenntnis!
ein schäfchen 20.09.2010
4. Grafik verwirrend
Die zum Artikel gehörende Grafik mit dem tendenziösen Titel:"Lähmende Hilfe?" zeigt angeblich den Anteil von Entwicklungshilfe am BSP des jeweiligen Landes. In Liberia beträgt dieser Anteil 185%. Das ist wirklich sehr erstaunlich.
chirin 20.09.2010
5. Milleniumsziele - was haben die VereintenNationen erreicht?
Zitat von sysopVor zehn Jahren hat sich die Uno acht "Milleniumsziele" gesetzt: Armut und Hunger sollen unter anderem bis 2015 bekämpft, die Gleichstellung der Frau vorangetrieben und die Gesundheit von Kindern und Müttern verbessert werden. Auf einem Gipfel in New York ziehen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs nun Bilanz. Was ist Ihre Meinung? Können diese Ziele erreicht werden? Haben die Industrieländer genug getan?
Übergenug haben die Industrieländer getan, allerdings kommt doch kaum etwas bei den Betroffenen an. Statt Geld sollte lieber Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden, wobei in den verschiednen moslemisch geprägten Länder wie Sudan, Soamlia etc., verheerende Zustände herrschen. Da kann man dann nichts tun!
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