AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2010

SPIEGEL-Streitgespräch "Die Wahrheit muss auf den Tisch"

DPA

2. Teil: "Es war im Rückblick naiv, Ihren schönen Zahlen zu glauben."


SPIEGEL: Die Grünen, Herr Hermann, gehörten sieben Jahre lang der Bundesregierung an. Warum hat Ihre Partei das Projekt damals nicht gestoppt?

Hermann: Weil unser Koalitionspartner SPD das Projekt stets befürwortete. Wir konnten nur den Kompromiss durchsetzen, dass ganz am Ende, wenn alle Zahlen nach den Planfeststellungsverfahren auf dem Tisch liegen, die Bahn entscheidet. Das wäre rational gewesen. Aber die Große Koalition hat diese Entscheidung im Aufsichtsrat der Bahn sofort wieder gekippt. Es stimmt, wir Grünen hätten das Projekt gern beerdigt, aber diese Macht hatten wir als kleiner Koalitionspartner leider nicht. Heute sähe das anders aus.

Grube: Die Mehrheit des Bundestags hat diesem Projekt aber doch 2008 zugestimmt, 2009 wurden die Verträge unterzeichnet. Ich bin Hanseat und ehrbarer Kaufmann, und ich habe gelernt: Ein Vertrag wird geschlossen, damit er erfüllt wird. Ich werde meinen Anteil an diesem Vertrag realisieren.

Hermann: Aber auch hanseatische Kaufleute überprüfen doch die Grundlagen eines Vertrags. Wenn sich herausstellt, dass die Informationen bei der Unterzeichnung nicht vollständig waren, wird eben nachverhandelt. Die Zahlen und Gutachten zu den Kostensteigerungen bei "Stuttgart 21", die uns heute bekannt sind, lagen uns Abgeordneten damals einfach nicht vor. Zugegeben: Es war im Rückblick naiv, Ihren schönen Zahlen zu glauben.

SPIEGEL: Die Bahn spricht bei "Stuttgart 21" momentan von Baukosten von rund sieben Milliarden Euro, inklusive der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Die Grünen haben vor zwei Wochen ein Gutachten vorgelegt, das die Kosten auf etwa zehn Milliarden taxiert. Wie viel wird das Ganze am Ende nun wirklich kosten?

Grube: Wir sollten hier erst einmal über die Seriosität der angesprochenen Zahlen reden. Bei der Berechnung der Kosten der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm etwa haben auf unserer Seite 31 internationale Ingenieurbüros mitgewirkt. Weltweite Spezialisten für Geologie, für Geotechnik, für Tunnelbau. Sie kamen auf 2,89 Milliarden Euro. Jetzt kommen die Grünen mit der Berechnung eines Planungsbüros daher, das unter anderem aus einem Diplompsychologen besteht, und sagen, allein diese Strecke würde 5,3 Milliarden kosten. Entschuldigen Sie, aber das kann man doch nicht ernsthaft miteinander vergleichen.

Hermann: Im dem angesprochenen Gutachten von Vieregg-Rößler wird die Strecke kilometerscharf nachgerechnet. Wir haben diese Gutachter beauftragt, weil sie auch schon für die Deutsche Bahn gearbeitet haben und unter anderem Großprojekte wie die Transrapid-Strecke in München begutachtet haben. Jetzt so zu tun, als seien das schlechtinformierte Psychologen, die sich ins Eisenbahnwesen verirrt haben, ist schäbig.

SPIEGEL: Herr Grube, wo liegt bei Ihnen die Schmerzgrenze, ab der für Sie mit der Neubaustrecke Schluss wäre? Wie teuer darf dieser Abschnitt maximal werden?

Grube: Für mich ist das Ziel, dass wir die eben genannten 2,89 Milliarden einhalten. Aber ob diese Summe auch in zehn Jahren noch so stehen kann, kann doch heute niemand seriös voraussagen. Auch Herr Hermann weiß nicht, wie sich die Stahlpreise entwickeln werden. Da eine Garantie zu geben ist unseriös.

SPIEGEL: Wenn die CDU-geführte Landesregierung in Baden-Württemberg sich heute von "Stuttgart 21" verabschieden würde...

Grube: ...würde sie vertragsbrüchig...

SPIEGEL: ...und Sie, Herr Grube, wären fein raus.

Grube: Dieses Szenario kann ich mir nicht vorstellen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir derzeit durchaus wünschen würde, dass die politischen Verantwortlichen in Stuttgart bei ihren Landsleuten noch einstimmiger und nachdrücklicher für unser Projekt werben. Aber noch mal: Ich habe einen Vertrag, und den muss ich erfüllen, sonst wird man mich verklagen. Ich kann dieses Projekt nicht mehr umkehren.

