Von Markus Grill
Wenn die Manager großer Pharmakonzerne neben ihren Renditen an etwas Höheres glauben, müssten sie sich wohl bekreuzigen, wenn der Name Christopher Hermann fällt. Der Mann hat sich innerhalb von vier Jahren zum leibhaftigen Schrecken der Pillenbranche entwickelt. Hermann drückt ihre hohen Preise, wo er nur kann.
Doch damit dürfte bald Schluss sein, denn das von Gesundheitsminister Philipp Rösler geplante neue Arzneimittelgesetz (AMNOG) sieht in Artikel 1 Punkt 9 vor, dass das Kartellrecht künftig rigoros auch auf Krankenkassen angewendet werden soll. Die Konsequenz: Hermann kann dann künftig wohl nicht mehr mehrere AOK gemeinsam als Marktmacht in die Waagschale werfen, sondern muss für jede einzelne extra Ausschreibungen organisieren. "In dem Moment, wo es in die Fläche geht, werden die Rabattverträge kaputtgemacht", fürchtet der Kassen-Mann.
Im Klartext: Die Konzerne torpedieren den Wettbewerb ausgerechnet mit dem Wettbewerbsrecht. Die Dummen sind die Beitragszahler.
Die privaten Krankenversicherer können sich freuen
Und das ist nicht mal die einzige Gefahr des neuen Gesetzes, das kommende Woche im Gesundheitsausschuss des Bundestags beraten und am 1. Januar in Kraft treten soll. Die Generikalobby hat noch andere Erfolge zu verbuchen: Zum Beispiel sollten neue Packungsgrößen eigentlich künftig Tricksereien bei der Abgabe von Rabattarzneimitteln verhindern. Nun aber soll die Neuregelung frühestens im Jahr 2013 greifen.
Auch die Vorkämpfer der großen Pharmamultis, vereint im Verband forschender Arzneimittelhersteller, waren erfolgreich: Künftig soll nicht mehr der unabhängige Gemeinsame Bundesausschuss die Kriterien festlegen, nach denen neue Arzneimittel bewertet werden, sondern das Gesundheitsministerium - das die Industrie für beeinflussbarer hält.
Die Private Krankenversicherung (PKV) wiederum kann sich darüber freuen, dass Arbeitnehmer, die mehr als 4162,50 Euro im Monat verdienen, künftig schon nach einem Jahr in die PKV wechseln dürfen, was den Versicherungskonzernen einen Schwung neuer, gutverdienender Beitragszahler bringen wird. Und die Apotheker schließlich können zufrieden sein, dass sie bei allen geplanten Einsparungen ungeschoren davonkommen.
"Die wollen mich einbuchten lassen"
AOK-Verhandlungsführer Hermann kennt die Tricks der Gegenseite zur Genüge. Weil die Pharmafirmen sich seine Rabattschlachten nicht gefallen lassen wollten, zerrten sie den Kassen-Mann landauf, landab vor Gericht und führten mehr als hundert juristische Auseinandersetzungen mit ihm. Es ging um Ausschreibungsbedingungen, Termine, Kleingedrucktes: "Die haben keinen Zweifel daran gelassen, dass sie mich einbuchten lassen wollen", sagt Hermann.
Der 55-jährige Hobby-Marathonläufer ist immer wieder überrascht, welche Gewinnspannen selbst bei Generika kalkuliert werden, also jenen wirkstoffgleichen Medikamenten von Nachahmern ohne Patentschutz. In diesem Jahr hat Hermann zum Beispiel den Wirkstoff Clopidogrel ausgeschrieben, ein Blutverdünnungsmittel, das vor Herzinfarkt und Schlaganfall bewahren soll. Mehr als 400.000 Patienten in ganz Deutschland schlucken das Mittel regelmäßig.
Noch vor zwei Jahren wurde das Clopidogrel-Original von Sanofi-Aventis für 268,12 Euro pro Packung angeboten. 2008 begannen Generikahersteller damit, Clopidogrel nachzumachen. Hexal und Ratiopharm boten den Wirkstoff im Jahr 2009 für 180,42 Euro an. In diesem Jahr senkten sie den Preis auf 149,50 Euro.
Dann kam Hermann. Er schrieb Clopidogrel aus und forderte alle Hersteller auf, ihm den Preis zu nennen, zu dem sie das Präparat exklusiv an die AOK-Patienten liefern würden. Neun Generikafirmen offerierten Preise unter zehn Euro. Am günstigsten war die Firma TAD, die vom 1. Oktober an die AOK-Patienten beliefert. Rechnet man Mehrwertsteuer und Apothekengebühr dazu, zahlt die AOK für eine Packung künftig nur noch knapp 18 Euro - gegenüber dem heute billigsten Anbieter ein Rabatt von mehr als 60 Prozent.
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© DER SPIEGEL 38/2010
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