Hermann: Sie persönlich können das vielleicht nicht. Aber die Politik kann es, und Sie könnten dazu durchaus Ihren Beitrag leisten. Wenn nach der nächsten Landtagswahl die Karten neu gemischt werden, glaube ich nicht daran, dass eine neue Regierung zwei Milliarden Euro Landesmittel in so ein Wahnsinnsprojekt stecken wird.



insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
AKI CHIBA 22.09.2010
1. Bisschen Stuttgarter Presse lesen - heute
Grube ist ein ehrbarer Hanseat. Sagt er. Er sollte die mafiosen Strukturen der Baubranche kennen. Als man am Nordflügel begann abzureißen kam schon der erste Fall ans Tageslicht. Schwarzarbeiter - Subunternehmerei. Ein Herr Dürr windet sich da durch das Vertragsgewirr. Hände sind aufgehalten worden. Das Zahlenkartenhaus droht zusammenzubrechen. Schaun mer mal!
Eisenkarl 22.09.2010
2.
Die Grünen sollten aufpassen, dass die Geister die sie mit dem Antreiben von Bürgerprotesten rufen ihnen nicht entwischen. Bei dem was für die von ihnen geforderte Energiewende noch alles so an Zumutungen für die Bevölkerung nötig wird.
ToschiBa 22.09.2010
3. grünen sind realitätsfern
Herr Grube hat es erkannt: Die Grünen sind nur auf ein Wahlergebnis aus und vergessen dabei, was das Beste für die Menschen und die Region ist. Warum sind wohl bei der Facebook-Gruppe für Stuttgart 21 mehr User als bei der Gruppe gegen Stuttgart 21? Daran erkennt man, dass die Grünen einen Hype drum machen, nur für ihr Wahlergebnis. Was die Mehrheit denkt ist ihnen vollkommen egal. Gibt es bie den Grünen überhaupt noch Realos? Die Grünen sägen am eigenen Stuhl. Selbst wenn sie an die Macht in BAWÜ kommen sollten, wird es Bürgerinitiativen gegen ihre Politik geben und dann werden wir ja sehen, wie sie darauf reagieren. Die Grünen haben kein vernünftiges Gegenkonzept und machen nur Panik. Ich weiß nicht, ob der Steuerzahler bereit ist Millionen und Abermillionen zu bezahlen, weil Menschen demonstrieren und ein Projekt, was längst abgesegnet ist von Mandatsträgern, die sie selbst gewählt haben, kippen wollen. Diese Gegenkultur in Deutschland ist traurig. Keiner will etwas voranbringen und Sachen in die Hand nehmen. Am Besten sollte alles nichts kosten. Wo kämen wir da wohl hin?
woscho 22.09.2010
4. Die Steuergelder-Verwüstung der DB hat "Report Mainz"
Zitat von sysopBahn-Chef Rüdiger Grube, 59, und der grüne Verkehrsexperte Winfried Hermann, 58, über wütende Schwaben, Eieruhren und den Streit um das Großprojekt "Stuttgart 21". http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,718813,00.html
vergangenen Montag auf den Punkt gebracht. Obwohl Strecken vorhanden sind, die nur ausgebaut werden müssen, besteht die DB darauf, neue Strecken (wie München-Nürnberg) bauen zu lassen. Denn erstens ist das Streckennetz im Besitz vom Bund geblieben und Neubauten oder Sanierungen zahlt der blöde Steuerzahler. Report Mainz geht noch weiter: Die DB plant Streckenneu- und -umbauten, dafür bekommt sie Planungsgebühren in satten Prozenten, d.h., je mehr die Staatskasse geschröpft wird, desto mehr verdient die DB allein schon mit der Planung. So gibt es auch Neubaustrecken, die irgendwann nach 2020 vielleicht in Betrieb genommen werden. Mehdorn - der Geldvernichter hatte seine Erfüllungsgehilfen im Schöder-Kabinett mit Müntefering, Klimmt, Bodewig und Stolpe als ungenügende Verkehrsminister! Danach kam noch so einer namens Tiefensee, der untätigste von allen. Und jetzt ist der stramme Bayer Ramsauer gefragt. Der macht in der alten Geldvernichtung der DB munter weiter und verteidigt auch noch sein Treiben! Wann lernt die Merkel mit Schäuble endlich richtig Sparen bei Steuergeldern - nämlich bei der Geldverschwendung und nicht bei den unteren Einkommen. Stuttgart21 ist das aktuellste Schurkenstück DB/Regierung. Komisch nur, die SPD, die immer brennend dafür war, ist jetzt dagegen um Wählerstimmen zu kassieren. Was haben wir nur für eine Bandenkriminalität - die noch nicht einmal geahndet wird.
Mischa Dreesbach, 22.09.2010
5. die BAHNanenrepublik!
...nachdem ich gestern im ZDF Magazin Frontal einen Beitrag über die DB, und deren "Projekte" gesehen habe, wundert mich nichts mehr. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/1145412
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